4. Juli 1963: Tischrede beim Abendessen in Bonn zu Ehren von Staatspräsident de Gaulle

Sehr verehrter Herr Staatspräsident, verehrter General, lieber Freund! Meine verehrten Damen und Herren!

Wir haben heute zum erstenmal aufgrund des deutsch-französischen Vertrages miteinander beraten. Ich habe, ehe wir uns hier versammelten, eine Bilanz des heutigen Tages gezogen, und ich kann nur sagen, dass ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden bin. Wir haben, was sowohl den französischen Herren wie den deutschen Herren besonders am Herzen liegt, miteinander überlegt, wie wir dafür sorgen können, dass die französische Jugend und die deutsche Jugend sich immer mehr einander kennenlernen und dass sie sich als Nachbarn lieben und achten lernen.

Wir haben dann über die Verhandlungen gesprochen - es sind nämlich einige Herren von der Presse unter uns, deswegen muss ich sehr vorsichtig sein -, die zwischen Herrn Messmer und Herrn von Hassel stattgefunden haben. Beide haben nicht über irgendwelche Mahlzeiten gesprochen, das können Sie sich denken, sondern sie haben über uns sehr am Herzen liegende Fragen gesprochen, und auch auf diesem Gebiet wurde eine vollkommene Übereinstimmung erzielt. Dann kamen wir in das Gebiet, das immer schwierig ist, bei dem es sich um Mein und Dein, um Geld und Gut usw. usw. handelt. Das ist ein sehr schwieriges Kapitel, auch unter guten Freunden, und man soll daraus, dass man diese Dinge ernsthaft besprochen hat, nicht etwa schließen, dass wir keine Freunde seien. Meine verehrten Anwesenden, soweit Sie verheiratet sind, ich glaube, das ist sogar ein Thema, das unter Eheleuten oft eine Rolle spielt - und warum sollte es nicht unter Freunden eine Rolle spielen! Diese Verhandlungen werden morgen fortgesetzt werden, und es ist ganz klar, dass man bei so schwierigen Fragen, namentlich, wenn sie an letzter Stelle stehen, an einem drückenden Gewittertag nicht ohne weiteres zu einem Ergebnis kommt. Aber gerade bei solchen Fragen - das ist meine Erfahrung - ist es sehr gut, wenn die Befreundeten sich einmal aussprechen. Ob das alles richtig ist, was sie sagen, das steht auf einem ganz anderen Blatt, aber dass sie sich einmal aussprechen können, das ist schon ungemein wertvoll.

Nun, meine verehrten Anwesenden, möchte ich Ihnen sagen, dass der heutige Tag, an dem wir, Frankreich und Deutschland, zur gemeinsamen Arbeit zusammengekommen sind, für mich ein Tag großer Freude ist. Ich möchte Ihnen auch sagen, wann bei mir der Gedanke lebendig wurde, dass unter allen Umständen zwischen Frankreich und Deutschland ein gutes Einvernehmen geschaffen werden müsste. Das war in den ersten Jahren nach Ende des ersten Weltkrieges, in den zwanziger Jahren. Da wurde mir so völlig klar, welcher Wahnsinn das ist, wenn zwei Nachbarvölker, die miteinander verwandt sind, die aus demselben Boden gewachsen sind, die in allen ihren Anschauungen so ähnlich sind, sich einander befehden. Ich gebe immer viel auf Physiognomie. Ich habe eben meinem Nachbarn gesagt, wenn ich die Köpfe auf beiden Seiten der Tische besehe - ich kann nicht so weit sehen, dass ich die Köpfe erkenne -, dann kann ich keinen großen Unterschied erkennen. Während ich sonst doch immer bei internationalen Zusammenkünften schon an der Kopfform und am Gesichtsausdruck den Unterschied der Völker erkenne, hier kann ich ihn nicht erkennen. Deswegen ist es für mich wirklich ein Tag sehr großer Genugtuung und sehr großer Freude, dass wir hier zusammengekommen sind.

