23. März 1966: Rede auf dem 14. Bundesparteitag der CDU in Bonn 

Meine lieben Parteifreunde!

Einige Artikel in den heutigen Morgenausgaben der Zeitungen, Artikel, die auch wiedergeben den Eindruck, den meine Ausführungen, die ich vorgestern vor Ihnen machen durfte, im Ausland gemacht haben, nötigen mich, noch einmal das Wort zu der Angelegenheit zu ergreifen.

Ich möchte eines an die Spitze stellen. Mir ist, auch im Inland, vielfach vorgeworfen worden, ich hätte mich um die Frage der Wiedervereinigung Deutschlands zu wenig bemüht. Nun, meine Damen und Herren, eines Tages werden sich ja die Archive öffnen. Dann wird man sehen, welche Angebote Sowjetrußland von unserer, durch mich geführten Seite aus gemacht worden sind, und zwar während der ganzen Jahre. Dann wird man auch sehen - das kann man aber auch aus meinen Reden lesen -, was von Anfang an mein Standpunkt gewesen ist und auch heute noch ist.

Nach meiner Meinung, meine Damen und Herren, hat Sowjetrußland drei Aufgaben zu erfüllen: 1. Wettrüsten mit dem Westen, 2. Hebung des Lebensstandards seiner Bevölkerung und 3. Sicherung gegenüber Rotchina.

Nach meiner schon im Jahre 1952 auch öffentlich geäußerten Meinung ist Sowjetrußland zur gleichzeitigen Erfüllung dieser drei Aufgaben nicht in der Lage. Es wird der Augenblick kommen, da Sowjetrußland, um den Lebensstandard seiner Bevölkerung heben und sich gleichzeitig gegenüber Rotchina wappnen zu können, dafür sorgen wird und sorgen muß, daß es den Rücken gegenüber Europa frei hat. Das heißt, es wird dann mit den europäischen Fragen in dem Geiste und in dem Sinne fertig werden müssen, wie wir es nach göttlichem und menschlichem Recht von ihm verlangen können. 

(Beifall.) 

Ich glaube, meine Damen und Herren, gegen diese Argumentation, die ich Ihnen vorgetragen habe, kann man nicht gut etwas einwenden. Aber leider muß ich gestehen, daß weder wir Deutschen noch die Amerikaner noch die Kanadier oder Engländer sich an diese These gehalten haben. 

(Beifall.) 

Sehen Sie, der größte Lieferant für Sowjetrußland sind zur Zeit die Vereinigten Staaten. Was für politische Gegenleistungen sind dafür von Rußland gegeben worden? Jedenfalls keine, die die Lage in Europa erleichtert hätten. Der zweitgrößte Lieferant Sowjetrußlands, das ja doch die Mittel der modernen Produktion nötig hat, ist, soviel ich weiß, die Bundesrepublik Deutschland - ohne daß von Sowjetrußland eine politische Gegenleistung dafür erfolgt!

Vor einigen Jahren hatte Sowjetrußland eine große Mißernte, weil die neu kultivierten Gebiete bei der Ernte versagten. Übrigens hatten uns unsere Sachverständigen dieses Versagen vorhergesagt, weil sie der Auffassung waren, daß die Steppen - und es handelte sich damals um Urbarmachung umgebrochener Steppe - einfach die Winterstürme nicht ertragen und die dünne Humusschicht in wenigen Jahren verschwunden sein würde. So ist es auch gekommen. Daher ist Sowjetrußland angewiesen auf die Hilfe anderer Länder, um seine Bevölkerung einigermaßen bei Kräften und am Leben zu erhalten.

Nun, ich sage Ihnen offen: Ich würde nichts dabei gefunden haben, wenn bei der Lieferung von drei Millionen Tonnen Weizen - die, glaube ich, Kanada damals geliefert hat - politische Forderungen gestellt worden wären. 

(Zuruf: Sehr richtig.) 

Denn worin besteht denn überhaupt unsere ganze Macht gegenüber Sowjetrußland? Sie besteht doch nur darin, daß wir eine größere Produktionskraft haben, daß unsere Leute besser arbeiten, daß wir mehr produzieren können und daß Rußland das bei seinem System einfach nicht kann.

Ich könnte noch mehrere solche Beispiele anführen, wo Verbündete von uns an Sowjetrußland dringend notwendige Sachen geliefert haben, ohne politische Gegenleistung zu verlangen.

Ich habe schon, als wir in die NATO eintraten, gesagt, NATO muß auch politische Gespräche führen können. Was hilft mir NATO, wenn ich in der Zwischenzeit meinen Gegner immer stärker werden lasse? Es hätte daher gegenüber Sowjetrußland eine gemeinsame Politik geführt werden müssen. 

