14. Oktober 1951: Kundgebung des zweiten Vorsitzenden der Exil-CDU, Ernst Lemmer, und des Bundeskanzlers Konrad Adenauer anlässlich des Parteitages der Exil-CDU in Bonn

Ernst Lemmer:

Sehr verehrter Herr Bundeskanzler! Lieber Dr. Konrad Adenauer! Verehrte Gäste! Liebe Freunde!

Nicht mit einem Gefühl der Wehmut, sondern mit dem Geist froher Zuversicht, die aus den Klängen der Beethovenmusik soeben zu uns sprach, eröffne ich diese Kundgebung des vierten Parteitages der christlich-demokratischen Union des sowjetischen Besatzungsgebietes. Wir haben Grund, uns mit mehr Hoffnung als im vergangenen Jahr auf dieser Tagung zu vereinen. Das Thema des Zusammenschlusses Deutschlands ist aktueller geworden, nicht durch das Propagandamanöver der Grotewohl, Pieck und Ulbricht, sondern weil aus internationalen und europäischen Notwendigkeiten heraus die Vereinigung Deutschlands immer mehr als ein Bedürfnis empfunden wird. Wie weit der Kreml mehr als ein Propagandamanöver ins Spiel gebracht hat, wissen wir noch nicht. Wissen tun wir nur, dass diejenigen, die mit deutscher Sprache und einem deutschen Geburtsschein jetzt von der Wiedervereinigung Deutschlands sprechen, dies nicht aus eigener Direktive getan haben. Vielleicht, dass der Kreml die von mir angedeutete Notwendigkeit begreift; die nahe Zukunft wird es erst zeigen, ob es so ist. Wenn wir uns in diesem festlichen Rahmen der alten rheinischen Stadt Bonn versammeln, so können wir dies nicht tun, ohne einen Blick in die engere Heimat zu werfen, in der wir für Deutschlands Einheit und Freiheit jahrelang gewirkt haben. Wenn wir uns an diesem schönen Platz am Rhein versammelt haben, so tun wir es nicht, ohne uns der großen Verpflichtung bewusst zu sein, für die Millionen, die mit uns seelisch und geistig eins sind und deren Mund verschlossen ist, heute und morgen zu sprechen.

Die ganze Tragik des deutschen Schicksals dieser Zeit kommt ja nicht nur in jenem Elendsstrom der Millionen Heimatvertriebenen zum Ausdruck, sondern kaum weniger, dass es bereits hunderttausende aufrechter deutscher Männer und Frauen sind, die als Emigranten in die eigene Heimat gehen mussten, weil sie sich nicht beugen ließen als Werkzeuge einer fremden Politik. Aber ich darf dem Kanzler und der Bundesregierung die Versicherung abgeben und insbesondere zu dem Parteivorsitzenden Konrad Adenauer, dass wir nicht Gefahr laufen, irgendeiner Emigrantenpsychose zu erliegen, das wir nicht ein politisches Leben in Reminiszenz führen, sondern dass wir uns als aktive Mitkämpfer einer Politik fühlen, an deren Ende unweigerlich die Wiedervereinigung ganz Deutschlands stehen wird.

(Großer Beifall.)

Nicht ohne innere Bewegung weise ich darauf hin, dass unter den Delegierten sich heute schon manch ein Sohn eines Vaters befindet, der nicht mehr unter uns weilt. Die Söhne haben das Werk der nicht mehr kämpfen könnenden Väter - ob sie gestorben sind, ob sie gewaltsamen Todes gewesen sind oder ob sie noch in Gefängnissen sitzen - übernommen, und die Söhne sind bereits bei uns in die Bresche für den Vater getreten.

(Beifall.)

Ich begrüße Sie alle. Ich begrüße noch einmal und besonders den Mann, der für uns nicht allein der Kanzler der Bundesrepublik, eines fragmentarischen Deutschlands ist, sondern der für uns der Regierungschef aller Deutschen ist, ganz gleich, in welcher Zone sie zur Zeit leben.

(Stürmischer Beifall.)

