26. Januar 1931: Begrüßung des amerikanischen Botschafters Frederic M. Sackett aus Anlass der Eröffnung der Kölner Niederlassung der amerikanischen Handelskammer

In Ihrer gestrigen ausgezeichneten Rede haben Sie, Herr Botschafter, Ihres Besuchs in Köln vor nunmehr fast 30 Jahren gedacht, auch Ihre verehrte Frau Gemahlin hat mir von diesem Besuche erzählt. Sie haben gesagt, Herr Bot­schafter, Sie seien kein Fremder in unserer Mitte, sondern vielmehr einer, der seit dieser Zeit immer mit Interesse die Entwicklung dieser Stadt verfolgt habe. Ich danke Ihnen im Namen der Stadt Köln herzlich für diese Worte. Ich darf Ihnen sagen, dass auch wir Sie nicht als „Fremder in unserer Stadt" betrachten. Ich glaube, die herzliche Begrüßung und die warmherzige Aufnahme, die Sie und Ihre Frau Gemahlin gestern auf dem ausgezeichneten Bankett gefunden haben, sind der beste Beweis für die Richtigkeit und Wahrheit meiner Worte. Wir haben das Empfinden, in Ihnen einen warmherzigen Freund Deutschlands zu sehen.

Die Stellung eines Botschafters der Vereinigten Staaten in einem europäischen Lande und zumal in Deutschland ist nicht leicht. Von Ihrem Lande erwartet Europa die führende Hand, die es aus der Wirrnis, in die es sich verstrickt hat, herausführt. Die Führung allein aber tut es nicht: Der Geführte muss sich auch selbst klar sein über den einzuschlagenden Weg, und ich fürchte, dass diese Klarheit in Europa zwar auf dem Marsche, aber jetzt noch nicht Allgemeingut geworden ist. Ich habe die Überzeugung, dass Ihr großes und starkes Land, Herr Botschafter, die weltgeschichtliche Rolle, die das Geschick ihm zugewiesen hat, erfasst hat und dass es den Mut hat und das Vertrauen zu sich und der Welt hat, im geeigneten Augenblick die Führerschaft auf dem Wege zur wirklichen politischen und wirtschaftlichen Befriedung Europas mit entschlossener Hand zu übernehmen. Ihre Kenntnis der Dinge, Ihre Stimme, Ihr Urteil, Exzellenz, wird dabei von maßgeblicher Bedeutung sein. Darum begrüßen wir es alle, dass Sie deutsches Land und deutsche Leute selbst kennen lernen wollen. Ich begrüße es, dass Sie die deutschen Städte aufsuchen. Die deutschen Städte sind ein ganz wesentlicher Bestandteil deutschen Wesens, und auf ihrer durch viele Jahrhun­derte hindurch sich erstreckenden Arbeit beruht ein großer Teil der Kultur und des Fortschritts in Deutschland. Die Städte spielen zwar augenblicklich die Rolle des Aschenbrödels im öffentlichen Leben, aber die Zeiten kommen, die Zeiten gehen, es wird auch wieder einmal anders werden.

Studieren Sie wie bisher, Herr Botschafter, das deutsche Volk, lernen Sie es immer genauer kennen, seine guten Eigenschaften, seine Schattenseiten - jedes Volk hat sie - , seine wirtschaftliche, seine innenpolitische, seine außenpolitische Lage und Nöte und lassen Sie ihm in Ihrem Urteil Gerechtigkeit widerfahren: Mehr wünschen wir nicht, mehr wollen wir nicht. Exzellenz, Sie sind diesmal an den Rhein gekommen im Winter. So schön auch der Frühling am Rhein und in unserer Stadt ist: ich freue mich, dass Sie nicht bis zum Frühjahr gewartet haben. Aber es darf nicht wieder eine 30jährige Pause eintreten. In wenigen Monaten wird die Fordfabrik, die Sie heute im Bau gesehen haben, in vollem Gange sein, wird die Amerikanische Handelskammer ihre Tätigkeit in ganzem Umfange aufgenommen haben. Kommen Sie im Frühling wieder, um das zu sehen und um dann die Schönheiten unserer Stadt und des Rheines auch in sommerlicher Pracht zu genießen. Ich habe gestern mit Ihrer verehrten Frau Gemahlin ein Abkommen geschlossen, und ich hoffe, dass wir im Frühjahr Sie beide hier werden begrüßen können.

Ihrer Arbeit im Interesse der Gleichberechtigung, der Wohlfahrt und des Friedens aller Völker wünsche ich Segen und Erfolg.

Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv (SBA), E 2300 Köln 1-4. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 300f.