7. September 1950: Feier des Nationalen Gedenktages des deutschen Volkes

Zur Feier des Nationalen Gedenktages des deutschen Volkes hatten sich am Donnerstag, dem 7. September 1950, 16 Uhr, aus Anlaß der erstmaligen Wiederkehr des Tages des Zusammentritts des Deutschen Bundestages der Herr Bundespräsident, das Präsidium des Deutschen Bundestages, das Präsidium des Bundesrats, der Herr Bundeskanzler, die übrigen Mitglieder der Bundesregierung, zahlreiche Mitglieder des Deutschen Bundestages und des Bundesrats und eine große Anzahl von Gästen und Ehrengästen - unter ihnen die Hohen Kommissare sowie Vertreter der ausländischen Missionen und Vertreter der Kirche und des öffentlichen Lebens - in dem mit Lorbeerbäumen und Blumen geschmückten Plenarsitzungssaal des Deutschen Bundestages zusammengefunden.

Die Feier wurde mit den Klängen des Ersten Satzes (grave-vivace) der D-Dur-Suite von Johann Sebastian Bach eingeleitet, den das Städtische Orchester der Stadt Bonn unter Leitung des Generalmusikdirektors Otto Volkmann zum Vortrag brachte.

Danach ergriff Bundeskanzler Dr. Adenauer das Wort zu folgender Ansprache:

Herr Bundespräsident! Meine verehrten Anwesenden! Heute vor einem Jahr ist der Deutsche Bundestag in diesem Raume zum ersten Male zusammengekommen. Damit ist das Herz und das oberste Organ der Bundesrepublik Deutschland ins Leben getreten. Wir alle, die wir uns damals in den Dienst Deutschlands gestellt haben - der Bundespräsident, der Bundestag, der Bundesrat, die Bundesregierung -, wir alle waren uns bewußt, daß wir eine schwere und eine undankbare Aufgabe vor uns hatten; wir waren uns auch bewußt, daß wir keinem souveränen Staate dienten. Sie erwarten von mir keine Aufzählung unserer gemeinsamen Arbeit und sicher nicht eine Aufzählung von Erfolgen; denn erst die Zukunft wird zeigen, ob unsere Arbeit Erfolge von Dauer aufzuweisen hat oder nicht. Aber ich glaube doch, eins heute hier vor der deutschen und vor der gesamten Öffentlichkeit feststellen zu dürfen: daß wir alle, die ich eben aufgezählt habe, wir alle, auch der gesamte Bundestag - und ich möchte hier ausdrücklich auch die Opposition nennen -, bestrebt waren, unser Bestes herzugeben für den Wiederaufbau Deutschlands, dieses zerstampften und am Boden liegenden Deutschlands, und Europas, daß wir alle bestrebt waren, das deutsche Volk aus dem tiefen Abgrund, in den es gestürzt war, wenn auch langsam und Schritt für Schritt, wieder hinauszuführen.

Ich habe eben gesagt: wir alle waren uns darüber klar, daß wir keinem souveränen Staate dienten. Wir unterlagen dem Besatzungsstatut, und die oberste Gewalt lag in den Händen der westalliierten Regierungen und ihrer Beauftragten, der Hohen Kommissare. Ein solcher Zustand, meine verehrten Anwesenden, bot in sich naturgemäß manche Gefahren und manche Klippen. Ich erachte es als meine Pflicht, und ich komme dieser Pflicht gern nach, heute und an dieser Stelle zu erklären, daß die Zusammenarbeit mit den Hohen Kommissaren gut war und daß wir auch bei ihnen in den meisten lebenswichtigen Fragen unseres Volkes Verständnis dafür gefunden haben, daß die Hohen Kommissare nicht nur Beauftragte ihrer Länder, sondern auch Vertreter deutscher Interessen waren. Dafür danke ich Ihnen an dieser Stelle.

Seitdem wir uns zum ersten Male in diesem Saale versammelt haben, ist der Riß zwischen den beiden Teilen Deutschlands womöglich noch vertieft worden, nicht etwa, meine Damen und Herren, von den 18 Millionen Deutscher, die jenseits des Eisernen Vorhanges leben! Ich weiß, daß diese 18 Millionen Deutscher sich in Treue mit uns vereint fühlen, wie wir mit ihnen uns vereint fühlen und immer vereint fühlen werden.

(Lebhafter Beifall.)

Meine Damen und Herren, Sie werden nicht erwarten, daß ich in den Ton der Gewalthaber der Sowjetzone verfalle und ihnen in gleicher Sprache antworte, mit der sie zu uns herüberrufen. Aber es drängt mich gerade in dieser Stunde, nochmals und abermals zu betonen, daß unser stetes Ziel sein wird, dereinst in Frieden wieder mit dem deutschen Osten vereint zu sein.

(Erneuter lebhafter Beifall.)

Lassen Sie mich auch in dieser Stunde einen besonderen Dank an die tapfere Bevölkerung von Berlin richten.

(Wiederholter lebhafter Beifall.)

Berlin ist unter uns vertreten, und eigentlich, meine Damen und Herren, ist es nur dem Rechte nach, nicht dem Tatbestand nach, ein Land, das zu uns gehört.

Nun, verehrte Versammlung, wird das zweite Jahr der Bundesrepublik Deutschland beginnen, und in diesem zweiten Jahre werden uns - der Bundesregierung, dem Bundestag und dem Bundesrat - vielleicht noch schwerere Aufgaben gestellt werden, als das erste Jahr sie uns gebracht hat. Lassen Sie mich in diesem Saale - denn er ist dazu bestimmt, politische Gespräche zu hören - nur die Worte aussprechen: Lastenausgleich, Kriegsopferversorgung, Mitbestimmungsrecht, Einordnung der Arbeitnehmer in die Wirtschaft; und meine Damen und Herren, der internationale Horizont hat sich gegenüber dem Vorjahr vielleicht noch mehr verfinstert. Und doch glaube ich: wir müssen und wir dürfen voll Vertrauen in die Zukunft blicken, den auch der Westen ist wach geworden unter der Bedrohung vom Osten her, und wenn wir den Glauben an unsere eigene Kraft nur behalten, dann - davon bin ich fest überzeugt - werden sich die Konflikte in diesem Europa und in der Welt doch lösen lassen, ohne daß es zu einer kriegerischen Entladung kommt.

Meine Damen und Herren, in erster Linie wollen wir uns auf unsere eigene Kraft stützen; hinzukommen muß dann die Hilfe, die uns von den Westalliierten gewährt werden muß.

Ich bin der festen Überzeugung, daß über allem menschlichen Unverstand und über allem menschlichen Misstrauen und über aller menschlichen Furcht, die so viele Handlungen auch der Staatslenker leitet, doch ein Wille steht, der schließlich auch diese Periode der Menschheit damit beendet, daß wir eine Stufe weiter nach oben kommen.

(Erneuter lebhafter Beifall.)

In dieser Hoffnung und in dieser Zuversicht, verehrte Versammlung, und ungeachtet alles dessen, was uns in dieser oder jener Frage trennt und scheidet, wollen wir in dem gemeinsamen Glauben an Deutschland und an Europa das zweite Jahr unserer Tätigkeit beginnen.

(Lebhafter Beifall.)

Quelle: Stenogr. Berichte 1. Deutscher Bundestag. Bd. 5, S. 3085f.