14. Juni 1956: Rede vor dem Council on Foreign Relations in New York

Herr Vorsitzender, meine Herren!

A) Es ist mir eine große Freude, nach nunmehr fast genau 3 Jahren wieder vor dem Council zu sprechen - um so mehr, als ich meinen bereits im Herbst 1954 vorgesehenen zweiten Besuch bei Ihnen im letzten Moment wegen der Nachricht von dem tragischen Hinscheiden meines guten Freundes, des Präsidenten unseres Bundestages, Hermann Ehlers, absagen musste. In Ihrem Kreis befinden sich so viele alte persönliche Bekannte von mir und verständnisvolle Freunde unseres Landes, dass ich mich bei Ihnen wahrhaft zu Hause fühle. Ich möchte Sie daher auch bitten, mir zu gestatten, in diesem Geiste der Verbundenheit heute sehr offen zu Ihnen zu sprechen. Ich möchte Ihnen nicht verhehlen, dass ich die Entwicklung der letzten Zeit nicht ohne Sorge betrachte. Die Vorgänge in Sowjetrussland werden von vielen fast fasziniert verfolgt. Es scheint mir, dass sie bei weitem überschätzt werden. Es gibt Leute, die meinen, dass eine starre, in sich gekehrte Einmann-Diktatur von einem beweglichen, weltoffenen „Direktorium" abgelöst worden sei, dem es in verhältnismäßig kurzer Zeit gelungen sei, der sowjetischen Politik Dynamik und eine Aufgeschlossenheit für die Notwendigkeiten anderer Völker zu verleihen. Eine ungeheuere Aktivität von Reisen und Einladungen hat eingesetzt, die der übrigen Welt das Streben des Sowjetvolkes nach Frieden vor Augen führen soll.

Es ist nicht zu leugnen, dass diese neue Taktik des Kremls in manchen Teilen der Welt - insbesondere den neutralistischen und den nicht festgelegten Ländern - einen gewissen Erfolg hat. Das Ansehen und der Einfluss des Westens in manchen dieser Länder ist dadurch gesunken. Aber auch in Europa, sogar in den Vereinigten Staaten, hat diese neue Taktik Wirkungen ausgeübt. Nachdem der Ansporn der unmittelbaren Bedrohung scheinbar entfallen ist, weist die westliche Allianz heute gewisse Ermüdungserscheinungen auf, die sehr wohl zu einer Lockerung unseres Verteidigungsbündnisses führen könnten. In der Öffentlichkeit mancher unserer Länder sind Zweifel an der Richtigkeit unserer bisherigen Politik und Rufe nach ihrer Überprüfung laut geworden. Zwischen einigen der Mitglieder des westlichen Bündnisses sind ernste Meinungsverschiedenheiten aufgetreten, die eine vertrauensvolle Zusammenarbeit erschweren. Die Völker des Westens werden der ständigen Ausgaben und Anstrengungen für die Rüstung müde und neigen wieder dazu, ihre nationalen Interessen in den Vordergrund zu stellen. Sogar in Ihrem Land, dessen Idealismus von jeher so stark gewesen ist, zeigen sich Enttäuschung und Zweifel.

Ich glaube, es ist an der Zeit, dass der Westen die Lage einmal nüchtern analysiert. Hat sich in der Sowjetunion tatsächlich ein grundlegender Wandel vollzogen, der von uns eine völlig neue Haltung fordert? Ist unsere bisherige Politik wirklich so erfolglos gewesen oder hat sie nicht vielmehr die Sowjets erst dazu veranlasst, von ihrem bisherigen Prinzip der offenen Aggression abzugehen oder wenigstens zunächst abzugehen und neue subtilere Methoden der Aggression zu wählen? Was sind die Folgerungen, die der Westen für seine Politik aus den Vorgängen in Russland ziehen sollte, und welche Möglichkeiten bieten sich ihm, mit einer erneuten großen Anstrengung dem sowjetischen Vordringen Einhalt zu gebieten?

B) Um darauf zu antworten, muss man versuchen, ein Bild von den jüngsten Vorgängen in der Sowjetunion und im Ostblock zu gewinnen. Dabei stellen sich unter anderem folgende Fragen:

1) Was bedeutet die öffentliche Verdammung Stalins, die das sensationelle Ereignis des 20. Parteikongresses in Moskau war? Welche Gründe haben sie herbeigeführt?

