9. Juli 1951: Rede des Bundeskanzlers in Essen

Meine Damen und Herren! Meine lieben Parteifreunde!

Ich muss leider die so freundlichen Worte, die mir eben ausgesprochen worden sind, in etwa korrigieren. Ich finde es nicht richtig, diesen Saal irgendwie zu bemängeln, wie das mein Herr Vorredner eben getan hat. Ich habe, ich glaube seit 1945, nur einmal in München, aber das war auch das einzige Mal, in einem Saal gesprochen, der so schön ist wie dieser Saal hier. Ich glaube, unser Industriegebiet kann stolz darauf sein, einen solchen Saal zu besitzen. Ich bin gebeten worden, als Vorsitzender der CDU/CSU und als Bundeskanzler - das ist nun einmal in meiner Person vereinigt - zu sprechen, und das bringt mit sich, dass, wenn ich spreche, ich das eine Mal vielleicht etwas zu weit nach der einen Seite rutsche, und im anderen Falle etwas zu viel nach der anderen Seite. Aber nehmen Sie alles, wie es kommt, und seien Sie überzeugt, ich sage Ihnen die Wahrheit und spreche nicht aus propagandistischen und agitatorischen Gründen. Wenn ich spreche, dann will ich sprechen über unsere ganze Arbeit in der CDU, unsere Ziele, unser deutsches Volk und seine Rettung. Sehen Sie, das wird auch unsere Wahlparole sein im Jahre 1953. In zwei Jahren, um diese Zeit sind wir - will's Gott - mitten in der Arbeit, und dann werden wir das deutsche Volk, wie ich überzeugt bin, überzeugen und ihm klar machen können, dass wir eine gute Arbeit geleistet haben und wir das Vertrauen für weitere vier Jahre verdienen. Aber dazu müssen Sie alle mithelfen. Sie alle müssen mithelfen, dass unsere Organisation gut gefügt wird. Die beste Politik, die besten Prinzipien, alles das bedarf in der heutigen Zeit von Massenparteien einer guten Organisation. Ich weiß, dass die Organisation der CDU hier in Essen gut ist, und bin glücklich darüber, und ich wünsche, dass man sich die Organisation in Essen überall zum Vorbild nimmt.

Ich habe ein Thema gewählt über innen- und außenpolitische Vorgänge. Aber ich habe das nicht getan, um Ihnen irgendein Rätsel aufzugeben oder mich interessant zu machen, sondern ich habe das aus einem sehr einfachen Grunde getan. Wenn man geraume Zeit vorher gefragt wird, bist Du bereit zu sprechen, dann weiß man wirklich nicht, was in drei, fünf oder sechs Wochen wirklich akut ist, weil jeder Tag, jede Woche etwas Neues bringt und etwas anderes bringt. Und so habe ich diese ganz allgemeine Überschrift genommen aus dem einzigen Grunde, um zu Ihnen über das Akute, über das, was uns jetzt beschäftigt, sprechen zu können. Und gerade heute kommt die Nachricht, dass 37 Staaten erklärt haben, der Kriegszustand mit Deutschland sei beendet. Damit ist noch kein Friedensvertrag geschlossen, und damit ist auch noch nicht ein dem Friedensvertrag gleichkommender Vertrag geschlossen, sondern damit ist zum Ausdruck gekommen, dass all die diskriminierenden Erschwerungen, die die miteinander kriegführenden Staaten von beiden Seiten den Angehörigen der anderen Staaten auferlegt haben, nunmehr überwunden sind. Aber es ist doch ein großer Fortschritt, den wir heute zu verzeichnen haben mit dieser gleichzeitigen Erklärung aller dieser Länder, und ich glaube, wir Deutschen können und dürfen uns mit Recht darüber freuen.

Mein Vorredner hat eben davon gesprochen, von den Arbeiten, die geleistet worden sind. Und in Wahrheit: Wenn Sie die Tagesordnung des Bundestages lesen würden und seine Sitzungen allein in dieser Woche - jeder Schuljunge weiß, dass vor den Ferien noch schnell alles beiseite geschafft wird -, dass der Bundestag auf der Tagesordnung dieser Woche, ehe seine Ferien beginnen, rund 80 Punkte hat, dann gibt Ihnen das viel leichter eine Anschauung darüber, was der Bundestag, dieser vielgelästerte Bundestag, seit September 1949 in Wahrheit geleistet hat, und was die Bundesregierung geleistet hat, und was letzten Endes die Regierungskoalition, in der die CDU/CSU die stärkste Fraktion ist, für das deutsche Volk geleistet hat. Ich muss zu meinem Bedauern feststellen, dass die Opposition, von ganz wenigen Dingen abgesehen, bisher an positiver Mitarbeit für das deutsche Volk nur sehr wenig getan hat. Um beurteilen zu können, was seit 1949 geleistet worden ist, muss man noch einmal zurückdenken an jene Zeit. Man muss sich klar machen, dass auch schon seit Mitte des Krieges, Anfang der vierziger Jahre, die Reichsgesetzgebung vollständig zum Erliegen gekommen war. Man muss sich klar machen, dass schon seit Jahren funktionierende Reichsministerien nicht mehr vorhanden waren. Man muss sich darüber klar werden, dass durch den Krieg, durch den Zusammenbruch ein vollkommenes Chaos in Deutschland auch auf gesetzlichem Wege geschaffen worden war. Man muss sich weiter darüber klar sein, dass dieser zusammengebrochene Krieg den Bund vor neue Aufgaben größten Ausmaßes gestellt hat. Erst wenn man sich das alles klar macht, und wenn man sich weiter klar macht, dass wir doch erst jetzt einen einigermaßen funktionierenden Apparat haben, dass der Bundestag und die Bundesregierung schon sehr viele Tatbestände wieder geordnet haben, dann erst kann man diesem vielverleumdeten Bundestag und auch der Bundesregierung einigermaßen gerecht werden.

Nun möchte ich zu Ihnen, da ich in Essen bin, das mit Recht die Metropole des Ruhrgebiets genannt wird, sprechen, möchte ich einige Punkte zunächst hervorheben, die für Sie in Essen und für das gesamte Industriegebiet von besonderer Bedeutung sind. Ich möchte zu Ihnen sprechen über den Schumanplan und seine Bedeutung für das Ruhrgebiet und die Stadt Essen, und ich möchte endlich auch einige Worte sagen zu der besonderen Lage der Stadt Essen, der besonderen Lage insofern, als das Werk, auf dessen Gedeihen ganz Essen seinerzeit geruht hat - ich meine Krupp - mehr oder minder restlos demontiert ist, und weil Sie in Essen besondere Zerstörungen hatten.

