25. Dezember 1953: Weihnachtsansprache über alle deutschen Rundfunksender

Im Advent flehen die Völker, dass die Himmel den Gerechten herabtauen lassen auf die Erde, dass die Wolken ihn herabregnen, und in der Weihnachtsliturgie heißt es: „Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker."

Gibt es treffendere Worte, um unsere Zeitperiode zu kennzeichnen? Rufen wir nicht nach dem Gerechten? Bedeckt nicht Finsternis die Erde und Dunkel die Völker? Wie kam es, dass wir nach dem Gerechten und der Gerechtigkeit rufen müssen? Wie kam es, dass Dunkel die Völker bedeckt? Ist es nicht unsre, der Menschen Schuld? Haben wir begriffen, warum die Gerechtigkeit nicht mehr auf Erden herrscht? Warum Finsternis hereingebrochen ist? Haben wir alle überhaupt verstanden, dass wir in einer Zeitwende leben? Haben wir alle begriffen, dass für lange, lange Zeit das Schicksal der Menschheit davon abhängt, ob und wie wir, die jetzt Lebenden, die Prüfung, die über uns alle gekommen ist, bestehen? Auf unsere Schulter, auf die Schultern der jetzt Lebenden, ist eine ungeheure Verantwortung gelegt, die Verantwortung für viele kommende Geschlechter. Wir, die jetzt Lebenden, werden die Verantwortung dafür tragen, ob das zum Kehricht geworfen wird als nutzloser Plunder, was wir von unseren Vätern ererbt haben: Gerechtigkeit, Güte, Barmherzigkeit, Lauterkeit, Seelenfrieden, Nächstenliebe, Frömmigkeit, Freiheit und Frieden.

Ich weiß nicht, ob wir uns bewusst sind, auf welch schmalem Grat wir wandern, welche Tiefen sich zu beiden Seiten unseres Weges auftun, welch höllische Abgründe uns verschlingen werden, wenn wir straucheln und fallen. Wer die Augen schließt, sieht nicht die Finsternis, die um ihn herrscht. Wer die Augen schließt, sieht nicht den Abgrund. Er sieht nicht die Schmalheit seines Pfades, nicht die Gefahren, in denen er wandelt. Wer die Augen schließt, sieht auch nicht das Licht, das ihm von weitem winkt.

Wer die Augen öffnet, sieht die Gefahren, er sieht, wohin er seine Füße setzen, welchen Weg er gehen muss, um zum Licht zu kommen. Frieden und Freiheit sind das Licht. Knechtschaft und Sklaverei sind die Finsternis. Kaum je zuvor tobte in unserem Vaterlande so der Kampf zwischen Licht und Finsternis, zwischen Freiheit und Sklaverei, wie in unseren Tagen. Dieser Kampf, der in vergangenen Zeiten in der Brust des einzelnen Menschen sich abspielte, ist ein Kampf geworden zwischen den Völkern. Das deutsche Volk steht unter denen, die für das Licht, für Frieden und für Freiheit kämpfen.

Die spätere Geschichtsschreibung wird uns bezeugen, dass das deutsche Volk am 6. September ein Bekenntnis zur Freiheit abgelegt hat, wie es niemand in der Weit noch vor einem Dezennium von ihm erwartet hätte. Der Geschichtsschreiber wird mit goldenen Buchstaben den 19. März 1953 in der Geschichte des deutschen Volkes verzeichnen, den Tag, an dem der Bundestag durch die Genehmigung des großen Vertragswerks zur Schaffung eines neuen, eines dem friedlichen Fortschritt zugewandten Europa sich bekannt hat.

