13. September 1946: Wahlrede in Pulheim bei Köln

Verehrte Versammlung!

Wenn Zwischenrufe kommen während meiner Rede, so hören Sie sie in Ruhe an. Ich habe Zwischenrufe gern, wenn sie nicht den Lauf der ganzen Sache zu sehr aufhalten. Aber warum soll nicht auch jemand, der anders denkt als wir, einen Zwischenruf machen.

Sie werden in zwei Tagen zum ersten Mal seit zwölf Jahren zur Wahl gehen. Daher möchte ich an die Spitze meiner Ausführungen Folgendes stellen, das ich an die Angehörigen aller Parteien richte: Geht alle zur Wahl, gleichgültig, welcher Partei Ihr angehört. Zeigt, daß Ihr auf dem Wege der politischen Reife seid. Jeder, ob Mann oder Frau, ob jung oder alt, muß am Sonntag zur Wahl gehen. Er muß das tun als Deutscher. Nur auf dem Wege über politische Reife, die wir bisher in der Vergangenheit nicht bewiesen haben, können wir unsere Freiheit wieder erlangen. Und der Prozentsatz der Wähler, der ist ein Zeichen dafür, wie diese politische Reife der Deutschen fortschreitet.

Aber, verehrte Versammlung, wir wollen's nicht machen, wie es vor einigen Tagen in Hürth gewesen ist. Ich will auf gar keine Einzelheiten eingehen. Ich habe die Dinge, die dort sich abspielten, mir mit vollkommener Ruhe angesehen, und irgendeine persönliche Verärgerung liegt mir völlig fern. Aber eben weil ich als Deutscher fühle und weil ich demokratisch bin, war ich geradezu entsetzt und erschüttert - und am Tage danach noch mehr als am Tage selbst, als ich mir diese Dinge in Ruhe einmal überlegen konnte und noch einmal vor Augen hielt, was sich da abgespielt hat. Wenn in irgendeiner Versammlung in der Diskussion die Geister mal etwas sehr erregt werden und die Leute heftig werden, dann muß man darüber hinwegsehen. Darum hat es sich gar nicht gehandelt. Hier handelt es sich um etwas ganz anderes. Hier hatte eine Partei, und zwar eine Partei, die sich demokratisch nennt, die Sozialdemokratische Partei, von vornherein planmäßig durch den Saal verteilt ihre Störungskolonnen. Das hat auch nicht irgendjemand getan, sondern das haben getan ein Redakteur der Rheinischen Zeitung und der Parteisekretär für den Landkreis Köln, also doch hohe Parteifunktionäre der SPD. Die KPD hat sich an dem Abend viel zurückhaltender benommen. Aber die SPD hat so planmäßig gestört, so ungereizt durch jede Diskussion, so in der offensichtlichen Absicht, unsere Versammlung zu erregen und insbesondere mich nicht zu Wort kommen zu lassen, daß das nun mit den Regeln irgendwie des demokratischen Lebens schlechterdings in keiner Weise vereinbar ist. Das waren genau die Allüren der Nationalsozialisten und nichts anderes.

 

(Sehr richtig! und starker Beifall.)

 

Den politischen Gegner überhaupt nicht zu Wort kommen lassen, das wollte man, und diese ganze Sprengkolonne gehorchte ihren Anführern planmäßig und auf jeden Wink hin. Auf ihren Wink hin brüllten sie wie die Besessenen, und auf ihren Wink hin waren sie still. Also, die beste SS-Kolonne hätte es nicht besser machen können.

 

(Pfui-Rufe. - Zwischenruf: Die sind ja jetzt in der CDU.)

 

Das ist doch höchst bedauerlich.

Wenn ich mir den ganzen Wahlkampf in der britischen Zone betrachte - und ich bin ja kraft der mir übertragenen Pflicht dazu gezwungen, das zu tun -, dann muß ich Ihnen sagen: Ich hatte mir unter der nationalsozialistischen Zeit die Entwicklung etwas anders gedacht. Ich hatte gedacht und gehofft, daß nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus die Deutschen aller Parteien viel mehr zusammenstehen würden, als sie das jetzt tun. Ich hatte gedacht und gehofft, daß alle Parteien zunächst einmal das sie Trennende etwas zurückstellen würden und daß sie gemeinsam versuchen würden, dieser furchtbaren Not, in der Deutschland und das deutsche Volk sich befinden, Herr zu werden. Ich hatte weiter gehofft, daß dann, wenn es zu den ersten Wahlen käme, die Parteien sich darauf beschränken würden, ihre Programme dem deutschen Volke vorzulegen ohne persönliche Verunglimpfungen, ohne persönliche Angriffe, sondern ganz klar und mit möglichst einfachen Worten dem deutschen Volke sagen würden, was ihr Programm ist, was sie von anderen Parteien trennt, was sie nach ihrer Auffassung auszeichnet vor anderen Parteien, damit die Deutschen, die so lange Jahre nicht hatten zur Wahl schreiten können, damit insbesondere die jüngeren Jahrgänge, die niemals irgendwie ein freies politisches Leben gesehen haben, nun in die Lage versetzt würden, sich ein Urteil zu bilden, welcher Partei sie beitreten oder welcher sie wenigstens nähertreten wollten. Aber es ist anders gekommen.

Welche Partei hat ein Programm überhaupt dem Volke vorgelegt? Die SPD hat kein Programm vorgelegt. Die SPD war willens, das zu tun. Sie hat im Mai dieses Jahres ihren Parteitag in Hannover ausdrücklich zusammenberufen, um ein Parteiprogramm aufzustellen. Nach einem vertraulichen Rundschreiben ihres anerkannten Leiters, des Herrn Dr. Schumacher, vom September 1945 wollte man damals dort vom Marxismus weggehen. So bedeutende Leute innerhalb der Sozialdemokratie wie der jetzige bayerische Ministerpräsident Hoegner und wie der Leiter der Sozialdemokratie in Süd-Württemberg und Baden, Professor Schmid, haben im Februar dieses Jahres offen ausgesprochen in öffentlichen Reden, die überall in der Presse erschienen sind, man müsse den Mut haben, von dem, was sich als falsch herausgestellt habe, nun auch Abschied zu nehmen. Und so müsse die Sozialdemokratie den Mut haben, von dem marxistischen Grundsatz des Klassenkampfes und von der marxistisch-materialistischen Geschichtsauffassung Abschied zu nehmen. Gerade Herr Schmid hat in einer großen Rede, die er darüber gehalten hat, ausgeführt, daß der letzte große Theoretiker der Sozialdemokratie, der frühere Reichsfinanzminister Hilferding, ihm erklärt hätte, man müsse nun doch im Gegensatz zu dem, was Karl Marx gesagt hat, anerkennen, daß der freie Wille des Menschen und daß die ethischen Grundsätze stärker seien als die wirtschaftlichen Notwendigkeiten.

 

(Zwischenruf: Hört, hört!)

 

Aber diese Entwicklung der Sozialdemokratie, die ich begrüßt habe, ist jäh zum Stillstand gekommen. Statt dessen hat die Sozialdemokratie in Hannover durch den Mund des Herrn Dr. Kurt Schumacher ausdrücklich erklären lassen, daß sie nach wie vor auf dem Boden des Marxismus stünde. Und sehen Sie, verehrte Versammlung, dadurch sind zwischen der sozialdemokratischen Auffassung und zwischen unserer Auffassung allerdings Abgründe entstanden, die sich nicht überbrücken lassen.

