16. März 1952: Rede vor dem Evangelischen Arbeitskreis der CDU in Siegen (Auszug) 

[...] Ich habe völliges Verständnis dafür, daß unsere evangelischen Freunde das Bedürfnis haben, von Zeit zu Zeit zusammenzukommen, um sich über besondere Fragen auszusprechen. Und solche Besprechungen sind nach den früheren Erfahrungen für die weitere Zusammenarbeit zweckvoll. Ich darf mir dabei die Feststellung erlauben, daß wir Katholiken und Evangelischen viel mehr Gemeinsames haben als das, was wir nicht gemeinsam besitzen. Das aber, was wir nicht gemeinsam haben, kann uns nicht daran hindern, auf einer großen und gemeinsamen Ebene zu gemeinsamer Arbeit zusammenzufinden.

Die größte geistige Gefahr, die nach meiner Meinung in Deutschland und Europa und darüber hinaus in der Politik der ganzen Welt besteht, ist der Materialismus. Es handelt sich hier um eine Gefahr für die ganze Menschheit. Der Materialismus kann verglichen werden mit der Naturwissenschaft und ihren Erkenntnissen, denn wenn die Wissenschaft selbst schon eine andere Richtung eingeschlagen hat, so pflegen sich ihre Erkenntnisse erst allmählich in weitesten Kreisen zu verbreiten. Der Materialismus hat einen ungeheuer starken Auftrieb bekommen durch die Fortschritte der Technik. Der Materialismus führt, weil er die Würde des einzelnen Menschen nur gering einschätzt, letzten Endes zur totalitären Auffassung.

In diesem Zusammenhang etwas über den Sozialismus. Nicht als wollte ich die Behauptung aufstellen, daß alle Sozialisten auch Materialisten seien, aber man kann nicht an der Tatsache vorbeigehen, daß die Grundauffassung des Sozialismus im Materialismus verwurzelt ist. Ich hatte vor wenigen Tagen eine Aussprache mit einem führenden Ausländer. Dieser geistig sehr hoch stehende Mann sagte einen Satz, den wir von der CDU und den überhaupt jeder Christ hundertprozentig unterschreiben kann: „Wenn der Glaube an das Jenseits und an die Lenkung des Geschickes eines jeden einzelnen Menschen und der Völker durch Gott geschwunden ist, wenn eine reine diesseitige und materielle Auffassung Platz greift, dann steht es um den Einzelnen und auch um das Volk schlecht!“ Das war ein sehr wahres Wort und hat auf mich einen tiefen Eindruck gemacht. Dieser Mann kam aus einem ganz anderen Erdteil, aber er bestätigte mir alles, was auch unsere Arbeit trägt.

Die Gefahr des Materialismus für uns und für Europa ist besonders drohend durch den Druck aus dem Osten, denn dort haben wir doch einen Materialismus und eine totalitäre Auffassung in Reinkultur. Dort besteht die Auffassung, daß nur der Staat und diejenigen, die den Staat in der Hand haben, etwas gelten, und nur seine Interessen sind die Richtschnur für all ihr Handeln. Seien wir uns darüber klar, daß dort der Feind des Christentums sitzt. Hier handelt es sich nicht nur um politische, sondern auch um geistige Gefahren. Das lag mir am Herzen, einmal hier, wo ich mich unter evangelischen Christen befinde, mit aller Klarheit zu betonen. Unsere Partei muß so geführt werden, wie es unserer gemeinsamen christlichen Überzeugung entspricht. Unser weltanschauliches Fundament verpflichtet uns zu sozialem Handeln. Wir werden darin immer und überall unsere vornehmste Verpflichtung sehen. Drei Werke sollen beweisen, daß wir gerade den sozialen Belangen unsere größte Aufmerksamkeit schenken: Wohnungsbau, Kriegsopferversorgung, und dazu kommt in den nächsten Wochen der Lastenausgleich. Wir werden auch in der Arbeit auf sozialem Gebiet fortfahren trotz des Verteidigungsbeitrages.

Herr Dr. Tillmanns hat einen Beschluß verlesen. Dieser Beschluß des Arbeitskreises ist gefaßt worden ohne die Spur einer Beeinflussung durch mich. Ich habe ihn heute in diesem Saal zum ersten Mal gehört. Gerade für diese Entschließung aber bin auch ich, und ich kann sie Wort für Wort zu der meinigen machen. Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar dafür. Ich möchte nun das aufgreifen, was in dieser Entschließung gesagt worden ist und es kurz wiederholen:

Es gibt drei Möglichkeiten für Deutschland: Den Anschluß an den Westen, Anschluß an den Osten und Neutralisierung. Die Neutralisierung aber bedeutet für uns die Erklärung zum Niemandsland. Damit würden wir zum Objekt und wären kein Subjekt mehr. Ein Zusammenschluß mit dem Osten aber kommt für uns wegen der völligen Verschiedenheit der Weltanschauungen nicht in Frage. Ein Zusammenschluß mit dem Westen bedeutet - und das möchte ich nach dem Osten sagen - in keiner Weise einen Druck gegen den Osten, sondern er bedeutet nichts anderes als die Vorbereitung einer friedlichen Neuordnung des Verhältnisses zur Sowjetunion, zur Wiedervereinigung Deutschlands, und zur Neuordnung in Osteuropa. Und das sind auch die Ziele unserer Politik.

Nun ist vor wenigen Tagen eine Note der Sowjetunion an die drei westalliierten Mächte gerichtet worden. Ich betone hier: nicht an uns! Daher war es auch nicht die Aufgabe der Bundesrepublik, auf diese Note zu antworten, aber sie kann und sie muß ihre Meinung dazu sagen. Wir wissen aber, daß eins sicher ist: Die Bundesregierung wird über die Beantwortung dieser Note von den drei Westalliierten befragt werden, und es liegt schon in der Natur der Sache, daß sie sich mit der gebotenen Zurückhaltung zu den Dingen äußern darf.

