4. Oktober 1932: Trauerrede im Hause des verstorbenen Geheimrats Dr. Louis Hagen in Köln

Vor der Majestät des Todes schwinden die bunten Farben, mit denen wir Menschen so gern unser Dasein verzieren, es schwindet der äußere Schimmer, und der innere Wert der Dinge tritt hervor.

Des Todes Hand nimmt uns auch die Binde, den Schleier von den Augen, den eigensüchtiges Empfinden oft über sie legt und durch den hindurch wir Tun und Lassen, Charakter und Eigenschaften unseres Mitmenschen nur unvollkommen erkennen und beurteilen. Der Tod vollendet das Leben, und erst nach seiner Vollendung dürfen wir versuchen. das Leben eines Menschen zu würdigen.

Es ist etwas Großes, wenn man von einem Menschen, wie hier von unserm heimgegangenen Freunde, sagen kann, dass er getrost dem Urteil entgegensehen darf, das über sein Leben gesprochen wird; Nicht, als wenn sein Leben ohne Fehl' und ohne Irren gewesen wäre! Er selbst wäre der letzte, das zu sagen und welches sterblichen Menschen Leben wäre ohne Fehl', welches Licht ohne Schatten! Aber wenn wir sein Leben nunmehr, da es vollendet ist, als Ganzes würdigen, dann dürfen wir sagen; Kr war ein großer und ein guter Mensch.

Es war ein reiches Leben, das nunmehr zu Ende gegangen ist, reich an Erfolg, aber noch reicher und inhaltsvoller durch Arbeit. Die Arbeit hat ihn ganz erfüllt, unermüdlich war er tätig vom frühen Morgen bis zum späten Abend, keine Stunde war für ihn zu früh und keine zu spät; er hat gearbeitet und gesorgt sein ganzes langes Leben hindurch bis zum letzten Tage für seine Familie, für seinen Beruf, für die öffentlichen Interessen. Warum hat er gearbeitet? Geld und materieller Erfolg waren nicht letztes Ziel und Leitstern seiner Arbeit und seines Lebens. Sicher freute ihn der Erfolg, wen freute der Erfolg nicht!, aber er arbeitete aus innerem Schaffensdrang heraus, so wie es den Künstler drängt zu gestalten, und er arbeitete aus einem ganz tiefen und starken Gefühl der Pflicht; Pflichterfüllung, das war der Leitstern seines Lebens, war auch das Geheimnis seines Erfolges.

Bewundernswert war, wie er jede, auch die kleinste und geringste Pflicht, die er einmal übernommen hatte, erfüllte, erfüllte unter Hintenansetzung aller persönlichen Wünsche, die er erfüllte auch, wenn ihm Opfer und in vorgerücktem Alter körperliche Beschwerden dadurch erwuchsen.

Dies Gefühl der Pflicht war es, das ihn aufrecht erhielt, als er schon tödlich getroffen war, an jenem Tage, der seine Tätigkeit als Präsident der Handelskammer krönte. Niemals werden diejenigen, die an diesem Tage unmittelbare Zeugen seines Kampfes mit seinem Körper waren, seine beispiellose Willenskraft vergessen.

Pflichtgefühl war es, das Gefühl der Verpflichtung gegenüber seinen Volksgenossen und seinem Vaterlande, das ihn gegen seine Neigung und gegen seinen Willen veranlasste, in den schweren Jahren des Kampfes um die Rheinlande mieten hinein in diesen politischen Kampf zu gehen.