Damit kein Mißverständnis entsteht, möchte ich sofort dahinter Folgendes sagen: Die Christlich Demokratische Union in der britischen Zone steht auf dem Standpunkt, daß nach dem Wahlkampf die Parteien zusammenarbeiten müssen, und sie ist bereit, nach dem Wahlkampf mit jeder Partei, die zur ehrlichen Zusammenarbeit bereit ist, mitzuarbeiten zum Wohle unseres Volkes. Aber man muß trotzdem gerade vor einem Wahlkampf die programmatischen Verschiedenheiten, die uns trennen, doch sehr klar und sehr deutlich herausstellen.

Die politische Entwicklung einer verhältnismäßig kurzen Zeit von 5/4 Jahren hat in Deutschland im Wesentlichen zwei Fronten gebracht. Auf der einen Seite steht im Wesentlichen die Christlich Demokratische Union, auf der anderen Seite steht der Marxismus, mag er nun verkörpert werden durch die SPD oder in ausgeprägterer und schärferer Form durch die KPD. Diese beiden Fronten stehen sich nicht nur in Deutschland gegenüber, sie stehen sich gegenüber in fast allen Ländern Europas. Dieser Gegensatz geht fast durch ganz Europa und über Europa hinaus. Und Sie, meine Wähler, müssen jetzt Stellung nehmen. Sie müssen in dieser Frage sich entscheiden: Wollen Sie sich einreihen in die christliche Front, oder wollen Sie sich einreihen in die marxistische Front.

 

(Zwischenruf: In die marxistische! - Zwischenruf: Kapitalist, 46.000 Mark.)

 

Jetzt kommen die alten Redensarten; ich komme gleich darauf zurück. Warten Sie einen Augenblick.

Ich habe eben gesagt: Die christliche Front. Das meine ich nun keineswegs so, als wenn in anderen Parteien nicht auch, wenn auch vereinzelt, gute Christen seien. Und ich meine es auch nicht so, als wenn nun alle, die zur Christlich Demokratischen Union gehören, damit gute Christen seien.

 

(Zwischenruf: Aber ein Teil Wucherer und Schieber.)

 

Keineswegs meine ich das. Es handelt sich darum, ob die Grundsätze, das Fundament, von dem aus die Parteien im Staat, in der Wirtschaft, im kulturellen Leben arbeiten wollen, das christliche Fundament ist oder das materialistische, das marxistische Fundament ist. So müssen Sie sich die Frage stellen, und so müssen Sie die Dinge sehen.

Was ist denn nun das christliche Fundament? Das christliche Fundament ist das Sittengesetz des Christentums.

 

(Zwischenrufe: Separatismus, Deckmantel für die CDU.)

 

Ich darf die Zwischenrufer bitten, hier vorne Platz zu nehmen. Kommen Sie bitte, wir wollen Ihnen hier vorne Platz machen. So von Angesicht zu Angesicht und Auge in Auge kann man viel besser verhandeln.

 

(Zwischenruf: Das meine ich auch.)

 

Ich komme auf die Fragen, die Sie angeschnitten haben, zurück. Fügen Sie sich bitte so lange und lassen Sie mich weiterkommen. Sie bekommen noch Gelegenheit, Zwischenrufe zu machen. Hoffentlich sind die Richtigen nach vorn gekommen.

Ich wiederhole: Die Grundlage der Politik der CDU ist das christliche Sittengesetz. Dieses Gesetz und insbesondere die Auffassung des Christentums von der Würde und dem Wert einer jeden einzelnen Person, das ist der Punkt, von dem wir ausgehen. Das ist ein Grundsatz, den zuerst das Christentum aufgestellt und den das Christentum im Laufe der ganzen wechselvollen Geschichte immer und immer wieder verteidigt hat. Demgegenüber steht nun der Marxismus. Der erklärt, daß der einzelne Mensch gar keinen freien Willen und gar keine Entscheidungsmöglichkeit habe, daß das Höchste die Wirtschaft sei. Daß die Wirtschaft zwangsläufigen Gesetzen folge, daß die Wirtschaft den Menschen forme, seine Kultur, seine religiösen Ansichten, seine politischen Ansichten. Und so stellt der Marxismus, der absolut in der Diesseitigkeit und in der materialistischen Weltanschauung wurzelt, die Materie über die Person.

Glauben Sie nicht, daß das nur theoretische Ausführungen seien, das sind sie keineswegs. Eine derartige Auffassung von dem Wert und der Würde der Person oder von der Unterstellung der Person unter die Materie wirkt sich aus auf allen Gebieten des menschlichen Lebens und des menschlichen Handelns. So ist auch der Marxismus nicht nur eine wirtschaftliche und theoretische Auffassung, das behauptet er auch gar nicht von sich, nein, er ist eine Weltanschauung. Zwischen diesen beiden Weltanschauungen ist jetzt der Kampf entbrannt. Und dieser Kampf wird auch den kommenden Jahrzehnten in Deutschland und in anderen Ländern auf der ganzen Erde das Gepräge geben. Nun muß man nicht glauben, daß diese materialistische Weltanschauung, wie sie gegenwärtig im Marxismus die stärkste Ausprägung gefunden hat, etwa erst mit Karl Marx entstanden sei. Die materialistische Auffassung reicht viel weiter zurück, und nur auf ihrem Boden ist gleichzeitig mit der industriellen Entwicklung der Kapitalismus und der Sozialismus entstanden. Karl Marx hat seine Ausführungen in der Hauptsache gestützt auf das, was er vor mehr denn 80 Jahren in England in der dortigen Textilindustrie gesehen hat. Seit jener Zeit ist eine Welt untergegangen. Eine ganz neue Welt ist im Entstehen, und ich muß sagen, wer jetzt noch aus dieser vorübergegangenen Epoche des Kapitalismus, des Industrialismus und des Sozialismus für alle Ewigkeit nun seine Grundsätze her beziehen will, der ist nicht sehr fortschrittlich.

Was wirft man uns vor? Man wirft uns vor, wir seien reaktionär. „Reaktionär" ist jetzt ein sehr beliebtes Schimpfwort geworden. Die SED in der russischen Zone und in Berlin behauptet, die Sozialdemokratie sei erzreaktionär; die Sozialdemokratie behauptet, wir seien reaktionär.

 

(Zwischenruf: Das hat euer eigener Vorsitzender gesagt von Bocholt.)

 

Vielleicht kommt demnächst noch eine Partei, und dann können wir von der sagen, sie sei reaktionär. Ich meine aber wirklich, wir sollten doch endlich mal mit dummen Schlagworten aufhören und sollten nicht mit Schlagworten versuchen, der Masse der Bevölkerung einfach den Kopf zu verwirren. Wir sollten auch nicht nach der alten Goebbelschen Methode immer gleichförmig dieselbe Behauptung wiederholen, ohne irgendeinen Schatten des Beweises, in der Hoffnung, daß dann schließlich die Bevölkerung das glaube. Das war allerdings das Rezept des Herrn Goebbels. Und dieses Rezept haben sich nun diejenigen, die immer wieder schreien, wir seien reaktionär, sehr schön zu eigen gemacht. Wie ich überhaupt aus den Zwischenrufen, die ich in Hürth gehört habe, habe feststellen können, daß ein großer Teil dieser Zwischenrufer brav und treu den „Westdeutschen Beobachter“ immer gelesen hat.

