25. Dezember 1952: Weihnachtsansprache über alle deutschen Rundfunksender

Es war stille und dunkel im Stalle zu Bethlehem, als die Jungfrau gebar und das Kind in Windeln wickelte und in eine Krippe legte. Die Hirten waren noch auf den Feldern bei ihren Herden, und die Heiligen Drei Könige waren noch in weiter Ferne. Da brach der Glanz der himmlischen Heerschar und ihre Stimmen in das nächtliche Dunkel und die nächtliche Stille. Sie vertrieben das Dunkel mit ihrem himmlischen Lichte und die Stille mit ihrem himmlischen Chor: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind! - Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden - gehört das denn zusammen? Sind die Ehre Gottes und der Friede der Menschen denn so miteinander verbunden? Vereint die Geburt des Erlösers beides so eng miteinander? Soll sie uns beides versinnbildlichen? Ist denn der Friede ein so großartiges, ein so hohes Gut, dass er in dieser Christnacht durch die Geburt des Erlösers den Menschen, die guten Willens sind, geschenkt werden sollte? Es ist wohl so! Der Friede ist das höchste Gut, das Gott den Menschen geben konnte durch die Menschwerdung seines Sohnes. Frieden! Ach, wie wenig haben wir Menschen erkannt, welch ein kostbares Gut der Friede ist. Wie wenig haben wir begriffen, dass Frieden die Grundlage allen Glückes ist, dass Frieden und Ehre Gottes eng verbunden sind. Aber, was ist denn Frieden, und wie wird er uns zuteil? Liebt der den Frieden, der passiv alles hinnimmt, der sich rein passiv verhält gegenüber jeder Unterminierung, des Sichlähmens durch Furcht, durch Verlust der Freiheit, Vernichtung der Familie, Vernichtung religiösen Lebens? Liebt das Volk den Frieden, das sich durch ein anderes unterwerfen lässt? Ist Frieden nichts anderes als der Gegensatz von Krieg? Wäre dem so, dann würde Sklaverei und Kirchhofsruhe auch Frieden sein. Aber dagegen bäumt sich das Beste in unserem Innern auf. Unser inneres Gefühl sagt uns: Friede ohne Freiheit ist kein Friede! Einen solchen Kirchhofsfrieden, einen solchen Frieden der Sklaverei können die himmlischen Heerscharen nicht gemeint haben, als sie in der Heiligen Nacht den Hirten auf dem Felde die Geburt des Heilandes verkündeten. Frieden und Freiheit, Freiheit des einzelnen von Furcht und Zwang, Freiheit der Völker und der ganzen Menschheit von Ausbeutung, von Sklaverei, von Gewalt und Tod -, Frieden und Freiheit, das sind die Grundlagen jeder menschenwürdigen Existenz. Frieden in unserem Innern, Frieden in der Familie, Frieden mit dem Nächsten ist die Grundlage des Glücks für jeden Menschen. Frieden und Freiheit sind die Fundamente wahren Fortschritts. Ohne Frieden und Freiheit gibt es keinen Aufstieg der Völker, kein Glück, keine Ruhe für die Menschheit. Frieden für den einzelnen Menschen ist nicht möglich, ohne dass Frieden auch der Gemeinschaft zuteil wird, in die der einzelne eingebettet ist, deren Glied er ist, deren Geschick untrennbar und unzerreißbar mit seinem Geschick und seinem Leben verbunden ist. Frieden für den Einzelnen ist nicht möglich ohne Frieden für sein Volk.

Hat uns die Geschichte der letzten Jahrzehnte nicht gezeigt, welch kostbares Gut der Friede ist? Sind wir nicht furchtbar gestraft worden von Gott für den Bruch des Friedens, den wir begangen haben? Haben wir nicht fast alles dadurch verloren, was wir besaßen, Hab und Gut, Haus und Hof, Familie und Freiheit, Achtung und Ansehen? Haben wir nicht erfahren, dass alle Glieder eines Volkes untrennbar miteinander verbunden sind? Haben wir nicht erkannt, dass niemand sein Geschick von dem Geschick seines Volkes, seinen Frieden, seine Freiheit, sein Glück von dem Frieden und der Freiheit seines Volkes trennen kann und trennen darf?

Noch etwas haben wir erlebt und gesehen in diesen Jahren: das Böse. Das Böse ist eine gewaltige Macht. Es will nicht die Ehre Gottes, nicht Frieden und Freiheit der Menschen. Es will Gottes Ehre beschmutzen, den Menschen Frieden und Freiheit rauben. Darum müssen wir dem Bösen widerstehen. Wir müssen mit ihm ringen, um Gottes und um unserer selbst willen. Gott streckt uns seine hilfreiche Hand entgegen bei diesem Ringen mit dem Bösen, dem Bösen, das stark ist auch in unserem eigenen Innern. Ringen aber bedeutet Mühe und Opferbereitschaft.

