2. Juli 1953: Ansprache auf dem Raiffeisentag in Frankfurt

Herr Präsident, meine verehrten Damen und Herren!

Es war für mich nicht leicht hierher zu kommen. Aber ich habe es doch durchgesetzt. Und ich bitte darin wenigstens dafür ein Zeichen zu erblicken, welch großes Interesse ich der Landwirtschaft und insbesondere dem Deutschen Genossenschaftswesen entgegen­bringe.

Vor langen Jahren - ich war damals Gerichtsreferendar - habe ich gerade auf dem Lande das Genossenschaftswesen aus erster Hand kennen und schätzen gelernt. Und ich bedauere es immer, daß man sich in der deutschen Öffentlichkeit so wenig darüber klar ist, welche große Bedeutung diesem Werke zukommt, und wie groß und verdienstvoll die Arbeit all der Männer ist, die sich ihm widmen.

Ich freue mich besonders, eben gehört zu haben, daß heute hier achtzig ausländische Vertreter zugegen sind. Ich erblicke darin auch ein Zeichen dafür, daß die Menschheit allmählich zu der Überzeugung kommt, daß es besser ist, mit gemeinsamen Kräften und gemeinsamen Erkenntnissen Werke des Friedens zu vollbrin­gen, als sich blutig zu zerfleischen. - Gerade in letzter Zeit sind in verstärktem Maße Klagen laut geworden, namentlich aus den Kreisen des kleinbäuerlichen Besitzes. Ich brauche hier nicht auf Einzelheiten einzugehen. Aber ich kann Ihnen doch sagen: Ich hoffe, daß es möglich sein wird, wenigstens den dringlichsten Kla­gen schon in den nächsten Wochen abzuhelfen. (...) Ich stehe keines­wegs auf dem Standpunkt, daß eine Bundesregierung die Landwirtschaft und die landwirtschaftliche Produktion vernachlässigen dürfe. Ganz im Gegenteil!

Die landwirtschaftliche Produktion hat im Rahmen der Wirtschaft eine vordringliche Stellung, und der Wert der landwirtschaftlichen Produktion im Lande ermöglichte es uns erst, auch auf industriel­lem Gebiete die Fortschritte zu machen, die wir gemacht haben. Aber - das gilt für das gesamte Gebiet der Wirtschaft - man soll zuerst an die Selbsthilfe denken und nicht an den Staat. Ich glaube, das Land und das Volk ist am glücklichsten daran, in dem der Staat möglichst wenig Befugnisse bekommt. Wenn man an den Staat Anforderungen stellt, muß man sich immer darüber klar sein, daß man in der Regel auf der anderen Seite dem Staat Befugnisse überträgt. Und das sollten wir gerade in unserer Zeit unter allen Umständen vermeiden.

Aber ich wiederhole: Sie dürfen davon überzeugt sein, daß die Bundesregierung - ich kann das insbesondere für mich in An­spruch nehmen - weiß, welche große wirtschaftliche und welche große ethische Bedeutung die deutsche Landwirtschaft für uns hat. Ich weiß, daß die Bedeutung der (deutschen) Landwirtschaft gerade­zu entscheidend ist für den Fortbestand des deutschen Volkes. Ich danke hier in dieser Versammlung allen deutschen Landwirten und ihren Frauen von ganzem Herzen für das, was sie in der Zeit seit 1945 für den Wiederaufbau unseres Vaterlandes geleistet haben.

Quelle: Verhandlungsbericht zum Deutschen Raiffeisentag 1953 in Frankfurt/Main (1.-3. Juli 1953), hg. vom Deutschen Raiffeisenverband e.V. Bonn [o.J.], S. 69f. Abdruck in: Hubert Georg Quarta: Heinrich Lübke. Zeugnisse eines Lebens. Versuch einer biographischen Darstellung. Buxheim/Allgäu 1978, S. 72-74.