1. Oktober 1945: Ansprache des Oberbürgermeisters Adenauer vor der von der britischen Militärregierung ernannten Kölner Stadtverordneten-Versammlung

Wir, meine Damen und Herren, sind auf Anordnung der britischen Militärregierung versammelt. Sie sollen die städtische Verwaltung bei der Erledigung ihrer Aufgaben unterstützen. Der Rechtsgrund und der Umfang unserer Tätigkeit ist durch die Anordnungen der Militärregierung gegeben. Ich begrüße aufrichtig, dass diese Versammlung ins Leben gerufen ist. Der bisherige Zustand verbot es, Vertreter der Bürgerschaft zu den Arbeiten der öffentlichen Verwaltung hinzuzuziehen. Es ist ein großer Fortschritt, dass uns durch die Anordnungen der Militärregierung diese Möglichkeit jetzt gegeben wird. Der bisherige Zustand entsprach nicht meinen Neigungen und meinen Wünschen. Ich bin, wie viele von ihnen wissen werden, immer ein überzeugter Vertreter der Grundsätze gewesen, die unserer altbewährten Selbstverwaltung, wie sie bis zu dem unseligen Jahre 1933 bestanden hat, zugrunde lagen.

Diese Versammlung ist nicht eine gewählte, aber ihre Mitglieder sind unter Berücksichtigung ihrer Berufe und, soweit angängig, ihrer parteipolitischen Einstellung ausgesucht. Wir von der Verwaltung sind glücklich, wieder Rat und Hilfe aus der Bürgerschaft zu haben. Wir sind froh, wieder Kritik zu haben, meine Damen und Herren, aufbauende Kritik. Aufbauende Kritik schafft Gutes. Ich glaube, die Verhältnisse sind so, dass Sie selbst sich davon überzeugen werden, dass nur aufbauende Kritik in einer solchen Lage am Platze ist. Wir begrüßen Ihren Zusammentritt, weil wir durch Sie die Öffentlichkeit aufklären und die gesamte Bürgerschaft zur Mitarbeit aufrufen können. Ich hoffe und ich wünsche, dass die Anordnungen der Militärregierung es erlauben werden, dass in absehbarer Zeit eine frei gewählte Stadtverordneten-Versammlung zusammentritt.

Unsere Aufgaben, die eben vom Kommandanten der britischen Militärregierung der Stadt Köln kurz umrissen wurden, sind unendlich schwer. Köln ist diejenige große Stadt Deutschlands, die am meisten zerstört worden ist, und ehe Köln zerstört wurde, ist planmäßig alles auf das rechte Rheinufer in das Innere des Landes geschafft worden. Als die amerikanischen Truppen hier einzogen, hatte das linksrheinische Köln nur etwa 40000 Einwohner. Das rechtsrheinische Köln war noch von der deutschen Wehrmacht besetzt. Wir schätzen, dass auf der rechten Rheinseite noch etwa 30000 Einwohner gewesen sind. Wenn Sie sich vorstellen, dass bei Beginn des Krieges die Stadt Köln 760000 Einwohner hatte und dass beim Ausgang des Krieges noch 70000 hier in diesem Trümmerfeld zurückgeblieben waren, und dass seit der Zeit noch über 300000 Menschen hierhin zurückgekommen sind, dann können Sie in etwa die Fülle der Arbeit ermessen, die diese vergangenen Monate gebracht haben. Ich werde Ihnen in den nächsten Sitzungen durch die einzelnen Dezernenten eine Übersicht über den Zustand geben lassen, in dem wir die Verwaltung und die Stadt Köln vorfanden, über das, was geschaffen worden ist und über die Aufgaben des nächsten Winters.

Wenn Sie, meine Damen und Herren, den Greuel der Verwüstung, diese apokalyptischen Zustände gesehen haben, die im März hier in Köln gewesen sind, und wenn Sie damit den heutigen Zustand der Stadt vergleichen, so werden Sie anerkennen müssen, dass in diesen Monaten viel gearbeitet worden ist, viel von den einzelnen Bürgern, die, nachdem sie sich von der ersten Erschütterung erholt haben, mit Mut und Vertrauen darangegangen sind, sich eine neue Existenz zu schaffen, viel auch von uns, die wir diese vollkommen zertrümmerte Stadt hier vorfanden.

