20. Juni 1961: Ansprache beim Deutschen Handwerkstag in Köln

Gesunde Mittelschicht: Schutzdach gegen Vermassung

Herr Präsident! Meine verehrten Damen und Herren!

Mein Herr Vorredner hat im ersten Teil seiner Rede von den Staats- und wirtschaftspolitischen Aufgaben des Handwerks gesprochen. Er hat ausgeführt, dass er sie mit Absicht in den Vordergrund stelle, weil weit über das Handwerk hinaus alle Selbständigen in der Landwirtschaft, im Gewerbe und in den freien Berufen sich immer der Tatsache bewusst sein müssten, dass sie sich für die Dauer nur in einem Staat entfalten können, der die Freiheit der Person und die Freiheit und Unantastbarkeit des Eigentums achtet. Das waren ausgezeichnete Worte. Diese Ausführungen des Herrn Präsidenten Wild umschreiben eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Aufgabe unserer Zeit. Ich möchte diese Aufgabe so kennzeichnen: Vermassung eines Volkes verträgt sich nicht mit der Freiheit und der Würde des Menschen. Der Widerstand gegen die Vermassung ist eine der Hauptaufgaben, die wir lösen müssen. Diese Vermassung hängt zusammen mit der Hast, ja mit der Hetze des Lebens, das wir führen.

Diese Hast und diese Hetze und auch diese Unsicherheit unseres Lebens sind, wenigstens zum Teil, eine Folge der Entwicklung der Technik - ich gebrauche das Wort „Technik" hier im weitesten Sinne des Wortes -, vielleicht würde man auch sagen können: der Nützung der Kräfte unseres Planeten. Hüten wir uns, diese Kräfte anzubeten! Das würde ein verfeinerter Materialismus sein. Das oberste in der Wissenschaft, in ihren Fortschritten, und in der Wirtschaft und in der Politik ist und bleibt der Mensch, sein Geist und seine Seele. Eine gesunde Mittelschicht ist ein Schutzdach gegen diese drohende Vermassung, gegen die geistige Nivellierung unseres Volkes.

Sie ist aber nicht nur ein Schutzdach, sie ist auch ein Fluss, der den gesamten Volkskörper immer neu mit frischem und gesundem Blut erfüllt. Darum ist nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus sozialen, aus soziologischen und ethischen Gründen die Erhaltung einer gesunden und widerstandsfähigen Mittelschicht eine der dringendsten Pflichten aller derjenigen, die Entscheidungen zu treffen haben, insbesondere des Parlaments und der Bundesregierung.

Ein überzeugendes Beispiel von der Notwendigkeit des Kampfes gegen diese Vermassung bietet der Ostsektor von Berlin. Noch vor wenigen Tagen haben mich Ausländer, deren Heimatland dem Kommunismus nicht so unbedingt ablehnend gegenübersteht wie wir, nach einem Besuch in Berlin, nachdem sie die Westsektoren und den Ostsektor gesehen hatten, gefragt, wie es denn komme, dass der Ostsektor von Berlin und die drei Westsektoren so vollendete Gegensätze zeigten. Sie sagten mir, es wohnten doch in dem einen Teil von Berlin und in dem anderen Teil von Berlin Deutsche mit denselben Gaben und mit denselben Fähigkeiten.

Ob denn wirklich, so fragten sie, die Staatsform den Menschen so unfähig mache zu schöpferischer produktiver Arbeit, wie sie das bei einem Vergleich des Ostsektors mit den übrigen Teilen Berlins wahrgenommen hätten. Ich habe den Herren diese Frage bejaht. Ich glaube in der Tat, dass nichts die Entfaltung des menschlichen Geistes so beeinträchtigt wie der Mangel an Selbstverantwortung, und das ist ja das dem sozialistischen Kommunismus Eigentümliche.