Nun habe ich in aller Öffentlichkeit aufgefordert, man möge uns sagen, inwiefern wir reaktionär sind, und man möchte uns sagen, wo denn unsere Reaktionäre wären. Auf diese öffentliche Bitte sind Antworten gekommen. Und über diese Antworten wollen wir uns jetzt mal unterhalten. Herr Görringer hat erklärt in einer Versammlung, die unlängst in Köln war und die betitelt war „Abrechnung mit Dr. Adenauer" - in der übrigens derselbe Redakteur Kühn, soviel ich weiß, in einer wenig netten Weise, aber Sie können dem Wort „nett" schon einen ganz anderen Inhalt geben, sich mit mir beschäftigt hat; derselbe Herr Kühn, der dann die Versammlung gesprengt hat -, „Die Sozialdemokratie“ - ich folge hier der Mitteilung des Deutschen Pressedienstes - „erkennt in Dr. Adenauer den Vertreter des reaktionären Flügels der CDU, der von den Besitzenden auf den Schild gehoben worden ist.“ Ja, dann muß ich doch, nachdem ein Mann wie Herr Görlinger, der Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei für die Obere Rheinprovinz ist und der Mitglied des Zentralverbandes der Sozialdemokratischen Partei ist, also im Leben der Sozialdemokratie etwas bedeutet, zu meiner Person auch etwas sagen.

Ich glaube, daß derjenige, der meine Arbeit in Köln vom Jahr 1918 bis zum Jahre 1933, als mich die Nazis herausschmissen, verfolgt hat, mir bestätigen wird, daß ich alles andere als reaktionär und, was ungefähr das gleiche ist, unsozial bin. Meine Damen und Herren! Wer hat gegen den Widerstand der Landwirte durchgesetzt, daß das ganze ungeheure Gelände des äußeren Grüngürtels den Landwirten enteignet worden ist? Das habe ich getan. Und wer hat die Initiative mit dafür gegeben, daß im weiten Umkreis von Köln alle die Wohnsiedlungen entstanden sind gerade für die kleineren Leute.

 

(Starker Beifall. - Zwischenruf: Bodenreform.)

 

Kommen Sie nach vorn! Gestatten Sie mir, in dem Zusammenhange von mir wirklich auch mal etwas mehr zu sagen, weil ich ja doch auch Vorsitzender der CDU für die britische Zone bin, und wenn ich in einer solchen Weise angegriffen werde, dazu Stellung nehmen muß. Lassen Sie mich etwas Weiteres ausführen. Durch wen ist Hitler an die Macht gekommen?

 

(Zwischenruf: Durch das Zentrum.)

 

Warten Sie mal einen Augenblick. Wann ist die Entscheidung gefallen? Im Jahre 1932 ist die Entscheidung gefallen, als in Preußen der sozialdemokratische Ministerpräsident Braun und der sozialdemokratische Innenminister Severing, die im Besitz der ganzen Polizeimacht Preußens waren - das Reich hatte nichts dagegen einzusetzen -, gegenüber von Papen sang- und klanglos, und ohne den Versuch eines Widerstandes zu machen, das Feld geräumt haben.

 

(Beifall.)

 

Da ist die Entscheidung gefallen. Von da ab war alle Macht in Preußen und damit im Reich in der Hand der Reaktionäre. Und ausgeliefert haben diese Macht den Reaktionären die sozialdemokratischen Minister Braun und Severing.

Und nun komme ich auf mich zurück. Ich war Präsident des Preußischen Staatsrates, vom Jahre 1921 bis die Nazis kamen. Und ich bin im Februar 1932 hochoffiziell - weil ich als Präsident des Preußischen Staatsrates der dritte Mann in Preußen war; der erste war der Ministerpräsident, der zweite der Landtagspräsident und der dritte der Staatsratspräsident - zu dem preußischen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Braun hingegangen und habe ihm gesagt, ob er denn nicht sehe, wohin der Kurs gehe, ob er denn gar nicht sehe, was mit dem Artikel 48 jetzt in der Folge gemacht werde. Ich habe ihn auf das eindringlichste gebeten, dagegen Front zu machen und die öffentliche Meinung dagegen zu mobilisieren. Aber der preußische sozialdemokratische Ministerpräsident Braun hat mich angehört und kalt abfahren lassen.

 

(Zwischenruf: Hört, hört!)

 

Und nun komme ich weiter auf mich zurück. Als dann die Nazis an die Macht gekommen waren, als Hitler Reichskanzler war, ist er nach Köln gekommen, und die Nationalsozialisten hatten ihm zu Ehren auf den Pylonen der Köln-Deutzer Hängebrücke Hakenkreuzfahnen aufgezogen. Trotz der Anwesenheit des Reichskanzlers Hitler in Köln habe ich die Hakenkreuzfahnen herunternehmen lassen.

 

(Starker Beifall.)

 

Und als dann im Februar 1933 - es kann März gewesen sein - von Papen als preußischer Staatskommissar des Reiches von Hitlers Gnaden den Landtagspräsidenten und den Staatsratspräsidenten, d.h. den Nationalsozialisten Kerrl und mich, denn der Staatsrat war auch noch nicht neu bestellt, zu einer Sitzung geladen hat, um entsprechend der preußischen Verfassung den Preußischen Landtag aufzulösen, da habe ich dem Herrn von Papen erklärt: Sie sitzen zu Unrecht auf diesem Platz und Sie sind nicht preußischer Ministerpräsident; Sie haben nicht das Recht, an diesem Kollegium, das die preußische Verfassung vorsah, teilzunehmen. Und die beiden anderen haben beschlossen, ich habe dagegen gestimmt und habe ihnen bestritten, daß sie zu Recht auf diesem Platze säßen.

Es hat mir schwere Verfolgungen eingetragen im Laufe der ganzen zwölf Jahre. Das tut nichts zur Sache, und ich hätte gar nicht davon in der Öffentlichkeit gesprochen, wenn nicht jetzt dieselbe Sozialdemokratische Partei, die uns Reaktion vorwirft und die mich als den Repräsentanten der Reaktion bezeichnet, dieselbe Sozialdemokratische Partei es gewesen wäre, die im Jahre 1932 ohne jede Spur des Widerstandes Preußen und das Reich der Reaktion und dem Nationalsozialismus ausgeliefert hätte.

Es ist traurig, daß der Wahlkampf so persönlich wird. Aber das möchte ich den Herren von der Sozialdemokratie von der gesamten Parteileitung sagen: ich werde jetzt nicht weitergehen, aber wenn die Herren nicht aufhören mit persönlichen Angriffen, mit Angriffen gegen einzelne Leute von uns, dann werden wir antworten. Und sie können versichert sein - Sie alle miteinander können mich beim Wort nehmen -, wenn wir antworten, wird mancher jetzt hochverehrter sozialdemokratische Führer darüber zu Fall kommen.

 

(Hört, hört! - Beifall.)

 

Ich warne die sozialdemokratische Partei, in dieser Weise fortzufahren. Ich warne sie im Interesse des Ansehens der Demokratie, und ich warne sie in ihrem eigenen Interesse.

Was nun diese Vorwürfe gegen mich persönlich angeht, mit einem Gehalt von über 100.000 Mark und mit Separatismus usw., so sind das alles Sachen, die sehr ausführlich und sehr schön im Westdeutschen Beobachter gestanden haben. Und die Nationalsozialisten haben im Jahre 1933 eine sehr große und eingehende Untersuchung gegen mich angestellt. Diese Untersuchung hat ein ganzes Jahr, noch länger, 5/4 Jahre gedauert. Ein Ministerialdirektor wurde eigens dazu bestellt, alles zu untersuchen, was ich je in meinem Leben getan oder unterlassen hätte. Dann wurde die ganze Geschichte - über tausend Seiten Maschinenschrift - zusammengeschrieben. Das wurde nun einer Kommission im preußischen Innenministerium, das unter Leitung des Herrn Göring stand, vorgelegt. Und diese erste Kommission kam zu dem bedauerlichen Ergebnis: Es ist ja bedauerlich, aber es ist nichts zu machen. Dann wurde eine zweite Kommission eingesetzt. Und die kam zu demselben Ergebnis. Und nun ist es meinen lieben deutschen Brüdern, die nicht Nationalsozialisten waren, ich hoffe es wenigstens, daß sie es nicht waren, vorbehalten, alle diese Vorwürfe aus der nationalsozialistischen Sudelküche jetzt wieder hervorzutun.

