25. Dezember 1950: Weihnachtsansprache über alle deutschen Rundfunksender

Das Weihnachtsfest soll nicht nur ein Tag der Freude, sondern ein Tag der inneren Besinnung sein. In der Rastlosigkeit unserer Gegenwart sind solche Tage des Innehaltens und der Besinnlichkeit besonders notwendig. Sie ermöglichen, sich freizumachen von dem übergroßen Druck, den die Arbeit, die Hast, die Geschehnisse unserer Zeit auf uns ausüben.

Lassen Sie mich am heutigen Weihnachtstage einige Gedanken zum Ausdruck bringen, die unsere politische und menschliche Lage und unsere Wünsche für das kommende Jahr 1951 umreißen sollen.

Es gibt wohl keinen Wunsch, der uns als Einzelne wie auch als Volk tiefer bewegt, als der Wunsch nach Frieden, und in keinem Augenblick des Jahres empfinden wir seine Bedeutung und Notwendigkeit stärker als in den Tagen dieses Weihnachtsfestes. Das Weihnachtsfest soll der ach so friedlosen Menschheit jedes Jahr von neuem die Botschaft des Friedens für diejenigen, die guten Willens sind, ins Gedenken zurückrufen. Wir wollen dieses guten Willens sein und die Hoffnung nicht aufgeben, dass uns auch im kommenden Jahr der Frieden erhalten bleibt. Unsere ganze Arbeit hat als oberstes Ziel die Erhaltung des Friedens. Dennoch dürfen wir uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Frieden einer sehr ernsten Bedrohung ausgesetzt ist. Ein großer Teil der Welt hat den ethischen und geistigen Grundsätzen des Christentums abgesagt und sich zu einer politischen Macht zusammengeballt, die die friedlichen und freiheitlichen Völker bedroht und das Prinzip der Gewalt an die Stelle des Rechtes und des Friedens setzen will. Das vergangene Jahr hat uns diese ernste Gefahr in unübersehbarer Deutlichkeit gezeigt. In dieser Situation muss auch der Friedfertige seine Kräfte sammeln und sein Herz bereit machen zur Verteidigung seiner entscheidenden Lebensgüter gegen den ihnen drohenden Angriff. Es ist das natürliche Recht des Einzelnen wie der Völker, die eigene Existenz zu erhalten und zu sichern. Es wäre verantwortungslos, wenn die Deutsche Bundesregierung dieses Recht nicht verteidigen würde und nicht bereit wäre, in Gemeinschaft mit anderen friedliebenden Völkern hierfür einzustehen.

Ich hoffe und wünsche, dass meine Sorgen unbegründet sind und dass die Einsicht der verantwortlichen Staatsmänner den Frieden erhält. Diese Hoffnung ist für das ganze deutsche Volk ein umso größeres Bedürfnis, als wir noch die Folgen des vergangenen Krieges in grausiger Eindringlichkeit spüren. Tausende von deutschen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, Männer und Frauen, schmachten noch in einer unmenschlichen Sklaverei, Tausende ihrer Angehörigen in Deutschland sind in diesen Tagen von tiefstem Schmerz erfüllt. Ihnen allen möchte ich im Namen des deutschen Volkes sagen, dass das uneingeschränkte Mitgefühl unseres gesamten Volkes ihnen gehört und dass die Bundesregierung nichts unversucht lassen wird, um ihr Schicksal zu wenden. Innerhalb unseres Bundesgebietes trauern in diesem Jahr Millionen um ihre Heimat in Schlesien, in Ostpreußen, im Sudetenland und anderswo, aus der sie vertrieben worden sind. Wir müssen der in dieser sinnlosen Vertreibung liegenden Missachtung des Menschen unsere Auffassung von christlicher Würde und Verantwortung der Persönlichkeit entgegensetzen. Wir sind verpflichtet, diesen Vertriebenen und Heimatlosen bis an den Rand unserer wirtschaftlichen Kraft hierin Hilfe zu leisten. Wir hoffen, dass im Bewusstsein dieser Verantwortung der Bundestag in den nächsten Monaten das Lastenausgleichsgesetz, das ihm die Bundesregierung vorlegen wird, verabschiedet, damit die soziale Befriedigung auch in dieser schicksalsschweren Frage des deutschen Volkes erreicht wird. Wir hoffen allerdings auch, dass keine Forderungen gestellt werden, die zum Zusammenbruch unserer Wirtschaft führen müssen, der letztlich die am schwersten treffen würde, die auf Hilfe hoffen und denen nur eine intakte Wirtschaft Arbeit und Erwerb geben kann. Auch hier möge in gerechter Erwägung aller Möglichkeiten sich der gute Wille offenbaren, der zum Frieden führt und ihn erhält. Es muss in diesen Tagen der allgemeinen Besinnung auch ausgesprochen werden, dass die Sorge der Bundesregierung ebenso jenen zuteil werden muss, die als Opfer eines totalitären Machtstaates neben ihrem Vermögen häufig Freiheit und Gesundheit eingebüßt haben. Wir wollen und wir werden die Entnazifizierung abschließen, weil sie weitgehend nicht geeignet war, die echte menschliche Schuld festzustellen und zu ahnden und in einem verwirrenden Maße die Diskriminierung der wirklich Schuldigen durch ein kollektives Anklageverfahren verhinderte. Das enthebt uns aber nicht der Verantwortung, den schuldlosen Opfern eines verurteilungswürdigen vergangenen Systems die nötige Hilfe zu bringen.