2) Ist die Reduzierung der russischen Heeresstärke um 1,2 Millionen Mann tatsächlich ein erster Schritt zur allgemeinen Abrüstung?

3) Bedeutet die Absetzung Molotows auch wirklich eine Änderung der russischen Außenpolitik?

Wenn es uns gelingt, die Ursachen für diese aufsehenerregenden Ereignisse zu finden, so können wir wichtige Schlussfolgerungen ziehen, aus denen sich die Absichten der sowjetischen Führung klarer erkennen lassen.

Bereits im Frühjahr und Sommer 1955 sind in Moskau zwei Entscheidungen von größter Tragweite gefallen:

1) der Entschluss, die russische Rüstung und Verteidigung von den bisher herkömmlichen Waffen auf atomare Basis umzustellen;

2) der Entschluss, das technische Niveau der gesamten Wirtschaft, insbesondere der Schwerindustrie, unter Anwendung modernster Methoden zu heben.

Diese Entschlüsse sind durch den 20. Parteikongress bestätigt und erweitert worden. Zum Militärischen hat Marschall Shukow in seiner Rede festgestellt, dass der organisatorische Umbau der Sowjetarmee abgeschlossen sei.

Die wirtschaftliche Zielsetzung ist durch die Annahme des neuen Fünfjahrplanes bestätigt worden. Es handelt sich dabei um den ersten Abschnitt einer bis 1970 reichenden „Perspektivplanung". Sie soll die Sowjetunion in Stand setzen, die führenden westlichen Industriestaaten in der Produktion pro Kopf der Bevölkerung einzuholen, sogar sie zu überholen. Damit soll die Überlegenheit des kommunistischen Systems auch auf wirtschaftlichem Gebiet bewiesen und dem Kommunismus eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die wirtschaftlich schwach entwickelten Länder verliehen werden.

Dies erfordert die Durchführung eines Programmes des Aufbaues neuer, der Ausdehnung vorhandener Industrien und einer starken Rationalisierung und Modernisierung auf allen Gebieten. Sie erfordert vor allem eine rasche Entwicklung der Energiewirtschaft und der Schwerindustrie. Zugleich sollen die industriellen Schwerpunkte weiter nach Osten verschoben und eine dritte industrielle Basis in Mittel- und Ostsibirien geschaffen werden.

Zu diesen eigenen ungeheueren Aufgaben treten die großen Verpflichtungen hinzu, die die Sowjetunion gegenüber der Volksrepublik China und im Rahmen ihrer Wirtschaftsoffensive im asiatisch-afrikanischen Raume auch gegenüber anderen Ländern übernommen hat.

Die sowjetischen Führer stehen damit vor einem nicht zu lösenden Dilemma: Die Gefahr für sie liegt darin, dass der Versuch, alle Aufgaben zugleich planmäßig durchzuführen, wohl aussichtslos erscheint, dass er aber auf alle Fälle eine Versorgungskrise heraufbeschwört. Diese Gefahr ist für die heutige sowjetische Führung deshalb besonders groß, weil sie nicht mehr über die Autorität Stalins verfügt. Sie ist daher auch nicht mehr in der Lage, den Polizeiapparat mit der gleichen Rücksichtslosigkeit wie früher einzusetzen, um die Erfüllung der Planziele zu erzwingen oder eventuelle Unruhen zu bekämpfen. Wenn solche Pläne wirklich durchgeführt werden sollen, braucht das Sowjetregime dringend eine Entlastung, eine Atempause auf anderen Gebieten. Es versucht heute, mit einer Reihe von geschickt aufeinander abgestimmten Maßnahmen auf den verschiedensten Gebieten diese Entlastung zu gewinnen. Gleichzeitig setzt es die Arbeitskraft des russischen Volkes in rücksichtsloser Weise weiterhin bis zum Äußersten ein.