Lieber Dr. Adenauer! Das ist kein Beifallssturm irgendeiner Regie, das ist der Ausdruck der Gefühle von Männern und Frauen, die in ihrer politischen Arbeit eine Mission für die verlorene Heimat und das deutsche Vaterland erblicken. Die Bundesrepublik, ich deutete es schon an, ist nicht identisch mit Deutschland. Der Kanzler als unsere führende Persönlichkeit aber ist der Mann, auf den Millionen und Abermillionen auch jenseits von Helmstedt und ohne Unterschied der Partei blicken im Vertrauen darauf, dass es ihm noch gelingen möge, ihnen den Tag der Freiheit zu schenken. Dieser bewegte und dieser bewegende Beifall ist ein Ausdruck des Dankes dafür, dass Konrad Adenauer seinen Lebensabend, den er weiß Gott friedlicher, schöner und harmonischer verbringen könnte, dass er diesen Lebensabend der Wiederaufrichtung unseres Vaterlandes opfert.

(Langanhaltender Beifall.)

Das Ziel unser aller Politik ist klar: es ist einmal die Gesundung des Bundesgebietes, die fortschreitende Konsolidierung des deutschen Kernlandes, und es ist die Wiedervereinigung unseres Volkes und Vaterlandes. Wir würden dem Tag gesamtdeutscher Wahlen mit unbändiger Begeisterung entgegenblicken, die Voraussetzung gesamtdeutscher Wahlen wäre ja, dass wir alle, die wir hier sind, zu diesem Wahlkampf in unsere alten Plätze zurückkehren würden.

(Stürmischer Beifall.)

Dann gingen wir in die großen Säle von Leipzig, Dresden, Erfurt, Schwerin und Potsdam - nein -, ich sage Säle, die Säle wären zu klein, wir müssten auf die Plätze gehen, um die Menschen zu dieser Wahlentscheidung aufrufen zu können.

Meine Damen und Herren! Wie abstrakt auch intelligente Kollegen von mir politische Vorgänge beurteilen können, zeigte mir vorgestern erst die besorgte Frage eines skandinavischen Journalisten, ob denn nicht die Verständigung über gesamtdeutsche Wahlen daran scheitern könnte, dass in der Ostzone dann zwei CDU-Parteien in Erscheinung treten würden. Ich habe ihm geantwortet: In der Weimarer Zeit, jener Epoche der sinnlosen Parteienzersplitterung bis ins Groteske, gab es auch einen Herrn Bitter, der für die Aufwertung der braunen Tausendmarkscheine eine politische Bewegung mit dem Erfolg entfesselt hatte, dass schließlich 0,12% - ich habe es errechnet - der Wähler sich zu ihm bekannte. Ich fürchte, die Ostzonen-CDU anderen Grades würde weit unter diesem Nullsatz des Herrn Bitter zurückkehren.

(Beifall.)

Ich habe nun die Bitte an Dr. Adenauer zu richten, einige Worte zu uns zu sprechen.

(Beifall!)


Dr. Adenauer (Stürmisch begrüßt):

Meine lieben Freunde!

Unser Vorsitzender Herr Lemmer hat in seiner so warmherzigen Begrüßungsansprache Worte und Sätze gesprochen, und Sie haben sie mit Ihrem Beifall unterstrichen, dass ich sehr bewegt und gerührt dadurch bin. Lassen Sie mich Ihnen von ganzem Herzen dafür danken, und lassen Sie mich aber vor allem dafür danken, weil aus diesen Sätzen und Ihrem Beifall eines sprach, was die Grundlage von allem ist, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen Ihnen und zwischen uns in der Bundesrepublik.

(Großer Beifall!)

Seien Sie überzeugt davon - und Herr Lemmer hat das richtig gesagt -, dass das ganze Ziel meiner Politik ist, auch wenn ich es nicht fortwährend plakatiere und in jeder Stunde hinausschreie, dass das vornehmste Ziel meiner Politik ist, die Einheit Deutschlands in Frieden und in Freiheit wiederherzustellen.

(Stürmischer Beifall.)

