2. September 1956: Rede auf der Schlusskundgebung des 77. Deutschen Katholikentages in Köln

Freiheit - das tragende Fundament

Wer das Glück hatte, dem Pontifikalamt im Dom am Donnerstag beiwohnen zu können, dem werden diese Stunden unvergesslich sein. Die überwältigende Weite des Raumes umfing uns, man fühlte sich nicht in ihr verloren, man fühlte sich geborgen. Die zum Himmel strebenden Pfeiler, das feine Maßwerk, das gedämpfte und doch klare Licht, die Klänge der Orgel und des Chores, die farbigen Gewänder der Priester und Bischöfe, der Glanz der Lichter von den Altären, alles das vereinte sich zu einem erhebenden Zusammenklang. Welch' ein Gegensatz zu der Wirrnis, dem Lärm, der Hast, dem Betrieb unserer Zeit!

Viele, viele Tausende Menschen waren im Dom, alle versunken in sich und im Gebet, im betenden Schauen und Hören! Welch' ein Gegensatz zu unserer Zeit: ein Volk, aber keine Masse. Unsere Seelen waren angerührt und sprachen. Und wenn auch alle innerlich die gleiche Sprache sprachen, wenn auch alle das Gleiche fühlten und empfanden, jeder dachte, jeder fühlte, jeder empfand für sich. Keiner fühlte sich als Teilchen einer Masse, jeder - selbst, wenn er sich in dem Augenblick auch darüber nicht klar wurde - als ein Mensch, der in Freiheit vor seinen Gott tritt. „Wo der Geist des Herrn ist, ist Freiheit", sagt der heilige Apostel Paulus im 2. Brief an die Korinther. Ein gewaltiges Wort! Und wahrhaftig: Unsere Zeit beweist es, wie wahr und gültig dieses Wort ist.

Ich weiß nicht, ob wir wenigstens dann und wann einmal darüber nachdenken, welch' hohes Gut die Freiheit ist, ob wir uns auch klar sind, wie gefährdet die Freiheit auf der Erde ist. Ich weiß nicht, ob wir uns immer darüber klar werden, dass die Freiheit, die Freiheit der Person, das tragende Fundament jeder Religion, insbesondere aber des Christentums ist, dass unsere katholische Religion, unsere Kirche nicht sich entfalten, nicht die Menschen zum ewigen Heile führen kann, ohne dass den Menschen, ohne dass ihr und ihren Gliedern die Freiheit gesichert ist.

„Wo der Geist des Herrn ist, ist Freiheit", sagt der heilige Apostel Paulus, und wir können hinzufügen: „Wo der Geist des Herrn nicht ist, da ist Unfreiheit und Sklaverei". Die gefährlichste Irrlehre unserer Zeit ist der atheistische Materialismus. Er verneint Gott, er hasst Gott, er bekämpft Gott, darum kennt er keine Freiheit. Er vergottet den Staat, er will Gott vom Thron stoßen, er will dem Staat und seinen Funktionären die ganze Gewalt über den Menschen geben. Machen wir uns klar, dass die Staaten, die den atheistischen Materialismus zu ihrer Grundlage gemacht haben, rund eine Milliarde Menschen umfassen.

Der Heilige Vater hat am 29. Juni 1956 ein Apostolisches Schreiben erlassen, ein Schreiben, das bei den deutschen Katholiken leider zu wenig bekannt geworden ist. Die Adresse dieses Schreibens zeigt, wie sehr die Freiheit des Christentums und der Kirche gefährdet ist. Sie lautet: An die Kardinäle Mindszenty, Stepinac und Wyszynski sowie an den Klerus und die Laien in Albanien, Bulgarien, der Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Polen, Rumänien und im östlichen Teile Deutschlands und an alle anderen verfolgten Völker Europas.

Lassen Sie mich einige Sätze aus diesem Schreiben verlesen: „Leider werdet heute wiederum ihr, die ihr die genannten Länder bewohnt, in überaus betrüblichen und traurigen Verhältnissen gequält, zusammen mit vielen anderen nicht nur des lateinischen, sondern auch des orientalischen Ritus, östlich von euch oder im Norden, der Küste des Baltischen Meeres entlang, schmerzvoll und bitter heimgesucht und bedrängt. Mehr als zehn Jahre schon ist es her, dass, wie ihr aus Erfahrung wisst, die Kirche Jesu Christi ihrer Rechte beraubt wird, wenn auch nicht überall in gleicher Weise. Ihre frommen Vereinigungen und religiösen Genossenschaften sind aufgelöst und versprengt, die Oberhirten können entweder nicht in rechter Weise ihres heiligen Amtes walten oder sie sind von ihren Sitzen verwiesen und in die Verbannung oder an einen überwachten Ort gebracht. Auch wissen Wir, dass nicht wenige Verfolgungen aller Art erleiden nur deshalb, weil sie offen, aufrichtig und mutig sich bemühen, ihren Glauben zu bekennen und tapfer zu verteidigen. Mit besonderer Betrübnis wird Unser Herz erfüllt beim Gedanken daran, dass die Seelen der Kinder und Jugendlichen mit trügerischen und verwerflichen Lehren bearbeitet werden, um sie abwendig zu machen von Gott und seinen heiligen Geboten - zum größten Schaden für ihr gegenwärtiges und mit Gefahr für ihr zukünftiges Leben." An anderer Stelle dieses Apostolischen Schreibens sagt der Heilige Vater: „Seid versichert, dass die gesamte Familie der Christenheit voll ehrfürchtiger Bewunderung vor dem steht, was ihr in Not und Bedrängnis aller Art schon solange schweigend ertragt."

