25. April 1958: Rede auf einer Kundgebung der deutschen Familienverbände in Köln 

Eminenz, meine verehrten Damen und Herren!

Lassen Sie mich zunächst ein Wort der Entschuldigung sagen dafür, daß ich später kam. Ich bin von meinen Eltern her an Pünktlichkeit gewöhnt, und deswegen war mir die Verspätung peinlich. Ich habe mir aber erlaubt, mich vorher zu entschuldigen; ich konnte unmöglich früher kommen. Ich möchte nicht in meiner Eigenschaft als Bundeskanzler und Politiker allein zu Ihnen sprechen, sondern ich möchte auch zu Ihnen sprechen als Vater von sieben noch lebenden Kindern, und ich habe 18 Enkel. Aus den Erfahrungen heraus, die ich in dieser Eigenschaft gemacht habe, darf ich vielleicht in Verbindung mit dem, was ich sonst so in diesen Jahren sehe, zu Ihnen sprechen.

Sicher, wir Deutschen haben in den letzten zwölf Jahren sehr viel wiederaufgebaut und eine wirtschaftliche Blüte hervorgerufen. Wir haben auch, so gut wir konnten, soziale Wunden geheilt, aber man kann die Augen nicht davor verschließen, daß wir noch schwere seelische Schäden haben. Diese seelischen Schäden wiegen auch vielleicht schwerer als die materiellen Schäden, und diese seelischen Schäden des deutschen Volkes heilen auch langsamer als intellektuelle Schäden, weil diese seelischen Schäden doch an das Tiefste und Feinste in der menschlichen Seele gehen und weil darum auch ihre Heilung so viel schwerer sein muß.

Woher wir diese seelischen Schäden bekommen haben? Ich brauche es Ihnen nicht im Einzelnen zu sagen. Ich brauche nur in wenigen Worten das Bild der Vergangenheit vor Sie hinzustellen: Nationalsozialismus, Krieg mit Trennung und Auseinanderreißung der Familien, Armut, die furchtbaren Zerstörungen. Dazu kommt, daß wir infolge der entsetzlich schnellen Fortentwicklung auf technischem Gebiet im Zusammenhang mit all dem, was wir in den Jahren erduldet haben, stark zum Materiellen hin und dazu neigen, diesem gegenüber alles andere zu vernachlässigen.

Die Familienverbände, die ich zu dieser großartigen Versammlung beglückwünsche, haben sich ein großes Feld der Arbeit gesteckt. Es ist aber nicht nur nötig - davon sprach mein Herr Vorredner -, die Eltern darauf aufmerksam zu machen, welche Pflichten sie gegenüber ihren Kindern haben, sondern es scheint mir ebenso nötig zu sein, die noch jüngere Generation darauf hinzuweisen, welchen Wert die Familie für sie hat und wie schwer es ist, ein guter Vater und eine gute Mutter zu sein, aber welche Quelle des Glücks auch die Familie sein kann, das schönste Glück, das wir hier auf Erden haben, wenn es gelingt, gute Kinder zu haben und in der Familie Frieden und die Geborgenheit vor all dem Materiellen zu finden.

Die Eltern sind die ersten und die maßgebendsten Erzieher ihrer Kinder. Sie haben das eben gehört, und ich glaube, jeder, der mit offenen Augen im Leben steht, wird bestätigen, daß das, was in den ersten Jahren in die Kinder hineingelegt wird, fortwirkt, sehr häufig fortwirkt im Guten, aber auch im Schlechten für ihr ganzes Leben. Darum glaube ich, daß gerade auch der Staat die Verpflichtung hat, der Familie zu helfen, damit sie ein gutes familiengerechtes Leben führen kann. Wir sind erst am Anfang, und ich weiß genau, daß wir weit zurückstehen hinter dem, was in anderen Ländern, in anderen Staaten, in anderen Völkern für die Familie getan wird. Wir haben dafür nur eine Entschuldigung, nämlich die, daß das deutsche Volk wohl mehr als ein anderes Volk auch alle seine Kriegsschäden beseitigen mußte, ehe es an die Erfüllung einer so wichtigen Aufgabe herangehen konnte.

Was wir jetzt tun, muß ein Anfang sein, dem eine weitere Entwicklung und eine Fortsetzung folgen muß. Auch ich bin der Auffassung, daß das Geld, das man für diese Zwecke ausgibt, ein Kapital ist, das reiche, reiche Zinsen trägt, nicht nur in geistiger, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Denn auch wirtschaftlich kann ein Volk auf die Dauer nichts leisten, wenn nicht die ethische Grundlage jeder Arbeit ihm immer klar vor Augen schwebt.

Nun steigt vor uns ein neues Problem auf, das zum Segen der Familie werden, aber auch vielleicht die Familie noch mehr auseinanderreißen kann, das ist das Freizeitproblem. Wenn die Freizeit wirklich so benützt wird, wie sie benutzt werden sollte, d.h. um die Verbundenheit mit der Familie zu pflegen, dann ist sie ein großes Geschenk für uns alle. Aber wenn die Freizeit dazu benutzt wird - um mit meinem Herrn Vorredner zu sprechen -, auf das Sonntagskarussell zu gehen, dann kann sie zum Fluch für uns werden.

Hier liegt eine große Aufgabe vor uns. Diese Aufgabe kann niemals der Staat allein erfüllen. Diese Aufgabe kann nur dann erfüllt werden, wenn freiwillige Organisationen mithelfen, wenn die Kirchen mithelfen, wenn jeder an seiner Stelle seine Pflicht tut, um die gegebenen Probleme zu lösen. Der Staat kann und muß die Grundlage geben, aber das Haus, das darauf aufgebaut werden muß, das muß die freiwillige Mitarbeit aller Gutgesinnten uns schenken.

Sie haben, Herr Professor [Pfahler], gesprochen von den geistigen Gaben, Sie haben den Satz ausgesprochen, daß das Geistige und das Materielle eine Einheit bildet. Sie haben damit nach meiner Überzeugung vollkommen recht. Das Materielle allein tut es wirklich nicht, das Geistige steht sogar voran. Ich glaube, daß es uns gelingen muß, gerade auch in der Jugend über 20 Jahre den Sinn für den bloß materiellen Genuß zu beseitigen und ihr das Glück in der Familie wieder nahezubringen. Wenn uns das nicht gelingt, dann wird jede staatliche Hilfe - mag es sozialer Wohnungsbau sein, mag es Kindergeld sein - nicht den Erfolg haben, den wir alle wünschen. Darum müssen wir alle gegen den materiellen Geist kämpfen und müssen hinweisen auf die großen seelischen und geistigen Güter, weil sie allein den Menschen glücklich machen. 

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 79, 29. April 1958, S.780. Abgedruckt in: Konrad Adenauer: „Die Demokratie ist für uns eine Weltanschauung.“ Reden und Gespräche 1946-1967. Hg. von Felix Becker. Köln-Weimar-Wien 1998, S. 132-135.