20. Juli 1952: Ansprache auf der Schlusskundgebung der „Gemeinschaft Katholischer Männer Deutschlands" in Bamberg

Europa steht auf dem Spiel

Sie sind zusammengekommen zu einer staatspolitischen Tagung und Sie haben - wenn auch nur ein Teil von Ihnen - Vorträge gehört über die verschiedensten Themata. Sie haben in den Arbeitskreisen versucht, das Ihnen in diesen Vorträgen mitgeteilte Gedankengut zu prüfen, zu analysieren und sich zu eigen zu machen. Sie sind davon ausgegangen, dass der Staat eine von Gott gewollte und darum auch auf Gott gegründete Ordnung ist und sein muss. Wenn dem so ist, wenn der Staat sich auf Gott gründen muss, und die Geschichte der letzten 150 Jahre zeigt uns in voller, ja in erschreckender Klarheit, dass dem so sein muss, wenn nicht erschütternde Katastrophen hereinbrechen sollen, dann muss jeder, der innerhalb der staatlichen Ordnung irgendwie und irgendwo Verantwortung trägt, sich immer dessen bewusst sein, dass er diese Verantwortung vor seinem Gewissen und vor Gott auch wirklich trägt.

In dem demokratisch-parlamentarisch regierten Staat, in dem dieses System der Demokratie bis in die letzte Gemeinde hinein verwirklicht wird, trägt ein jeder von uns Verantwortung, der eine mehr, der andere weniger; aber jeder hat Verantwortung; wir tragen sie alle; und diese Verantwortung kann uns niemand abnehmen. Wenn wir dieser Verantwortung nicht gerecht werden, dann kommen die Folgen, und diese Folgen können furchtbar sein, für uns, für unsere Kinder und Kindeskinder. Die Loslösung des Staatsbegriffes von der göttlichen Ordnung fand in der französischen Revolution ihre stärkste Ausprägung. Die französische Revolution gebar den Nationalismus, der das vorige Jahrhundert beherrschte und immer stärker beherrschte, das Denken der Menschen und der Völker nationalistisch machte. Der Nationalismus brachte das erste große Unheil über fast die gesamte Menschheit in den napoleonischen Kriegen. Eine zweite Orgie feierte der Nationalismus in Deutschland im Nationalsozialismus. Er brachte Blut und Tränen, Zerstörung und Verderben in unendlichem Ausmaß. Ein dritter Höhepunkt nationalistischen Denkens ist Sowjetrussland, das ebenfalls unendliches Leid jetzt schon über die Menschheit gebracht hat und noch viel größeres Unheil über die Menschen bringen wird, wenn es nicht gelingt, ihm einen starken Damm entgegenzusetzen. Der Nationalismus, gleichgültig wo und gleichgültig in welcher Form er auftritt, verstößt gegen die göttliche Ordnung. Er macht den Staat, und zwar in jedem Volk seinen eigenen Staat, zum Götzen. Eines der Grundprinzipien des Christentums ist die Liebe zum Nächsten, die Achtung vor dem Nächsten. Nun, dieses Prinzip gilt nicht nur für den Einzelmenschen; es gilt auch für die Haltung von Völkern gegenüber einem anderen Volk. Und gegen dieses Prinzip des Christentums verstößt der Nationalismus, und deswegen, meine Freunde, darf niemals wieder unser neuer Staat vom Nationalismus beherrscht werden. Wir als Christen müssen ein weiteres tun; wir müssen den Damm miterrichten helfen, gegen den sowjetrussischen Nationalismus. Dieser sowjetrussische Nationalismus ist besonders gefährlich deshalb, weil er auch getragen wird vom Kommunismus, vom Kommunismus, der die Herrschaft der Welt erstrebt, weil er alle anderen Völker verachtet; und dieser sowjetrussische Nationalismus trägt keine europäischen Züge mehr. Er trägt das Gepräge des in der Kultur zurückgebliebensten Teiles Asiens. Er ist ein unerbittlicher Feind des Christentums, und zwar aus Prinzip. Denken wir daran, wie der Bolschewismus in Sowjetrussland selbst gegen die Religion, gegen das Christentum gewütet hat. Vergessen wir nie, was er in den Satellitenstaaten gegen Gott, gegen das Christentum getan hat, und denken wir auch daran, was gerade in den letzten Tagen Ulbricht in der Sowjetzone erklärt hat, wie er dort den Kampf gegen die beiden christlichen Kirchen proklamiert hat. Darum ist es eine absolute Notwendigkeit, wenn wir das Christentum in Europa schützen und retten wollen, dass wir diesen Damm, von dem ich eben sprach, errichten. Dieser Aufgabe soll dienen der Deutschlandvertrag, soll dienen der Vertrag über Europäische Verteidigungsgemeinschaft, soll dienen das enge Einverständnis, das wir nunmehr geschlossen haben mit den Vereinigten Staaten, mit Großbritannien und mit all den Staaten, die dem Nordatlantikpakt angehören. Diese große Organisation der Selbstverteidigung, eine Organisation, wie sie - ich glaube, ich kann das ohne zu übertreiben sagen - die Geschichte noch nicht gesehen hat, verfolgt - lassen Sie mich das nachdrücklichst erklären - keine aggressiven Absichten. Aber sie will sich stark machen, um jede Aggression vom Osten zu vernichten und ihr keine Aussicht auf irgendeinen Erfolg zu gewähren.