Aber lassen Sie mich zu der Frage Kohle sprechen. Es ist nach meiner Meinung nicht nur zweck- und sinnlos, sondern auch falsch, wenn man den ganzen Mangel, unter dem wir leiden, damit zu erklären sucht, dass wir einen zu großen Export haben. Sicher, der Kohlenexport ist für uns zu groß, und wir müssen die Kohle exportieren zu Preisen, die völlig unangebracht sind. Aber im Grunde genommen hilft nur eins: Eine Steigerung der Produktion. Wodurch ist der Mangel gekommen? Der Kohlebergbau ist seit Jahren vernachlässigt worden im Kriege und nach dem Kriege; im Kriege, weil man eben Raubbau getrieben und nicht genügend investiert hat und weil man nicht genügend gesorgt hat für Bergarbeiterwohnungen usw., und nach dem Kriege, weil - vergessen wir das nicht -, doch wenigstens in der ersten Zeit der Besatzung, der Besatzung oder den betreffenden britischen Stellen sehr wenig daran zu liegen schien - ich drücke mich sehr vorsichtig aus, denn der Kriegszustand ist beendet -, dass die Produktion im Kohlebergbau gefördert wird. Es kam hinzu, dass man während der ganzen Jahre für die Lösung der Verkehrsfragen im Industriegebiet zu wenig getan hat. Auf die Siedlungsfrage kam ich schon oben zu sprechen. Kurz und gut, all das zusammen, die Vernachlässigung weiterer Aufschließungen, der Mangel an Investitionen, hat es zuwege gebracht, dass die Kohlenproduktion nicht in dem Maße gesteigert werden konnte, wie das für uns und die ganze Welt nötig ist. Damit will ich unter keinen Umständen dem Land Nordrhein-Westfalen einen Vorwurf machen. Das Land Nordrhein-Westfalen hat für das Industriegebiet getan, was es tun konnte. Das muss man rückhaltlos anerkennen. Ich will auch nicht diejenigen Männer anklagen, die in der Kohlenkontrollgruppe gearbeitet haben. Auch sie haben ihr Bestes getan. Aber ich habe doch geglaubt, Ihnen und der gesamten Öffentlichkeit die Hauptursache des Kohlenmangels einmal klarlegen zu sollen, weil lediglich, wenn man für diesen Mangel die Gründe aufzeigt, mit Energie an die Beseitigung herangehen kann, und hier wird der Bund eingreifen müssen. Wir können das aber nicht - und das sage ich von vornherein - ohne Kredite, und bei dem Kapitalmangel in Deutschland bleibt dann nichts anderes übrig als Auslandskredite. Ohne erhebliche Auslandskredite ist eine erhebliche Steigerung der Kohlenproduktion nicht möglich. Aber wenn wir diese Auslandskredite bekommen, dann müssen wir nun an diese Steigerung der Kohlenproduktion nicht mit vagen Mitteln, nicht in Einzelheiten herangehen, sondern dann müssen wir das ganze Problem wirklich von der Wurzel aus zu erfassen suchen. Wir bekommen aber Auslandskredite, das möchte ich gerade hier im Industriegebiet mit allem Nachdruck aussprechen, nur dann, wenn der Schumanplan ratifiziert wird. Wenn der Schumanplan nicht ratifiziert wird, bekommen wir keinen Dollar Auslandshilfe, und darum hat von allen Gegenden in Deutschland gerade das Industriegebiet und hat insbesondere die Stadt Essen das größte Interesse daran, dass der Schumanplan auch wirklich ratifiziert wird.

Und somit bin ich beim Schumanplan angelangt und möchte gerade hier in Essen einiges von der wirtschaftlichen Bedeutung des Schumanplanes sagen. Ich komme noch auf die politische Bedeutung des Planes zurück. Leider Gottes haben die wenigsten Leute, die gegen den Schumanplan sprechen, hüben und drüben, eine Anschauung von dem, was im Schumanplan steht. Wir haben das leider öfters feststellen müssen. Denn über den Schumanplan kann man in Wahrheit nur reden und darf nur reden, wenn man den Schumanplan wirklich studiert hat. Aber wenn man von vornherein sagt, der Schumanplan ist von dieser Bundesregierung unterschrieben worden, folglich bin ich dagegen, dann hat ein derartiges Verfahren gar keinen Sinn und keinen Verstand und man erweist dem ganzen deutschen Volk und sich selbst den denkbar schlechtesten Dienst. Der Schumanplan ist etwas ganz Einmaliges in der Geschichte, und zwar insofern etwas ganz Einmaliges, als eine Reihe von Ländern - sechs sind es zunächst - freiwillig und ungezwungen einen Teil ihrer Souveränitätsrechte auf eine supernationale Stelle übertragen hat. Ich glaube nicht, dass das jemals in der Geschichte erlebt worden ist. Auf diese Weise schafft der Schumanplan einen einheitlichen Markt von 167 Millionen Menschen für Kohle und für Eisen und Stahl, einen einheitlichen Markt ohne Zollschranken, ohne Währungsschranken, da alle diejenigen, die in diesem Gebiet produzieren, gleichgültig wohin liefern können. Derjenige, der etwas vom wirtschaftlichen Leben kennt und der etwas Phantasie hat, etwas Vorstellungsvermögen, etwas Vorstellungskraft, der muss sich sagen, dass allein in dem Schaffen eines großen Marktes für uns, die wir die Kohle produzieren, eine ungeheure Aussicht steckt, mit seiner Hilfe zu wirtschaftlicher Kraft und zu wirtschaftlicher Blüte zu kommen.

