9. November 1964: Rede anlässlich der Aufnahme in die Académie des Sciences Morales et Politiques in Paris 

Herr Staatspräsident!
Exzellenzen!
Liebe Kollegen!
Meine Damen und Herren!

Ihre Worte, Herr Präsident Davy, haben mich tief bewegt. Ich danke Ihnen und allen Kollegen der Hohen Académie für die überaus freundliche Aufnahme, die ich in Ihrem Kreise gefunden habe. Ich empfinde es als einen großen und bedeutenden Augenblick in meinem Leben, heute hier unter Ihnen zu sein in diesem schönen traditionsreichen Bau, um in das weltberühmte Institut de France in Anwesenheit seines Schirmherren, des Staatspräsidenten der französischen Republik, aufgenommen zu werden.

Es ehrt mich, in dieser Académie den Sitz einzunehmen, den Louis Dumont-Wilden innehatte, ein Mann, der Ihrem Land ganz besonders verbunden gewesen ist. In Paris, das seine Wahlheimat war, hat Louis Dumont-Wilden an führenden Zeitungen sowie bei verschiedenen, den Ruhm Frankreichs ausstrahlenden Zeitschriften mitgearbeitet.

Als assoziiertes Mitglied der Académie des Sciences Morales et Politiques dem Institut de France anzugehören, das in allen seinen Zweigen seit Generationen den Genius des französischen Volkes und seine große Rolle für das europäische Geistesleben in so glänzender Weise verkörpert, ist für mich eine Ehre und eine Auszeichnung, die mich zutiefst beeindruckt. Dies umso mehr, als seit 1869 kein Deutscher mehr als Mitglied in diese Académie aufgenommen worden ist.

Als mir der Beschluß der Académie für politische und Geisteswissenschaften bekannt wurde, mich als ausländisches Mitglied aufnehmen zu wollen, habe ich mich gefragt, ob die geistigen und politischen Überzeugungen, die meinen Weg bestimmt haben, meine Aufnahme in eine Gemeinschaft, die einen so verpflichtenden Namen trägt, rechtfertigen.

Wie der Name Ihrer Académie besagt, ist Ihr Ziel eine Verknüpfung des geistigen, geisteswissenschaftlichen, des in menschlicher Gesittung ruhenden Denkens mit dem politischen Denken. Meine politische Überzeugung, mein Handeln und meine Arbeit waren auch immer in erster Linie von geistigen Werten bestimmt, von Werten, aus denen ich nennen möchte: Demokratie, Freiheit, Menschenwürde und Völkerversöhnung. Darum war mein Bemühen immer, Frieden und Verständigung zwischen den Völkern, insbesondere aber zwischen Frankreich und Deutschland, den beiden Nachbarvölkern, zu erreichen.

Je stürmischer die Zeiten wurden, je mehr sich die politischen Kräfte in Europa und in der Welt verschoben, umso mehr war es mein Bestreben, durch eine vertrauensvolle Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland eine Konsolidierung wenigstens in Europa zu erreichen. Darüber hinaus erstrebte ich, von dem festen Boden einer solchen Freundschaft ausgehend, die Schaffung eines geeinten Westeuropa, das sich in seinen Formen der Entwicklung anpassen könnte, das aber seiner geistigen Gemeinsamkeit und der für seine Selbsterhaltung nötigen Einheit immer bewußt sein müsse.

Dieses Ziel schwebte mir vor Augen, lange bevor ich die Möglichkeit hatte, als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gestaltend mitzuwirken. Die tragische Geschichte unserer beiden Nachbarvölker, die sich schon immer so viel zu geben hatten und die sich so viel Leid zugefügt haben, das Bewußtsein von der Sinnlosigkeit dieses Bruderzwistes nicht nur angesichts der uns gemeinsam bedrohenden Gefahren, sondern auch angesichts der ungeheuren Möglichkeiten, die aus einer Zusammenarbeit der geistigen, wirtschaftlichen und politischen Kräfte erweckt werden könnten, haben mich dieses Ziel unbeeinflußt von allen Rückschlägen verfolgen lassen.