Ich kann in diesem Zusammenhange noch folgendes sagen, und dann will ich dieses Kapitel schließen: Die Rheinische Zeitung in Köln hat mich, als ich noch Oberbürgermeister von Köln war, bis zum Jahre 1933 sehr oft und sehr scharf angegriffen. Nun, der Redakteur der Rheinischen Zeitung, der unlängst verstorbene Herr Efferath, hat mir im vorigen Jahr einen Brief geschrieben, in dem er ausgeführt hat, daß er heute anerkennen müsse, daß diese Angriffe der Rheinischen Zeitung gegen mich in sehr vielen Fällen unberechtigt gewesen wären. Und der noch lebende frühere Redakteur der Rheinischen Zeitung, Sollmann, der jetzt in Amerika lebt, hat mir vor wenigen Wochen dasselbe geschrieben. Ich meine, für heute abend genügt das.

Nun sind aber in der kommunistischen Presse noch andere „Reaktionäre“ der CDU angeprangert worden. Ich fühle mich als Vorsitzender der Partei verpflichtet, für diese Männer ein Wort zu sagen. Es ist behauptet worden, der Herr Lehr sei ein Erzreaktionär oder so etwas. Nun, dem Herrn Lehr ist bei seinem Ausscheiden aus dem Amt als Oberpräsident ein Schreiben des Zivilkommissars für Nordrhein-Westfalen, des Herrn Asbury, zugegangen, in dem mit den wärmsten Worten ihm gedankt wird für seine hingebende Tätigkeit während der langen Zeit. Und die britische Militärregierung hat Herrn Lehr, trotzdem er kein Amt mehr bekleidet, zum Mitglied des Zonenbeirates ernannt. Damit hätten wir also glücklich nach den Ausführungen der Kommunistischen Partei und auch nach früheren Ausführungen des Herrn Dr. Schumacher den ersten Reaktionär im Zonenbeirat.

Dann hat man angegriffen den Herrn Dr. Pferdmenges in Köln. Ich kenne Herrn Dr. Pferdmenges seit Anfang der Zwanziger Jahre. Er hat auch in den Jahren des Nationalsozialismus, als es für jeden eine Gefahr bedeutete, mit mir in Verbindung zu treten, die Verbindungen mit mir nicht abgebrochen. Er ist niemals Mitglied der Partei oder irgendeiner ihrer Gliederungen geworden. Die kommunistische Presse verschweigt, daß Herr Pferdmenges von den Nationalsozialisten verhaftet worden ist und daß er in dem Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße längere Zeit gewesen ist, daß ihm dann irgendeine geschäftliche Tätigkeit untersagt worden ist und ihm befohlen wurde, einen bestimmten Ort in der Mark Brandenburg nicht zu verlassen. Das verschweigt die kommunistische Presse.

Dann wird angegriffen der Herr Pünder. Da verschweigt die kommunistische Presse auch, daß Herr Pünder nur mit knappster Not dem Tode entgangen ist und daß er lange Zeit im Gefängnis hat schmachten müssen.

Dann wird angeprangert Herr Dr. Löns, der mein persönlicher Mitarbeiter ist, und es wird von ihm gesagt, er sei lange Zeit hindurch Mitglied des „Stahlhelms“ und der SA gewesen. Lassen Sie mich etwas einschieben über den „Stahlhelm“. Ich kann das umso unbefangener tun, als ich ein entschiedener Gegner des „Stahlhelms“ gewesen bin und das auch offen bekannt habe. In den Zwanziger Jahren war in Düsseldorf ein großer deutscher „Stahlhelm“-Tag, und man wollte von dort nach Köln kommen, um in Köln von mir als Oberbürgermeister empfangen zu werden. Ich habe den Empfang abgelehnt; auch ein Zeichen eines Reaktionärs!

 

(Zwischenruf: Die kleinen Reaktionäre von Pulheim sind alle Mitglieder der CDU.)

 

Ich habe diesen Empfang abgelehnt, weil mir die ganze Richtung des „Stahlhelms“ nicht paßte und weil ich in meinem ganzen Leben absolut antimilitaristisch gewesen bin und ein Freund des Friedens und ein Freund der Völkerverständigung. Dann kam das Jahr 1933/34, und Dr. Löns war damals Assessor oder im Begriff, das Assessorexamen zu machen. Alle die Leute, die nun mit Recht fürchten mußten, daß sie gezwungen würden, in die Partei einzutreten, sind, um dem zu entgehen, in den „Stahlhelm“ eingetreten, dann allerdings zwangsweise von dort in die SA überführt worden, und dann ist Dr. Löns ausgetreten. Und es bedeutet ein größeres Zeichen von Mut, damals auszutreten, als bei Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft ins Ausland zu gehen und dort 12 Jahre relativ zufrieden und gut zu verbringen.

 

(Sehr gut!)

 

Diese ganze Geschichte des Herrn Dr. Löns ist, weil Herr Dr. Löns, ehe er mein Mitarbeiter wurde, in der Kölner Stadtverwaltung tätig war, in der Kölner Stadtverordnetenversammlung verhandelt worden. Dort hat der Führer der Kommunisten - die Kommunisten haben noch richtige Führer, denen man unbedingt gehorchen muß -, Herr Zilles, bei der Verhandlung folgendes erklärt. Es ist von Seiten der Stadtverwaltung - ich war damals nicht mehr im Amt - gesagt worden: Wer weiß, was in den Jahren auf diese jungen Menschen für ein unerhörter Druck ausgeübt worden ist,

 

(Zuruf Zilles: Wir wissen es ja!)

 

der wird zumindest für die Lage Verständnis haben.

 

(Zwischenruf Zilles: Haben wir!)

 

Und jetzt geht derselbe Herr Zilles hin und sucht diese, beinahe hätte ich gesagt Dreckspritze, aber ich habe es nicht gesagt, in dem kommunistischen Organ gegen Herrn Dr. Löns in Tätigkeit zu setzen. Das tut man nicht. Das sind keine ehrlichen politischen Kampfesmethoden.

Lassen Sie mich nun, damit Sie auch meine Stellung zur Arbeiterschaft sehen, noch folgendes sagen: Der Sozialausschuß der Kölner Arbeiter in der CDU hat mir ein Schreiben gesandt mit folgender Entschließung. Ich verlese die Entschließung gegen die Versuche der SPD, bei uns einen rechten und linken Flügel zu konstruieren, um auf diese Weise Eindruck zu machen auf Leute, die noch nicht recht wissen, ob sie so oder so wollen. Der Beschluß lautet: „Der Sozialausschuß der CDU Köln Stadt und Land nahm in der am 25. August 1946 stattgefundenen Sitzung zu den Vorgängen in der Regierungsbildung in Nordrhein-Westfalen Stellung. Er bekennt sich vollinhaltlich zu der Auffassung der Unterhändler der CDU und spricht ihnen sein vollstes Vertrauen aus. Insbesondere gilt das Vertrauen dem Ersten Vorsitzenden der CDU der Nordrheinprovinz, Dr. Konrad Adenauer, und dem zweiten Landesvorsitzenden und Vorsitzenden der CDU von Köln Stadt und Land, Herrn Johannes Albers.

