3. November 1954: Ansprache bei der Trauerfeier für den verstorbenen Bundestagspräsidenten Hermann Ehlers

Ein Gestalter des neuen Deutschland

Es drängte mich, an dieser Feier teilzunehmen. Und es war mir in Wahrheit ein inneres Herzensbedürfnis. Als ich in Washington die Trauerkunde bekam, die für uns alle so völlig überraschend gewesen ist, war ich mit allen Deutschen aufs tiefste erschüttert. Ein solcher Schlag wie der Tod dieses Mannes, der an so hervorragender Stelle im neuen Deutschland stand, der uns persönlich so nahegetreten war, der Tod eines solchen Mannes reißt eine Lücke, die nicht so bald zu schließen ist.

Er war ja durch seine vorbildliche Gestaltung und Leitung des Deutschen Bundestages einer der Leute, die in vorderster Linie standen bei der Schöpfung der Demokratie im neuen Deutschland. Niemand, der an einer Sitzung des Bundestages teilgenommen hat, wird die Würde und die Kraft vergessen, die er bei der Leitung des Parlaments ausstrahlte. Diese Würde und diese Kraft gingen aus von einer starken, in sich gefestigten Persönlichkeit, die über alle Wechselfälle des Lebens hinweg unverrückbar das Ziel im Auge behält, das dem Menschen gesetzt ist: sich einzusetzen für das, was er als richtig erkannt hat, sich ganz und kompromißlos einzusetzen.

Hermann Ehlers war ein Christ in vollster und tiefster Bedeutung dieses Wortes. Er hat Opfer gebracht, er hat gekämpft für seine christliche Überzeugung. Er war erfüllt von der Gewißheit, daß in diesen so verwirrten und so gefahrvollen Zeiten nur die christlichen Grundsätze wieder Ordnung in das Chaos, in dem wir leben, bringen können. Er war ein bewußt evangelischer Christ, aber er hatte - wie sich das aus dem Gebote der christlichen Liebe ergibt - vollstes Verständnis für die ehrliche Überzeugung anderer.

Er hatte auch ein tiefes Verständnis für das, was die christlichen Bekenntnisse eint, für ihre gemeinsame Verpflichtung. Hermann Ehlers war, was vielleicht nicht viele wissen, ein feinfühlender Mensch, ein Mensch, der Freundschaft schloß und Freundschaft hielt. Sie werden verstehen, wenn ich heute und an dieser Stelle seiner Gattin nur das eine sage: daß wir alle von ganzem Herzen an ihrem Schmerz teilnehmen, daß diese große Trauer, die das deutsche Volk mit ihr trägt, ihr ein kleiner Trost sein möge in tiefem Leid.

Die Bundesregierung, für die Herr Vizekanzler Blücher gestern in Bonn gesprochen hat, verliert in ihm einen der wertvollsten Mitarbeiter, die wir haben. Wir werden ihm - lassen Sie mich das noch einmal hier aussprechen -, der ein Gestalter des neuen Deutschlands war, immer ein ehrenvolles Andenken bewahren. Er ist von uns gegangen in der Blüte seiner Jahre, in der Vollkraft seines Lebens. Warum gerade er so früh abgerufen wurde, er, auf den wir alle mit Recht so große Hoffnungen setzten? Wir wissen es nicht. Gott hat ihn abberufen, Gott, der Leben gibt und Leben nimmt. Wir müssen auch diese Prüfung auf uns nehmen und uns dem Willen Gottes beugen. Aber Bundestagspräsident Hermann Ehlers wird lebendig bleiben unter uns; über seinen Tod hinaus wird er wirken unter seinen Freunden und im ganzen deutschen Volk, durch die Ehrlichkeit seiner Überzeugung, durch die Kraft und Lauterkeit seines auf christlicher Verantwortung beruhenden Willens und Wirkens.

Quelle: Hermann Ehlers, hg. v. Friedrich Schramm u.a. Wuppertal 1955, S. 120f.