2. Juli 1966: Ansprache bei Verleihung einer Gedenkmedaille für Robert Schuman in Metz

Ich freue mich über die mir zuteil gewordene Ehrung, denn ich sehe darin eine Anerkennung meiner Arbeit, die ich der Sache Europas gewidmet habe. Ich denke in Dankbarkeit an das, was Robert Schuman für das gemeinsame Anliegen getan hat. Schließlich begrüße ich jede Gelegenheit, um auf die große Bedeutung hinzuweisen, die einer Einigung Europas für Deutschland, für Frankreich, ja für alle europäischen Staaten zukommt. Mit Recht wurde eine Gesellschaft gegründet, die sich als Ziel gesetzt hat, in den europäischen Völkern den Gedanken an Europa wach zu halten. Mit Recht wurde auch dieser, für Europa wirkenden Vereinigung der Name Robert Schumans gegeben. Mit ihm, der vor wenigen Tagen, am 29. Juni, 80 Jahre alt geworden wäre, bin ich zum ersten Male im August 1949 in Koblenz zusammengetroffen. Er war damals Außenminister Frankreichs. Wir hatten eine Aussprache von Mensch zu Mensch ohne jeden protokollarischen Zwang. Ich schlug ihm damals eine engere wirtschaftliche Verbindung zwischen Frankreich und Deutschland vor. Mir schwebte vor, dass eine solche Zusammenarbeit zum Beispiel mit dem Austausch elektrischer Energie zwischen der Saar und Lothringen eingeleitet werden könnte. Zehn Monate später, am 9. Mai 1950, legte Robert Schuman seinen Plan zur Bildung einer europäischen Montan-Union vor, der 1951 zur europäischen Wirtschaftsgemeinschaft für Kohle und Stahl führte.

Für Robert Schuman hatte dieser Plan nicht in erster Linie wirtschaftliche Bedeutung. Er war für ihn von Anfang an politisches Instrument. Er sah in der Möglichkeit, dass die beiden großen Nachbarvölker Deutschland und Frankreich durch diesen Vertrag die für eine Kriegsführung wichtigsten Grundstoffbereiche Kohle und Stahl gegenseitig kontrollieren könnten, ein Element, um die Furcht voreinander zu bannen. Zwischen diesen beiden Völkern sollte niemals mehr ein Krieg möglich sein. Das aber wäre gewährleistet, wenn Kohle und Stahl gemeinsam produziert und unter gegenseitiger Kontrolle verwaltet würde. Er sah aber auch in der Vereinigung der Erzeugung von Kohle und Stahl eine unmittelbare Vorstufe für Fortschritte auf dem Wege zu einer europäischen Föderation. Er hat später in seinem politischen Testament diesen Gedanken, dass eine gemeinsame politische Kraft Europa geschaffen werden müsse, mit geradezu beschwörenden Worten ausgedrückt. „Europa weiß, dass es seine Zukunft in seinen eigenen Händen hält. Gott gebe, dass es seine Schicksalsstunde nicht ungenutzt vorbeigehen lässt, die vielleicht die letzte Chance für sein Heil ist."

Robert Schuman hat auch nach seinem Ausscheiden aus der Regierung als Abgeordneter des französischen Parlaments und später als Präsident des Europäischen Parlaments in Straßburg mit der ganzen Hingabe seiner Persönlichkeit der Sache Europas gedient. Für sein Wirken schulden ihm alle Europäer Dank. Wir Deutsche haben aber auch noch einen besonderen Grund, Robert Schuman dankbar zu sein. Er hat als verantwortlicher Politiker seines Landes für die Probleme des zerrissenen Deutschland großes Verständnis gezeigt. Entschieden hat er die Idee einer Neutralisierung unseres Vaterlandes abgelehnt und die Wiedervereinigung aufgrund freier Wahlen und im Rahmen konstitutioneller Prinzipien gefordert. Er gehörte vor allem aber auch zu den französischen Politikern, die als erste uns Deutschen ohne Maß und Vorurteil begegnet sind und die das Eis zwischen Franzosen und Deutschen gebrochen haben. Dank gebührt dem Staatsmann und Politiker Robert Schuman, aber auch dem Menschen. Wie ich schon eingangs schilderte, ist schon meine erste Aussprache mit Robert Schuman in großer Herzlichkeit verlaufen. Ich habe die Aufrichtigkeit, die gerade und gewinnende Art dieses in seinem Auftreten schlichten, aber mit einem durchdringenden lebhaften Geist begabten Mannes zu schätzen gewusst, mit dem mich auch das gemeinsame Fundament, auf dem wir standen, das Fundament der christlichen Grundsätze verbunden hat. Die Europäer ehren sich selbst, wenn sie Robert Schuman ehren.

Quelle: StBKAH, maschinenschriftliches Redemanuskript.