Weite Arbeitnehmerkreise der CDU, die im Sozialausschuß ihr Organ haben, bedauern die bekannt gewordenen Vorkommnisse. Sie verwahren sich entschieden gegen den Vorwurf der Reaktion. Die Zusammensetzung der CDU, ihre Arbeitsweise, die Veröffentlichungen und Reden ihrer führenden Männer sowie ihre bekanntgewordene Stellung zu den wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und staatspolitischen Problemen der jetzigen notvollen Zeit bieten Gewähr dafür, daß die Reaktion in ihren Reihen keinen Platz hat.“

Das ist die Arbeiterschaft in der CDU, und wir zählen sehr viele Arbeiter - Gott sei Dank - zu unseren Mitgliedern. Insbesondere darf ich da noch sagen, daß es unserem sozial- und wirtschaftspolitischen Ausschuß gelungen ist, Leitsätze fertigzustellen für unsere Politik in der Wirtschaft und in der Sozialpolitik. Und gerade Herr Pferdmenges ist hier derjenige gewesen, der in ausgezeichneter Weise es fertiggebracht hat, die Einigkeit zwischen Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Wissenschaftlern und Konsumenten bei der Abfassung dieser Leitsätze herbeizuführen.

Noch etwas anderes trennt uns von der Sozialdemokratischen Partei, und das ist die Stellung der Sozialdemokratischen Partei zur Religion. Ich will gar nicht zurückgreifen auf alles das, was die Sozialdemokratische Partei vor 1933 über Religion und Christentum und Kirche gesagt hat. Lassen wir das mal beiseite. Sie hat genügend in diesem Jahr gesagt. Davon will ich Ihnen einige Proben geben. Es hat Herr Eichler in Köln, der vielen von Ihnen bekannt ist, in Nr. 1 der Sozialistischen Rundschau vom 15. Mai 1946 folgendes gesagt: „Der Kampf gegen die Kirchen läßt sich von dem gegen die christliche Religion durchaus trennen. Der erste ist eine politische Auseinandersetzung, der zweite eine weltanschauliche. Diese weltanschauliche Auseinandersetzung ist wichtig, aber heute nicht so dringend wie der Kampf gegen die politischen Machenschaften der Kirche." Sehen Sie, „ist wichtig, aber heute nicht so dringend" - das sind genau dieselben Redensarten, die einst ein Hitler ausgesprochen hat. Hören Sie weiter: Herr Görlinger hat in der Kölner Stadtverordnetenversammlung in diesem Sommer in aller Öffentlichkeit erklärt, seine Partei stehe auf dem Standpunkt, daß die nicht verehelichte Frau ein Recht auf Mutterschaft habe.

 

(Zwischenruf: Hört, hört! Pfui-Rufe.)

 

Als ihm dann von der CDU entgegengerufen worden ist: Also genau wie bei der SS, hat er Folgendes gesagt: Nein, nicht wie bei der SS, bei der SS hatte die unverehelichte Frau die Pflicht zur Mutterschaft, bei uns soll sie das Recht zur Mutterschaft haben.

 

(Gelächter.)

 

Das ist eine ungemein ernste Angelegenheit. Wer die Axt an die Familie legt, der legt die Axt an den Staat und an die Zukunft unseres Volkes.

 

(Beifall.)

 

Darum haben wir als unseren Hauptsatz in unser Programm hineingeschrieben: Schutz der Familie. Wer aber der unverehelichten Frau das Recht zur Mutterschaft gibt, der legt die Axt an die Wurzel von allem, wer das tut, der zerstört die Familie.

 

(Zuruf: Sehr richtig!)

 

Die Sozialdemokratische Partei hat, als die Frage der Schule eine Rolle spielte, immer und immer wieder betont, sie wolle die christliche Simultanschule. In Großhessen steht jetzt der Verfassungsentwurf zur Debatte. Dort ist der Kampf schon heiß entbrannt. Die Sozialdemokratie will dort keine christliche Simultanschule mehr, sie will jetzt dort die weltliche Simultanschule.

 

(Hört, hört!)

 

Herr Dr. Schumacher mag vielleicht unsere Ansichten im Westen nicht so genau kennen, weil er nicht von hier stammt, aber immerhin, er hat doch lange Jahre vor 1933 in Württemberg gelebt. Was hat Herr Schumacher getan? Unser Kardinal, der Erzbischof von Köln, hat vor einiger Zeit an Herrn Dr. Hamacher einen sehr vertraulichen Brief geschrieben, in dem er ihn gebeten hat, damit die Zerrissenheit im christlichen Lager nicht größer werde, möge er doch in allen Orten, in denen die CDU schon gegründet sei, nicht zur Gründung einer Zentrumsgruppe schreiten. Er hat in diesem Briefe geschrieben, der Feind steht links. Dieser Brief ist auf eine mir unbegreifliche Weise zur Kenntnis von Dr. Schumacher gelangt. Herr Schumacher hat in Essen öffentlich erklärt: Eurem Kardinal, Eurem Herrn Frings, sagen wir, etwas Dümmeres, als er geschrieben hat, kann man überhaupt nicht schreiben. Auf einem Parteitag der Sozialdemokratischen Partei im Hannoverschen hat er am 18. August darüber folgendes gesagt, daß das der Gipfel der Dummheit sei, was der Kardinal von Köln geschrieben hat. So spricht man nicht, wenn man etwas Respekt hat, etwas Ehrfurcht hat vor religiösen Einrichtungen. So spricht man nicht von einem hohen Würdenträger einer Kirche. Das tut man nicht. Und wenn man das trotzdem tut, dann beweist man damit, daß man eben vor der ganzen Einrichtung keinen Respekt hat.

Die Christlich Demokratische Union hat jetzt schon zwei ganz große Verdienste um das deutsche Volk. Sie hat einmal in ihren wirtschaftlichen und sozialen Leitsätzen, die jetzt durch die Presse veröffentlicht sind und die ich oben andeutete, vereint Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Wissenschaftler und Konsumenten. Sie hat ferner zu gemeinsamer politischer Tätigkeit vereint alle christlichen Konfessionen. Nur wer Deutschland kennt, der weiß, was das bedeutet, daß es möglich gewesen ist, in diesem Land, das durch den religiösen Zwiespalt so auseinandergerissen war, die christlichen Konfessionen auf dem Boden der christlichen Grundsätze zu gemeinsamer politischer Arbeit zu vereinen.

 

(Starker Beifall.)

 

Lassen Sie mich das Wesentlichste aus den eben erwähnten Leitsätzen sagen: Daß in einer Zeit des absoluten Mangels eine Lenkung der Erzeugung und der Verteilung nötig ist, versteht sich ganz von selbst. Wer das bestreiten würde, ist ein Tor. Aber wir wollen möglichste Lockerung der Bürokratie, wir wollen möglichst geschmeidig diese Lenkung und Planung haben. Wir wollen weiter, daß die Arbeitnehmer mit demselben Recht wie die Arbeitgeber und wie der Konsument teilnehmen an der Planung und Lenkung der Wirtschaft und in den Gremien, die diese Planung und Lenkung zu beraten haben, genauso Sitz und Stimme haben wie die anderen. Wir wollen ferner, daß der Arbeitnehmer am Ertrag beteiligt wird, weil wir davon ausgehen, daß Arbeit und Kapital gemeinsam den Ertrag schaffen. Wir wollen, daß eine Zusammenballung wirtschaftlicher Kräfte in Trusts und Konzernen unterbleibt. Wir wollen auch nicht, daß in der Hand des Staates eine derartige wirtschaftliche Macht zusammengeballt wird; denn der grausamste aller Arbeitgeber ist der Staat,

 

(Zuruf: Sehr richtig!)