Ich bin überzeugt, dass das auch der einzige Weg ist, der zur Wiedervereinigung Deutschlands führen kann. Wir wollen keinen Krieg mit Sowjetrussland, aber wir wollen unser Land, unsere Menschen in Freiheit zurückhaben. Ich bin überzeugt davon, wenn sich so fast die gesamte Menschheit mit Ausnahme von Sowjetrussland und seinen Satellitenstaaten hinter uns, hinter diese Forderung stellt, wird auf die Dauer auch Sowjetrussland demgegenüber nicht hartnäckig seine Ohren verschließen können. Wir wollen aber nicht nur verhüten, dass der Nationalismus bei uns in Deutschland wieder entsteht, wir wollen auch ein Wiedererstehen des Nationalismus in Europa verhindern; und dem Zwecke dient der Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft. Der Vertrag über die EVG wird ganz zu Unrecht in erster Linie oder sogar fast ausschließlich betrachtet unter dem Gesichtspunkt der Abwehr einer sowjetrussischen Aggression. Ich bin überzeugt, dass diese Spannungen zwischen Ost und West zu gegebener Zeit vorübergehen. Aber der Vertrag über die EVG geht in eine viel weitere Zukunft hinaus. Er wird abgeschlossen auf 50 Jahre, und er ist dazu bestimmt, einen Krieg zwischen europäischen Völkern in Zukunft unmöglich zu machen. Ich glaube, wir alle können überzeugt davon sein: Wenn diese Europäische Verteidigungsgemeinschaft einmal 50 Jahre bestanden hat, dann gibt es keinen europäischen Krieg mehr, dann gibt es insbesondere auch niemals wieder einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland. Der Schumanplan, der in der nächsten Woche in Kraft treten wird, wenn auf der Außenministerkonferenz in Paris die Ratifikationsurkunden hinterlegt werden, der Schumanplan, der Vertrag über die EVG sind aber, auch nach dem Willen derjenigen, die daran gearbeitet haben, nur ein Anfang. Sie sind zunächst deswegen nur ein Anfang, weil erst sechs europäische Länder davon erfasst werden. Aber es wäre töricht, wenn ich nicht mit sechs Ländern anfangen würde und erst warten wollte, bis alle kommen. Ich bin überzeugt: Wenn der Anfang mit sechs Ländern gemacht ist, kommen eines Tages alle anderen europäischen Staaten auch hinzu. Die europäische Gemeinschaft, die wir erstreben, wird nicht lediglich hergestellt durch gemeinsame Bewirtschaftung von Kohle und Eisen, wird nicht allein hergestellt dadurch, dass eine gemeinsame Wehrmacht aufgestellt wird; und deswegen muss so bald und so schnell wie irgend möglich, über das Ganze eine politische Organisation, eine europäische politische Organisation und ein europäisches Parlament gestellt werden.

Ich sprach eben von der Außenministerkonferenz, die in dieser Woche am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag in Paris zusammentritt. Auf dieser Außenministerkonferenz werden schon die Anfänge dieser politischen Organisation unter den sechs Außenministern beraten werden. Die Folgen, die eintreten werden, wenn es uns gelingt, die Einheit Europas zu schaffen, meine Freunde, die Folgen sind so unendlich groß, dass wir wirklich alle daran mitarbeiten müssen. Wir in Europa bergen in uns das humanistische christliche Gedankengut. Wir haben ein Erbe von unseren Vorfahren überkommen, das die ganze Welt braucht, das auch die Vereinigten Staaten von Amerika brauchen, das auch Sowjetrussland braucht.

Aber was ist aus Europa geworden nach diesen beiden Kriegen? Wie liegt es da, zerrissen und ohnmächtig? Und nur, wenn wir es wieder zusammenfassen, kann es eine Kraft werden, kann es eine ethische, eine christliche Kraft wieder werden. Auch dann nur, wenn wir es zusammenfassen, entgehen wir dem Schicksal, dass dieses Europa ein Anhängsel des asiatischen Russlands wird. Ich weiß, bei allen solchen internationalen Verträgen kann man an diesem, kann man an jenem mäkeln, an dieser Einzelheit etwas auszusetzen haben, und kann man an jener etwas auszusetzen haben. Aber wie sollen solche Verträge zustande kommen, wenn nicht jeder nachgibt, wenn nicht jeder in Einzelheiten nachgibt im Hinblick auf das von allen gemeinsam erstrebte Ziel.

