26. Februar 1961: Ansprache auf der 9. Bundestagung der Sozialausschüsse (CDA) in Königswinter

Meine verehrten Damen und Herren, meine lieben Freunde!

Lassen Sie mich Ihnen zunächst ein Wort des herzlichen Dankes aussprechen für den schönen Empfang, den Sie mir bereitet haben. In der Tat, der Leiter dieser Versammlung hat mit Recht gesagt, daß ich immer ein Freund der Sozialausschüsse gewesen sei - das war ich, das bin ich und das werde ich bleiben. Meine Gedanken gehen zurück auf jene Zeit im Jahre 1945, da wir zur Gründung der CDU in Nordrhein-Westfalen schritten, und gehen zurück zu dem großen tätigen Anteil, den namentlich die Vertreter der christlichen Arbeitnehmerschaft damals an der Gründung und an der Formung unserer Partei genommen haben. Es waren jene Männer und Frauen aus der christlichen Arbeiterschaft, die dem Terror des Nationalsozialismus glücklich entgangen waren, und sie halfen uns mit bei der Gründung einer Volkspartei, nicht einer Klassenpartei.

Das war eine Entscheidung von sehr großer Bedeutung. Sie dachten an die Tradition, die sie empfangen hatten aus der Zeit vor der Machtergreifung des Nationalsozialismus, und ihnen stand all das Unheil vor Augen, das diese Tyrannis über das deutsche Volk gebracht hatte. Darum legten sie wie alle anderen entscheidenden Wert darauf, daß die neue Partei, die wir formen wollten, eine wahre Volkspartei sein solle.

Sie haben damals ein weiteres getan: Die Vertreter der Arbeitnehmerschaft waren mit starken Empfindungen dafür, daß ohne Unterschied der Konfession eine Partei geschaffen werden sollte und werden mußte, die auf dem Boden der christlichen Weltanschauung stand.

Ich darf gerade hier in Königswinter, wo das Adam-Stegerwald-Haus steht, daran erinnern, daß Adam Stegerwald ja schon auf der Versammlung der christlichen Gewerkschaften in Essen im Jahre 1920 verlangte, daß sich die beiden christlichen Konfessionen zu gemeinsamer politischer Arbeit zusammentun sollten.

Nun, meine Freunde, denken wir nicht so weit in die Vergangenheit zurück, sondern denken wir daran, wie es bei uns in Deutschland aussah, als der Zusammenbruch kam. Denken wir daran, daß wir damals ein völlig geschlagenes, am Boden liegendes Volk waren, das verhaßt war in der Welt, zum Teil verachtet in aller Welt, und denken wir daran, daß in den Jahren der Aufbauarbeit, die damals begann, unsere Partei - die CDU/CSU - in gemeinsamer Arbeit alles das geschaffen hat, dessen sich heute das deutsche Volk erfreut.

Wir haben den Frieden bewahrt. Wir haben diesen größeren Teil Deutschlands, die Bundesrepublik, der Freiheit erhalten und 13 Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen in unserem Lande die Freiheit und eine Stätte des Lebens gegeben. Darüber hinaus haben wir unser Ansehen und unsere Achtung in der Welt wiederhergestellt und haben uns einen Teil der früheren Gegner zu warmen und echten Freunden erworben.

Ich glaube, es ist gut, von Zeit zu Zeit daran zurückzudenken, auch daran, daß namentlich die ersten Jahre des Wiederaufbaus doch harte und schwere Jahre waren, in denen dem deutschen Volk und insbesondere seiner Arbeitnehmerschaft schwere Arbeit zugemutet werden mußte und mancherlei Entbehrungen. Noch an etwas - wenige Jahre von heute an gerechnet - denke ich jetzt zurück, um hier festzustellen, daß die Sozialausschüsse einen erheblichen politischen Einfluß auf die Richtung der gesamten Partei ausgeübt haben, und zwar in den wesentlichsten Grundsätzen unserer Partei. Die Sozialausschüsse waren keine Organisation, denen nur am Herzen lag, für das materielle Wohl ihrer Mitglieder oder der Arbeitnehmerschaft zu sorgen, sondern ihnen lag auch eine hochpolitische und geistige Sorge am Herzen.

Ich darf daran erinnern, daß gerade die Sozialausschüsse es gewesen sind, die sich für das große "C" im Namen unserer Partei eingesetzt haben.

Lebhaft steht vor meinen Augen noch der Kieler Parteitag, auf dem es ja zu Auseinandersetzungen hochpolitischer Natur kam. Aber vor meinen Augen steht auch der Karlsruher Parteitag, auf dem ich in meiner Schlußansprache feststellen konnte, daß die verschiedenen Meinungen, die auf dem Kieler Parteitag zutage getreten waren, ausgeglichen seien. Das, meine Damen und Herren, die Entwicklung vom Kieler Parteitag zum Karlsruher Parteitag, war eine entscheidende Episode in dem Geist und in der Stellung der Arbeitnehmerschaft innerhalb unserer Partei und auch der Sozialausschüsse. Ich glaube, daß wir bei dem für immer bleiben werden, was in Karlsruhe als das Ergebnis dieser Auseinandersetzungen festgestellt worden ist.