 

das haben wir erlebt. Wir wollen es auch aus einem anderen Grund nicht. Wodurch wird denn der Staat repräsentiert? Sicher zum Teil durch die Volksvertretung, aber das ausübende Organ ist doch die staatliche Bürokratie, und die staatliche Bürokratie muß auch gegenüber der Volksvertretung bei den zu verabschiedenden Gesetzen zunächst die Vorlagen machen und die Führung übernehmen. Wir sind nicht der Überzeugung, daß die staatliche Bürokratie diese fast prophetische Begabung hat, nun die ganze Wirtschaft eines Volkes richtig auf weite Sicht hinaus zu planen und zu lenken. Das Vertrauen haben wir nicht zur Bürokratie. Auch aus dem Grunde sind wir dagegen. Wir sind auch der Auffassung, daß diese Zusammenballung der gesamten wirtschaftlichen Macht in der Hand des Staates eine Gefährdung der persönlichen Freiheit bedeutet. Herr Dr. Agartz von der Sozialdemokratie hat auf dem Hannoverschen Parteitag ausgeführt, daß alle Anlagetätigkeit durch den Staat kontrolliert werden müsse. Das bedeutet also, daß nicht nur in der jetzigen Notzeit, sondern überhaupt kein Unternehmen begonnen werden kann, kein Unternehmen mehr vergrößert werden kann, ohne daß die staatliche Bürokratie dazu Ja und Amen sagt. Das aber bedeutet den Verlust der persönlichen Freiheit für uns alle.

 

(Zuruf: Sehr richtig.)

 

Die Freiheit ist das höchste sittliche Gut des Menschen.

 

(Beifall.)

 

Auch wenn ich nicht auf christlichem Boden stünde, wäre ich absolut ein Gegner einer solchen Auffassung, einer solchen Doktrin, allein als freiheitsliebender Mensch, dem die Freiheit das höchste Gut ist und bleibt.

Wir wollen, daß es möglichst viele Freischaffende gibt, d.h. Menschen, die frei entsprechend ihrem Willen und ihrer Fähigkeiten für sich arbeiten; denn das ist das Ideal, und dann hat der Mensch am meisten Freude, und dann ist ihm die Arbeit kein Fluch, sondern ein Segen. Und das wollen wir überhaupt mit unserer Sozialpolitik erreichen, daß die Menschen die Arbeit nicht mehr als einen Fluch betrachten, sondern als einen Segen. Weil wir möglichst viele freischaffende Existenzen wollen, wollen wir, daß der Staat den Handwerker, den kleinen Gewerbetreibenden, den kleinen Unternehmer, den kleinen Händler möglichst unterstützt und daß im genossenschaftlichen Wege möglichst vielen Menschen die Möglichkeit gegeben wird, solche freischaffenden Männer zu werden.

Es gibt aber nun, die Technik hat das mit sich gebracht, Großunternehmungen, die nicht in dieser Form geführt werden können, die nur in Großbetrieben leben und schaffen können. Wenn es sich hierbei um Grundstoffe handelt, deren Besitz und Nichtbesitz, deren Produktion oder Nichtproduktion für das ganze Volk von entscheidender Bedeutung sind, wie z.B. die Kohle, ziehen wir der Verstaatlichung den gemischtwirtschaftlichen Betrieb vor, d.h. den Betrieb, in dem maßgeblich beteiligt sind die Vertreter des öffentlichen Interesses, der Kreise und Länder, und die Vertreter privaten Kapitals. Beide sollen zusammenarbeiten. Die Vertreter des öffentlichen Interesses sollen dafür sorgen, daß das Unternehmen nicht zur Ausbeutung führt, und die Vertreter des privaten Kapitals sollen dafür sorgen, daß das Unternehmen nicht bürokratisiert wird, sondern daß die unternehmerische Kraft ihm erhalten bleibt.

Es wird Sie interessieren, daß die Labour-Regierung in England, die zuerst die Eisen- und Stahlproduktion verstaatlichen wollte, dann erwogen hat, ob man nicht eine solche gemischtwirtschaftliche Betriebsweise für Eisen und Stahl dort einführen soll. Jetzt allerdings ist man zu dem Entschluß gekommen, auch das nicht zu tun, sondern die Eisen- und Stahlproduktion der privaten Industrie weiter zu belassen, wenigstens bis zum Ablauf der jetzigen Wahlperiode.

Zur Regierungsbildung des Landes Nordrhein-Westfalen stelle ich ausdrücklich fest, daß die CDU sich absolut bereit erklärt hat, mitzuarbeiten. Ich stelle weiter fest, daß wir den Vorschlag, den der Ministerpräsident Amelunxen gemacht hat über die Übertragung von Ministerien an Angehörige der CDU, angenommen haben, daß aber dann die Vertreter der Sozialdemokratie, gleichzeitig im Auftrage des Neu-Zentrums und der Demokraten sprechend, erklärt haben, einem Angehörigen der CDU dürfe das Ministerium des Innern nicht übertragen werden, weil in diesem Ministerium so wichtige personelle Entscheidungen zu treffen seien.

 

(Hört, hört!)

 

Das war der entscheidende Punkt, das konnten wir uns nicht gefallen lassen. Nicht nur der Einzelmensch hat seine Ehre, auch eine Partei hat ihre Ehre. Und wenn die anderen Parteien erklären, daß wir keine Gewähr böten für die Durchführung einer wirklichen demokratischen Verwaltung, dann müssen wir sagen, da können wir nicht weiter mittun. Nun ist es nicht etwa so, als ob die Regierung Amelunxen ewig am Ruder bliebe. Sie hat von der britischen Militärregierung einen ganz bestimmten Auftrag, die Überleitung durchzuführen bis zu den neuen Wahlen zum Landtag. Diese Wahlen zum Landtag sind in Aussicht genommen zurzeit von der Militärregierung für nächstes Frühjahr, vielleicht im März. Wir müssen darauf bestehen, und wir müssen in der Öffentlichkeit immer wieder den Ruf erheben: Wir wollen Wahlen zum Landtag so bald und so schnell wie irgend möglich.

 

(Beifall.)

 

Wir können nicht anerkennen in irgendeinem ernannten Gremium Vertreter unserer Bevölkerung. Der Landtag, der jetzt zusammentritt und der sich zusammensetzt aus den ernannten Provinzialräten, besteht allein aus ernannten Persönlichkeiten. Und ernannte Persönlichkeiten sind keine freien Vertreter des Volkes.

 

(Sehr richtig!)

 

Welcher groteske Zustand ergibt sich jetzt? Wir bekommen neue Gemeindevertretungen, frei gewählt, wir bekommen neue Kreistage, frei gewählt. Und wie ein Fossil aus vorsintflutlicher Zeit steht dann der ernannte Landtag da! Das ist unmöglich. Die Wahlen müssen so schnell wie möglich kommen.

 

Die Vertreter der CDU im Zonenbeirat haben schon vor Wochen den Antrag gestellt, daß so bald wie möglich, möglichst schon am 13. Oktober, Wahlen zu den Landtagen stattfinden sollen. Die britische Kontrollkommission war geneigt, dem zuzustimmen, falls die Mehrheit des Zonenbeirates dem auch zustimmen würde. Aber nun ereignete sich etwas, was mir als Deutschem unerklärlich und tief beschämend war, daß nämlich ein solcher Antrag in dem aus Deutschen bestehenden Zonenbeirat keine Mehrheit fand.

 

(Hört, hört!)