Auch die kürzlich angekündigte Herabsetzung der russischen Heeresstärke geht zweifellos mit auf dieses Dilemma zurück. Sie macht dringend benötigte Arbeitskräfte für Landwirtschaft und Industrie frei. Gleichzeitig erfolgt sie zu einem genau überlegten Zeitpunkt, zu dem ihr politischer und psychologischer Effekt zweifellos erheblich ist. Die militärische Bedeutung dieser Maßnahme ist jedoch meines Erachtens gering, um nicht zu sagen: gleich Null. Genau wie dies in Ihrem Lande der Fall ist, hat sich auch in der Sowjetunion eine Wandlung des strategischen Denkens vollzogen, die zu einer Ersetzung der herkömmlichen Waffen in zunehmendem Maße durch modernste Kampfmittel führt. Man sollte daher richtiger nicht von Abrüstung in der Sowjetunion sprechen, sondern vielmehr von einer Umstellung der Rüstung. Die Sowjets verwirklichen heute lediglich den „New Look" auf militärischem Gebiet, von dem bei uns seit langem so viel die Rede gewesen ist. Die Aufrechterhaltung einer Landarmee in dem bisherigen Ausmaße ist für die Sowjetunion sinnlos geworden. Auch wenn sie diese 1,2 Millionen Mann entlässt, bleiben ihr übrigens von ihren 175 Divisionen immer noch 115 Divisionen, die sie ständig unter Waffen hält, gegenüber etwa 40 aktiven Divisionen, über die die NATO-Mächte zusammengenommen heute in Europa verfügen. Ich darf daran erinnern, dass General Gruenther am 31. Mai vor dem Senat erklärt hat, dass die Sowjetunion auch mit nur 100 Divisionen, unter Berücksichtigung ihrer Atomfeuerkraft, noch ein, wie er sich ausdrückte, „durchaus gefährlicher Angreifer" wäre.

Schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Satellitenstaaten, die im Warschauer Pakt unter straffer zentraler Führung zusammengefasst sind, darüber hinaus über weitere 80 Divisionen verfügen, deren Moral und Ausrüstung in den vergangenen zwei bis drei Jahren ständig verbessert worden sind.

Es hat gewisse Anzeichen dafür gegeben, dass Malenkow sich mit dem Gedanken getragen hat, einen wirklichen Ausgleich mit dem Westen zu suchen. Dieser Weg hätte die Bereitschaft auf russischer Seite vorausgesetzt, das freie Wirtschafts- und Gesellschaftssystem als eine gleichberechtigte Lebensordnung anzuerkennen und zu einer klaren und dauernden Interessenabgrenzung mit der sogenannten kapitalistischen Welt unter Beseitigung der bestehenden Spannungsursachen zu gelangen. Dieser Versuch Malenkows ist jedoch im Keim erstickt worden.

Chruschtschow hat diese Gedanken auf dem 20. Parteikongress ausdrücklich verworfen. Für ihn bleibt der Endsieg des Weltkommunismus das erklärte Ziel, und deshalb handelt es sich bei der von ihm heute propagierten „friedlichen Koexistenz" - jedenfalls soweit es sich bis jetzt beurteilen lässt -, lediglich um einen vorübergehenden Zwischenzustand. Ich glaube, dass diese Überlegungen von großer Tragweite sind. Sie zeigen uns zweierlei. Zum ersten: Es gibt bisher keine Anzeichen dafür, dass eine Änderung, ja auch nur eine gewisse Lockerung der inneren Verhältnisse in der Sowjetunion eingetreten ist, die es für sie notwendig macht, echte Zugeständnisse in der Außenpolitik zu machen. Zum anderen: Wir müssen die weitere Entwicklung in der Sowjetunion mit größter Skepsis und Wachsamkeit verfolgen. Für mich bleibt Diktatur Diktatur - ganz gleich, ob sie nur von einem Mann oder durch mehrere Männer ausgeübt wird. Im übrigen darf ich darauf hinweisen, dass derselbe Stalin, dessen posthume Verbrennung wir erleben, genau dasselbe Manöver einmal vorgenommen hat, indem er auf dem 14. Parteikongress 1925, also kurz nach Lenins Tod, verkündete: „Es ist unmöglich, die Partei anders zu führen als durch ein Kollegium." Wir haben somit allen Anlass, anzunehmen, dass es lediglich zwingende Gründe der Zweckmäßigkeit waren, die dem Stalinkult ein Ende gesetzt haben. Wir haben keinen Beweis dafür, dass in den langjährigen Helfern des toten Diktators ein Wandel der Gesinnung vor sich gegangen ist. Die Reden auf dem Parteitag beweisen das Gegenteil. Chruschtschow schildert Stalin zwar als größenwahnsinnigen und blutrünstigen Tyrannen, aber er verurteilt lediglich Stalin selbst und nicht etwa den Mord oder den Terror als solchen. Er ist durchaus der Meinung, dass „Volksfeinde" ohne weiteres beseitigt werden dürften. Stalin wird nur verübelt, dass sein Blutrausch die Partei geschädigt habe und der internationalen Position der Sowjetunion abträglich gewesen sei. Diese Grundeinstellung Chruschtschows zeigt, dass ungezügelter Terror in der Sowjetunion in dem Augenblick wieder zur Herrschaft gelangen kann, in dem dies den Herrschern im Kreml zweckmäßig erscheint.