Ich fahre übermorgen nach Paris zu einer Tagung der Minister des Europarates, und ich darf wohl schon jetzt sagen, daß eine Aussprache mit den Westalliierten über eine Stellungnahme zu dieser Note stattfinden wird. Ich bitte Sie daher, meine jetzige Zurückhaltung zu verstehen, aber einige Fragen möchte ich mir doch schon heute in der Öffentlichkeit erlauben:

Die Sowjetnote schlägt vor, daß eine gesamtdeutsche Regierung geschaffen wird. Eine gesamtdeutsche Regierung kann aber nur geschaffen werden auf Grund gesamtdeutscher und freier Wahlen! Morgen wird die UNO-Kommission, die die Voraussetzungen für die Abhaltung freier Wahlen bei uns und in der Sowjetzone prüfen soll, in Bonn eintreffen. Ich habe den dringenden Wunsch, daß die Sowjetregierung gefragt wird: „Wirst du bereit sein, die UNO-Kommission in der Sowjetzone und in Berlin zuzulassen?" Aus der Antwort hierauf wird man seine Schlüsse ziehen können. Und eine weitere Frage möchte ich mir schon jetzt erlauben: „Sowjetregierung, verlangst du, daß die gesamtdeutsche Regierung auf das Land östlich der Oder-Neiße-Linie Verzicht leistet?" Auch die Beantwortung dieser Frage wird für uns sehr aufschlußreich sein. Und nun lassen Sie mich noch ein Wort zu dieser Sowjetnote sagen: Im Grunde genommen bringt sie wenig Neues. Abgesehen von einem starken nationalistischen Einschlag will sie die Neutralisierung Deutschlands und sie will den Fortschritt in der Schaffung der europäischen Verteidigungsgemeinschaft und in der Integrität von Europa verhindern. Es soll sich aber kein Deutscher dadurch täuschen lassen, daß die Sowjetregierung einem Gesamtdeutschland eine eigene Wehrmacht zubilligen wird. Seit 1940 ist die Entwicklung in der Waffentechnik so ungeheuer fortgeschritten, daß Deutschland gar nicht in der Lage ist, die Einheiten einer Wehrmacht mit modernen Waffen auszustatten. Es ist dazu nicht in der Lage, weil ihm die nötigen Fabrikations- und Forschungsstätten fehlen und weil es auch nicht die erforderlichen Geldmittel aufbringen kann. Es gehören ungeheure Summen dazu, auch nur einige Divisionen auszurüsten, Mittel, an die wir gar nicht denken können, und deshalb ist dieser Teil der sowjetrussischen Note weiter nichts als Papier und sonst gar nichts!

Aber die Note ist da, und sie muß beantwortet werden, und sie bedeutet, wenn auch in viel geringerem Maße, als man das allgemein glaubt, doch einen gewissen Fortschritt, und darum dürfen wir keine Möglichkeit außer Acht lassen, zu einer friedlichen Verständigung zu kommen und eine Neuordnung in dem von mir beschriebenen Sinn zu bekommen. Aber auf der anderen Seite dürfen wir unter gar keinen Umständen zulassen, daß eine Verzögerung in der Schaffung der europäischen Verteidigungsgemeinschaft Platz greift, denn eine solche Verzögerung würde höchstwahrscheinlich auch das Ende dieser gemeinsamen Bestrebungen bedeuten. Man kann diese Dinge nicht dann, wenn sie kurz vor dem Abschluß stehen, auf Eis legen. Das ist nicht möglich. Wenn diese Dinge jetzt nicht zum Ende gebracht werden, dann sind sie nach meiner Auffassung ein für allemal vorbei, und darum wiederhole ich: Der allgemeine Standpunkt gegenüber dieser Note muß sein: Wir dürfen nicht außer Acht lassen, daß jede Möglichkeit, bald zu einer Neuordnung Westeuropas zu kommen, ausgenutzt werden muß. Wir dürfen aber ebenso wenig ein Werk, wie es sich jetzt der Vollendung nähert, zum Stillstand bringen, denn dann würden die Dinge sehr schlimm werden.

Und nun lassen Sie mich zum Schluß noch einmal unterstreichen, was das Ziel der deutschen Politik ist und was das Ziel der deutschen Politik nach unserer Meinung auch sein muß: Wir wollen, daß der Westen so stark wird, daß er mit der Sowjetregierung in ein vernünftiges Gespräch kommen kann, und ich bin fest davon überzeugt, daß diese letzte sowjetrussische Note ein Beweis hierfür ist. Wenn wir so fortfahren, wenn der Westen unter Einbeziehung der Vereinigten Staaten so stark ist, wie er stark sein muß, wenn er stärker ist als die Sowjetregierung, dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die Sowjetregierung ihre Ohren öffnen wird. Das Ziel eines vernünftigen Gesprächs zwischen Westen und Osten aber wird sein: Sicherung des Friedens in Europa, Aufhören von unsinnigen Rüstungen, Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit und eine Neuordnung im Osten. Dann endlich wird der Welt nach all den vergangenen Jahrzehnten das werden, was sie dringend braucht: ein langer und sicherer Frieden! 

Quelle: Siegener Zeitung, 17. März 1952 (StBKAH I/02.10). Auszug abgedruckt in: Konrad Adenauer: „Die Demokratie ist für uns eine Weltanschauung.“ Reden und Gespräche 1946-1967. Hg. von Felix Becker. Köln-Weimar-Wien 1998, S. 79-82.