20. Januar 1956: Ansprache vor der ersten Einheit der Bundeswehr in Andernach

Soldaten der neuen Streitkräfte!

Es ist mir eine Freude, am heutigen Tage zu Ihnen zu sprechen. Nach Überwindung großer Schwierigkeiten sind Sie die ersten Soldaten der neuen deutschen Streitkräfte geworden. Das deutsche Volk sieht in Ihnen die lebendige Verkörperung seines Willens, seinen Teil beizutragen zur Verteidigung der Gemeinschaft freier Völker, der es heute wieder mit gleichen Rechten und Pflichten wie die anderen angehört. Dieser unser Beitrag und die enge Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten, ohne die eine Verhütung eines Angriffes und eine wirksame Verteidigung unserer Heimat nicht denkbar ist, bedeutet für uns eine vertragliche Verpflichtung, sie ist uns eine Herzenssache. Einziges Ziel der deutschen Wiederbewaffnung ist es, zur Erhaltung des Friedens beizutragen. Wir werden dieses Ziel erreicht haben, wenn die gemeinsame potentielle Abwehrkraft der Verbündeten zu jedem Zeitpunkt ein zu großes Risiko für jeden möglichen Angreifer bedeutet. In einer solchen militärischen Stärke, die lediglich für unsere Verteidigung ausreicht, kann niemand eine Bedrohung erblicken.

Die wachsame Bewahrung der Freiheit ist eine gemeinsame Aufgabe aller Staatsbürger. Sie beginnt bereits im persönlichen Bereich und muss unser gesamtes staatliches Leben durchziehen. Denn auch von innen her ist die Freiheit stets durch mancherlei Gegenkräfte bedroht. Moralische und soziale Bemühungen müssen mit dem militärischen Verteidigungsbeitrag Hand in Hand gehen. Ihnen als Soldaten ist der Schutz dieser Lebensordnung gegen Angriffe von außen her aufgegeben. Dieser Auftrag ist Ihnen vom Parlament und Regierung namens des Volkes gestellt. Sie werden Ihre Aufgabe nur erfüllen können, wenn Sie vom Vertrauen des Volkes getragen sind. Die Einordnung von Streitkräften in das Staatsgefüge nach mehr als zehnjähriger Unterbrechung ist eine Bewährungsprobe für unsere Demokratie, die den guten Willen und die Bereitschaft aller positiven Kräfte erfordert. Die Öffentlichkeit wird diese Einordnung mit starker innerer Anteilnahme begleiten.

In der heutigen Zeit ist es nicht der Soldat allein, der die Last und die Gefahr eines möglichen Krieges zu tragen hat. Wert und Berechtigung erhalten die Streitkräfte durch ihre Aufgabe, sich schon im Frieden den Leistungen und Entbehrungen eines Krieges stets gewachsen zu zeigen. Gerade dadurch, durch ihre ständige Abwehrbereitschaft, sollen sie das Grauen eines Krieges verhüten. Der Soldat darf und will deshalb nicht mehr, aber auch nicht weniger sein als jeder andere Staatsbürger, der eine Funktion im Dienste der Gemeinschaft zu erfüllen hat.

Die Angehörigen der Streitkräfte sind Kinder dieses Volkes, dessen Geist und Lebensart auch ihre Persönlichkeit geprägt hat. Der allgemeine Zeitgeist wird sich deshalb stets in den Soldaten widerspiegeln. In ihrer Gesamtheit, als Einrichtung des Staates, unterstehen die Streitkräfte wie jeder andere Zweig der staatlichen Exekutive dem Vorrang der politischen Führung. Die organische Eingliederung in die staatliche Ordnung erfordert Disziplin und Selbstbescheidung des Soldaten. Sie verlangt aber auch die Bereitschaft der Allgemeinheit, ehrlichen Bemühungen die Tore zu öffnen, den Soldaten nicht in eine verhängnisvolle Absonderung zu drängen und ihn nach mancherlei Missdeutungen und negativen Einflüssen der Vergangenheit wieder in seinem Wert zu würdigen. An Ihnen als künftigen Vorgesetzten wird es liegen, in Verantwortung gegenüber den Ihnen anvertrauten Menschen den militärischen Dienst sinnvoll zu gestalten. Dann wird das nach den Einflüssen der Vergangenheit verständliche Misstrauen durch eigenes positives Erleben überwunden. Hierzu ist viel Geduld und neben hohem fachlichen Können viel menschliches Einfühlungsvermögen notwendig.

Soweit Sie als ehemalige Soldaten jetzt wieder in die Streitkräfte eingetreten sind, haben Sie sich inzwischen zehn Jahre lang in zivilen Berufen bewährt. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen sind für Ihre Aufgaben als Offiziere und Unteroffiziere ein wertvolles Kapital, wie es in diesem Umfange noch nie einer Armee zur Verfügung stand. Sie sind die Ersten aus einer großen Anzahl von Kameraden, die noch nach Ihnen kommen werden. Viele andere, die im Kriege auch tapfer, treu und gehorsam ihre Pflicht getan haben und seitdem die Aufgaben des zivilen Lebens meisterten, werden nicht mehr Verwendung finden können. Sie dürfen darin keine abwertende Zurücksetzung erblicken.

Die Jüngeren von Ihnen, die zum ersten Male in einer soldatischen Gemeinschaft dienen, müssen sich stets vor Augen halten, dass der Geist der neuen Streitkräfte nicht nur durch die Führer, sondern auch durch die Geführten geformt wird. Ohne einen entsprechenden Widerhall müssten die Bemühungen der Vorgesetzten ergebnislos bleiben. Es wird von Ihnen abhängen, mit welcher Einstellung künftige Rekruten in die Kaserne einziehen und welche Atmosphäre sie dort erwartet. Auch im täglichen Dienst sollen Sie sich ihrer Bedeutung bewusst sein. Das Prinzip der Arbeitsteilung, das durch die fortschreitende Technisierung in einer modernen Armee herrschen muss, kennt nur Aufgabenbereiche verschiedenen Umfangs, nicht aber Unterschiede in dem Grad der persönlichen Verantwortung.

Soldaten! Sie stehen vor einer Aufgabe, die durch manche Schatten der Vergangenheit und Probleme der Gegenwart besonders schwierig ist. Die zeitliche Lücke von zehn Jahren bedeutet zugleich die einmalige Möglichkeit zu neuem Beginn, wie auch die Verpflichtung, in unermüdlicher Arbeit Versäumtes nachzuholen. Das deutsche Volk erwartet von Ihnen, dass Sie in treuer Pflichterfüllung Ihre ganze Kraft einsetzen für das über allem stehende Ziel, in Gemeinschaft mit unseren Verbündeten den Frieden zu sichern. Gehen Sie mit der Gewissheit an Ihre Arbeit, dass Ihre Leistungen Anerkennung finden werden. Bewahren Sie sich ein frisches Herz und einen freien Sinn. Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Dienst Ihnen Freude und innere Befriedigung geben möge!

Quelle: StBKAH, maschinenschriftliches Redemanuskript (Durchdruck).