Ich möchte Ihnen eigentlich die Schrift vorlesen „Was weiß ich vom Schumanplan? - Eine Antwort an Dr. Kurt Schumacher". Da möchte ich folgendes einfügen: Ich bin mir nicht so ganz klar, ob ich Dr. Schumacher, der sich immer wieder mit der SPD identifiziert, Unrecht tue oder der SPD. Aber ich möchte mich doch einstweilen, da er der Sprecher der SPD ist, in erster Linie an ihn halten. Denn was der Boss tut, das müssen die anderen auch. Ich will Ihnen aber nicht vorlesen, was Herr Dr. Schumacher in seinen verschiedenen Reden gegen den Schumanplan gesagt hat. Das würde zu lange aufhalten. Aber ich möchte doch einige Feststellungen treffen. Der Schumanplan kennt keinen Unterschied mehr zwischen Siegern und Besiegten. Das Ruhrstatut, die Ruhrkontrolle, die Beschränkungen der Produktion werden mit dem Inkrafttreten des Schumanplanes fallen, ein Erfolg, den vor anderthalb Jahren, als das Ruhrstatut kam, als es in London beschlossen wurde, niemand von uns für möglich gehalten hätte. Es wird behauptet, dass den Franzosen weitgehende Rechte eingeräumt wurden über deutsche Gruben. Das ist richtig. Aber genau so gut werden den Deutschen oder - korrekter ausgedrückt - den im Schumanplan vereinigten Ländern weitgehende Rechte eingeräumt über die französische Produktion. Und sehen Sie, es ist interessant, wenn man, wie es ja meines Amtes ist, wenigstens einigermaßen verfolgt, was über den Schumanplan in den verschiedenen Ländern geschrieben und veröffentlicht wird. Dann stößt man auf zwei doch sehr bemerkenswerte Dinge. Es wird natürlich am Schumanplan dieses und jenes ausgesetzt und höchstwahrscheinlich zum Teil zu Recht. Denn kein Ding ist vollkommen von Anfang an. Denn es muss sich zeigen, ob sich manches, was sehr überlegt worden ist, in der Praxis bewährt, und wenn es sich nicht bewährt, muss es eben nach einer gewissen Zeit geändert werden. Diese Kritik, die nun gewisse Bedenken äußert, schlage ich nicht hoch an, obgleich ich demgegenüber auch einiges sagen möchte. Wenn man nichts wagt, wenn man nicht einen Schritt in eine unbekannte Zukunft, natürlich gut überlegt, geht, dann bleibt man ewig auf der Stelle stehen, und das ist ein Reaktionär.

Sehen Sie, ein wirklich massiver Widerspruch gegen den Schumanplan geht eigentlich nur von zwei Stellen aus. Die eine Stelle ist die französische Schwerindustrie, die sich mit Hand und Fuß und mit allen Mitteln gegen den Schumanplan wehrt, indem sie sagt, man liefert wesentliche Teile der französischen Wirtschaft den Deutschen aus, und der andere Teil, der sich massiv dagegen wehrt, das ist die deutsche Sozialdemokratische Partei, und nun stellen Sie sich dieses Paar von Brüdern vor! Aber wir lassen uns nicht beirren. Wir denken nicht daran. Und ich bin überzeugt davon, dass die Mehrheit des Bundestages der Ratifizierung des Schumanplanes zustimmen wird und dass eines Tages das deutsche Volk, dass Europa und auch das Industriegebiet und die Stadt Essen froh darüber sein werden, dass dieser Schumanplan gekommen ist. Ja, ich bitte Sie, das Heftchen müssen Sie sich einmal zuschicken lassen. Es ist sehr einfach und klar, wenigstens für den, der klar sehen will.

Aber das eine will ich Ihnen doch noch sagen: Es ist verheerend - ich spreche sehr ernst, wenn ich dieses Wort gebrauche, und es ist mir sehr ernst gemeint -, wenn gesagt wird, der Schumanplan bedeutet nichts anderes, als die französische Reparationspolitik, wie sie seit dem Jahre 1918 bestanden hat, zu verewigen. Das ist einfach nicht wahr und man bereitet damit der Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland, die im Interesse dieser Nachbarländer, im Interesse Europas, im Interesse der Welt absolut notwendig ist, sehr große Hindernisse, denn die eigentlichen Franzosen fragen, was steckt dahinter, wenn man so etwas behauptet. Und sie sagen - mir haben das schon wichtige ausländische Politiker gesagt -, wir würden Deutschland sehr viel schneller und lieber entgegenkommen, wenn wir nicht doch den Gedanken auch mal überlegen müssten, wie würde es denn mit Deutschland zugehen, wenn etwa die Wahl des Jahres 1953 die Sozialdemokratie unter Dr. Schumacher an die Macht bringen würde? Na, wir werden es schon verhüten. Ich bin da wirklich sehr optimistisch. Denn wenn wir in den nächsten zwei Jahren wie bisher unsere Pflicht tun und wenn wir alle zusammenpacken, dann werden wir die Sache todsicher schon schmeißen. Aber wenn man auf diese Art so unobjektiv und so dumm spricht, dann erweckt man kein Vertrauen, und wenn man etwas nötig hat, um das deutsche Volk wieder in die Höhe zu bringen und unser Vaterland, dann ist dazu in erster Linie nötig das Vertrauen der anderen. Ich habe eben schon ausgeführt, ich würde Ihnen über die politische Bedeutung des Schumanplanes im Laufe meiner Rede noch weiter etwas sagen.

Lassen Sie mich aber vorher etwas ausführen zur Saar und über den Zusammenhang der Saarfrage mit dem Schumanplan und über die Politik, die nach meiner Auffassung die Deutschen in der Saarfrage beobachten müssen. Ich muss aber eines voranschicken, etwas, was die wenigsten in Deutschland behalten haben. Die französische Saarpolitik, die auch nach Auffassung mancher einflussreicher französischer politischer Kreise falsch ist, ging von folgender Erwägung aus. Sie sahen im Jahre 1945 nach dem Zusammenbruch in Deutschland, obwohl es so am Boden lag, den einzigen künftigen eventuellen Kriegsgegner, und gegen einen Revanchekrieg von Deutschland wollte Frankreich sich sichern, und deshalb wollte es das Kriegspotential Deutschlands nach Möglichkeit schwächen. Aus dieser Erwägung heraus hat es seine Saarpolitik betrieben, hat es seine Hand auf die Saarkohle gelegt, auf das Saareisen, auf die Saarwirtschaft, weil es glaubte, wenn es Deutschland die Saarkohle und das Saareisen entziehe, dass es dann Deutschland bei einer eventuellen Tendenz einer Wiederaufrüstung doch schwächen werde. Damals - vergessen Sie nicht, dass damals zwischen den vier Alliierten, den drei Westalliierten und Sowjetrussland, noch Einvernehmen herrschte, wenigstens haben die westlichen Alliierten geglaubt, dass Einvernehmen herrschte -, damals fand diese französische These auch Anklang und Verständnis bei den Vereinigten Staaten von Nordamerika und bei England. Und so hat auf der Moskauer Konferenz im Jahre 1947 Frankreich den Antrag gestellt, das Saargebiet von Deutschland abzutrennen. Diesem Antrag - die Protokolle darüber sind veröffentlicht - haben damals sowohl die Vereinigten Staaten und auch England zugestimmt. Widersprochen hat ihm Sowjetrussland, nicht etwa aus heißer Liebe zu uns, sondern aus sehr gewichtigen Gründen, auf die ich noch zu sprechen komme. Da aber Einstimmigkeit notwendig war, fiel dieser französische Antrag.