 

Der Antrag, möglichst bald Wahlen zu den Landtagen abzuhalten, fand keine Mehrheit. Er wurde abgelehnt mit 14:11 Stimmen. Und was das Bemerkenswerteste ist, von den Vertretern der politischen Parteien im Zonenbeirat haben lediglich die Vertreter der CDU dafür gestimmt. Wo waren die anderen Parteien, die sich demokratisch nennen? Warum waren sie nicht dafür, daß möglichst bald freie Wahlen zu den Landtagen stattfänden? Ist das Demokratie?

Das ist alles andere als Demokratie. Aber wir wollen den Ruf immer wieder erheben: möglichst bald freie Wahlen auch zu den Landtagen.

Verehrte Versammlung! Noch sechs Millionen deutscher Männer sind in Kriegsgefangenschaft. Wenn Sie bedenken, daß mindestens zwei Angehörige auf jeden Kriegsgefangenen kommen, die in Deutschland mit Trauer und Sehnsucht des Vaters, des Mannes, des Bruders gedenken, dann ersehen Sie, daß auf 18 Millionen Deutschen diese Last ruht. Darum wollen wir immer wieder laut in die Welt rufen: Gebt uns unsere Kriegsgefangenen zurück!

 

(Sehr starker Beifall.)

 

In England hat sich ein Komitee von 900 angesehenen Persönlichkeiten gebildet, das an die britische Regierung die gleiche Forderung stellt und verlangt, daß die Kriegsgefangenen entlassen werden.

 

(Zuruf: Bravo!)

 

Dieses Komitee verlangt weiter, und das gereicht ihm wahrhaftig zur Ehre, daß man zum wenigsten den Kriegsgefangenen sagt: Ihr kommt dann oder dann zurück, und daß man sie nicht länger im Ungewissen läßt.

Und nun möchte ich unseren kommunistischen Gästen einen guten Rat geben. Sie haben ausgezeichnete Verbindungen nach dem Osten.

 

(Starker Beifall.)

 

Benutzen Sie diese Verbindungen

 

(Zwischenruf: Tun wir auch.)

 

in der Weise, daß Sie zunächst dafür sorgen, daß die deutschen Kriegsgefangenen in Rußland wenigstens ihren Angehörigen mal schreiben dürfen,

 

(Beifall.)

 

und setzen Sie weiter Ihren ganzen Einfluß dafür ein, daß diese Kriegsgefangenen möglichst bald zurückkommen und dort nicht in militärische Formationen gesteckt werden.

 

(Zwischenruf: Demagogie!)

 

Wem der Schuh paßt, der zieh ihn sich an.

Bei einem weiteren Punkt hoffe ich sogar auf die Zustimmung unserer kommunistischen Gäste: wir wollen von der alliierten Kontrollkommission mit Nachdruck erbitten, daß wir, so arm wir auch sind, für unsere Kriegshinterbliebenen und Kriegsversehrten nach besten Kräften sorgen dürfen.

 

(Bravo!)

 

Das dürfen wir zurzeit nicht.

 

(Pfui!)

 

Die Mitglieder der CDU im Zonenbeirat haben den Antrag gestellt, daß die britische Kontrollkommission dahin vorstellig werden möge bei der interalliierten Kontrollkommission, daß uns das wieder gestattet würde. Wir haben zur Antwort bekommen, es stehe dem entgegen ein Beschluß der Potsdamer Konferenz. Und dieser Beschluß sei gefaßt worden, um den militaristischen Geist in Deutschland möglichst auszurotten.

 

(Zwischenruf: O je, o je!)

 

Mit solchen Beschlüssen verewigt man den militaristischen Geist, man treibt ihn nicht damit aus.

Lassen Sie mich ein Wort sagen zur Entnazifizierung. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß die Kriegsverbrecher möglichst schnell und möglichst schwer bestraft werden sollen, und das Verfahren in Nürnberg dauert uns schon viel zu lange. Wir stehen weiter auf dem Standpunkt, daß auch die Kriegsverbrecher, die noch nicht auf der Anklagebank sitzen, möglichst bald und möglichst streng von deutschen Gerichten verurteilt werden sollen. Wir wollen weiter, daß alle diejenigen, mögen sie in der Partei gewesen sein oder nicht, denn es gibt sehr viele Schlaue, die nicht in der Partei waren und die doch Nutzen davon gezogen haben, die sich bereichert haben, die andere unterdrückt haben, die andere geschädigt haben, die Nutznießer des Regimes waren, so schnell wie möglich zur Rechenschaft gezogen werden. Man soll ihnen alles das, was sie ergattert haben, rücksichtslos abnehmen. Man soll aber die Parteimitglieder, die nichts Derartiges getan haben, die irgendeinem Druck gefolgt sind, doch jetzt endlich in Ruhe und in Frieden ihrer Arbeit nachgehen lassen. Man soll vor allem das Entnazifizierungsverfahren nicht dazu mißbrauchen, um politische oder wirtschaftliche Dinge da auszuklopfen. Wer in einem Entnazifizierungsausschuß sitzt, der hat eine ernste Pflicht vor seinem Gewissen, nach Recht und Gerechtigkeit zu entscheiden. Und es ist unmöglich, wie mir das absolut glaubhaft berichtet wird, daß Mitglieder solcher Entnazifizierungsausschüsse, ehe sie sich entscheiden, ihr Parteibüro anrufen, wie sie stimmen sollen.

 

(Pfui-Rufe.)

 

Wir haben begründete Aussicht, daß sich die Ernährungslage bessert. Der internationale Ernährungsrat, der jetzt in Kopenhagen zusammengetreten war, hat erklärt, daß der Weltgetreideüberschuß 6,7 Millionen Tonnen beträgt, d. h. also: die Weltmangellage, die im vergangenen Jahre bestanden hat, ist zu Ende. In Amerika ist der Ernteüberschuß derartig ungeheuerlich groß, daß man sich dort schon ernsthaft mit dem Gedanken einer Einengung der Anbauflächen trägt. Es stehen auch nicht entgegen irgendwelche Transportschwierigkeiten; denn fast 50% der im Krieg von Amerika verwendeten Tonnage liegen jetzt still. Ein Bekannter von mir, der jetzt im Auftrage der Federation of Labour von Amerika, einer Gewerkschaft, die 8 Millionen Menschen umfaßt, die amerikanische und britische Zone bereist und der mir seit vielen Jahren als ein sehr zuverlässiger Mann bekannt ist, hat mir erklärt, wir könnten mit größter Wahrscheinlichkeit damit rechnen, daß schon im November unsere tägliche Nahrungsmittelmenge erhöht würde auf 2.500 Kalorien.

 

(Bravo! - Zwischenruf: Hoffentlich ist das wahr.)

 

Wenn das kommt, dann hoffe ich, daß auch die Erholung des deutschen Volkes kommt und daß gleichzeitig - das hat auch der amerikanische Außenminister Byrnes jetzt ausgeführt - unsere Industrie angekurbelt wird. Byrnes hat in Stuttgart eine sehr bemerkenswerte Rede gehalten. Ich würde Ihnen gern etwas dazu sagen, wenn die Zeit nicht so vorgerückt wäre. Hinter ihm steht die englische Regierung. Diese beiden angelsächsischen Mächte stehen in diesem Programm zusammen. Das ist der erste Lichtblick für uns Deutsche seit vielen, vielen Jahren. Sie stehen zusammen in dem Willen, die Industrie wieder anzukurbeln, Deutschland mit allem zu versehen, damit wir wieder arbeiten können. Sie stehen zusammen in dem  Bestreben, das wir alle, auch unsere kommunistischen Gäste, unterstützen müssen, daß die ganzen Zonengrenzen in Deutschland radikal verschwinden sollen.

 

(Beifall.)

