20. September 1959: Rundfunkansprache zum zehnjährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland

Der Wohlfahrt, der Freiheit und dem Frieden gedient!

Ein Volk muss sich klar und bewusst darüber werden, dass es in weitem Umfang selbst sein Geschick formt. Es kann sich dessen aber nicht bewusst werden, wenn es seine Geschichte nicht kennt.

Die letzten fünf Jahrzehnte sind in einer atemberaubenden Flut über das deutsche Volk, über Deutschland hingegangen, alles hat sich für uns geändert, die Inwelt und die Umwelt. Entwicklungen und Umschichtungen sind in der Welt eingetreten, deren Ausmaß und deren auch nur vorläufiges Ende wir noch nicht erblicken können. Entwicklungen, die politisch begannen, sind übergesprungen auf das Gebiet der Physik und der Technik, haben dort gute Erfolge gehabt, aber auch ungeheure Gefahren heraufbeschworen. Auch wenn die politischen Ereignisse in einer Zeit wie der unsrigen sehr schnell einander folgen, kann man doch erkennen, dass einige Fakten an Bedeutung die anderen überragen und dass sie kennzeichnend und richtunggebend für die ganze Entwicklung sind. In einer an sich so kurzen Zeitspanne, wie es zehn Jahre sind, ragen einzelne Fakten, einzelne Daten besonders hervor. Wir haben in diesem Jahre mehrere Ereignisse durch Gedenkfeiern besonders hervorgehoben und dabei auch den Wunsch gehabt, dass sich das deutsche Volk an ihnen geschichtlich orientieren möge.

Am 23. Mai haben wir die zehnjährige Wiederkehr des Tages festlich begangen, an dem der Parlamentarische Rat das Grundgesetz verabschiedet hat. Den 12. und 13. September haben wir besonders im staatlichen Leben hervorgehoben, weil in diesen Tagen der erste Bundespräsident nach zehnjähriger Amtsdauer ausschied und der zweite Bundespräsident sein Amt antrat. Am 20. September jährt sich zum zehnten Mal der Tag, an dem die Bundesregierung ins Leben trat. Am 20. September 1949 legte die erste Bundesregierung vor dem Ersten Bundestag den im Grundgesetz für sie vorgesehenen Eid ab. Damit begann das staatliche Leben der Bundesrepublik Deutschland; nunmehr war der Kreis der staatlichen Organe, so wie das Grundgesetz sie vorsieht, vollständig: der Bundestag, der Bundesrat, der Bundespräsident, die Bundesregierung.

Es sah schrecklich damals aus in Deutschland. Zwar war in den Jahren nach dem deutschen Zusammenbruch zuerst durch die Gemeinden, dann durch die neugeschaffenen Länder und den Zusammenschluss einzelner Besatzungszonen schon ein erster Anfang zur Heilung der Wunden gemacht. Aber in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch hatten wir keine Freiheit, keine unabdingbaren Rechte, und die Last der Besatzung war schwer. Nur allmählich und langsam glaubte sie, den bei ihr aus Krieg und Zusammenbruch entstandenen Geist aufgeben und ein Helfer für die Besiegten werden zu können.

Ich will mich hier nicht in einer langen Schilderung ergehen über die schrecklichen Zerstörungen Deutschlands durch den Krieg. Im gleichen Jahr, in dem die Bundesrepublik ihr Leben begann, ist ein Bildwerk erschienen, „Gesang im Feuerofen". Ich kenne kein Buch, das so erschütternd wiedergibt, was dieser Krieg über Deutschland - und lassen Sie mich das hinzu setzen - auch über andere Länder gebracht hat. Ich habe den Wunsch, dass recht viele ein solches Buch hin und wieder zur Hand nehmen möchten, damit ihnen klar wird, was Krieg bedeutet, dass man eine Politik zur Verhütung des Krieges treiben muss; damit ihnen auch klar wird, welch' unendliche Fülle harter und schwerer Arbeit des deutschen Volkes notwendig gewesen ist, um nach der Zerstörung das heutige Deutschland zu schaffen. Das Grundgesetz gab uns - das ist die Bundesregierung und das Parlament - erst die Möglichkeit dazu, indem es die im deutschen Volk schlummernden guten Kräfte frei machte; die Hilfe, die uns unsere Kriegsgegner im Laufe der Jahre gewährten, und zwar in einer Weise, wie sie niemals zuvor nach einem furchtbaren mutwillig heraufbeschworenen Kriege der Sieger dem Besiegten gewährte, tat ein Übriges für unseren Aufstieg.

Das Grundgesetz, meine verehrten Zuhörerinnen und Zuhörer, spricht vom Schutz der Menschenwürde, von den Freiheitsrechten, der Gleichheit vor dem Gesetz, der Glaubens- und Bekenntnisfreiheit, dem Recht der freien Meinungsäußerung, es spricht von dem Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen, es sagt, dass das deutsche Volk von dem Bewusstsein beseelt sei, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen.

Seit dem Inkrafttreten des Grundgesetzes hat sich die staatliche Macht in der Welt in zwei großen Gruppen zusammengefunden: die eine Gruppe ist die der kommunistischen Staaten, die alles das verneinen, was unser Grundgesetz am höchsten stellt, was unser Grundgesetz als die Grundrechte des Menschen und als den entschlossenen Willen des deutschen Volkes bezeichnet; die andere Gruppe ist die der freien Völker, die alles das bejaht, was uns heilig, was in unserem Grundgesetz verankert ist. In den zehn Jahren, die heute die Bundesrepublik Deutschland vollendet, haben wir deshalb Seite an Seite der freien Völker gestanden, dort, wo unsere innerste Überzeugung uns unseren Platz anweist, und wir haben dadurch der Wohlfahrt des deutschen Volkes, der Freiheit und dem Frieden in der Welt gedient.

Wir hoffen, meine verehrten Zuhörerinnen und Zuhörer, dass im zweiten Jahrzehnt der Satz in der Präambel des Grundgesetzes seine Erfüllung findet, der lautet: „Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden."

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 174, 22. September 1959.