Vielleicht denkt mancher meiner Zuhörer, man sollte am Weihnachtsfeste nicht von politischen Dingen sprechen. Wenn wir in ruhigen, gesicherten Zeiten lebten, so hätte er Recht. Wie gerne würde ich an einem solchen Festtage schweigen von politischen Dingen. Aber darf ich das? Es handelt sich ja bei dem Kampf, den wir zu führen haben, von dem ich spreche, gerade um die Bewahrung der Wahrheiten, deren Gedächtnis wir heute feiern, um die Grundlagen unseres christlichen Seins, um das geistige Fundament, auf dem wir stehen, um den Boden, in den hinein unser deutsches Volk seine Wurzeln tief versenkt hat. An dem Fest, an dem wir die Ankunft des Friedensfürsten auf dieser Erde feiern, an dem wir des Sieges des Lichts über die Finsternis gedenken, an dem Fest, das uns erinnert an die Worte der himmlischen Heerscharen: „Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind", müssen wir daran denken, was Frieden, Licht und Freiheit ist, müssen wir die Augen öffnen und erkennen, dass es heute unsre Aufgabe ist, nicht nur schöne Kindheitserinnerungen zu pflegen, sondern dass wir uns geloben müssen, unsere Pflicht zu erfüllen im Kampf zwischen Licht und Finsternis. Erst diese Erkenntnis gibt unserer Festesfreude auch die wahre Berechtigung und die innere Tiefe.

Ich weiß, dass nicht in jedes Haus, nicht in jede Familie unbeschwerte Festesfreude ihren Einzug gehalten hat. Noch gibt es viele, vielleicht sogar allzu viele, die unverschuldet in der Not leben und denen der Gabentisch von liebender Hand nur bescheiden bereitet werden konnte. Und ich bin mir - das sage ich jetzt als Kanzler - in diesem Augenblick schmerzlich unseres Unvermögens bewusst, überall dort helfend einzugreifen, wo es notwendig war und wie es meinem persönlichen Wunsch und dem meiner Mitarbeiter in der Regierung entsprochen hätte.

Ein besonderes Wort möchte ich noch an unsere deutschen Brüder und Schwestern in der Sowjetzone richten. Seien Sie davon überzeugt, dass wir alle uns unserer Pflichten und Verantwortung gegenüber dem gesamtdeutschen Schicksal zutiefst bewusst sind. An Sie, meine lieben Landsleute in der Sowjetzone, richte ich in dieser besinnlichen Stunde die herzliche Bitte, sich im Glauben an die erlösende Kraft wahrhaften Friedenswillens durch nichts wankend machen zu lassen. Auch nicht durch Beschwörungen falscher Propheten, die zurzeit Ihre Gemüter zu verwirren versuchen. Sie schöpfen nicht aus den ewig reinen unversiegbaren Quellen echter Humanität, deren Geburtsfest die christliche Menschheit heute frohbewegt begeht, sondern sie beziehen ihre Impulse aus den Bezirken der Gewalt und Machtanbetung, die noch stets identisch war mit der Unterdrückung der Freiheit, dieser Voraussetzung friedlichen Nebeneinanderlebens der Menschen. Friede auf Erde den Menschen, die guten Willens sind! Nun, das deutsche Volk ist bereit, von sich aus mit allen seinen Kräften zur Verwirklichung der Weihnachtsbotschaft beizutragen. Es ist dazu bereit, um seiner selbst und der Welt willen, die sich gleich ihm nach Frieden sehnt und aus dem Zustand der Angst und der Sorge, beides geboren aus der Bedrohung, heraus möchte.

Das deutsche Volk erwartet allerdings auch, dass man bereit ist, seine innere Befriedung durch Beweis hochherziger Menschlichkeit zu fördern, wobei ich an die Freilassung der noch zurückgehaltenen Kriegsgefangenen und der noch in Haft befindlichen Kriegsverurteilten denke. Gerade diese Fragen verursachen in diesen Tagen in vielen deutschen Familien erneut blutende Herzen und drohen, sie gegenüber der christlichen Botschaft zu verhärten. Umso zuversichtlicher hoffe ich, dass menschliches Verständnis und staatsmännische Einsicht auch dieses tragische Problem bald einer befriedigenden und damit befriedenden Lösung zuführen werden.

Alle meinen Hörern wünsche ich von ganzem Herzen ein gnadenreiches und frohes Weihnachtsfest. „Finsternis weichet, es strahlet hienieden, lieblich und prächtig vom Himmel ein Licht. Engel erscheinen, verkünden den Frieden, Frieden den Menschen, wer freuet sich nicht?"

Quelle: Konrad Adenauer: Glauben an den Sieg des Lichtes (Weihnachtsansprachen 1949-1958). Buxheim/Allgäu o. J., S. 53-61.