In unseren Tagen ist Frieden und Freiheit bedroht, zutiefst gefährdet. Es ist so bedroht wie in jenen barbarischen Zeiten, die wir längst überwunden glaubten, da nur die Macht galt, die Zeiten, in denen Stämme und Völker die schwächeren mit Raub und Plünderung, mit Folter und Tod unterjochten. Jene barbarischen, jene grausamen Zeiten sind von neuem vom Osten her über Europa und uns hereingebrochen. Fragt die Polen und Ungarn, die Tschechoslowaken und alle Ostvölker, fragt die Deutschen in Mittel- und Ostdeutschland, ob dem nicht so ist! Wir dienen der Sache des Friedens, wenn wir uns alle, die guten Willens sind, zusammenschließen zum gemeinsamen Schutz. Wie kleinlich, wie unwürdig, wie bar jeder inneren Größe erscheint gegenüber einer solchen furchtbaren Gefahr, erscheint bei einem solchen Ringen um Frieden und Freiheit Feigheit, parteipolitisches Gehabe! Wie unwürdig ist es, wenn zur Unterstützung eines solchen Handelns, das bar jeder Größe ist, noch das Recht missbraucht wird, dessen erhabene und große Aufgabe es ist, Frieden und Freiheit zu schützen und zu wahren! Der Ruf der Engel lautet nicht „Friede den Menschen", er lautete: „Friede den Menschen, die guten Willens sind!" Den Willen der Menschen, ihren guten Willen, haben in jener Heiligen Nacht die Engel angerufen. Damit haben sie gesagt, dass es auf uns ankommt, wenn die Erlösung uns Frieden bringen soll, auf unser Wollen, auf unseren Willen zum Guten. Wir müssen mitwirken, entschlossen mitwirken, dass uns die Frucht der Menschwerdung und Erlösung zuteil werde, die Frucht der Erlösung, Frieden in unserem Innern, Frieden nach außen. Der Ruf der Engel sagt, dass die Frucht der Erlösung für uns bereit ist, aber dass wir sie wollen müssen. Haben wir Willen, sind wir guten Willens? Wollen schließt in sich Bereitsein zum Handeln. Wer ernsthaft will, muss auch bereit sein, zu handeln und Opfer zu bringen. Jene, die nur reden und kritisieren, aber nicht bereit sind zu handeln, haben keinen Willen. Zagen und zaudern, nur das Negative sehen und nicht das Positive sehen, heißt nicht wollen.

Jetzt sind es zwanzig Jahre her, da das deutsche Volk in die unheilvollste Periode seiner Geschichte eintrat. Weihnachten 1932 fühlte man das Heraufziehen einer unheilvollen Zeit, auch wenn sich damals die dunkle Zukunft noch hinter einem Schleier verbarg. Aber wer tiefer fühlte, spürte schon Weihnachten 1932 das Heraufziehen des Sturmes. Jetzt ist Weihnachten 1952 und wiederum steht die Welt, steht vor allem Deutschland vor einer Entscheidung. Soll es entschlossen und dem Guten vertrauend eintreten in den Bund zum Schutze des Friedens, dessen Tore sich ihm geöffnet haben, oder soll es zögernd und zaudernd, voll ewiger Unzufriedenheit, ohne innere Größe und Kraft in Untätigkeit und Passivität verharren? Das Jahr 1953 wird die Entscheidung bringen. Wählen wir den Weg, der zum Lichte, zum Frieden führt, oder wählen wir den Weg in das Dunkel einer friedlosen Zukunft? Denken wir an die Verheißung der Engel auf den Fluren von Bethlehem: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen, die guten Willens sind!

Ich weiß, dass ich ernst gesprochen habe, heute am Weihnachtsfeste, aber ich musste es tun, weil wir doch unserem Volke, unseren Kindern und Kindeskindern ein deutsches, ein christliches Weihnachtsfest erhalten wollen. Ich musste ernst sprechen um des Friedens willen, des Friedens für ganz Deutschland, für Europa und die Welt. Weihnachten ist das Fest der Liebe, aber auch Liebe kennt Ernst, wenn es Not tut. Die Botschaft der himmlischen Heerscharen in Bethlehem ist eine frohe Botschaft, aber sie enthält auch die ernste Mahnung, guten Willens zu sein.

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind!

Quelle: Konrad Adenauer: Glauben an den Sieg des Lichtes (Weihnachtsansprachen 1949-1958). Buxheim/Allgäu o. J., S. 43-50).