Ich habe heute in zwei deutschen Zeitungen etwas gelesen, was sie angeblich aus Le Monde übernommen hatten. Ich kann nur sagen, wenn das in Le Monde gestanden hat, dass weder Le Monde eine Ahnung davon hat, was eine Rose ist, noch die deutschen Zeitungen, die es übernommen haben. Da steht, Rosen und junge Mädchen hätten ihre Zeit. Ja, natürlich haben sie ihre Zeit, aber die Rose - und davon verstehe ich nun wirklich etwas, das lasse ich mir von niemandem bestreiten - ist die ausdauerndste Pflanze, die wir überhaupt haben. Sie hat hier und da Dornen, sicher, meine Damen und Herren, dann muss man sie mit Vorsicht anfassen. Aber sie hält jeden Winter durch. So haben z.B. die Rosen in meinem Garten drüben in Rhöndorf den harten Winter, den wir hinter uns haben, glänzend überstanden. Deswegen möchte ich das aufgreifen und sagen, jawohl, diese Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland ist wie eine Rose, die immer wieder Blüten bringt, die immer wieder Knospen treibt und wiederum Blüten bringt und die alle Winterhärte glänzend übersteht. Ich greife dieses Beispiel auf und bin sehr glücklich darüber. Sehen Sie die Blumen, die hier sind; sie würden das gar nicht überstehen, was eine Rose übersteht. Aber lassen Sie mich einmal ein ernstes Wort hinzufügen.

Ich glaube, dass diese enge Freundschaft, diese enge Verbundenheit zwischen Frankreich und Deutschland, in Europa wie ein neuer Kraftimpuls wirkt. Stellen Sie sich bitte vor, wenn diese Freundschaft nicht bestünde, wäre jeder Versuch, Europa zu schaffen, von vornherein zum Tode verurteilt. Daher glaube ich, wenn wir, Franzosen und Deutsche, zusammenarbeiten, dass wir für unsere Länder arbeiten, das ist unsere erste Pflicht, dass wir aber auch arbeiten für Europa und für den Frieden in der Welt. Daher glaube ich weiter, dass wir alle, die wir heute hier versammelt sind, Franzosen und Deutsche, darüber glücklich sein können, dass dieser französisch-deutsche Freundschaftsvertrag seine Wirkungen auszustrahlen beginnt.

Ich möchte ein besonderes Wort des Dankes an den Staatspräsidenten von Frankreich, an Herrn General de Gaulle, richten. Wenn Sie zurückdenken, meine Damen und Herren, ich glaube, Sie werden mit mir übereinstimmen: Niemand anderem wäre es gelungen, diese Freundschaft wirklich zu erwecken und zu fassen, und darum glaube ich, dass das ein großes geschichtliches Verdienst des Generals de Gaulle ist.

Vor kurzer Zeit war ein alter Freund von mir - ich möchte den Namen nicht nennen - aus einem der Beneluxstaaten bei mir. Der sagte mir, es wäre niemals gelungen, einen Freundschaftsvertrag zu schließen zwischen Belgien und Deutschland, zwischen Holland und Deutschland, auch nicht zwischen Luxemburg und Deutschland. Dass es gelungen ist, zwischen Frankreich und Deutschland einen solchen Freundschaftsvertrag zu schließen, ist ganz sicher auch das große Verdienst des Generals de Gaulle. Dafür sind wir ihm dankbar, dafür ist die Welt ihm dankbar, dafür ist sogar Amerika ihm dankbar; das kann ich Ihnen auch sagen, meine Damen und Herren. Aber wir Deutschen sind ihm besonders dankbar, und darum bitte ich Sie, sich zu erheben und mit mir zu trinken auf das Wohl des Generals de Gaulle, des Staatspräsidenten von Frankreich, auf das Wohl des französischen Volkes.

Quelle: StBKAH, maschinenschriftlicher (hektogr.) Text des BPA Nr. 834/63.