(Beifall.) 

Und sie konnte geführt werden. Ich finde es wahrhaftig nicht unbarmherzig, wenn man sagt: „Wenn ich hier drei Millionen Tonnen Weizen liefern soll, dann mußt du das und das tun." Ob ich nun sage: „Dann muß du mir soundso viel Pfund Sterling zahlen", oder ob ich sage: „Du mußt dabei noch das und das tun", kommt doch auf dasselbe heraus. Es war doch kein Geschenk der Barmherzigkeit, 

(Beifall.) 

sondern, meine Damen und Herren - ich nehme auch unsere Leute nicht aus -, das verdammte Geschäft in der Politik kann die beste Politik kaputtmachen. 

(Beifall.) 

Ich habe einen Artikel der „Welt" von heute Morgen zur Hand. Ich bekam sie etwas spät; deswegen bin ich auch später gekommen.

(Heiterkeit.) 

Ich mußte ja erst wissen, was in der Welt vor sich geht, ehe ich vor Sie trete. 

(Heiterkeit.) 

Ich hoffe, Sie haben nicht geglaubt, ich würde wegbleiben. 

(Heiterkeit.) 

Das geht auch an die Adresse der Moskauer Stimmen, die da in dem Artikel der „Welt" stehen: Die deutsche Bundesregierung hat seit dem Jahre 1952 alles getan, was sie konnte, um die Wiedervereinigung herzustellen. 

(Beifall.) 

Die Archive werden ja eines Tages geöffnet werden, und es wird sich dann auch ganz klar zeigen, welche Arbeit die Bundesregierung gerade dieser Aufgabe gewidmet hat. Aber sie ist bei den Russen auf taube Ohren gestoßen, und sogar - na, mir wurde in Moskau ein unkeusches Angebot gemacht. 

(Große Heiterkeit.) 

Nein, meine Herren, so einfach, wie Sie sich die Sache denken, 

(Erneute große Heiterkeit.) 

war das keineswegs gemeint und auch nicht aufgefaßt von mir; 

(Heiterkeit.) 

ich sehe von Kleinigkeiten ab. 

(Große Heiterkeit.) 

Aber um die Stimmung etwas zu beleben, möchte ich Ihnen nur eine Szene erzählen. Als wir da sechs Tage mit Chruschtschow und Bulganin zusammenwaren, saß ich bei jeder Mittagsmahlzeit und bei jeder Abendmahlzeit zwischen den beiden Herren. Auf einmal fiel mir auf, daß mir immer ein anderer Kellner Wein einschenkte als den beiden Herren. Wir hatten die gleichen Gläser, grüne Gläser, undurchsichtig. 

(Heiterkeit.) 

Wie nun der Kellner für die beiden Herren wieder einmal herankam und ihnen die Gläser vollschenkte, habe ich ihm die Flasche aus der Hand genommen. 

(Heiterkeit.) 

Ich habe dann festgestellt, daß die beiden Herren, enthaltsam, wie sie waren, sich mit reinem Wasser begnügten, 

(Heiterkeit.) 

während ich schweren Krim-Wein serviert bekam. 

(Große Heiterkeit und Beifall.)

Die Herren waren vernünftig, denn ich habe ihnen gesagt: Meine Herren, ehrliches Spiel! Entweder wir trinken alle Wasser oder wir trinken alle Wein! 

(Große Heiterkeit und Beifall.) 

Die beiden Herren entschlossen sich dafür, daß wir alle drei Wein tranken. 

(Heiterkeit.) 

Das haben wir auch getan.

Nun hat eine Zeitung gesagt, man höre aus dem, was ich vorgestern zu Ihnen gesagt habe, die Worte de Gaulles heraus. Was hat der Mann feine Ohren! 

(Heiterkeit.) 

Meine Damen und Herren, soweit ich über eine Unterredung unter vier Augen sprechen darf - aber ich verschweige Ihnen nichts Wesentliches -, 

(Große Heiterkeit.) 

hat sich die Unterredung auf zwei Hauptpunkte bezogen. Einmal auf die große Reise de Gaulles nach Sowjetrußland, eine zwölftägige Reise durch ganz Sowjetrußland. Nun, man kann de Gaulle lieben, man kann ihn hassen. Wir wären sehr dumm, wenn wir ihn haßten, noch dummer, wenn wir über ihn lachten. 

(Zwischenruf: Sehr gut!) 

Aber ich habe mir nun doch gesagt: Wenn de Gaulle zwölf Tage eine Reise durch Sowjetrußland macht, dann ist das eine hochpolitische Angelegenheit. 

