4. August 1951: Rundfunkansprache des Bundeskanzlers zu den kommunistischen Weltjugendfestspielen in Berlin

In diesen Tagen schauen wir Deutsche mit ganz besonderer Anteilnahme auf Euch, auf die deutsche Jugend in Ostdeutschland. Wir wissen, was mit dem Weltjugendtreffen im Ostsektor von Berlin beabsichtigt ist. Es ist eine Zusammenkunft, die nur einen schlechten, einen bösen Zweck hat. Mit dieser Ostberliner Zusammenkunft will der Kommunismus die Leidenschaften gegen alle Werte entfesseln, die wir Deutsche zusammen mit ganz Europa und dem größten Teil der westlichen Welt mit aller Energie bewahren, schützen und festigen wollen. Liebe Landsleute, wir wissen, das Treffen in Berlin ist kein Treffen Ostdeutschlands, ebenso wie es keine wirkliche internationale Zusammenkunft voll guten Willens und echter Völkersolidarität ist. Es ist ein kommunistischer Zwangsaufmarsch, der Euch gegen uns aufwiegeln soll. Viele Zehntausende von ostdeutschen Menschen werden an ihm teilnehmen. Das wissen wir, aber die jungen Menschen, die nach Ostberlin gebracht werden, sind nur vorübergehend eine Staffage für den östlichen Kommunismus. Wir wissen, dass sie alle zu uns gehören werden, wenngleich sie heute das blaue Hemd der kommunistischen Staatsjugend tragen müssen.

In der Sowjetzone müssen die jungen Deutschen von heute sich einem schweren Zwang beugen. Wir schelten sie deshalb nicht, wir haben Mitgefühl mit ihnen, wir haben tiefes Mitgefühl für die Leiden und Opfer, die die deutsche Jugend des Ostens im kommunistischen Bereich heute auf sich nehmen muss. Vor zwei Wochen haben in Berlin beim Evangelischen Kirchentag die jungen Menschen der Sowjetzone mit Erschütterung davon gesprochen, dass sie, um zu leben, gezwungen seien, zu lügen. Im freien Deutschland weiß man das. Aber nicht nur in der Bundesrepublik, zu der einmal wieder Ostdeutschland gehören wird, sondern in der ganzen mit uns verbundenen Welt des Westens kennt man die große, menschliche, moralische und materielle Last, die Ostdeutschland heute zu tragen hat.

Unsere ganze Arbeit, unsere ganze Anstrengung geht dahin, bei uns in Deutschland zusammen mit der westlichen Welt jenes Fundament zu schaffen, das für Euch, die Ihr heute dem Sowjet-Regime untersteht, ebenfalls das Fundament des Lebens werden soll. Euch wird gesagt, wir wollten den Krieg. Ich brauche den Bewohnern der Sowjetzone nicht zu sagen, was Militarisieren, was Bewaffnung, was Kriegsvorbereitung ist. Bei Euch ist eine neue Armee, genannt Volkspolizei, entstanden, die eine Aufrüstung darstellt, von der in der Bundesrepublik heute nicht das Mindeste an Vergleichbarem vorhanden ist. Bei Euch in der Sowjetzone steht eine hoch aufgerüstete russische Armee. Die Volkspolizei, die dort stehenden Sowjet-Formationen, die starken militärischen Verbände in den Satellitenstaaten, die unter russischem Befehl stehen, nötigen die ganze westliche Welt, sich zu sichern und zu schützen. Wir wissen aus Erfahrung, was hinter sowjet-russischen Friedensbeteuerungen und Friedensparolen steht. Die Antwort der PRAWDA auf den Friedensappell des englischen Staatssekretärs Morrison zeigt das wiederum in voller Klarheit. Auch während dieser Weltjugendspiele wird man Euch immer wieder vorreden, Sowjetrussland, der Kommunismus wolle Frieden und Freiheit. Ihr wisst dann auch Bescheid um den kommunistischen Frieden. Die Völker westlich des Eisernen Vorhangs haben alle heute als gemeinsame Aufgabe erkannt, die Welt vor kommunistischer Versklavung zu schützen und der Welt den Frieden zu erhalten. In diesem Streben, in diesem Ziel sind wir Deutsche eins mit dem Westen.

Eben komme ich von der Tagung des Europarates in Straßburg. Dort ist Deutschland inzwischen auch ein Teil der werdenden echten europäischen Gemeinschaft geworden. Wir werden sehr bald, wenn der Schuman-Plan die europäischen Länder auf dem Gebiet von Kohle und Eisen gemeinsamer Arbeit verbindet, eine gemeinsame europäische Großwirtschaft haben. Es ist nur folgerichtig, wenn im Zuge dieser großen Vereinigung Europas und der übrigen westlichen Welt wir auch Anteil nehmen werden an unserer gemeinsamen Sicherung. Was in Europa und in der Welt wächst und stark ist, das ist die große Vereinigung der friedlichen Völker und friedliebenden Staaten. In diesem Europa wird nicht mit Transparenten und Fahnen und Lautsprechern von Frieden gesprochen, sondern es werden wirtschaftliche, soziale und politische Organisationen geschaffen, die diese friedliche Stärkung und Festigung mit ehrlicher Anstrengung betreiben. Wir haben im Westen nicht die laute lärmende Propaganda, aber wir Deutsche sind dabei, in zäher Arbeit in die große Gemeinschaft Europas und der westlichen Welt hineinzuwachsen.

Mit dieser Arbeit, liebe Landsleute im Osten, wollen wir für Euch den Weg in die große Gemeinschaft vorbereiten. Wir wissen, der Kommunismus ist der Weg, der Europa und alles das, was wir als Lebenswert erkennen, in den Abgrund führen wird. Wenn wir zur Sicherung Europas beitragen, bauen wir an unserer Sicherung im Osten Deutschlands. Je stärker wir uns mit Europa und dem Westen verbünden, um so sicherer werden wir für unseren deutschen Osten arbeiten, der einst in Frieden wieder mit uns vereint sein wird.

Quelle: Mitteilung an die Presse Nr. 684/51, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Pressearchiv F 25.