In unserer weihnachtlichen Freude sollten wir auch jener gedenken, die in den schrecklichen Jahren des Krieges an der Front, im Bombenhagel oder sonst wo ihre Gesundheit verloren haben. Die Bundesregierung hat durch die Verkündung des Versorgungsgesetzes die äußere materielle Not dieser Menschen und ihrer Angehörigen zu lindern versucht. Die seelische Not und die Beschränkung ihrer beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten kann kein Gesetz beheben. Hier muss das Verständnis besonders der Arbeitgeber helfen, das Gefühl der Behinderung und Beschränkung zu vermindern. Unsere menschliche Hilfe muss schließlich auch jenen zugewandt werden, die arbeitslos sind oder die vor den früheren Heimstätten stehen und als Ausgebombte und häufig noch Evakuierte der echten Weihnachtsfreude entbehren. Ihnen allen Arbeit und Heimat wieder zu schaffen, wird das unermüdliche Streben der Bundesregierung im kommenden Jahre sein.

In diesem nunmehr fast vollendeten Jahr 1950 ist es unserem Bemühen immerhin gelungen, über eine Million neuer Arbeitsplätze zu schaffen und durch die Errichtung von über 330.000 Wohnungen Hunderttausenden von Menschen ein menschenwürdiges Obdach und eine Heimat zu geben. Ich glaube, dass diese Tatsachen die Richtigkeit unserer Politik bestätigt haben. Es ist dem deutschen Volke immer ein besonderes Bedürfnis gewesen, am Weihnachtsfest aller jener Deutschen zu gedenken, die jenseits der Grenzen dieses, dem deutschen Volke in besonderem Maße liebgewordene Fest feiern müssen. Ich darf daher den Deutschen in aller Welt, in Ost und West und Nord und Süd, die herzlichsten Weihnachtsgrüße der deutschen Heimat übermitteln. Mit besonderem Schmerze blicken wir über eine Wand, die mitten durch deutsches Land geht. In der Sowjetzone gibt es keine Freiheit. Man versucht, deutschen Menschen die Feier des Weihnachtsfestes unmöglich zu machen und dieses Fest seines erlösenden Sinnes zu berauben. Ich bin überzeugt, dass es nicht gelingen wird. Im Gegenteil wird - des äußeren Glanzes entkleidet - die innere Kraft des christlichen Weihnachtsfestes sich nur verstärken und die Sehnsucht nach einem ungeteilten, in Freiheit und Recht lebenden und der abendländischen Kultur verbundenen Deutschland wachsen. Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben, dass diese Erwartung sich erfüllen wird, nicht durch Krieg und Gewalt, sondern durch die vorhandene Einsicht der verantwortlichen politischen Kräfte und die Respektierung eines Volkswillens, der sich nur in freien und geheimen Wahlen Ausdruck verschaffen kann.

So darf ich zum Schluss dem Wunsche Ausdruck geben, dass dieses Weihnachtsfest in uns allen den Willen zum Frieden und zur Freiheit stärke und dass es gelingen möge, allen denjenigen im kommenden Jahre zu helfen, die an diesem Weihnachtsfest in schmerzlicher Not oder in bitterem Leid um ihre Angehörigen abseits des Friedens und der Freude dieses Festes stehen. Möge der Herrgott uns hierbei helfen. Aber nur dann erfassen wir ganz die weihnachtliche Botschaft vom Frieden, wenn wir auch sorgen für den Frieden in uns selbst und den Frieden im eigenen Lande. Der Friede in uns selbst ist nur möglich, wenn wir ehrlich und gewissenhaft und immer wieder prüfen, ob wir unsere Pflichten gegen die anderen, unsere Familie, unsere Nächsten, erfüllt haben. Der Frieden im eigenen Lande ist nötig, wenn Deutschland sich mit ganzer Kraft für die Erhaltung des Friedens in der Welt einsetzen soll. Alle Parteien, die diesen Staat erhalten und festigen wollen, müssen sich immer vor Augen halten, dass in Zeiten äußerster Gefahr das ganze Volk zusammenstehen muss.

Lassen Sie mich schließen. Wir wollen selbst ein frohes Weihnachtsfest feiern, wir wollen aber auch allen Notleidenden und Bedrängten soviel weihnachtliche Freude bereiten, wie wir können.

Quelle: Konrad Adenauer: Nachdenken über die Werte. Weihnachtsansprachen. Buxheim/Allgäu o. J. (1976).