Die Sowjetunion hat sich bis jetzt nicht bereit gefunden, irgendwelche Zugeständnisse zur Beseitigung der wesentlichsten Spannungsursachen zu machen. Sie werden verstehen, wenn ich in diesem Zusammenhang vor allem auf die deutsche Frage hinweise. Die sowjetische Haltung hierzu hat sich seit dem deprimierenden Verlauf der Genfer Außenministerkonferenz vom Oktober 1955, auf der von russischer Seite die sehr weitgehenden Sicherheitsangebote des Westens mit einer verächtlichen Geste vom Tisch gefegt wurden, nicht nur nicht gelockert, sondern sogar in ihrer negativen Tendenz bestätigt. Noch kürzlich hat diese Einstellung durch die Äußerungen, die Herr Chruschtschow den französischen Staatsmännern gegenüber bei ihrem Besuch in Moskau gemacht hat, in einer brutalen Form ihre Bestätigung gefunden. Nicht einmal um den Preis der Neutralisierung, - d.h. um den Preis unserer Sicherheit - ist die Sowjetunion bereit, den Menschen der von ihr besetzten Zone Deutschlands die Freiheit wiederzugeben.

Ich bitte Sie, betrachten Sie die Frage der Wiedervereinigung Deutschlands nicht bloß als eine deutsche Angelegenheit oder als ein moralisches Prinzip. Sie ist ein Problem von weittragendster, unmittelbarer politischer Bedeutung für die ganze freie Welt: Solange die 17 Millionen Menschen, die heute in der von den Sowjets besetzten Zone Deutschlands unter der kommunistischen Tyrannei leben, nicht mit ihren Brüdern und Schwestern in Freiheit wieder vereinigt sind, wird Europa ein Feld gefährlicher politischer Spannungen bleiben, von denen auch Ihr Land nicht unberührt bleiben kann. Die Sowjetregierung hat sich auch nicht zu einem ausreichenden Entgegenkommen in der Frage der Abrüstungskontrolle bereit gezeigt. Ich erinnere Sie daran, dass sie den großartigen Luftinspektionsplan von Präsident Eisenhower nach wie vor ablehnt. Die Sowjets versuchen weiter, mit allen offenen und subversiven Mitteln, in der ganzen Welt die Position des Westens zu unterminieren und die Gegensätze zu schüren.

Ich will keineswegs in Abrede stellen, dass sich in der Sowjetunion gegenwärtig interessante Dinge abspielen. Wir müssen sie jedenfalls auf das genauste daraufhin beobachten, ob sie vielleicht eines Tages als Anzeichen dafür gewertet werden können, dass sich in der Sowjetführung eine gewisse Sinnesänderung anbahnt.

In der Ära Stalins waren Furcht und Misstrauen zu den hauptsächlichsten Antriebskräften in der sowjetischen Gesellschaft geworden. Das Ergebnis war eine Lähmung jeder Initiative und Verantwortungsfreude. Heute macht das Regime den Versuch, diesen toten Punkt zu überwinden. Es kann sein, dass hierin eine Chance liegt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Regime in der Zukunft zu größeren Zugeständnissen genötigt wird, als es ursprünglich beabsichtigte, um dem Drängen der russischen Bevölkerung nach Hebung ihres Lebensstandards nachzukommen. Ähnliche Anzeichen einer gewissen Unruhe liegen auch in einigen europäischen Staaten des Ostblocks vor. Aber das alles sind bis jetzt lediglich Hoffnungen und noch keine Tatsachen.