Ich bedauere es tief, dass noch nicht alle Deutschen erkennen, worum es letzten Endes geht, und dass man gegenüber dem Verderben, das auf der einen Seite auf uns lauert, und gegenüber dem großen Ziele, das auf der anderen Seite vor uns steht, dass man endlich einmal aufhören muss mit fruchtloser Negation. Wer das nicht über sich bringt und wer die Partei über das Vaterland und über das Volk stellt, der versteht in Wahrheit nicht die Zeichen dieser Zeit. Ich kann Ihnen nur aus tiefster Überzeugung sagen, dass der Untergang des christlichen Abendlandes greifbar nahe ist, wenn wir nicht alle Kräfte zusammenfassen und uns zusammenschließen zu einer unbesiegbaren Front. Lassen Sie mich noch einmal betonen: Nicht über Einzelheiten stolpern und sich nicht in Einzelheiten aufhalten. Das ist in Zeiten wie den unsrigen einfach nicht möglich und ist unverantwortlich.

Wir müssen uns klarmachen, wie wir stehen; wir müssen uns klar werden über das Ziel, was wir erreichen wollen, und da müssen wir im Vertrauen auf Gott unser Herz in die Hand nehmen und müssen die nötigen Schritte tun. Jeder von uns und namentlich jeder von uns katholischen Christen ist verpflichtet, mitzutun und mitzuhandeln, denn, glauben Sie: Es geht darum, ob Europa christlich bleibt oder ob Europa heidnisch wird.

Nun lassen Sie mich zum Schluss noch eines sagen: Wenn wir so handeln, retten wir auch den Frieden, und jedes andere bringt uns und bringt Europa in den Abgrund und auch in den Krieg hinein. Mit einem totalitären Staat kann man nun einmal nicht sprechen wie mit einem lieben, guten Bruder. Ein totalitärer Staat versteht nur eines: Er hört dann, wenn der, mit dem er spricht, auch Macht hat. Und diese Macht muss sich Europa verschaffen. Die Vereinigung Europas wird der Sowjet-Union, deren Ziel es ja ist, ganz Europa zu beherrschen, klar machen, dass sie dieses Ziel nicht mehr erreichen kann, und dann wird auch die Sowjet-Union bereit sein zu einer Überprüfung ihrer europäischen Politik, und dann wird auch der Zeitpunkt gekommen sein zu Verhandlungen, um die ganzen Spannungen ohne heißen Krieg zu beenden. Sehen Sie, es gibt Menschen, die - ich weiß nicht, ob aus Unverständnis, aus Unklarheit oder aus einer gewissen Weichheit heraus - sagen: Aber wenn wir so etwas tun, reizen wir doch Sowjetrussland! - Meine Freunde! Wenn wir es nicht tun, werden wir geschluckt mit Haut und Haaren. Wie ist es denn bei totalitären Staaten? Ich bin überzeugt davon: Wenn die anderen Mächte, als Hitler aufrüstete, auch sich stark gemacht hatten, hätte Hitler niemals gewagt, zum Kriege zu schreiten. Darum nicht verzagen, wohl die Dinge sehen, wie sie sind, klar in die Zukunft sehen und die Entschlüsse fassen, die nötig sind; dann aber auch zu diesen Entschlüssen stehen, konsequent dazu stehen. Das wird auch Sowjetrussland gegenüber zu einer friedlichen Auseinandersetzung nach meiner Überzeugung letzten Endes führen.

Diese Veranstaltung, meine Freunde, schließt mit einer Feierstunde am Grabe Heinrichs II. Die Lage in Europa war damals ähnlich wie heute. Wie heute drohte damals der Ansturm des Heidentums aus dem Osten. Heinrich II. hat mit starker Hand, mit Klugheit und Überlegung und getragen und erfüllt von der Verantwortung vor Gott, Deutschland und das christliche Abendland vor dem Ansturm aus dem Osten gerettet. Wohlan, Freunde, auch wir wollen Deutschland und das christliche Abendland schützen und retten, erfüllt von Liebe zu unserem Volke, getragen von dem Bewusstsein unserer Verantwortung, getragen auch von dem Bewusstsein der Stärke, die das Christentum uns gibt, im Vertrauen auf Gott, der seine Kraft uns schenkt.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 95, 22. Juli 1952.