Ich weiß aus vertrauter Unterhaltung mit ihm, dass ihm dieser Schritt schwer fiel, weil er die kommenden Anfeindungen voraussah, aber er tat ihn, nachdem er ihn als seine Pflicht erkannt harte. Diese Jahre waren die größten seines Lebens, die Arbeit dieser Jahre war die wertvollste und weittragendste. Gewiss, er war ein großer Wirtschaftsführer, er hat in unendlich vielen Stellungen des wirtschaftlichen und des öffentlichen Lebens Außerordentliches und Bewunderungswürdiges geleistet. Das gesamte deutsche Wirtschaftsleben schuldet ihm dafür unauslöschlichen Dank. Aber so groß und verdienstvoll diese seine Tätigkeit war, ich glaube, an Bedeutung und dauerndem Wert überragt doch seine Tätigkeit in den Jahren nach dem Kriege bis zur Räumung der Kölner Zone alles andere. Denn was in diesen Jahren hier geschah, ist bestimmend gewesen für das rheinische, für das deutsche Geschick: Bei der Rettung des Rheinlandes hat er in vorderster Reihe gestanden: hier hat er sich ein geschichtliches Verdienst erworben, das die Zeit überdauern wird. Ich bin berufen, Zeugnis abzulegen für seine Tätigkeit in diesen Jahren; denn ich weiß um jeden seiner Schritte und jede seiner Taten in dieser Zeit. Seine Tätigkeit hat harte Kritik gefunden, und diese harte Kritik hat ihn geschmerzt. Die objektive Geschichte dieser Epoche ist noch nicht geschrieben worden, und sie konnte noch nicht geschrieben werden. Aber des bin ich sicher: er wird in dieser Geschichte einen Ehrenplatz erhalten, und sein Name wird darin verzeichnet werden mit goldnen Lettern, als der Name eines Mannes, der, ohne sich seiner Vaterlandsliebe mit tönenden Worten zu rühmen, in schwerster Notzeit für sein Vaterland handelte mit ganzer Kraft und unter Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit. Davon Zeugnis abzulegen an seinem Sarge in dieser Abschiedsstunde und ihm nochmals den Dank der rheinischen Heimat zuzurufen, ist mir Pflicht und Herzensbedürfnis.

Louis Hagen war Kölner, und er ist es geblieben trotz aller Lockungen sein ganzes Leben lang. Mit seiner Heimat war er verwurzelt, so tief und fest verwurzelt, wie es nur Menschen sein können, die ein warmes und empfindendes Herz haben. Er war ein vorbildlicher Bürger seiner Vaterstadt.

Sein regsamer, der Wirtschaft wie der Wissenschaft, der Kunst und Geschichte gleich aufgeschlossener Geist nahm tätigsten Anteil an allem, was in Köln geschah. Immer wieder hat er seine überragenden Gaben des Geistes und des Herzens, seinen Weitblick, seine Erfahrung, seine ganze Persönlichkeit in den Dienst der Bürgerschaft und der Allgemeinheit gestellt. 19 Jahre lang ist er Stadtverordneter gewesen. Auch hier hat sich seine Pflichttreue gezeigt; denn wenn auch schon überlastet mit Arbeit: auch dies Amt hat er mit solcher Gewissenhaftigkeit und Uneigennützigkeit wahrgenommen, dass er sich der größten Achtung auch bei den Angehörigen anderer Parteien erfreuen durfte.

Echter Bürgersinn, der ihn nie verließ, war die Grundlage seiner Arbeit in allen öffentlichen Ämtern, die er bekleidete. Ein besonderes Wort des Dankes bin ich ihm schuldig wegen seiner Tätigkeit als Präsident der Kölner Handelskammer. Er hat nie vergessen, dass Handelskammer und Stadtverwaltung nur dann die gemeinsamen Interessen der Wirtschaft und der Bürgerschaft wirksam vertreten und fördern können, wenn sie in vertrauensvoller Zusammenarbeit einander ergänzen und befruchten.

Herr Hagen war ein großer Wohltäter. Er hat viel gegeben, nicht nur Geld, auch, was oft noch wertvoller war, seinen Rat und seine Hilfe. Er verkannte nicht, dass seine Stellung ihm Pflichten des Wohltuns in der Öffentlichkeit auferlegten, aber lieber war es ihm, im stillen helfen zu können; denn er half aus innerem Mitgefühl, aus Teilnahme an fremder Not. In ihm vereinigten sich in seltener Weise klarster und nüchterner Verstand mit einem warmen und guten Herzen.

Seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit lag wirkliche Wärme des Herzens zu Grunde, und seine innere Güte erwärmte jeden, der ihm näher trat. So gewann er, der ein treuer Freund war, viele Freunde. Wir, die wir uns seine Freunde nennen dürfen, haben sehr viel verloren, wir werden seiner nicht vergessen und sein Andenken in hohen Ehren halten.

Nun ist er von uns gegangen, eine schmerzliche große Lücke zurücklassend. Aber Gott hat es gut mit ihm gemeint, weil er ihn in den Sielen hat sterben lassen. Unser Trost aber sei, dass sein Leben vollendet war, als er abberufen wurde in die Ewigkeit.

Quelle: HAStK, maschinenschriftliches, handkorrigiertes Redemanuskript.