Ich möchte zusammenfassend sagen: Die heutige sowjetische Führung hat gewisse Herrschaftsmethoden Stalins verurteilt, obgleich die heute Führenden die gehorsamsten Mittäter Stalins waren. Sie hat eine Anzahl theoretischer Lehren von Stalin aufgegeben und sie hat Stalins militärische Fähigkeiten in Zweifel gezogen. Sie hat aber die imperialistische Außenpolitik Stalins bis heute nicht verurteilt, sie zeigt bis jetzt keine Bereitschaft, die Ergebnisse dieser imperialistischen Außenpolitik zu revidieren und den von ihr versklavten Völkern die Freiheit wiederzugeben. Sie verfolgt noch dieselben weltpolitischen Endziele wie Stalin, wenn auch mit teilweise neuen und elastischeren Methoden. Solange sich aber im Osten nur Methoden in gewissem Umfange, nicht jedoch die eigentlichen Ziele ändern, werden auch wir im Westen an unserer gemeinsamen Entschlossenheit festhalten müssen, die Sicherheit und Verteidigung der freien Welt zu gewährleisten.

Wir sollten jedoch nicht müde werden, dem russischen Volk vor Augen zu führen: dass der Westen nicht an die Echtheit der Abkehr vom Stalinismus glauben kann, ehe die imperialistische Außenpolitik Stalins aufgegeben ist; dass die Folgen der Spannung sich nicht beseitigen lassen, solange ihre Ursachen nicht behoben sind; dass zwischen allgemeiner Abrüstung, Sicherheit und der Gewinnung der Freiheit für die Deutschen in der sowjetischen Besatzungszone ein innerer Zusammenhang besteht und jeder Fortschritt auf einem dieser Gebiete von einem Fortschritt auf den beiden anderen begleitet sein muss; dass die freie Welt sich von ihrer Sicherheit und Freiheit ebenso wenig etwas abhandeln lässt wie von den moralischen Prinzipien, auf denen ihre Politik beruht.

C) Was folgt aus diesen Überlegungen für die freie Welt?

1) Wir sollten die Vorgänge in der Sowjetunion nicht überschätzen, wir täuschen uns damit selbst.

2) Wir sollten nicht zu sehr auf innere Schwierigkeiten in der Sowjetunion, weder politischer noch wirtschaftlicher Art, rechnen und vor allem nicht so viele Spekulationen darüber in der Öffentlichkeit anstellen.

3) Obwohl man annehmen kann, dass die Sowjetunion zur Zeit nicht an eine Durchsetzung ihrer Politik mit kriegerischen Mitteln denkt, schließt dies nicht aus, dass sie zu diesen zurückkehrt, wenn sich für sie eine dafür günstige Lage ergeben sollte.

4) Bei einem defensiven Verhalten auf militärischem Gebiet - was jedoch die volle Aufrechterhaltung der westlichen Verteidigungsbereitschaft voraussetzt - sollte die Gegenaktion des Westens auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet geführt werden.

5) Wie alles menschliche Handeln ist auch die Politik des Westens sicher nicht frei von Irrtümern gewesen, aber in ihren Grundzügen hat sie sich als richtig erwiesen. Wenn unsere Chancen, Frieden und Freiheit in der Welt zu retten, heute größer sind als früher, dann ist dies in erster Linie der Festigkeit und Einigkeit unserer Regierungen und Völker zu verdanken. Wir müssen uns daher vor allem diese Quelle unserer Kraft erhalten.

6) Dabei sollte der Westen jedoch bereit sein, seine Politik ständig selbst gewissenhaft zu überprüfen und nach neuen Wegen und Möglichkeiten zu suchen.

Wir müssen uns auch klar sein, dass die Entscheidung darüber, ob die Welt frei oder unfrei sein wird, nicht nur auf militärischen, sondern auch auf anderen Gebieten vorbereitet wird. Es wird daher darauf ankommen, ob es dem Westen gelingt, das zum Teil verzerrte Bild, das sich manche Völker Asiens und Afrikas von ihm machen, zu korrigieren und die Sympathien dieser Länder zu gewinnen. Wir müssen auch der Verpflichtung, die wir als hochentwickelte Industrieländer den weniger begünstigten Gebieten der Welt gegenüber haben, helfend nachkommen, wie dies von Seiten der Vereinigten Staaten schon jahrelang in großzügigster Weise erfolgt. Und wir müssen vor allem bereit sein, in dem Zusammenschluss der Mitglieder des atlantischen Bündnisses weiter zu gehen als bisher und dieses auch auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet zu einem wirksamen Instrument der Koordination unserer gemeinsamen Politik auszubauen.