Der atheistische Materialismus ist im Angriff gegen das Christentum und die monotheistischen Religionen. Jedes Mittel ist ihm recht. Keine freundliche Geste, kein Dulden einer religiösen Kundgebung darf unseren Blick trüben gegenüber der Tatsache, dass dieser Materialismus dort, wo er Macht hat, schonungslos mit brutalen Mitteln und äußerster Konsequenz die Religion auszurotten versucht, und dass er diese Macht weiter auszudehnen sucht.

Wir fühlen mit allen Verfolgten und bewundern ihre Tapferkeit. Es sind in manchen Ländern nicht wenige, ich gedenke hier der Hunderttausende, die vor wenigen Wochen so tapfer ihre Verehrung zur Muttergottes von Czenstochau öffentlich bekundeten. Ein besonders herzliches Wort lassen Sie mich an unsere Brüder und Schwestern aus der Sowjetzone und aus Ost-Berlin richten. Wir sind sehr glücklich, dass Ihr hier seid! Ich glaube, dass Ihr das fühlt und empfindet. Und aus Euren Augen leuchtet die Freude, hier bei uns zu sein. Ihr seid heute zu vielen Tausenden auf dem Deutschen Katholikentag. Unlängst waren Tausende aus der Zone auf dem Evangelischen Kirchentag. So stellen die beiden christlichen Kirchen ein festes, ein unzerreißbares Band zwischen Euch und uns dar. Diese Verbindungen und Verknüpfungen wollen wir auf allen Gebieten vermehren und festigen. Das Band zwischen Euch und uns ist so stark, dass keine politische Gewalt es jemals wird zerreißen können. Wir wissen um Eure schwere Bedrängnis und Eure große Not. Mit dem heiligen Paulus sagt Ihr: „Allenthalben bedrängt, sind wir doch nicht erdrückt; ratlos, sind wir doch nicht mutlos, verfolgt, doch nicht verlassen, niedergeworfen, doch nicht verloren". Und in der Tat: Ihr seid nicht verlassen, Ihr seid nicht verloren! Der Tag Eurer Freiheit wird kommen! Dann werden wir miteinander in einem friedlichen und freien Deutschland vereint sein.

In wenigen Monaten ist das Weihnachtsfest. Das Weihnachtsfest, das uns Deutschen ja so besonders am Herzen liegt, soll uns nahe zusammenführen. Wir Deutsche diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs wollen zusammen das heilige Weihnachtsfest feiern. Die Gefahren, die von dem atheistischen Materialismus uns, Europa, der ganzen christlichen Welt drohen, sind ungeheuer groß, weil hinter ihm große politische Macht steht. Die Auseinandersetzung mit ihm wird schwer sein und lange dauern. Ich spreche hier nicht von politischem Kampf, ich spreche von dem geistigen Kampf, der geistigen Auseinandersetzung, dem geistigen Sieg über den Materialismus, den wir erringen müssen, den wir erringen werden. Wir sind im Besitze der Wahrheit, aber es gibt Quellen der Schwäche für uns. Das ist einmal unser Hang zum Materiellen, zum materiellen Genuss und zur materiellen Macht. Mit ihm geht Hand in Hand eine erschreckende Nichtachtung der geistigen Werte, eine Nichtachtung der auf Sachkenntnis beruhenden Autorität, Eine weitere Quelle unserer Schwäche ist die Entwurzelung so vieler, das Schwinden der Persönlichkeit, das Hintreiben, das Sichtreiben-Lassen zur Vermassung. Vermassung aber ist die Vorstufe des Materialismus.

Über die überaus ernste geistige Lage, in der wir, in der die Welt sich befindet, ist unser Volk in allen seinen Schichten und Ständen sich nicht genügend klar. Priester und Laien müssen diesem für die Zukunft so entscheidenden Problem sich immer wieder widmen. Es handelt sich - ich betone es noch einmal - um die entscheidende Frage unserer Zeit, die entscheidende Frage der geschichtlichen Periode, in der wir leben. Von der Entscheidung in dieser geistigen Auseinandersetzung hängt die Zukunft des Christentums ab.

Der Klerus allein kann diese Auseinandersetzung nicht führen. Dafür ist das Kampffeld zu groß, es erstreckt sich über alle Gebiete der menschlichen Gesellschaft. Jeder Laie muss, gleichgültig, wo er steht, ein Mitarbeiter sein. Die Entscheidung ist abhängig von der Lebensführung eines jeden einzelnen, sie fällt in der Familie, bei der Erziehung der Kinder, bei der täglichen Arbeit. Der Heilige Vater hat einmal vom Berufsapostolat gesprochen und u. a. gesagt, es bestätige sich in erster Linie durch die Persönlichkeit. Das ist ein großes und wahres Wort. Wir wollen Persönlichkeiten werden, christliche, katholische Persönlichkeiten; dann werden wir auch unser Laienapostolat in dieser schicksalsschweren Zeit erfüllen können.

Zu Anfang sprach ich von dem Pontifikalamt im Dom, von diesen Stunden, die uns hoch hinausführten über die Wirrnis unserer Zeit. Lassen wir uns immer unter die Hut dessen begeben, von dem es heißt: „Wie Du warst vor aller Zeit, so bleibst Du in Ewigkeit". Wenn wir das tun, wird unser Herz nicht verzagen, wir werden stark und sicher sein in seinem Schutze.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 165, 4. September 1956.