15. Oktober 1960: Ansprache des Bundeskanzlers Dr. Konrad Adenauer bei dem Festakt aus Anlaß des 100jährigen Jubiläums des Staatlichen Apostelgymnasiums zu Köln

Sehr verehrte Eminenz!
Herr Kultusminister!
Meine Damen, meine Herren und meine lieben Schüler!

Sie haben heute viele Dankesbezeugungen bekommen, das Apostelgymnasium, und ich schließe mich von ganzem Herzen an als Vertreter der früheren Schüler, Vertreter der Eltern, und was Sie sonst noch alles wollen.

Von ganzem Herzen tue ich das und wünsche dem Gymnasium an der Apostelkirche, wie es ursprünglich hieß, daß es seinem geänderten Namen, Apostelgymnasium, auf lange, lange Zeit hin Ehre macht. Es ist hier viel gesprochen worden über den Segen, die Vorteile der humanistischen Bildung. Ich will dem nichts hinzufügen, aber aus meiner eignen Erfahrung möchte ich folgendes sagen: Sie wissen, daß mein langes Leben auf- und abgegangen ist in all den Jahrzehnten, aber ich habe immer wieder gefunden, daß Elternhaus und Schule den Charakter prägen: Elternhaus und Schule. Und nun lassen Sie mich zum Elternhaus einige Worte sagen und daraus neue Verpflichtungen für alle Schulen herleiten, auch für diese Schule. Leider, meine verehrten Anwesenden, sind die Beziehungen zwischen den Eltern und den Kindern nicht mehr so, wie sie in unserer Zeit waren. Mich erfüllt - und ich glaube, einen gewissen Überblick zu haben - das Zurückbleiben des Elternhauses bei der Erziehung der Kinder mit großer Sorge. Wodurch das gekommen ist, das wissen wir alle: durch den Krieg, durch die Verluste im Kriege und durch die Zerstörung, auch durch die Fortschritte der Technik und das Vordringen des materiellen Denkens und Strebens.

Ich bin der Auffassung, daß alle Schulen, gleichgültig welcher Art, vor allem aber die höheren Schulen, die mindestens 9 Jahre die Kinder in der Hand haben, hier eine Lücke ausfüllen müssen, die das Elternhaus heute nicht mehr ausfüllt. Und ich bin der Auffassung, daß neben das Lehren des Wissens bei den Schulen ganz allgemein die Erziehung treten muß, und zwar viel stärker als das vor einigen Jahren der Fall gewesen ist.

Ich will hier nicht sprechen über die Notwendigkeit und über den Segen auch anderer Schularten, aber das eine möchte ich doch bekennen, daß gerade die Ausbildung und die Erziehung, die wir genossen haben auf dieser humanistischen Anstalt, auch in einem Zeitalter der fortgeschrittenen Technik, eine absolute Notwendigkeit ist und bleiben wird. -

Die Entwicklung der Technik ist nicht identisch mit dem Fortschritt des Menschen. Die Schulen - der Herr Kultusminister von Nordrhein-Westfalen möge mir verzeihen, wenn ich die von der Verfassung gesteckten Grenzen nicht ganz beachte und mich über Kultur etwas auslasse - müssen - lassen Sie mich das nachdrücklich betonen - in immer stärkerer Weise nicht nur Wissen vermitteln, sondern die Erziehung der Jugend in die Hand nehmen. Wenn das nicht geschieht, meine Damen und Herren, dann sehe ich nicht gut in die Zukunft des deutschen Volkes. Aber ich glaube, wir haben doch noch im deutschen Volke soviel überkommenes Gut aus der Vergangenheit und soviel Empfinden dafür, was Erziehung bedeutet und wert ist, daß wir trotz aller Fortschritte der Technik, trotz aller Erweiterung des Wissens auch dem Schulwesen in der Erziehung eine Notwendigkeit und größere Aufgabe zuerkennen.

Nun, meine Damen und Herren, die Zeit ist fortgeschritten, und wir müssen zu Ende kommen. Ich möchte nun dem Oberstudiendirektor dieser Anstalt und vor allem aber auch dem Orchester sehr herzlich danken, daß es einem Menschen, der so mit Politik geplagt ist, wie ich das bin, einige schöne Stunden der Erinnerung hier verschafft hat.

Quelle: Staatliches Apostelgymnasium zu Köln: Jahresbericht Schuljahr 1960/61, Köln 1961, S. 6f.; Dass.: Jahresberichte über die beiden Kurzschuljahre 1966 und 1966/67. Köln 1967, S. 15f.