Ich möchte zum Schluss nochmals davor warnen, der sowjetischen „Friedenskampagne" zum Opfer zu fallen. Sie birgt eine tödliche Gefahr in sich. Bei aller Bereitwilligkeit, mit einem „neuen Russland" zusammenzuarbeiten, sollten wir uns durch keine noch so verlockenden Versicherungen dazu verleiten lassen, in unseren gemeinsamen Anstrengungen nachzulassen, ehe tatsächlich konkrete Maßnahmen vorliegen, die die uns allen drohenden Gefahren wirklich beseitigen. Die ungeheure Gefahr, die der Kommunismus für die gesamte Welt darstellt, wird durch die Friedensbeteuerungen der sowjetischen Führer allein nicht behoben. Ihr Ziel ist immer noch die Beherrschung der Welt. Wir stehen einer dynamischen, in skrupelloser Propaganda erfahrenen, diktatorisch regierten Macht gegenüber, die dank ihrer geographischen Lage auf zwei Kontinenten daran gewöhnt ist, global zu denken und zu planen. Die Bedrohung Europas bleibt nach wie vor - trotz der augenblicklichen Konzentrierung der Sowjets auf andere Teile der Welt - eine überaus wirkliche Gefahr -, auch, wie ich schon ausführte, für die Vereinigten Staaten. Sie kann nur behoben werden, wenn wir alle - neben neuen großen Anstrengungen auf anderen Gebieten - unsere militärische Sicherheit nicht vernachlässigen. Die Völker des Westens haben bisher immer noch bewiesen, dass sie die Kraft des Glaubens besitzen, die es ihnen ermöglicht, im Augenblick der Gefahr zuversichtlich und opferbereit zu sein. Ich bin davon überzeugt, dass unser bisheriger Weg der richtige ist und dass wir ihn unbeirrt mit Mut, Entschlossenheit und in Einigkeit weiterverfolgen sollen.

D) Darf ich, bevor ich schließe, unter Freunden noch eines erwähnen? In letzter Zeit haben mancherlei Anlässe zu gewissen Missverständnissen zwischen unseren beiden Ländern geführt. So ist man bei Ihnen mit dem zu langsamen Tempo unserer Wiederbewaffnung unzufrieden, während bei uns manche Kreise das Gefühl haben, dass die Westmächte uns unbillige Lasten zumuten. Die Bundesregierung ist in ihrer Entschlossenheit, die Wehrgesetze durchzuführen, nie wankend gewesen - aber ich darf darauf hinweisen, welche einschneidende Umstellung dies für das deutsche Volk bedeutet und dass zwei schreckliche Kriege, die von alliierter Seite nach dem Zusammenbruch durchgeführte „Umerziehung" und die Nichtverwirklichung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft nicht ohne schwerwiegende psychologische Folgen geblieben sind. Wie Sie wissen, haben wir sogar unsere Verfassung ändern müssen, um uns für die Verteidigung rüsten zu können. Ich glaube aber, dass die ganze, zum Teil sehr freimütige Auseinandersetzung bei uns über diese und andere Fragen ein durchaus gesundes Zeichen unserer demokratischen Entwicklung darstellt und dass es besser ist, jetzt offen über das Für und Wider zu diskutieren, als sich später unvorhergesehenen Schwierigkeiten gegenüber zu sehen.

Sie brauchen keine Zweifel daran zu haben, dass das deutsche Volk seine Verpflichtungen auf das genaueste erfüllen und ein zuverlässiger und starker Partner der westlichen Gemeinschaft sein wird. Unsere Zugehörigkeit zum Westen ist kein Handelsobjekt; der europäische Gedanke kein bloßes Mittel zum Zweck, sondern ein neues Ideal, an das wir glauben. Diese Überzeugungen sind im deutschen Volk, in der deutschen Jugend, fest verwurzelt und sind keine Angelegenheit etwa nur von Parteien. Sie haben uns in unserem Suchen nach einer neuen Lebensform so sehr geholfen und uns bisher Vertrauen entgegengebracht - schenken Sie es uns weiter, und wir werden Sie nicht enttäuschen.

Quelle: StBKAH. maschinenschriftliches, handkorrigiertes Redemanuskript.