Meine Freunde, die Sozialausschüsse haben sehr tatkräftig mitgeholfen, um den Aufstieg der Arbeiterschaft in die Mittelschichten unseres Volkes voranzubringen, und das ist ja in der Tat gerade in unserer Zeit des technischen Fortschritts ein Anliegen, das uns allen zutiefst am Herzen liegt, das mir als Vorsitzendem der CDU so besonders am Herzen liegt, weil ich mir ganz klar darüber bin, daß ohne die Stimmen eines großen Teils der Arbeitnehmerschaft in der Bundesrepublik wir die politischen und wirtschaftlichen Erfolge, die wir erreicht haben, nicht hätten erreichen können. Und meine Freunde, wir können nicht einmal den gegenwärtigen Stand erhalten, geschweige denn weiterkommen, wenn der Partei nicht das Vertrauen breiter Schichten der deutschen Arbeitnehmerschaft in der kommenden und in den späteren Bundestagswahlen erhalten bleibt.

Sie werden verstehen, daß es mir am Herzen liegt, gerade hier einer solch großen imponierenden Versammlung wie der Ihrigen auch ein Wort zu dieser Wahl zu sprechen. Es ist ja merkwürdig, wenn man manchmal so als stiller Beobachter - wenn ich mir es irgendwie leisten kann, dann sitze ich gern als stiller Beobachter dabei; das ist viel interessanter, als wenn man Akteur ist -, aber es ist fabelhaft, meine Damen und Herren, wenn ich an die Politik der SPD auf dem Gebiet der Außenpolitik denke, wie plötzlich, wie auf dem Kasernenhof geradezu, in Hannover die ganze Partei 180 Grad kehrtgemacht hat. Es wird ja noch mehr darüber zu sprechen sein, was da vor sich gegangen ist. Ich muß gestehen, mir hat Herr Ollenhauer imponiert damals. Er hatte zwar wenig Leute hinter sich, aber er hat doch gesagt, wie es ihm ums Herz ist, während die anderen stumm, sei es mit Freude, sei es zähneknirschend, gehorchten. Ein gutes Wort hat auch Herr Erler gesagt, als er ausführte: Nun regen Sie sich doch nicht auf; wenn wir erst gesiegt haben, wird sich ja alles finden! Nun, meine Freunde, es darf sich nichts finden - ich wiederhole: es soll sich nichts finden -, sondern es soll so bleiben, wie es vom ersten Tage an, da die Bundesrepublik Deutschland bestand, seit dem Jahre 1949, bis zum Jahre 1961, also volle zwölf Jahre, konsequent weitergeführt worden ist. Meine Freunde, wenn wir etwas in den Augen der anderen Völker gezeigt haben in diesen Jahren, dann war es die Zuverlässigkeit und die Geradheit und die Ehrlichkeit unserer politischen Gesinnung. Ich glaube, Sie stimmen mit mir darin überein, daß auch in der Politik, auch in der Außenpolitik Zuverlässigkeit und Geradheit und Ehrlichkeit die besten Fundamente des Aufbaues und des Erfolges sind. Ich komme aber jetzt zurück zu der Tätigkeit der Sozialausschüsse. Ich muß mich eigentlich korrigieren; ich erwarte von den Sozialausschüssen - und ich bin überzeugt, daß sie diese Erwartungen erfüllen werden -, daß sie ihren Mann stehen werden und bei der Vorbereitung der Wahl und bei der Durchführung der Wahlen. (Zuruf Albers: Auch bei der Kandidatenaufstellung!) Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, daß Herr Albers doch zu erkennen gegeben hat, daß er wieder Bundestagsabgeordneter werden will. Ich habe ihn oft im Bundestag schmerzlich vermißt, und ich habe ihm das auch schon gesagt. Vor einigen Monaten, als unter Umständen noch der Gedanke Aussicht hatte, daß auch eine Bundesliste aufgestellt würde für die Bundestagswahl, habe ich ihm gesagt: dann kommen Sie auf die Bundesliste rauf, dann mögen Sie machen, was Sie wollen.

