25. Dezember 1954: Weihnachtsansprache über alle deutschen Rundfunksender

Wenn wir in diesem Jahre zur Krippe treten, dann wollen wir es dankerfüllten Herzens tun. Wir wollen vor allem Gott danken dafür, dass er unserem Lande den Frieden erhalten hat. Ein schweres, ein sorgenvolles Jahr geht in den nächsten Tagen zu Ende, aber wir können in Frieden Weihnachten feiern, in Frieden dem Jahre 1955 entgegensehen. Unsere Festesfreude will ich nicht zu sehr belasten mit den Erinnerungen an die gefahrvollen Tage des Jahres 1954, aber ich meine, man sollte doch daran denken, auch heute, denn der Mensch soll bewusst leben, er soll sich Rechenschaft ablegen über die Höhen und die Tiefen des Weges, den er wandert. Nur wenn er das tut, weiß er die Güter zu würdigen, die ihm geschenkt wurden, nur dann auch wird er sich klar über seine Verantwortung, seine Pflichten, seine Aufgaben. Nur dann auch gewinnt er den Mut, die Kraft und die Zuversicht, die Aufgaben, die unsere gefahrvolle verwirrte Zeit ihm stellt, zu erfüllen.

„Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind." Es ist ein sehr tiefes Wort, das die himmlischen Heerscharen an die Menschen, auch an uns, in jener geweihten Nacht gerichtet haben: Friede den Menschen. Doch Gottdank ist ja das schlimmste, wie ich sagte, verhütet, ist der äußere Frieden bewahrt worden. Aber ich glaube, die Engel haben nicht nur an diesen Frieden, sie haben auch an den inneren Frieden gedacht bei ihrer Verheißung. Ohne den inneren Frieden werden wir niemals glücklich werden auf Erden, werden wir niemals die Zufriedenheit gewinnen, die die Grundlage des Glückes auf Erden ist. Vielleicht ist es gut, wenn wir einmal darüber nachdenken, wie sprachlich dicht beieinander stehen und wie eng verwandt sind die Worte: Frieden und Zufriedenheit. Unsere Zeit ist eine gefährliche Zeit, gefährlich für den Frieden, gefährlich für die Zufriedenheit. Erscheint nicht Zufriedenheit vielen als Gegnerin des Fortschritts, und ist nicht für viele noch immer der Fortschritt der Götze, den sie anbeten? Und doch ist das eine Auffassung, die den Menschen niemals zur Freude kommen lässt, die ihn dazu verführt, das Erreichte gering zu erachten, die ihn immer weiter treibt, bis er schließlich am Ende seiner Tage erkennen muss, dass sein Leben schöner und froher gewesen wäre, wenn er sich dessen gefreut hätte, was er besessen hat. Es ist nicht nötig, immer wieder der Abwechslung, der Zerstreuung, dem Vergnügen nachzustreben. Ich weiß nicht, ob das glücklich, ob das zufrieden macht. Ich habe viele Menschen kennen gelernt in den Höhen und Tiefen, durch die mein Lebensweg mich geführt hat. Die Erfolgreichen waren nicht immer die Glücklichen, diejenigen, die dem Gewinn, dem Genuss, dem Geld, der Macht nachjagten, waren sicher nicht die Glücklichsten, auch wenn sie Genuss und Geld und Macht erlangten. Aber wir stehen an der Krippe am Christbaum mit seinen leuchtenden Kerzen, wir sehen die strahlenden Augen der Kinder, die frohen Gesichter der Erwachsenen. Es ist unser Fest, das Fest der deutschen Familie, das wir begehen. Wir wollen es feiern voll Freude, voll Dank. Wir wollen es feiern, indem wir auch anderen eine Freude machen, die nicht zur engeren Familie gehören. Wir wollen es auch innerlich feiern, indem wir daran denken, dass das Weihnachtsfest den Menschen, allen Menschen den Erlöser brachte. Wir wollen daran denken, was die Worte der Heiligen Schrift über die Geburt unseres Herrn in sich schließen, welch frohe Botschaft, welch tiefe, welch glückliche Verheißung für alle Menschen! Wir wollen derer gedenken, die in Unfreiheit und Gewissensnot dahinleben müssen, vor allem wollen wir dabei auch gedenken unserer deutschen Brüder und Schwestern, die nun schon neun Jahre dieses harte Los ertragen müssen.

Der Dank gegenüber dem Kinde, das in jener dunklen Nacht gekommen und die auf der Erde lastende Dunkelheit mit seinem Glanz, mit seiner Herrlichkeit erhellt hat, das Kind, das bereit ist, auch in unseren Tagen der Menschheit Frieden, Freude und Glück zu bringen, soll unsere Herzen erfüllen und unsere Herzen weiten. Die frohe Botschaft, die Gott uns durch Christus gesandt hat, wollen wir in unseren Herzen aufnehmen, damit sie erfüllt werden mit Zufriedenheit, mit Frieden und Freude!

Quelle: Konrad Adenauer: Nachdenken über die Werte. Weihnachtsansprachen. Buxheim/Allgäu o. J. (1976).