(Beifall.) 

Ob sie positiv ausfallen wird, ob sie negativ ausfallen wird - wer von uns kann das jetzt prophezeien? Ich glaube nur eines von Herrn de Gaulle: Er setzt bei einer zwölftägigen Reise auch sein Ansehen mit auf das Spiel, wenn diese Reise negativ ausfällt. Daher wird de Gaulle Gründe dafür haben, anzunehmen, daß diese Reise positiv - wieweit, muß man abwarten - ausgehen wird.

Nun, was habe ich ihm dazu gesagt? Ich habe ihm dringend unsere Anliegen ans Herz gelegt: Einmal die Frage der Wiedervereinigung und zweitens diese verdammte Schießerei - jetzt bin ich wieder an „verdammt"; aber Sie werden das verstehen, diese Schießerei hier an den Grenzen mitten in Deutschland; das ist ein Skandal allerersten Ranges. 

(Langanhaltender, lebhafter Beifall.) 

Herr de Gaulle hat mir das zugesagt, um was ich ihn gebeten habe. Es war gut, daß ich dagewesen bin. 

(Beifall.) 

Glauben Sie mir das eine, meine Damen und Herren: Frankreich und Deutschland werden in dieser schrecklichen bewegten Zeit und Entwicklung das gleiche Schicksal haben. Daher beruhen unsere außenpolitischen Aspekte auf denselben Grundlagen, nämlich auf dem gemeinsamen Interesse der beiden Länder für die Zukunft. 

(Beifall.) 

Das, meine Freunde, ist die allein sichere Grundlage für ein außenpolitisches Zusammengehen. Ich erinnere hier an eine Rede, die John Foster Dulles, ein Mann, der es doch sicher gut mit uns meinte, einmal gehalten hat. Er hat öffentlich erklärt: In Europa treiben wir keine französische Politik, in Europa treiben wir keine deutsche Politik, in Europa treiben wir amerikanische Politik. Das hat er öffentlich gesagt, und ich habe das absolut verstanden. Das müssen wir verstehen. Deswegen müssen wir auch immer sehr sorgfältig beobachten, inwieweit die amerikanischen und die deutschen Interessen übereinstimmen. 

(Zwischenruf: Sehr gut!) 

Die Nachricht, die Sie heute in den Zeitungen über ein Entgegenkommen der Vereinigten Staaten gegenüber Sowjetrußland in Genf lesen werden, hat mir gar nicht gefallen. Es ist auch sehr verblüffend und merkwürdig, daß in Vietnam Rußland verhältnismäßig sehr zurückhaltend ist. Meine Freunde, das tut es doch auch nicht ohne Grund.

Sie sehen daraus - deswegen habe ich das hier hereingeworfen -, daß die Auslandspolitik, insbesondere die deutsche Auslandspolitik, eng verbunden und verwoben ist mit den politischen großen Vorgängen in der ganzen Welt. 

(Zwischenruf: Sehr gut!) 

Machen Sie sich das bitte immer klar, daß jedes Land Außenpolitik in seinem Interesse treibt. Nur dann, wenn das Interesse eines anderen Landes mit seinem Interesse übereinstimmt und soweit es übereinstimmt, wird die Außenpolitik eine gemeinsame Außenpolitik sein. 

(Beifall.) 

Meine Damen und Herren! Ich muß Ihnen hier sagen, daß ich, als ich vorgestern zu Ihnen sprach, eine schlechtere Belichtung als jetzt gehabt habe und daß ich daher einige Sätze oder Passagen aus dem Gedächtnis und nicht nach dem von mir sorgfältig vorbereiteten Konzept gesprochen habe. Aber was habe ich denn nun gesagt? Ich habe hier, meine Damen und Herren, das Stenogramm dieses Hauses. Ich habe folgendes gesagt und bin deswegen in der Welt so aufgefallen: 

(Heiterkeit.) 

Ich bin auch der Auffassung - vielleicht teilt nicht jeder von Ihnen diese Auffassung -, daß wir uns Sowjetrußland gegenüber wie gegenüber einem Volk verhalten müssen, das uns sehr weh getan hat, dem wir vorher aber auch großes Leid zugefügt haben. Ich habe neulich mit einem Russen darüber ein Gespräch gehabt und habe ihm gesagt: Sie können mir doch nicht weismachen, daß sich Ihre Regierung bei Ihrer nuklearen Rüstung in der Tat vor uns fürchtet. Darauf hat mir der betreffende Herr gesagt: Nicht die russische Regierung fürchtet sich, wohl aber das russische Volk. Er hat mir weiter erklärt: Wir haben im Kriege 15 Millionen Tote und fünf Millionen Schwerverwundete gehabt. Dadurch wurden Wunden in die russischen Familien in weitestem Umfange geschlagen, die noch vorhanden sind. Deswegen ist in der Tat, so sagte er mir, das russische Volk Ihnen - das heißt den Deutschen - gegenüber voll Sorge. Ich habe dieser Tage noch einen Bundestagsabgeordneten - nicht aus unserer Partei, meine Damen und Herren, auch nicht aus der CSU -, 