Herr Präsident Wild hat noch ein weiteres sehr kräftiges Wort gesagt. Er hat gesagt, eine freiheitliche Demokratie bedürfe des freien Bürgers, der gewohnt sei, Verantwortung für sich und seine Mitbürger zu tragen. Auch das ist ein gutes Wort, an das man oft denken muss. Aber ich erblicke nicht nur in dieser soziologischen Wirkung des Handwerks, das ein so wesentlicher und so bedeutender Teil dieser notwendigen Mittelschicht ist, die Bedeutung des Handwerks. Herr Präsident Wild hat darauf hingewiesen - und ich kann das nur noch unterstreichen -, dass das Handwerk eine sehr große Bedeutung in der gesamten deutschen Wirtschaft hat.

Manchmal erinnere ich mich noch daran, wie in den allerersten Jahren nach unserem Wiederanfang doch gerade das Handwerk große Sorgen hatte, ob es bei dieser Umwertung des Wirtschaftsprozesses bestehen könne. Und das Handwerk kann bestehen! Es hat bestanden, es hat mehr als bestanden, es hat sich in einer ganz ausgezeichneten Weise entwickelt. Wenn auch bedauerlich ist, dass ein Teil von Handwerksbetrieben schließen musste, die Produktionsziffern, die Herr Präsident Wild uns eben genannt hat, sind doch der klarste und beste Beweis dafür, welche große Bedeutung das Handwerk in unserer gesamten Volkswirtschaft hat.

Ich weiß, dass noch nicht alle Wünsche des Handwerks, auch nicht alle unbedingt berechtigten Wünsche, erfüllt sind. Ich glaube aber - und Herr Wild hat es ja gerade auch erwähnt-, dass die Verabschiedung des Steueränderungsgesetzes eine große Erleichterung für das Handwerk bringen wird. Mit Recht beschwert sich meiner Ansicht nach das Handwerk über die jetzige Form der Umsatzsteuer. Der neue Bundestag wird diese Frage regeln müssen. Auch die Frage des Kindergelds wird im neuen Bundestag anders geregelt werden müssen, als sie heute geregelt ist.

Die Förderung des handwerklichen Nachwuchses halte ich für besonders wichtig. Der Bund, die Länder und die Gemeinden und das Handwerk selbst müssen bei dieser Förderung des Nachwuchses zusammenarbeiten. Ich bin auch der Auffassung, dass Einrichtungen geschaffen werden müssen, die es dem jungen Handwerker ermöglichen, Darlehen zu billigem Zinsfuß zu bekommen, damit er seinen Handwerksbetrieb anfangen kann. Die Kosten für die Einrichtung eines modernen Handwerksbetriebs sind ja heute viel größer, als sie früher gewesen sind, und man kann verstehen, dass der junge Mensch, der einen Handwerksbetrieb anfangen will, zurückschreckt, wenn er an die Kosten denkt; das müssen wir ihm erleichtern.

Mit großer Freude habe ich die Ausführungen über die europäische Zusammenarbeit gehört. Es war vielleicht etwas optimistisch zu sagen, dass der Brückenschlag zwischen EWG und EFTA schon gelungen sei. Aber hoffen wir, dass dieser handwerkliche Anfang schließlich auch der Anfang zu einem solchen Brückenschlag zwischen EWG und EFTA ist. Ich begrüße auch sehr die Ausführungen des Herrn Wild über die Mitarbeit des deutschen Handwerks in den Entwicklungsländern. Ich teile durchaus seine Meinung, dass man diesen Ländern nicht damit helfen kann, dass man Mammutfabriken und -einrichtungen dort schafft. Ich glaube vielmehr wie er, dass diesen Ländern am besten dadurch geholfen wird, wenn man bei den Ansätzen, die dort vorhanden sind, ein gutes Handwerk und kleinere Unternehmungen errichtet.

Mit großer Freude bin ich hierher gekommen, weil gerade die Umsatzziffern, die Herr Präsident Wild eben genannt hat und die wir natürlich auch schon vorher kannten, ein so ausgezeichneter Beweis dafür sind, welch' starke und gesunde Kräfte im deutschen Handwerk vorhanden sind. Verlassen Sie sich darauf, dass wir alles tun werden, damit diese Kräfte zur vollen Auswertung gelangen!

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 113, 23. Juni 1961.