Nunmehr hatten damals England und die Vereinigten Staaten Frankreich zugesichert, dass sie bei den Friedensvertragsverhandlungen mit Deutschland die französischen Wünsche in Bezug auf das Saargebiet unterstützen werden. Also das ist der Tatbestand, wie er nun einmal ist. So hat Frankreich die Saarpolitik angefangen aus der damaligen Einschätzung der gesamten politischen Lage heraus, und England und die Vereinigten Staaten haben der französischen Politik zugestimmt. Seitdem, seit dem Jahre 1947, hat sich die politische Lage in der Welt völlig verändert. Sowjetrussland ist in schwersten Gegensatz zu den drei Westalliierten gekommen, und Deutschland, die Bundesrepublik, hat sich den drei Westalliierten genähert, so dass also gar keine Rede davon sein kann, dass etwa ein zukünftiger Kriegsgegner Frankreichs Deutschland sein wird, sondern der gemeinsame Gegner für alle ist Sowjetrussland mit seinen Satellitenstaaten, und nun ist es notwendig, die anderen, Frankreich, England und die Vereinigten Staaten, davon zu überzeugen, dass seit dem Jahre 1947 die Weltlage eine völlig andere geworden ist, und der Schumanplan wird uns wesentlich dabei helfen. Denn nach dem Schumanplan wird die Saarkohle und das Saareisen Europas Kohle und Europas Eisen, ebenso gut wie die französische Kohle und das französische Eisen und ebenso gut wie die deutsche Kohle und das deutsche Eisen, so dass also dieses Ziel der französischen Politik auf die Saar durch den Schumanplan, aber auch ganz abgesehen von der weltpolitischen Veränderung in dem Verhältnis Sowjetrusslands zu den drei westlichen Alliierten, völlig hinfällig geworden ist. In der Zwischenzeit bemühen sich einige Leute an der Saar, insbesondere Herr Grandval, auf dem alten Geleise der französischen Saarpolitik die Dinge weiterzutreiben.

Wir wollen das nicht, und die deutsche Bundesregierung wird ihr Möglichstes tun, damit an der Saar nicht durch Machenschaften untergeordneter Organe vollendete Tatsachen geschaffen werden. Aber ich als Bundeskanzler lehne es ab, diese Gespräche mit Herrn Grandval zu führen. Ich führe diese Gespräche mit der französischen Regierung, und ich führe diese Gespräche mit der Regierung der Vereinigten Staaten und Englands, und ich halte es für absolut falsch, dass der Bundestag alle acht oder 14 Tage, wie Herr Dr. Schumacher ankündigte, sich mit der Saarfrage beschäftigt, wenn der Herr Grandval irgendein Interview gegeben hat oder was gesagt hat. Dadurch verhilft man Grandval zu dem Ruf einer internationalen politischen Persönlichkeit. Das Dümmste, was man in der Außenpolitik machen kann, ist, wenn man die Saarpolitik weiter so behandelt, wie das bisher geschehen ist. Wenn Dr. Schumacher am Samstag oder am Sonntag angekündigt hat, dass wir uns darauf gefasst machen müssen, jede Woche eine Saar-Debatte zu haben, wenn die Bundesregierung ihre Pflicht gegenüber der Saar nicht erfüllt, dann muss ich vom deutschen Standpunkt aus gesehen sagen: Ein derartiges Verfahren, aus rein propagandistischen parteitaktischen Gründen die deutschen Interessen zu gefährden, finde ich unerhört.

Ich habe in der vorigen Woche im Bundestag gesagt, und ich wiederhole das: Ich bin der Auffassung, dass die Saarfrage eine Lösung finden wird in nicht allzu langer Zeit, die den deutschen und französischen Interessen und auch den Interessen der Leute, die an der Saar wohnen, entspricht, und zwar bin ich zu dieser Auffassung deshalb gekommen, weil eben die Entwicklung weiter fortschreitet und weil die Gründe, die damals die Franzosen mit irgendwelcher Überzeugungskraft für ihre Saarpolitik den Engländern und Amerikanern anführten, inzwischen nicht mehr bestehen, und weil ich der Auffassung bin, dass auf die Dauer gesehen niemand die Leute an der Saar gegen ihren Willen von Deutschland abtrennen wird. Wir müssen dafür sorgen - das tun wir auch und werden wir weiter tun -, dass die Leute an der Saar wissen, dass wir sie nicht im Stich lassen. Ich bin weiter überzeugt, es wird, ohne dass es zu einer Volksabstimmung kommt, der Augenblick kommen, wo die Stimme der Saarbevölkerung klar und deutlich sprechen wird: Wir wollen nicht ein kleines Ländchen für uns bilden, sondern wir wollen wieder zu Deutschland zurück.

Ehe ich zu außenpolitischen Fragen übergehe, lassen Sie mich einige Worte hier sagen zum Radikalismus, und zwar sowohl zum Radikalismus von rechts und von links. Wir sind fest entschlossen, nicht in den Fehler zu verfallen, in den die Weimarer Republik verfallen ist, d.h. dass wir aus lauter Demokratie uns den Hals umdrehen lassen. Daran haben wir kein Interesse. Sie können sich darauf verlassen, dass wir diesen Fehler nicht begehen werden. Wir werden rechtsradikalen Strömungen von vornherein mit solcher Kraft entgegentreten, dass sie nicht den propagandistischen Zuwachs bekommen werden, der sie zu irgendeiner gefährlichen Bewegung auswachsen lässt. Aber dieser Rechtsradikalismus, wie er sich in Niedersachsen zunächst entwickelt hat, ist zur Zeit noch nicht gefährlich. Ich möchte das ausdrücklich sagen gegenüber gewissen besorgten Stimmen im Ausland. Wir werden sorgen, und Sie müssen auch alle mithelfen, dass er nicht gefährlich wird. Ich kann allerdings die eine Bemerkung nicht unterdrücken. Alle Länder haben bislang nicht den Willen gehabt, den Rechtsradikalismus nicht entstehen zu lassen. Und lassen Sie mich das Ding beim Namen nennen. Wenn die niedersächsische Regierung bei der Wahl zum niedersächsischen Landtag von Anfang an von den Rechten und den Pflichten, die sie hat, Gebrauch gemacht hätte, dann wäre der Rechtsradikalismus nicht einmal so weit gekommen, wie er jetzt gekommen ist. Aber gerade in Niedersachsen wurden diese rechtsradikalen Strömungen, Versammlungen und Beschimpfungen allem Eindruck nach gern gesehen in der Hoffnung, dass dadurch schließlich so viele Stimmen von nichtsozialistischen Wählern zerteilt werden, dass die Sozialdemokratische Partei die größte Partei wird, wie überhaupt, das muss sehr gerade heraus gesagt werden, das Wahlrecht, das man in Niedersachsen vor der Landtagswahl gemacht hat, war ein Wahlrecht, das nur gemacht worden ist, um einer Partei zur Macht zu verhelfen. Und das ist in meinen Augen keine Demokratie.