Lassen Sie mich diese Worte noch einmal wiederholen: Einheit Deutschlands in Frieden und in Freiheit und die Einheit ganz Deutschlands, auch des Deutschlands jenseits der Oder-Neiße-Linie,

(Stürmischer anhaltender Beifall.)

der Erreichung dieses Zieles sind wir nach meiner festen Überzeugung in den letzten 12 oder 15 Monaten ein ganz großes Stück nähergekommen, und zwar deswegen, weil Korea der Welt die Augen geöffnet hat. Vor einem Jahr um diese Zeit würde ich auf die Frage "Werden wir es erreichen" auch mit Ja geantwortet haben, aber ich würde doch hinzugesetzt haben: Wir dürfen den Mut nicht sinken lassen, und wenn es noch so lange dauern wird. - Heute glaube ich, dass wir der Erreichung dieses Zieles ein ganz gutes Stück nähergekommen sind, nicht etwa durch diese Machenschaften der Herren Grotewohl und Pieck auf Geheiß Moskaus. Ich für meine Person glaube nicht daran, dass Moskau die Einheit Deutschlands in Freiheit will. Aber wir sind diesem unserem Ziele nähergekommen, da die gesamte Entwicklung in der Welt doch nunmehr überall die Erkenntnis hat wachsen und reifen lassen, dass ohne Wiederherstellung der Einheit Deutschlands in Frieden und Freiheit und ohne Sicherung eines freien Deutschlands in Europa und in der Welt kein Friede und keine Freiheit möglich ist, und weil man erkannt hat, dass die Sicherung Deutschlands in Freiheit identisch ist mit der Sicherung des Friedens in der Welt, mit der Sicherung der Freiheit auch in Europa. Deswegen sind wir dem ersehnten Ziel viel viel näher gekommen.

Aber eines, meine Freunde, müssen wir dabei tun: Wir müssen klarsehen, wir müssen einig sein, wir müssen mutig sein, wir müssen ausdauernd sein, wir müssen Vertrauen haben, und über alles müssen wir die sichere Hoffnung stellen, dass wir zu unserem Ziele kommen werden. Das walte Gott.

(Minutenlanger Beifall.)

 

Lemmer:

Der Beifall entbindet mich der formellen Pflicht, dem Kanzler für die Worte zu danken, die er warmherzig zu uns gesprochen hat.

Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich, bevor ich unserem Freund Jakob Kaiser, dessen Ausführungen im Mittelpunkt dieser Kundgebungen stehen, das Wort erteile, und lassen Sie uns noch einer Ehrenpflicht entledigen, wenn wir uns in dieser Stunde versammeln.

Wir denken von hier aus an die Freunde, Männer, Frauen und Kinder, die in den Ländern des sowjetischen Besatzungsgebietes dem Rundfunk lauschen und nicht bei uns sein können, die aber zweifellos mit ihrem Herzen und mit ihrem Geist sich auf das innigste gerade in diesem Augenblick mit uns verbunden fühlen. Wir wissen, sie stehen ein Tag und Nacht - die Nacht mit ihren Ängsten - für Deutschland. Sie leiden für Deutschland. Wir gedenken aller derer, die ihrer aufrechten Haltung willen geopfert haben ihren Besitz, ihre Existenz. Wie viele sind unter uns, die dazu gehören, die Haus und Hof und Heimat und Werkstatt und den von den Vätern erworbenen Ackerboden lieber im Stich ließen, in ein Ungewisses gingen, als sich für eine fremde Politik gegen ihre Nation missbrauchen zu lassen. Wir gedenken noch mehr derer - die Tausende und Abertausende -, die vermutlich uns in diesem Augenblick über den Äther nicht hören können, die in den Internierungslagern, in den Gefängnissen und Zuchthäusern ihrer Freiheit beraubt sind.

Wir gedenken aber ganz besonders - ich bitte Sie, sich von Ihren Plätzen zu erheben -, wir gedenken derer, die für ihr Land, für unsere Ideale das Höchste, was wir besitzen auf dieser Welt, das Leben geopfert haben. Ich brauche nur daran zu erinnern, dass ein [Frank] Schleusener unserer Bewegung ein Symbol geworden ist für die Treue bis in den Tod. Wir gedenken unseres Freundes Dr. Schütz, der infolge der Leiden, die er sich in den Gefängnissen für seine Überzeugung holte, im vergangenen Jahr gestorben ist. Wir gedenken der Tausenden, die ihr Leben gaben für Deutschlands Einheit und Freiheit. Ende!

Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Dokumentationsstelle, BPA Inland 915-0/0 (Film 69).