Nun, meine Freunde, die Sozialausschüsse haben in ihrem gesellschaftlichen Programm neben der Frage der sozialen Sicherung die Frage des Eigentumserwerbs gestellt. Durch zahlreiche Maßnahmen, die der Bund im Laufe der Jahre, unter Führung zuletzt unseres Freundes Blank, getroffen hat, ist die Sicherung gegen die schlimmsten Wechselfälle des Lebens einigermaßen gegeben. Sicher ist das Werk noch nicht fertig; es muß ausgefeilt werden und es muß fortgesetzt werden. Aber ich stimme auch mit den Sozialausschüssen darin überein, daß die Frage des Erwerbs von Eigentum durch möglichst breite Schichten der Bevölkerung eine ganz wesentliche Frage für den Fortbestand unseres freien und demokratischen Staates ist. Ich sage das nicht, meine Freunde, weil ich der Auffassung bin, daß durch möglichst zahlreichen Erwerb von Eigentum der Wohlstand gefördert wird. Sicher wird er auch dadurch gefördert; aber das ist weder Ihnen noch mir die Hauptsache. Die Hauptsache ist, daß der Besitz, und insbesondere auch der Besitz eines Eigenheims, dem Menschen eine gewisse Sicherheit gibt, um auch seine Persönlichkeit zu entfalten, um auch teilnehmen zu können an den Fortschritten unserer Kultur, der echten Kultur in unserer Zeit. Darum halte ich diese Ihre These - daß in möglichst umfangreichem Maße Besitz für eine breite Schicht der Bevölkerung geschaffen werden müsse - für eine staatspolitische Aufgabe allerersten Ranges. Auf dem Kongreß, den Sie im vorigen Jahre in Köln abhielten, haben Sie gezeigt, daß Sie von Ihrer Kraft, der Kraft Ihrer Überzeugung, und von dem Willen, so Sie können, gestaltend einzugreifen, nichts eingebüßt haben. Das, was in Köln damals in Eintracht und Verantwortungsbewußtsein diskutiert und beschlossen worden ist, verdient die vollste Aufmerksamkeit von uns allen; es ist eine wesentliche Quelle der Kraft für unsere Arbeit.

Meine Damen und Herren, Sie haben hier gestern und heute morgen Beschlüsse gefaßt, Sie haben sie diskutiert; wir werden diese Beschlüsse bekommen, und wir werden - wenn ich sage "wir", meine ich sowohl die Partei wie auch die Bundesregierung -, wir werden diese Beschlüsse sehr sorgsam studieren und versuchen, ihnen so weit wie möglich stattzugeben.

Wir danken den Sozialausschüssen für ihre Arbeit, und wir danken ihnen um so mehr dafür, als die Zeiten auch im Innern unseres Volkes schwierig sind. Meine Freunde, ich will hier bei dieser Feier nicht über andere ablehnend sprechen, aber es sei mir doch erlaubt, festzustellen, daß nun in dem DGB nicht mehr der Geist ist, wie er noch vor zehn Jahren gewesen ist. Ich war in der vorvorigen Woche auf einer Gedenkstunde aus Anlaß der zehnjährigen Wiederkehr des Todes von Böckler. Ich habe in den ersten Jahren nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland viel mit ihm zusammengearbeitet. Bei dieser Zusammenarbeit habe ich ungeachtet der kraftvollen Überzeugung, die er hatte, auch immer erkannt, mit welch klarem Blick er sah, daß man auch andere Überzeugungen achten und schätzen müsse. Er war ein sehr toleranter Mann, meine Damen und Herren, und wir Deutsche verdanken ihm in diesen bewegten ersten Jahren außerordentlich viel. Er ist nicht mehr; andere sind an seine Stelle getreten; andere Altersschichten sind herangewachsen, meine Freunde. Aber um so notwendiger ist es, daß derjenige Teil der deutschen Arbeitnehmerschaft, der zu uns hält, der zu unserer Weltanschauung hält, zu unserem Programm hält, durch die Sozialausschüsse ein möglichst starkes und selbstbewußtes Organ hat, durch das er an die gesamte Öffentlichkeit treten kann.

Nun wollen wir uns gegenseitig nur ein Wort sagen: Alle an die Arbeit, meine Damen und Herren, bis zum September muß alles geschafft sein. Dann kommt der Tag der Abrechnung, meine Damen und Herren, und wer die Politik weiter fortführen will, die wir stetig und konsequent zwölf Jahre lang geführt haben, wer die gute Entwicklung auch auf sozialem Gebiet, die den Menschen vor allem achtet und seine Würde an die Spitze stellt, wer diese Politik will, der wird wissen, was er in den Monaten, die jetzt vor uns liegen, zu tun hat.

Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Arbeit. Ich danke namentlich dem Kollegen Albers dafür, daß er mit solcher Tatkraft die Führung übernommen hat. Er ist ein alter Freund von mir, meine Damen und Herren; er war Stadtverordneter in Köln, ich war Oberbürgermeister, er war manchmal ein bißchen schwierig, das wissen Sie auch. Aber trotz mancher Schwierigkeiten haben wir uns immer ausgezeichnet vertragen, und daß er an Ihrer Spitze steht, das ist für uns alle eine große Freude und eine große Beruhigung.

Quelle: Soziale Ordnung. Jg. 15. 1961, Nr. 3 (März), S. 38f.