Die linksradikale Gefahr kennen viele von Ihnen, die Sie im Industriegebiet wohnen, ganz gut. Sie werden gerade während der letzten Zeit bemerkt haben, wie die FDJ und die hinter ihr stehenden Leute versuchten, überall Unruhe zu schaffen und überall die Staatsautorität zu schwächen. Das sind noch keine revolutionären Erscheinungen, aber sie sollen den Boden vorbereiten. Sie sollen bei den übrigen Leuten die Überzeugung wecken, dass die Autorität dieses Staates sehr gering ist, dass seine Machtmittel sehr gering sind, und dadurch wollen sie Furcht erwecken. Einem solchen Beginnen treten wir entgegen; wir haben die FDJ verboten. Wir verlangen mit Recht, dass die Länder mit ganzer Kraft dementsprechend verfahren. Die Länder sind nicht Selbstzweck, und kein Land kann bestehen, ohne dass der Bund besteht und gedeiht. Ich habe den dringenden Wunsch, dass alle Länder, auch die neureichen, d.h. diejenigen, die jetzt gerade Land geworden sind und die nicht auf eine alte föderalistische Tradition zurückblicken, das erkennen und sich entsprechend verhalten. Lassen Sie mich meinem gequälten Herz Luft schaffen. Ich war vor zehn Tagen in der Sitzung des Bundesrats, in der über den Schumanplan verhandelt worden ist. Der Bundesrat soll eine Vertretung der Länder beim Bund sein, und die Väter des Grundgesetzes, zu denen auch ich gehöre, gaben sich der Hoffnung hin, dass Mitglieder von Länderregierungen doch so weit sich loslösen könnten von parteipolitischen Verbindungen und parteipolitischen Kom[mandos?], dass sie wirklich für eine vernünftige großzügige Politik zu haben seien. Diesen Glauben habe ich nach der letzten Sitzung des Bundesrats über den Schumanplan bis auf weiteres beiseite legen müssen. Ein traurigeres Beispiel für den föderalistischen Gedanken als die letzte Sitzung des Bundesrats habe ich bisher nicht gesehen, denn die ganzen Länder, die sozialistische Kabinette haben, stimmten im Grunde genommen gegen den Schumanplan, trotzdem einige Führer dieser Regierungen vorher öffentlich für den Schumanplan eingetreten waren.

Ich kehre zurück zu dem, von dem ich ausgegangen bin. Wir werden gegen den Rechts- und Linksradikalismus vorgehen. Wir wollen den demokratischen Staat erhalten, und wir wollen nicht den Fehler begehen, der in der Vergangenheit gemacht worden ist. Es ist nicht demokratisch, eine Demokratie den Feinden der Demokratie auszuliefern.

Nun lassen Sie mich einige außenpolitische Fragen erörtern, und zwar muss ich Sie bitten, Ihre Gedanken einmal sechs Jahre zurückzuversetzen in das Jahr 1945 und vielleicht noch einige Jahre früher. Zwei Dinge lassen sich leider Gottes nicht ableugnen. Das eine ist, dass der Nationalsozialismus bei uns in Deutschland entstanden ist, und dass er im In- und Ausland furchtbare Grausamkeiten begangen hat. Die zweite Tatsache ist, dass der Nationalsozialismus bewusst und gewollt in den Zweiten Weltkrieg hineingegangen ist. Wenn Sie sich diese beiden Tatsachen vor Augen halten, dann können Sie in etwa doch ermessen, dass die anderen Länder doch gegenüber Deutschland mit Reserven, zum Teil mit Ressentiments, zum Teil mit einer gewissen Besorgnis stehen, eine Besorgnis, die noch gesteigert worden ist, merkwürdigerweise, aber auch wieder verständlicherweise, durch die ungeheure Lebenskraft, die sich im deutschen Volk nach seinem Zusammenbruch zeigte. Es muss darum Voraussetzung für jede erfolgreiche Außenpolitik sein - und zwar an erster Stelle steht diese Forderung -, Vertrauen im Ausland für Deutschland wiederzugewinnen. Das ist ein ganz entscheidender Faktor für einen Erfolg der deutschen Außenpolitik.

Es ist wirklich nicht so in der Außenpolitik, als wenn da einige Kartenspieler zusammensäßen und der eine den anderen zu bemogeln versucht. Das ist nicht wahr, sondern ich wiederhole: Das Vertrauen zu den anderen, das Vertrauen zu seiner Wahrhaftigkeit und zu seiner Ehrlichkeit, auch wenn man in manchen Dingen entgegengesetzter Meinung ist, das ist die Grundlage eines jeden Verhandelns, eines jeden Erfolges. Und nun besteht, man muss sich das einmal klarmachen, in manchen anderen Staaten eine gewisse Besorgnis, die ich wie folgt ausdrücken möchte: Die Besorgnis, eines Tages möchte Deutschland, wenn es so weit wieder frei wäre und gekräftigt wäre, sich mit Sowjetrussland verbinden und mit Sowjetrussland gemeinsame Sache machen. Und diese Besorgnis, die wird - ich muss das leider hier sagen - genährt durch das Verhalten der Sozialdemokratie in wichtigen und entscheidenden deutschen Fragen. Ich weiß, dass ich mit diesem Satz einen Vorwurf erhebe, der sehr schwer genommen werden wird. Ich sage nicht, dass das die Absicht der Sozialdemokratie ist. Nein, ich bin überzeugt, das ist nicht ihre Absicht. Aber in Wirklichkeit wird durch das Verhalten der Sozialdemokratie bei den anderen die Befürchtung weitgehend genährt. Das gilt zunächst von dem Verhalten der Sozialdemokratie beim Schumanplan. Das wird ebenso wieder eine Rolle spielen, wenn die Frage des Verteidigungsbeitrages Deutschlands zur Verhandlung und Entscheidung kommen wird. Der Schumanplan war für die Vereinigten Staaten geradezu ein Probefall dafür, ob dieses Westeuropa noch die Kraft hat, sich zusammenzufinden, und ob es sich deswegen für die Vereinigten Staaten lohne, für dieses Europa zu bluten. Das ist mir von der für Deutschland maßgebenden amerikanischen Stelle ausdrücklich gesagt worden, und darum wird es auch entscheidend sein, wenn es demnächst zur Abstimmung im Bundestag kommt, was die Sozialdemokratie, die eine große Partei ist, zu dem Schumanplan sagen und welche Stellung sie dazu einnehmen wird. Ich bitte Sie, den Schumanplan gerade auch unter diesen Gesichtspunkten zu betrachten. Seine politische Bedeutung ist fast noch größer als seine wirtschaftliche.

