25. Dezember 1953: Weihnachtsansprache über die "Deutsche Welle" an die Deutschen im Ausland

Zum ersten Male nach dem schrecklichen Kriege ist die deutsche Heimat mit ihren Brüdern und Schwestern draußen in Übersee, in Nord- und in Südamerika, in Afrika, im Nahen und Fernen Osten, in Australien, Neuseeland - und wo immer es sei - durch den Rundfunk zur Feier des Weihnachtsfestes vereint. Die "Deutsche Welle" trägt Ihnen die Klänge vieler Glocken deutscher Dome und Kirchen, die alten, lieben Weihnachtslieder, die Predigten deutscher Geistlicher und die Ansprachen zahlreicher Persönlichkeiten des deutschen öffentlichen Lebens in Ihr Heim und verbindet Sie mit der deutschen Heimat. Viele sind nach dem unseligen Kriege hinausgewandert, weil ihnen die Heimat keine Lebensmöglichkeiten zu bieten schien. Wieder andere trieb die Not oder auch die Lust am Abenteuer hinaus in die Welt.

Viele von Ihnen haben die Not der Heimat in den ersten Nachkriegsjahren am eigenen Leibe verspürt, ehe sie auswanderten, manche hörten von dieser Not durch die Zeitungen und die Berichte der Rundfunkstationen oder aus Briefen von Angehörigen und Bekannten. Alle aber haben Anteil genommen am Schicksal ihres Vaterlandes und mit ihnen nahmen Anteil die vielen Freunde, die sie in der Welt für sich und das deutsche Volk gewannen. Millionen und aber Millionen von Paketen kamen von unseren deutschen Landsleuten und ihren ausländischen Freunden in den Hungerjahren hier an und halfen die ärgste Not zu lindern. Aber auch die Völker, die unsere Landsleute gastlich aufnahmen, beteiligten sich an dieser Hilfe für das darniederliegende Deutschland und Europa. Unser Dank dafür ist mit Worten nicht auszudrücken.

Wie schwer war es doch, in den ersten Nachkriegsjahren sich zu diesem Deutschland zu bekennen, wie mancher von Ihnen mußte persönlich die Folgen der Katastrophe mittragen, die eine irregeleitete Politik über Deutschland und die Welt brachte. Als die deutsche Bundesregierung mit der schweren Arbeit begann, Deutschland äußerlich und vor allem innerlich wieder aufzubauen, da schauten nicht nur Millionen Deutsche im Vaterland, sondern auch Millionen Auslandsdeutsche zu uns her mit der bangen Frage, ob dieses fast übermenschliche Werk auch gelingen werde. Auch für die Auslandsdeutschen war es eine Lebensfrage, ob Deutschland wieder in den Kreis der geachteten Nationen einer freien und friedliebenden Welt zurückkehren könne, und ob man den deutschen Namen in der Welt wieder mit Stolz und Achtung tragen und damit aus einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Isolierung befreit werden könne.

Ich glaube, meine lieben Freunde, diese bange Frage kann heute im wesentlichen als gelöst betrachtet werden; das deutsche Volk hat hart gearbeitet, die Bundesregierung hat ihr Bestes getan, um dem deutschen Namen Achtung und Geltung in der Welt zurückzugewinnen. Unsere Künstler und Wissenschaftler wirken wieder mit am Wohlergehen der Völker. Unsere Wirtschaft hat den Erzeugnissen des deutschen Gewerbefleißes wieder Geltung in der Welt verschafft.

Wenn ich heute als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland in dieser ersten gemeinsamen Weihnachtsfeier der Deutschen in der Heimat und in Übersee zu Ihnen spreche, so darf ich das tun mit einem Wort des Dankes an alle, die uns halfen, mit einem Wort der Anerkennung an alle, die uns die schwere Arbeit mittun halfen, und mit einem bescheidenen Wort des Stolzes auf das, was unser Volk geleistet hat. Und Sie alle, meine Freunde in Übersee, dürfen an diesem Dank, an dieser Anerkennung und an diesem Stolz teilhaben, denn Sie alle sind, ob in Nord- oder Südamerika, ob irgendwo in der Welt mit uns, mit dem deutschen Volke, das sich aus tiefster Not in ehrlicher Arbeit und beharrlichem Mühen wieder emporarbeitete, verbunden.

Diese Arbeit, meine Freunde, sei sie kulturell, politisch oder wirtschaftlich, dient dem Frieden Europas, dient dem Frieden der Welt. Das deutsche Volk hat die Wunden, die ihm zwei Kriege schlugen, und die Lehren, die es daraus empfing, nicht vergessen. Wenn es ein Volk auf der Welt gibt, das aus tiefster Überzeugung den Frieden wünscht und alle seine Kraft an die Erhaltung des Friedens setzt, dann ist es das deutsche Volk. Wir Deutsche hier in dem Spannungsfeld zwischen Ost und West wünschen und können nichts sehnlicher wünschen als den Frieden. Aber kein Friede der Unfreiheit ist es, den wir erstreben. Wir wollen, und als großes Volk haben wir das Recht, das zu wollen, einen Frieden in Freiheit für alle Völker, vor allem auch für unser eigenes Volk.

In diesem gemeinsamen Wunsch nach Frieden und Freiheit grüße ich Sie im Namen der Bundesregierung und des ganzen deutschen Volkes und wünsche Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 248 vom 30. Dezember 1953, S. 2065.