7. November 1959: Tischrede anlässlich der Einweihung der Severinsbrücke in Köln (Auszug) 

[…] Zuletzt hat ein Brückenessen im Gürzenich stattgefunden, als die erste Mülheimer Brücke vollendet war. Das wurde damals als ein Kölner Volksfest gefeiert. Wir hatten uns damals - ich wurde eben von Herrn Schüßler darauf aufmerksam gemacht - in jeder Hinsicht große Mühe gegeben, für diese Brücke die richtige Farbe auszusuchen. Es sollte eine schöne Farbe sein, und wir haben Versuche gemacht in Grau usw., und uns dann für eine grüne Farbe entschieden. Viele andere Städte haben uns das nachgemacht. Man nannte sie das „Kölner Grün“, und unter diesem Namen ist diese Farbe auch von der Industrie aufgenommen worden.

Ich habe das heutige Fest mit einer wirklichen Anteilnahme begrüßt, einmal, weil es eine Tat war, eine solche Brücke zu erbauen, und weil diesmal – wie ich bei der Rundfahrt durch Deutz gesehen habe – in ganz anderem Maße die Verbindung zwischen der linksrheinischen Wohnstadt und den rechtsrheinischen Wohnvierteln hergestellt worden ist.

Diese Brücke ist nicht nur neuartig in der Konstruktion, Architektur und Schönheit, sondern auch deshalb neuartig, weil durch sie viel stärker als damals die Verbindung der Wohnviertel diesseits und jenseits des Rheins hergestellt wird. Man wird also von diesem Teil des rechtsrheinischen Köln nicht mehr von der „Schäl Sick“ sprechen können.

Ich bin dann durch das Vringsveedel gefahren. Ich hatte von Kölner Bürgern Zuschriften bekommen, die darüber klagten, daß man das alte Vringsveedel gänzlich vernichtet habe. Telefonisch habe ich mit einem Mann gesprochen, der meinte, man würde sich jetzt überhaupt nicht mehr zurechtfinden im alten Köln.

Ich wage nicht ein Urteil auszusprechen über den Wiederaufbau der Stadt Köln. Denn was ich bisher gesehen habe, waren Teile davon. Man kann kein Urteil fällen, wenn man nur einiges kennt. Wenn man mich jetzt nachts im linksrheinischen Köln aussetzte, und ich hätte einen Kompaß bei mir – ich würde nur nach Osten zum Rhein hingehen können, um mich dort orientieren zu können. Ich habe meinen Sohn um eine neue Karte von Köln gebeten, damit ich mich in dieser Stadt wieder zurechtfinden und Wurzeln schlagen könnte. Was ich gesehen habe, hat mir kolossal imponiert. Ich hoffe, den ganzen Wiederaufbauplan einmal eines Tages im Modell sehen zu können, um ein eigenes Urteil zu haben.

Eines liegt mir sehr am Herzen: Sorgen Sie bitte dafür, daß Köln wieder mehr an den Rhein kommt, als es zur Zeit ist. Vom Hauptbahnhof abwärts hat der Kölner überhaupt nichts mehr vom Rhein. Autos, Busse usw. fahren dort entlang, und es hat keinen Zweck, als Spaziergänger dorthin zu gehen. Der Schutzverband für die Fußgänger muß wohl kommen, und wenn er gegründet wäre, würde ich sofort das Protektorat darüber übernehmen. Sie wissen, daß sie einen Oberstadtdirektor haben, der einen harten Kopf hat. Ich habe ihn noch nicht dazu bringen können, daß an dem Teil der Rheinfront am Stapelhaus die untere Straße, die als Werft gebaut wurde, und doch nicht benutzt wird, von den Pflastersteinen befreit und als Promenade hergestellt wird.

Ich habe versucht, das meinem Sohn schmackhaft zu machen, indem ich ihm sagte, daß sich aus dem Erlös der Pflastersteine bereits die ganze Sache bezahlen lasse. Ich spreche als Ihr Ehrenbürger, der etwas von den Dingen kennt. Überschwemmungen schaden einer solchen Anlage nicht, wenn sie entsprechend angelegt ist. Dadurch erhalten Sie unten am Rhein wieder einen Promenadenweg für die Fußgänger. Über die obere Promenade geht kein Mensch wegen des Verkehrs.

Das Herzstück Kölns ist der Teil, in dessen Mitte das Stapelhaus steht, der Dom und die anderen alten Kirchen. Es ist schrecklich, daß die Techniker noch nicht dazu übergegangen sind, die Autos in einen Tunnel hineinzuschicken, damit dieser Teil der Stadt für den Fußgänger reserviert bleibt.

Vieles von Köln ist verlorengegangen durch den Krieg. Man sage nicht, was Sie alles behalten haben; machen Sie Ihre Pläne nicht für die Autofahrer, sondern für die Fußgänger - retten Sie dieses Mittelstück für die Fußgänger, und wenn das einige Millionen kostet! Was kostet denn ein Kilometer Tunnel? Ich schätze so runde 10 Millionen, und die ganze Strecke ist keinen Kilometer lang.

Ich sehe nicht ein, warum ich als Ehrenbürger nicht einen solchen Gedanken aufgreifen soll. Herr Seebohm, Sie können doch einmal einen Kostenüberschlag machen lassen, und wenn Sie diesen Überschlag haben, dann werden wir uns über die Finanzierung wieder sprechen.

Ich bin überzeugt, daß das Land Nordrhein-Westfalen, der reichste Teil der Bundesrepublik, ebenfalls etwas tun wird für seine große Stadt, die wirklich am Rhein liegt.

Das tut Düsseldorf nicht. Ist die Sache soweit geklärt, dann muß auch einmal untersucht werden, ob man nicht durch eine kleine Gesetzesänderung noch eine kleine Nachzahlung für die neue Brücke leisten wird. Es wäre eine große Tat, wenn von der alten Kultur noch etwas zu retten ist.

Das ist eine Verpflichtung für Köln, das Land und auch für uns. Deshalb wollen wir diesem Gedanken einmal nähertreten, damit Köln wieder an den Rhein kommt. 

Quelle: Kölnische Rundschau vom 9. November 1959. Auszug abgedruckt in: Konrad Adenauer: „Die Demokratie ist für uns eine Weltanschauung.“ Reden und Gespräche 1946-1967. Hg. von Felix Becker. Köln-Weimar-Wien 1998, S. 153f.