Der Winter, der vor uns liegt, ist sehr schwer. Es gilt vor allem, wie Major Prior eben schon ausgeführt hat, für Nahrung, für Brand und für Wohnungen zu sorgen. Wir, Sie und wir, werden alles tun, was in unserer Kraft steht, um wenigstens einigermaßen erträgliche Verhältnisse zu schaffen. Es wird nicht in dem Maße möglich sein, wie Sie und wie wir es wünschen. Aber - und ich spreche jetzt aus diesem Saale an die gesamte Kölner Bürgerschaft - bedenken Sie und alle unsere Mitbürger doch immer das folgende: Schuld an diesem namenlosen Jammer, an diesem unbeschreiblichen Elend sind jene Fluchwürdigen, die in dem unseligen Jahre 1933 zur Macht kamen, jene, die den deutschen Namen vor der ganzen zivilisierten Welt mit Schmach bedeckt und geschändet haben, unser Reich zerstörten, die unser verführtes und gelähmtes Volk, als ihr eigener, mehr als verdienter Untergang gewiss war, planmäßig und bewusst in das tiefste Elend gestürzt haben. Sie haben das getan, nicht, wie man vielfach annimmt, damit das deutsche Volk mit ihnen untergehen solle - der Gedanke mag bei ihren Entschlüssen und Taten mitgespielt haben -, aber ihre Absicht war noch viel teuflischer: Sie wollten und wollen dadurch im deutschen Volke den Gedanken der Rache und der Vergeltung an den Kriegsgegnern von neuem entstehen lassen. Wir, Sie und ich, sind nicht die Schuldigen an diesem Elend. Wir, Sie und ich, sind dazu verurteilt und gezwungen, gezwungen durch die Liebe zu unserem Volke, das wir nicht vollends untergehen lassen wollen, diese schwere und furchtbare Bürde auf uns zu nehmen, um wenigstens die allerschlimmsten Notstände zu beseitigen.

Meine Damen und Herren! Die Aufgaben, die unser harren, sind so drückend, so schwer, aber auch so zwingend, dass für politische Erörterungen wenig Raum übrigbleiben wird. Der Zwang der Verhältnisse und die uns allen, gleichgültig, welcher Partei wir zugehören, gemeinsame Liebe zu unserem Volke und zu unserer Stadt wird uns zu gemeinsamer Arbeit führen. Trotzdem lassen Sie mich einige Sätze über eine politische Frage sagen, die mir besonders am Herzen liegt, einige Sätze über das Wesen der Demokratie. Das Wort „Demokratie" ist in diesen Zeiten so oft gebraucht worden, dass es droht, zu einer abgegriffenen Münze zu werden. Das darf nicht sein. Man soll nicht immer und überall von Demokratie nur sprechen. Man soll immer und überall nach den Grundsätzen der Demokratie handeln. (Zurufe „Sehr richtig", Beifall.) Demokratischen Grundsätzen entspricht es, dass der Wille der frei gewählten Mehrheit entscheidet. Aber, meine Damen und Herren, lassen Sie mich hier ein Wort einschieben, lassen Sie mich einschieben „letzten Endes", dass also der Wille der frei gewählten Mehrheit letzten Endes entscheidet; denn die demokratischen Grundsätze verlangen auch, dass man dem politisch Andersdenkenden mit Achtung und mit Vertrauen gegenübertritt, dass man sich bestrebt, seine Gedanken, seine Gründe zu verstehen, dass man versucht, zu einer Verständigung mit ihm zu kommen und dass man zu dem doch immerhin gewaltsamen Mittel der Überstimmung nur dann greift, wenn es nicht anders geht. Ich hoffe, dass die neugeschaffenen Gemeindeausschüsse und so auch unsere Versammlung zum Hort und zur Pflanzstelle einer wahrhaft guten demokratischen Gesinnung werden.

Meine Damen und Herren! Wir sind dazu bestimmt, der Stadt Köln nach Möglichkeit zu helfen. Wenn man auf der rechten Rheinseite steht, mitten unter den Trümmern, unter Hunderten von Rückwanderern, die bleich, müde, abgehärmt ihre Habseligkeiten, das Wenige, das sie noch besitzen, mit sich schleppen, wenn man dann vor sich im Strom die gespenstischen Trümmer unserer einst so schönen Brücken sieht, und drüben, drüben auf dem linken Rheinufer ein unendliches Meer von zerstörten Häusern, in denen einst glückliche Menschen gewohnt haben, von Gebäuden und Kirchen, die fast tausend Jahre gestanden haben, und wenn man über allem in einsamer Größe den Dom sieht, unseren Dom, auch geschändet und zum Teil zerstört, - wem krampft sich da nicht das Herz zusammen? Wer von uns möchte dann nicht verzweifeln ob der Größe dieser Not! Und doch wollen wir nicht verzweifeln. Wir wollen arbeiten. Es ist ein harter und steiniger Weg, der vor uns liegt. Wir sehen nur seinen trümmerbedeckten Anfang. Wir sehen nicht sein Ende. Wir wollen diesen Weg gehen. Wir wollen ihn gehen mit aller Kraft, die uns noch verblieben ist. Wir wollen ihn gehen mit Geduld, die stärker ist als alles. Mit hingebender Liebe zu unserem Volke und zu unserer Stadt. Eines soll uns dabei trösten und stärken: Es ist ja doch noch derselbe Strom, der zu unseren Füßen fließt, unser Rhein, der Strom, dem Köln seinen Wohlstand und seinen Glanz, dem es den offenen und heiteren Geist verdankt, der seine Bewohner auszeichnet. Er strömt nach wie vor durch Köln, und nach wie vor weisen die Türme, die unser Dom gen Himmel reckt, ungebrochen zum Himmel empor. So wollen wir gemeinsam ans Werk gehen. Gebeugt, tief gebeugt, aber - meine Damen und Herren - nicht gebrochen.

(Beifall)

Quelle: Verhandlungen der Stadtverordneten-Versammlung zu Köln vom Jahre 1945. Köln (o.J.). 1. Sitzung vom 1. 10. 1945. S. 5ff.