Immer gab es auf beiden Seiten des Rheins Menschen, die ihre ganze Kraft einsetzten, um eine Verständigung herbeizuführen. Vielleicht bedurfte es der schrecklichen Prüfung zweier Kriege, die unser Jahrhundert erlitten hat, und der Veränderung in der Lagerung der politischen Macht auf der Erde, um den Boden zu bereiten. Sicher aber wäre auch jetzt alles vergeblich geblieben ohne die Initiative derjenigen Franzosen, die uns Deutschen nach dem Zusammenbruch unseres staatlichen Seins die Hand entgegenstreckten. Aus der Anfangszeit dieses Versöhnungswerkes will ich für viele einen Namen nennen, Robert Schuman, vor dessen Verdiensten ich mich hier verneige; vor allem aber muß für die ganze Fortentwicklung der Name des Mannes genannt werden, der heute unter uns weilt, der französische Staatspräsident Charles de Gaulle.

Wenn mein Beitrag von Ihnen, meine Herrn Kollegen, durch meine Aufnahme in die Académie gewürdigt worden ist, so beglückt mich dies persönlich. Ich sehe aber darin auch einen tiefen politischen Sinn. In dieser Anerkennung meiner Arbeit sehe ich einen erneuten, von hoher Autorität getragenen Beweis dafür, daß die von den Politikern geleistete Arbeit, daß der gemeinsam begangene Weg auch von dem geistigen Frankreich bejaht und bestätigt wird, daß es diese Ziele mit zu tragen, mit zu verwirklichen bereit ist.

Zu den ausländischen assoziierten Mitgliedern der Académie, ich kann jetzt sagen „unserer Académie", gehören so große Persönlichkeiten wie Sir Winston Churchill und Präsident Eisenhower. Die Tatsache, daß ich heute Kollege dieser beiden Männer geworden bin, die in dem letzten großen Krieg eine so bedeutende Rolle gespielt haben, die Tatsache, daß ich heute aufgenommen werde neben ihnen in eine Institution, deren Schirmherr der französische Staatspräsident de Gaulle ist, die Tatsache, daß meine Aufnahme in seiner persönlichen Anwesenheit erfolgt, hat eine starke symbolische Kraft. Dieses äußere Band drückt nicht nur aus, daß ich mich für meine Person mit diesen Männern, mit denen ich lange Jahre als Vertreter meines Landes vertrauensvoll zusammenarbeiten konnte, in den geistigen und politischen Zielen einig wissen darf, sondern es ist auch ein hoffnungsvolles Zeichen für eine gute Zukunft.

Zu Anfang habe ich einen Blick auf den Weg zurückgeworfen, der schließlich zu dem Frankreich und Deutschland verbindenden Freundschaftsvertrag geführt hat. Dieser, die Aussöhnung zwischen unseren Völkern besiegelnde Vertrag bildet die Grundlage für die gemeinsame Arbeit an unserer gemeinsamen Zukunft. Es ist gerade auch in letzter Zeit viel über diesen Vertrag diskutiert worden. Von mancher Seite wurde festgestellt, die Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland sei noch nicht so, wie sie sein sollte. Das mag richtig sein. Aber wir haben etwas geschaffen, das sich entwickeln und bewähren wird. Der Vertrag ist auf lange Sicht angelegt; er wird gute Früchte tragen.

Die Weltlage verlangt von diesen beiden großen europäischen Völkern auch ein Zusammengehen auf dem Wege, Europa zu schaffen. Europa ist notwendig in der stürmischen politischen und technischen Entwicklung unserer Welt. Seine Tradition, sein Geist sind unentbehrlich für die Menschheit.

Dies ist mein 30. Besuch in Frankreich nach dem letzten Kriege. Ich bin glücklich, unter Ihnen weilen zu können, und danke Ihnen von Herzen. Seien Sie versichert, daß ich im Sinne und im Geist dieser Académie weiterarbeiten werde für eine glückliche Zukunft unserer beiden Länder. 

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 165, 11. November 1964, S. 1519. Abgedruckt in: Konrad Adenauer: „Die Demokratie ist für uns eine Weltanschauung.“ Reden und Gespräche 1946-1967. Hg. von Felix Becker. Köln-Weimar-Wien 1998, S. 206-209.