Nun zur außenpolitischen Lage: Ich möchte unterscheiden die Periode von 1945 bis Korea, also bis Sommer 1950, und die Zeit seither. Was ist in den ersten fünf Jahren nach dem Zusammenbruch Deutschlands vor sich gegangen. Die anderen Alliierten haben abgerüstet; sie haben zum Teil ihre Rüstungswerke direkt verkommen lassen. Kurz und gut, sie haben so gehandelt, als wenn der ewige Friede nun wieder zurückgekehrt sei. Ein Land hat etwas anderes getan; das ist Sowjetrussland. Sowjetrussland hat seit 1945 ständig und mit aller Kraft unter Vernachlässigung der dringendsten und größten innenpolitischen Aufgaben weitergerüstet, so dass sein Rüstungspotential allen anderen weit überlegen war. Es hat die Zeit seit 1945 ebenfalls benutzt, um im Wege des kalten Krieges, ohne dass auch nur ein russischer Soldat eingesetzt worden war, sein Gebiet ungeheuer zu erweitern. Es hat seit 1945 die Souveränität vieler Staaten vernichtet und diese Länder zu Satelliten gemachten in einer Größe, in einem Umfang, vielleicht dem anderhalbfachen der Größe des Deutschen Reiches im Jahre 1936.

Es hat von 1945 an sich einverleibt die drei baltischen Staaten, Polen, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Ungarn, die Tschechoslowakei und die deutsche Ostzone, und es hat gleichzeitig in Ostasien China in seine Hand bekommen, nämlich Rotchina. Und es hat ferner im Wege des kalten Krieges in Frankreich und Italien sich große kommunistische Parteien aufgebaut, und es hat versucht, die Bundesrepublik im Wege des kalten Krieges ebenfalls reif zu machen. Durch Korea sind den Westalliierten die Augen aufgegangen, wohin das schließlich führt. Und seit Korea rüstet Nordamerika mit ganzer Kraft auf. Das war der große Fehler in der Rechnung der Russen. Sie haben geglaubt, nach meiner Überzeugung, dass die übrige Welt auch Korea schlucken wird, und die übrige Welt hat Korea nicht geschluckt. Seit Korea ist sich Amerika darüber klar, dass es nicht genügt, Europa wirtschaftlich zu unterstützen, sondern dass gegenüber einem Land wie Sowjetrussland nur eins spricht: Macht. Und seit jener Zeit rüsten die Vereinigten Staaten mit ganzer Kraft auf. Selbst auf die Gefahr hin, dass Herr Renner wieder mal sagt, ich spräche im Auftrage von McCloy, möchte ich folgendes sagen: Ich weiß nicht, ob jemals in der Weltgeschichte sich ein Land, das gesiegt hat wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika, das dadurch eine ungeheure Machtfülle auf sich konzentriert hat, der Verpflichtung bewusst geworden ist, die eine solche Machtkonzentration dem betreffenden Land auferlegt.

Ich weiß nicht, ob jemals in der Geschichte nach einem solch furchtbaren Kriege ein Land dem zu Boden geschlagenen Feind so zur Hilfe gekommen ist, wie das die Vereinigten Staaten getan haben. Ich weiß nicht, ob ein anderes Land so viele junge Menschen in einen grausamen Krieg geschickt hätte, wie das die Vereinigten Staaten in Korea getan haben. Seit Korea hat nunmehr England aufgerüstet, auch England, das in den letzten zehn bis zwanzig Jahren starke Einbußen erlitten hat, hat in seiner Aufrüstung eine große Anstrengung gemacht. Aufgerüstet hat Italien; in der Aufrüstung befindet sich Frankreich; auch die kleineren Länder sind in der Aufrüstung begriffen. Sie wissen, dass der Nordatlantikpakt geschlossen ist und dass General Eisenhower den Oberbefehl über die Nordatlantikpakt-Streitkräfte hat. Nun betrachten Sie in dieser Situation auf der einen Seite das hochgerüstete Sowjetrussland mit seinen Satellitenstaaten, auf der anderen Seite die westliche Welt, die beginnt, sich aufzurüsten, sich zu formieren. Wir liegen dazwischen, die Bundesrepublik, von der ich zunächst spreche, entmilitarisiert, halb souverän, nicht mehr, überbevölkert, in vieler Beziehung eine schwer notleidende Bevölkerung, die keine Wohnung und keine Arbeit hat. So liegen wir mitten zwischen diesen Kraftpolen. Das muss man sich vor Augen halten, wenn man einen richtigen Standpunkt einnehmen will in der kommenden Entwicklung. Aber man muss auch etwas weitergehen und muss sich klarmachen, dass doch seit 1914 die Stärkeverhältnisse in der Welt und insbesondere in Europa sich grundlegend verändert haben. Denken Sie bitte daran, dass 1914 Deutschland die stärkste militärische Macht der Welt war. Denken Sie bitte daran, dass 1914 England im Besitz seiner ganz großen Hilfsmittel war, die stärkste Flotte der Welt hatte. Seine Flotte war stärker als die beiden nächsten Flotten zusammengenommen. Denken Sie daran, dass damals noch Österreich-Ungarn existierte und dass dadurch die ganzen Länder auf dem Balkan politisch und kulturell nach Europa orientiert waren. Denken Sie bitte daran, dass damals Frankreich eine Militär- und Seemacht ersten Ranges war und dass Italien ebenfalls eine Macht militärisch und flottenmäßig war, und denken Sie daran, dass auf der anderen Seite Russland weit, weit zurücklag und dass es nicht mitten in Deutschland stand wie jetzt, dass es nicht diese Macht hatte, diese Rüstung, diesen totalitären Imperialismus, den Russland jetzt hat.

