1. Oktober 1956: Begrüßungsansprache beim 4. Kongress des DGB in Hamburg

Herr Vorsitzender! Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Der Einladung des Vorstandes des Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Teilnahme an Ihrem 4. Kongress bin ich gerne gefolgt. Ich spreche Ihnen auch im Namen der Bundesregierung meine besten Wünsche aus.

Seit dem deutschen Zusammenbruch im Jahre 1945 haben Sie eine sehr große Organisation aufgebaut. Sie sind damit in den Besitz einer großen Macht gelangt. Macht und Verantwortung sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn ich zurückblickend das Geschehen seit 1945 übersehe, so kann ich sagen, dass der wirtschaftliche und damit auch der staatliche Aufbau unseres Volkes nicht gelungen sein würde ohne das immer wieder gezeigte Verantwortungsbewusstsein der Gewerkschaften.

Bei einem solchen Rückblick denke ich immer wieder an meinen nun schon seit Jahren dahingegangenen Freund Böckler und seine ungeheure Arbeit als Ihr 1. Vorsitzender. Wir kannten uns seit vielen Jahren aus der Zeit her, da er Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in Köln und ich Oberbürgermeister war. In gemeinsamer Arbeit, die nicht immer ohne Reibungen verlief, waren zwischen ihm und mir freundschaftliche Beziehungen entstanden, so dass ich die Arbeit der Wiederaufrichtung der deutschen Gewerkschaften unter seiner Leitung immer mit Sympathie verfolgt habe.

Die Gewerkschaften sind ein wichtiger Bestandteil unseres gesamten wirtschaftlichen Organismus geworden. Sie sind nicht nur ein wichtiger Bestandteil, sie sind auch ein notwendiger Bestandteil. Ich kann mir ein gutes Funktionieren unserer Wirtschaft ohne die Gewerkschaften nicht vorstellen. Sie haben ein Recht darauf, auch von den staatlichen Stellen gehört zu werden in gleicher Weise, wie die Verbände der Unternehmer und der Wirtschaft und andere wirtschaftliche Verbände.

Die Erschütterungen der nationalsozialistischen Zeit, des Krieges und der ersten Nachkriegszeit sind an unserem Volke, wie das in der Natur der Sache liegt, nicht spurlos vorübergegangen. Ich habe oft das Empfinden, als ob manche, auch kluge Leute, aus allen Ständen, insbesondere aber die Jüngeren, nicht die Labilität unseres ganzen Seins kennten. Das Leben eines jeden einzelnen Menschen schließt in sich ein Auf und Ab. Dieses Auf und Ab gilt auch von der Wirtschaft, gilt auch vom politischen Leben. Manchmal scheint es mir, als ob man an die Möglichkeit eines Abwärtsgehens nicht denkt oder nicht denken will. Ein besonderes Anzeichen dafür scheint mir der abnehmende Sparwille des deutschen Volkes zu sein. Ansammlungen von Kapital, wie es die Folge auch des Sparens ist, ist notwendig, um der gesamten Wirtschaft, aber auch jedem Einzelnen einen Halt zu geben, der befähigt ist, Wechselfälle in größerer Ruhe zu überstehen. Ich glaube, dass wir versuchen müssen, noch andere Wege zu suchen als bisher, um die Spartätigkeit zu beleben. Ich denke dabei an andere steuerliche Maßnahmen, die das Sparen begünstigen. Ich denke auch an Investment-Gesellschaften, die den weitesten Kreisen einen Anteil am Besitz sichern und daher zum Sparen anreizen und das Wissen um den Lauf der Wirtschaft vergrößern.

Das vornehmste Interesse der Gewerkschaften gilt naturgemäß der Arbeitnehmerschaft, den Lohnfragen, den Besitzfragen, den Fragen der Mitbestimmung und jetzt insbesondere der Frage der Verkürzung der Arbeitszeit. Eine Verkürzung der Arbeitszeit scheint mir ein berechtigtes Verlangen zu sein. Damit die Verkürzung der Arbeitszeit sich nicht gegen den Arbeitnehmer selbst und gegen den Konsumenten richtet, wird die Produktivität der Wirtschaft bei der Verkürzung berücksichtigt werden müssen. Ich weiß, dass das auch Ihre Ansicht ist. Ich hoffe, dass die Verhandlungen, die über diese Frage schweben oder eingeleitet werden, von allen Beteiligten geführt werden unter Berücksichtigung der Interessen des gesamten Volkes.

Zwei Gedanken, meine Damen und Herren, erlauben Sie mir noch vor Ihnen auszusprechen:

Ich bin kein Freund einer unnötigen Aufblähung der wirtschaftlichen Unternehmungen. Nur dort, wo aus zwingenden Gründen eine besondere Größe eines Unternehmens nötig ist, scheint sie mir angebracht zu sein. Ich bin gegen zu große Ansammlungen wirtschaftlicher Macht in wenigen Händen. Vor allem aber scheint mir eine unangebrachte Größe von Unternehmen, die Unpersönlichkeit der Arbeit in ihnen, die Freude an der Arbeit zu gefährden.

Wir befinden uns, wie Sie wissen, in einer technischen Umgestaltung unserer gesamten Produktion in einem Ausmaße, das wir jetzt noch nicht überschauen. Aber nicht nur diese technische Umgestaltung, auch die Schwierigkeiten, die das öffentliche und das politische Leben des Zeitalters kennzeichnen, in dem wir uns befinden, verlangen eine viel stärkere Begabtenförderung, als wir sie bis jetzt haben. Bei der Begabtenförderung denke ich nicht nur an die Jugend. Ich denke auch an Begabtenförderung für die schon in der Arbeit Stehenden. Es muss meines Erachtens unser Bestreben sein, Angehörigen aller Schichten der Bevölkerung, die begabt und fleißig sind, allen denjenigen, die Freude am Streben nach Erfolg haben, durch die Begabtenförderung größere Aufsteigmöglichkeiten zu geben.

Ich weiß, dass ich hier mich nicht in einer politischen Versammlung befinde. Aber ich bitte Sie, mir ein Wort noch zu erlauben, das, wenn es auch von manchen als ein politisches Wort angesehen werden könnte, kein politisches Wort ist, weil es sich um die erhabensten Güter der Menschheit dabei handelt: Ich möchte ein sehr herzliches Wort des Dankes dafür sagen, dass die deutsche Arbeiterschaft auch in den Tagen der Not eine solche politische Reife gezeigt und eine so klare und entschiedene Ablehnung gegenüber allen Verlockungsversuchen des Ostens bewiesen hat. Ich bin überzeugt, dass die spätere Geschichtsschreibung unserer Periode dieses große Verdienst der deutschen Arbeiterschaft um Freiheit und Persönlichkeit besonders würdigen wird.

Lassen Sie mich zum Schluss Ihnen einen guten Verlauf Ihrer Veranstaltung wünschen.

Quelle: StBKAH, maschinenschriftliches Redemanuskript (Durchdruck).