(Heiterkeit.) 

der gerade in Rußland gewesen ist und Rußland bereist hat, gefragt, ob auch er diese Wahrnehmung gemacht habe. Er hat mir gesagt: Jawohl; überall, wo er hingekommen sei, sei die erste Frage gewesen: Wir werden doch wohl keinen Krieg haben.

Dann bin ich folgendermaßen fortgefahren: Neulich ist etwas in der Weltgeschichte passiert, was nach meiner Meinung von allen Zeitungen mehr hätte hervorgehoben werden müssen. Aber, meine Freunde, unsere Zeitungen haben es offenbar nicht verstanden. Es war die Friedensvermittlung der Sowjetunion zwischen Indien und Pakistan. Ich muß ganz offen sagen: Das war eine überraschende Entwicklung für jeden von uns, der die Verhältnisse zwischen Pakistan und Indien gekannt hat. Khan - Ayub Khan - war vorher bei mir und hat mir gesagt, wieviel Truppen er und wieviel Indien ihm gegenüber stehen hat. - Sie waren alle kampfbereit, meine Damen und Herren.

Daß da die Sowjetunion den Frieden zwischen diesen beiden Völkern vermittelte, das ist für mich ein Beweis dafür, daß die Sowjetunion in die Reihe der Völker eingetreten ist, die den Frieden wollen.

Nun muß ich da einen Satz hinzusetzen - einen halben Satz nur -, den ich leider wegen der Beleuchtung nicht gesehen habe. 

(Heiterkeit.) 

Ich muß hinzusetzen: weil Sowjetrußland selbst den Frieden braucht. 

(Beifall.) 

Das ist nämlich das Entscheidende: Sowjetrußland braucht den Frieden, auch den Frieden in Europa. Und auf die Dauer gesehen - wie lange das währen wird, kann kein Mensch sagen - wird Sowjetrußland vor die Wahl gestellt werden: Unterordnung unter Rotchina oder die Hände weg von Europa. Das muß die Lösung sein, und das wird nach meiner Meinung auch die Lösung sein. Bis dahin aber, meine Damen und Herren, wollen wir doch daran denken, daß die harten Wunden, die die Russen uns geschlagen haben und die uns auch jetzt noch dadurch geschlagen werden, daß so viele Millionen Deutscher unter fremdem Joche leben müssen, daß diese harten Wunden Vergeltung sind für harte Wunden, die den Russen unter Hitler geschlagen worden sind.

Wir müssen weiter daran denken, daß wir Deutsche uns besonders dadurch auszeichnen, daß wir schnell vergessen. Nicht alle Völker, meine Freunde, vergessen so schnell. Ich hatte gestern Mittag ein Frühstück mit den Vertretern ausländischer Parteien auf unserer jetzigen Tagung. Die Herren haben mit mir darüber gesprochen und haben mir gesagt - ich kenne diese Herren schon viele Jahre, und ich weiß, daß sie offen mit mir sprechen -: Es war sehr gut, daß das mal in Deutschland gesagt worden ist, daß die Russen uns sehr wehtun und wir ihnen vorher sehr wehgetan haben. Daher glaube ich, man sollte das beachten und berücksichtigen. Man sollte aber den Russen gar keinen Zweifel daran lassen, daß wir niemals unser Verlangen nach Wiedervereinigung aufgeben werden. 

(Lebhafter Beifall.) 

Und wir sollten allen Völkern, auch den mit uns verbündeten, immer wieder klarmachen, daß die Teilung Deutschlands die Teilung Europas bedeutet 

(Erneuter Beifall.) 

und daß die Beseitigung der Teilung Europas für den Weltfrieden eine absolute Notwendigkeit ist. 

(Starker Beifall.) 

Quelle: 14. CDU-Bundesparteitag Bonn 21.-23. März 1966, Niederschrift, Bonn o. J., S. 170-176. Abgedruckt in: Konrad Adenauer: „Die Demokratie ist für uns eine Weltanschauung.“ Reden und Gespräche 1946-1967. Hg. von Felix Becker. Köln-Weimar-Wien 1998, S. 210-217.