Wenn Sie sich dann klarmachen, wie es jetzt aussieht, auf der einen Seite dieses Westeuropa, zur Zeit ohne entscheidende Kraft, auf der anderen Seite Sowjetrussland mit dieser Aufrüstung und drüben in Amerika die Vereinigten Staaten mit einer noch größeren Kraft, als Sowjetrussland sie hat, dann werden Sie sich darüber klarwerden, dass die Spannungen unserer Tage und unserer Jahre zwischen Sowjetrussland einerseits und den westlichen Alliierten andererseits ohne Explosion und ohne Krieg vorübergehen. Ich glaube, dass das der Fall sein wird, der dann auf lange Zeit hinaus der Druck, der unerträgliche Druck dieser großen Machtzusammenballung im Osten auf Westeuropa bleiben wird, dass, wenn man darauf hinausgeht, Westeuropa und damit die abendländische Kultur und die christliche Kultur zu retten, man darauf aus sein muss, Vorsorge zu treffen für eine lange, jetzt nicht zu schätzende Zeit. Ich habe eben gesagt, ich glaube nicht, dass die gegenwärtigen Spannungen zu einer Explosion führen müssen. Natürlich, kein Mensch ist in der heutigen Zeit davor sicher, dass irgendein Brand irgendwo in der Welt, namentlich wenn einer sieht, dass seine Geschäfte dadurch gefördert werden, sich zu einem Großbrand auswächst. Ich glaube deswegen nicht daran, weil Sowjetrussland genau weiß, dass, wenn jetzt ein Krieg ausbrechen würde, Sowjetrussland hier bei uns vielleicht die erste Schlacht gewinnen, dass es aber die letzte Schlacht verlieren würde.

Sowjetrussland ist ein sehr kühler Rechner. Es macht nicht solche Geschichten, wie es der deutsche Nationalsozialismus gemacht hat, der einfach mit dem Kopf gegen die Wand rannte, sondern Sowjetrussland berechnet kühl und ruhig die Chancen, die es hat zu gewinnen oder zu verlieren. Bisher hat Sowjetrussland ja im kalten Krieg - ich habe es eben ausgeführt - für einen sehr billigen Preis ungeheure Gewinne gemacht. Es wird versuchen, auf diesem Wege weiter fortzufahren, und es wird versuchen, im kalten Krieg den Gewinn zu machen, der ihm als der größte Gewinn vorschwebt, und als größter Gewinn schwebt ihm vor - das sagen manche Kenner Sowjetrusslands und der russischen Geschichte -, und Sie werden mir, glaube ich, darin zustimmen, als größter Gewinn schwebt Sowjetrussland vor die Neutralisierung und Demilitarisierung der Bundesrepublik. Und wissen Sie warum? Wenn das Sowjetrussland gelingt, dann bekommt es einen solchen Zuwachs an Kriegspotential sowohl materiell wie personell - personell nicht der Zahl nach, aber der Kraft und der Intelligenz nach -, und dann werden ihm Frankreich und Italien mit ihren kommunistischen Parteien ohne weiteres in den Schoß fallen. Dann wird es gegenüber den Vereinigten Staaten ein Gegner sein, den auch die Vereinigten Staaten zu respektieren haben. Was uns passieren könnte im Falle einer Neutralisierung und Demilitarisierung, das kann sich jeder von Ihnen ohne weiteres ausmalen. Dann würde unser Land in verhältnismäßig kurzer Zeit ein Satellitenstaat sein wie die anderen auch, und Frankreich würde es sein, und Italien würde es sein, und die Beneluxländer würden es sein, ja, ganz Westeuropa würde es sein.

Wem es daher Ernst ist mit dem Kampf um die Freiheit, um die Güter des Christentums, mit dem Kampf um die abendländische Kultur, der muss hier aufpassen und muss die richtige Wahl treffen. Sagen Sie nicht, dass das Utopien seien. Ich glaube, dass Ende des vergangenen Jahres nach dieser Richtung hin gearbeitet worden ist, uns zu neutralisieren und zu demilitarisieren. Und sagen Sie auch nicht, dass in den anderen westalliierten Ländern man diese Frage in ihrer ganzen Bedeutung für Europa und für das eigene Land erkannt hätte. Leider ist das nicht überall. Leider gibt es noch Länder, gewisse politische Kreise in anderen Ländern - ich nenne absichtlich keine Namen -, die glauben: Sowjetrussland wird uns aus traditioneller Freundschaft in Ruhe lassen, wird uns nicht schlucken. Diese Toren! Das sind Leute, dieser Vergleich wurde mir einmal von irgendjemand gesagt, die noch immer auf den Platz starren, wo einmal die Festen Deutschlands gestanden haben, die dem Erdboden gleichgemacht worden sind, und die nicht sehen, weil sie immer dahin starren, welch ungeheure für Europa feindliche Macht sich hinter Deutschland aufgebaut hat. Das war - ich bin überzeugt, die spätere Geschichtsschreibung wird das sagen - einer der verhängnisvollsten Fehler, dass man nach dem Zusammenbruch Deutschlands nicht erkannt hat, dass in Sowjetrussland für die ganze westlich gesinnte Menschheit der eigentliche Feind herangewachsen ist. Glauben Sie nicht, dass Sowjetrussland wegen zwölf deutscher Divisionen, zusammen 250 000 Mann, einen solchen Krieg anfangen würde.

Es ist im Grunde genommen lächerlich, davon zu sprechen. Aber warum tut Sowjetrussland alles, was es kann, um diesen Verteidigungsbeitrag Deutschlands nicht zustandekommen zu lassen? Warum hat es die Pariser Vorkonferenz eingeleitet, während auf den Wunsch anderer diese ganzen Verhandlungen über die Eingliederung Deutschlands in die westliche Verteidigungsfront auf Eis gelegt worden sind? Sowjetrussland weiß ganz genau, dass, wenn zwischen den Westalliierten und uns ein Verteidigungsvertrag geschlossen worden ist und wenn wir in die westliche Verteidungsfront aktiv eingetreten sind, sein Traum von einer Neutralisierung Deutschlands, d.h. der Traum, diese Frucht mit leichter Hand zu pflücken, ausgeträumt ist. Und deswegen sucht es auch weiterhin mit allen möglichen taktischen Mitteln, das zu verhüten, weil es dadurch um das Ziel, das ihm vorschwebt, gebracht wird.