 

Wir wollen keine Almosen von der Welt. Wir wollen arbeiten. Wir wollen, daß unsere Exportindustrie wieder angekurbelt wird, damit wir mit Hilfe des Exports das, was wir brauchen, auch ehrlich bezahlen können.

Eine sehr ernste Frage ist die Frage der Vertriebenen. Elf, zwölf, dreizehn Millionen, man weiß nicht wie viele, sind von Haus und Hof vertrieben worden, haben alles zurücklassen müssen, sind hineingepreßt worden in dieses schon übervölkerte Gebiet. Sie alle wissen darum. Jeder Krieg oder fast jeder Krieg, das zeigt die Geschichte, hat gewisse Veränderungen der Grenzen mit sich gebracht. Aber daß nach einem verlorenen Krieg zwölf, dreizehn oder vierzehn Millionen unschuldiger Menschen vertrieben und ins Elend gejagt wurden, das hat noch kein Krieg zuwege gebracht.

 

(Zwischenruf: Pfui!)

 

Ein Teil von uns Deutschen, nicht das ganze deutsche Volk, hat sicher großes Unrecht getan. Deutsche haben an Deutschen schwer gesündigt, Deutsche haben gesündigt im Ausland. Wenn die Geschichte dieser grausamen und harten Zeit später einmal geschrieben wird, objektiv, dann wird sicher auch über das deutsche Volk ein hartes Urteil gefällt werden, aber die Geschichte wird auch ein hartes Urteil über diejenigen fällen, die dieses namenlose Elend an den zwölf bis dreizehn Millionen begangen haben.

 

(Beifall.)

 

Sicher wollen wir tun, was wir können, um die Not zu lindern. Aber vollends lindern - nicht einmal einigermaßen - können wir die Not gar nicht. Da gibt es nur ein Mittel gegen. Wenn man einsieht, daß der Weg, den man eingeschlagen hat, falsch war, dann muß man entschlossen kehrtmachen, und diese zwölf Millionen Menschen müssen zurück in ihre Heimat.

 

(Sehr starker und lebhafter Beifall.)

 

Die Vertreter der SED, die Herren Pieck und Grotewohl, waren neulich in der britischen Zone, und sie haben ihrem Leiter Molotow entsprechend die nationale Flagge aufgezogen und haben gesagt, das Industriegebiet dürfe nicht aus dem deutschen Staatsverband gelöst werden und es dürften keine Veränderungen im Westen stattfinden. Sie hofften, mit dieser nationalen Flagge namentlich in der Jugend viele für sich einzunehmen. Gut, auch wir stehen auf dem Standpunkt, daß das Industriegebiet nicht aus dem deutschen Staatsverband getrennt werden darf, und wir danken der britischen Regierung, daß sie aus ihrem Entschluß heraus den Staat Nordrhein-Westfalen gebildet hat, um auf diese Weise gegenüber aller Welt das klarzustellen, daß es nicht ihr Wille ist, daß das Ruhrgebiet, das Industriegebiet staatsrechtlich aus Deutschland gelöst wird. Wir stehen auch auf dem Standpunkt, daß im Westen an den Grenzen nichts geändert werden darf. Wir stehen auch auf dem Standpunkt, und darin unterscheiden wir uns von unseren nationalen Kommunisten, daß die Ostgrenzen nicht festgestellt sind

 

(Beifall.)

 

und daß sie nicht so bleiben oder festgestellt werden dürfen, wie sie jetzt sind. Und unsere kommunistischen Gäste bitte ich, ihren ganzen Einfluß dahin einzusetzen, daß das auch von Rußland eingesehen wird. Die Herren Pieck und Grotewohl haben allerdings erklärt: Über die östlichen Grenzen ist nicht mehr zu sprechen, das ist eine erledigte Sache.

 

(Zwischenruf: Das haben die Alliierten gemacht, England, Amerika, Rußland!)

 

Amerika hat ausdrücklich erklärt durch den Mund des Staatssekretärs Byrnes, daß das keine Grenzen seien.

Die westlichen Nachbarn Deutschlands, Holland, Belgien, Luxemburg, Frankreich, sagen, sie wollten Sicherheit haben gegenüber Deutschland. Es gibt vielleicht auch östliche Nachbarn, die das ehrlich sagen. Ich weiß es nicht. Ich meine es ehrlich und muß unsererseits so ehrlich sein, anzuerkennen, daß diese westlichen Nachbarn nach der Geschichte der letzten 100 Jahre wirklich ein Verlangen nach Sicherheit mit Recht empfinden. Aber Sicherheit kann niemals auf Gewalt gegründet werden. Und Gewalt bedeutet sowohl eine Besetzung wie eine Abtrennung des Landes. Das gibt keine Sicherheit. Auf die Dauer erzeugt Gewalt immer wieder Gewalt. Wir wollen einen dauernden Frieden auch mit unseren westlichen Nachbarn. Darum richten wir den dringenden Appell an den Westen: Gebt diese Absichten auf! Wendet keine Gewalt an! Sucht zusammen mit unserem deutschen Volk nach konstruktiven friedlichen Lösungen, insbesondere auf der Grundlage einer gegenseitigen wirtschaftlichen Verflechtung. Ich sage: Eine gegenseitige wirtschaftliche Verflechtung. Sicher sind wir zu Wiedergutmachungen verpflichtet. Und wir wollen nach besten Kräften diese Wiedergutmachungen auch leisten, aber wir wollen nicht ewig als Sklaven für andere arbeiten. Wir wollen geben, wir wollen aber auch nehmen, wenn wir auch zuerst mehr geben müssen, als wir nehmen können, aber auf die Dauer muß das gegenseitig ausgeglichen sein. In einer solchen wirtschaftlichen Verflechtung Westeuropas unter Einschluß Englands erblicke ich schon seit langen Jahren die einzige Möglichkeit, diesem armen gequälten Europa endlich den Frieden zu geben, dessen es so dringend bedarf.

Staatssekretär Byrnes hat davon gesprochen, daß die Friedensbedingungen dem deutschen Volk bekanntgegeben werden sollen. Um eins bitte ich, und ich nehme an, daß das ganze deutsche Volk sich dieser Bitte anschließt: Nicht mehr ein Diktat des Friedens, sondern verhandelt mit dem deutschen Volk. Wir wissen, daß wir nach allem, was vorangegangen ist, einen schweren Frieden zu erwarten haben. Wir wissen, daß wir die Konsequenzen dessen, was ein Teil des Volkes, nicht alle, getan hat, mittragen müssen, aber diktiert nicht den Frieden, sondern verhandelt. Der erste Keim zum Wiedererstehen des nationalsozialistischen Geistes, des militärischen Geistes ist gelegt worden in Versailles, als man den Frieden diktiert hat.

Die Alliierten sollen jetzt endlich Vertrauen zu uns haben. Sie sind jetzt lange genug im Land, um zu wissen, daß nicht alle Deutschen, ja nicht einmal die Hälfte, nationalsozialistische Verbrecher waren; das ist nicht wahr. Sie mögen endlich Vertrauen zu uns haben, wie wir auch umgekehrt dann den Alliierten Vertrauen entgegenbringen müssen. Das deutsche Volk, und damit will ich schließen, will jetzt nur eins: Es will in Frieden ehrlicher Arbeit nachgehen, und es will nichts anderes, als wieder aufzubauen Deutschland und Europa, damit es später wieder als gleichberechtigtes Mitglied eintreten kann in den Kreis der Nationen. 

Quelle: StBKAH I/02.03. Auszug abgedruckt in: Konrad Adenauer: „Die Demokratie ist für uns eine Weltanschauung.“ Reden und Gespräche 1946-1967. Hg. von Felix Becker. Köln-Weimar-Wien 1998, S. 10-26.