Ich glaube, wir Deutsche und damit auch wir Mitglieder der CDU, die für die Freiheit alles tun wollen, was in unserer Kraft steht, wir haben nur eine Entscheidung: Wir wollen unter keinen Umständen sowjetrussisch hörig werden, sondern wir gehören zu Westeuropa, zur Sache der Freiheit! Wenn die Frage gestellt wird, dann wissen wir, welche Entscheidung wir zu treffen haben. Es ist ganz klar, dass vorher die politischen Fragen gelöst sein müssen, und dass wir Deutsche uns nur einreihen können, wenn wir gleichberechtigt sind. Wir wollen keine Landsknechte sein. Wir wollen als freie Männer die Wahl treffen, und wir wollen die Wahl so treffen, wie sie unserer innersten Überzeugung gemäß ist.

Ich habe eben gesprochen von einem vielleicht neuen Misstrauensverhältnis zwischen der Macht Sowjetrussland auf der einen und den westeuropäischen Ländern auf der anderen Seite. Es gibt nur ein Mittel dagegen. Wir, die westeuropäischen Länder, müssen ein Europa wirklich schaffen. Nur wenn die westeuropäischen Länder nicht im Wege von Bündnissen, die heute geschlossen und morgen gelöst werden, sondern wenn wir wirklich zu einer Einheit zusammenwachsen, nur dann können wir den Schutzwall gegenüber Sowjetrussland errichten, der auf die Dauer nötig ist, um Europa zu retten. Auf dem Weg zu dieser Einheit Europas ist der Schumanplan ein entscheidender Schritt. Denn wenn erst mal die Wirtschaft von sechs europäischen Ländern auf dem Gebiet von Kohle und Eisen zusammengelegt ist, dann wird noch sehr viel nachfolgen, dass die ganze Wirtschaft so eng zusammenarbeitet. Wenn erst eine Integration der verschiedenen Streitmächte erfolgt ist, dann ist die Haupthürde übersprungen für eine Einheit Europas. Und die andern Pläne, die schon angekündigt sind bezüglich der Landwirtschaft, des Verkehrs, des Luftverkehrs, der Stromversorgung, werden kommen. Aber wenn wir jetzt von vornherein den ersten Schritt nicht tun wollen beim Schumanplan, dann verzichten wir damit auf Europa und schwächen Europa derartig, dass die Sowjetrussen dann wirklich leichtes Spiel haben.

Nun glauben Sie nicht, dass ich irgendein Kriegstreiber bin oder dass ich glaubte, nur die Macht entscheidet in der Welt, wir brauchen im In- und Ausland auch sozialen Frieden. Wir müssen die soziale Front stärken und kräftigen, und wir müssen den Westalliierten sagen - wir haben es Ihnen schon gesagt, und sie erkennen es an -, dass die besonderen Leistungen, die die Bundesrepublik auf sozialem Gebiet hat, die größer sind als die sozialen Verpflichtungen irgendeines anderen Landes, dass die Erfüllung dieser sozialen Verpflichtungen ebenso ein Verteidigungsbeitrag ist wie die Aufstellung von Divisionen. Ich bin aber weiter der Auffassung, dass wir auf diesem Wege allein zum Frieden in der Welt kommen. Sowjetrussland ist ein totalitärer Staat, und wir alle, die wir unter dem Nationalsozialismus gelebt haben, wissen doch, dass einem totalitären Staat Recht und Gerechtigkeit und Gleichheit schnuppe sind, dass für einen totalitären Staat nur eines besteht: Macht, und dass ein totalitärer Staat nur dann mit sich sprechen lässt, wenn der, der mit ihm spricht, stark und machtvoll ist, mindestens so stark und machtvoll wie Sowjetrussland.

Wenn wir das erreicht haben, dann wird - glaube ich - auch der Zeitpunkt gekommen sei, wo Sowjetrussland sich klarmacht, dass es keinen Zweck hat, diese ungeheuren Summen, die es jetzt für seine Rüstung verwendet, weiter für diesen Zweck zu verwenden. Dann wird es zu der Überzeugung kommen, dass es doch richtiger ist, nun mit der übrigen Welt, die ebenso stark oder stärker ist als Sowjetrussland und von ihm keinen Angriff zu befürchten hat, Frieden zu machen. Das ist nach meiner Überzeugung der einzige Weg zum Frieden, und wenn wir diesen Weg nicht gehen, dann wird die Welt eines Tages in Tod und Verderben gestürzt. Diese Dinge muss man sich klarmachen. Das ist nach meiner Meinung der einzige Weg, um den deutschen Osten wieder für uns zu bekommen, wenn wir selbst stark sind und wenn Sowjetrussland wirklich verhandeln wird.

Dass die Wiedererlangung der deutschen Einheit immer unser Ziel bleiben wird, das ist für jeden Deutschen eine solche Selbstverständlichkeit, dass man nicht bei jeder Rede darüber zu sprechen braucht. Aber in dem ganzen Zusammenhang meiner Ausführungen lassen Sie mich noch einmal betonen, dass nach meiner festen Überzeugung der Weg, den ich mir erlaubt habe, Ihnen anzuzeigen, der einzige ist, um unsere deutschen Brüder und Schwestern wieder mit unserem Vaterland zu vereinigen.

Und nun lassen Sie mich noch ein Wort zu Essen sagen. Die Bundesregierung und ich persönlich, der ich Rheinländer bin, wissen, was das Industriegebiet bedeutet, und wir wissen, was Essen bedeutet. Und wir wissen, wie furchtbar Essen gelitten hat. Ich habe eingangs meiner Ausführungen davon gesprochen. Ich bin der festen Überzeugung, dass durch den Schumanplan die Stadt Essen gewinnen wird. Es werden Schumanplan-Behörden eingerichtet werden, und seien Sie überzeugt, dass ich mich mit ganzer Kraft einsetzen werde, dass auch die Stadt Essen in erster Linie dabei berücksichtigt wird. Wenn man Essen vor drei, vier Jahren sah, sicher vor vier, fünf Jahren, dann konnte es einem angst und bange werden um die Zukunft dieser Stadt, und wenn man dann dachte an die Demontage, an die Krupp-Demontage, dann konnte es einem wirklich bange werden. Mit dieser Not ist es jetzt vorbei, und Sie, die Bürger und Bürgerinnen von Essen, haben sich gefasst und meistern ihr Schicksal. Ich bin fest davon überzeugt, die Zukunft Essens wird sicher so groß sein wie seine Vergangenheit.

Quelle: Mitteilung an die Presse, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Pressearchiv F 25.