25. Dezember 1955: Weihnachtsansprache über alle deutschen Rundfunksender

Der Heilige Abend ist schon vorgeschritten, die Heilige Nacht hat begonnen. Bald werden die Glocken erschallen, die zur Christmette rufen. Diese Stunden sollen Stunden der Besinnung und der inneren Einkehr sein. Das Fest der Geburt des Erlösers - durch alle Jahrhunderte hindurch ist es uns Deutschen das liebste Fest, das Fest, das alle tief berührt: Jugend und Alter, Männer und Frauen. Wo irgendwo in der Welt ein Deutscher am Heiligen Abend sich befindet - seine Gedanken finden zurück zur Heimat, zur Kindheit, zu den vielleicht schon lange dahingegangenen Eltern und Geschwistern. Dies Fest weckt Empfindungen, rührt an Werte, an Gefühle, die von der Hast und dem Gewühl unserer Tage verschüttet und getötet zu sein scheinen. Aber sie sind nicht tot, sie sind nur überdeckt von dem Zwang, für die Seinen, für sich selbst zu arbeiten. Überdeckt auch von der Rastlosigkeit und der Genusssucht unserer Zeit. Wenn Weihnachten naht, wenn der Heilige Abend hereinbricht, dann werden diese Empfindungen, diese Werte, in uns allen wieder lebendig.

Das Übertriebene, das Übersteigerte unserer Zeit hat zwar die äußere Form unseres Weihnachtsfestes auch angetastet. Mit Bedauern sieht man die übertriebene Lichterflut in den Straßen und Läden, die unseren Kindern und auch uns Erwachsenen ein Gutteil der Freude an dem Lichterglanz des Heiligen Abends vorwegnimmt.

Mit Bedauern auch sieht man vielfach das Übermaß des Schenkens, das die Freude an den aus dem persönlichen Empfinden heraus ausgesuchten Gaben fast erdrückt. Aber dennoch: tief im Grunde bleibt spürbar der Wille, den Heiligen Abend, das Weihnachtsfest zu feiern und möglichst vielen, vor allem seinen Kindern und Kindeskindern eine Freude zu machen. Diesen wahren und echten Kern des Weihnachtsfestes wollen wir uns bewahren; aus Dankbarkeit dafür, dass der Menschheit, dass uns allen der Gottmensch geboren wurde, wollen wir Freude bereiten, nicht nur denen, die uns nahe stehen, sondern allen denen, die einsam und verlassen sind.

Alles Leben auf dieser Welt ist voll von Unruhe - das ist ein Geheimnis, dessen Grund wir niemals ganz verstehen werden. Wir müssen uns mit ihm abfinden. Es ist auch ein Geheimnis, dass gerade wir Menschen die schreckliche Neigung haben, uns von dieser Unruhe beherrschen zu lassen. Unsere Aufgabe ist es, und Gott hat uns die Kraft dazu gegeben, diese Unruhe einzudämmen, damit sie nicht Herrin des Geschehens werde. Unsere Aufgabe ist es, uns nicht von ihr treiben zu lassen, sondern ihrer Herr zu werden, sie zu beherrschen und die in ihr verborgene Kraft zum Guten zu wenden. Das ist oft sehr schwer, aber Gott hat uns diese Aufgabe gestellt, und er hat uns die Kraft gegeben, sie zu lösen. Wir leben in einer Periode der zur Gefahr für alle gestalteten Unruhe in der Welt. Diese Periode begann vor 50 Jahren - ihr Ende ist noch nicht abzusehen. Sie ist erfüllt von furchtbaren Kriegen, die namenloses Elend über Millionen von Menschen brachten und die an den Grundfesten unserer sittlichen Werte rüttelten.

Diese Periode der Unruhe ist auch gekennzeichnet durch unerhörte Fortschritte der Technik, die sich zum Segen, aber auch zum Fluch der Menschheit auswirken können. Ich möchte zu dieser Stunde nicht weiter sprechen über das Grauen und die Gefahren dieser Periode, aber allen, die in diesen Tagen den Willen und die Kraft haben, nachzudenken, möchte ich zurufen: Ungeheuer sind die Gefahren, die den Menschen, die insbesondere uns Deutschen und unserer Heimat noch drohen. Wir brauchen viel Kraft, viel Geduld, viel Glauben an den Sieg des Lichtes, um die Gefahr zu bestehen.

Gilt das, was ich da sagte, für alle, gleich, wo sie das Leben hingestellt hat? Mit Überzeugung sage ich: Ja, es gilt für alle! Uns allen ist diese Aufgabe gemeinsam gestellt! Weihnachten ist das Fest der Familie. Auch an ihr rütteln die Stürme unserer Zeit. Wenn die Bande der Familie sich lockern, wenn die Eltern nicht mehr ihre Pflichten gegenüber den Kindern, wenn die Kinder nicht mehr ihre Pflichten gegenüber den Eltern erkennen, wenn die Liebe in der Familie schwindet, die Sorge füreinander, die Ehrfurcht, dann hat der Sturm unserer Zeit ein weites Loch in den Damm gerissen, der Frieden, Freiheit, Gottesglauben vor den Meeresfluten schützt, die der Sturm der Unruhe aufgewühlt hat.

Ich meine, gerade am Weihnachtsfest wollen wir alle uns wieder einmal dessen bewusst werden, was die Familie, was ein gutes Familienleben für das Glück und das Leben eines jeden Einzelnen und damit für das Leben der Gesamtheit bedeutet.

Die Kriegszeit und die Nachkriegszeit haben so viele Familienbande geschwächt und gelockert. Wir wollen sie wieder fester knüpfen. Unseren Kindern gaben wir heute Geschenke, so gut wir können - wir wollen ihnen eine Freude machen. Aber wir wollen uns heute auch fest vornehmen, die Pflicht der Erziehung, die wir gegenüber unseren Kindern haben, während des ganzen Jahres hindurch so gut zu erfüllen, wie wir vermögen. Damit machen wir unseren Kindern das beste Geschenk, das wir ihnen geben können.

Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker! Dies Wort der Heiligen Schrift gilt für unsere Zeit. Aber es gilt auch das tröstliche Wort: Das Licht leuchtet in der Finsternis! Unsern Brüdern und Schwestern, auf denen noch immer die Nacht der Unfreiheit lastet, rufe ich dies Wort besonders zu. Einen sehr herzlichen Weihnachtsgruß richte ich an die aus Russland Zurückgekehrten. Ich wünsche ihnen und ihren Familien ein recht gesegnetes und frohes Weihnachtsfest! Nun ist es fast Mitternacht, die Glocken rufen zur Christmette, und an vielen Orten erschallen unsere alten Weihnachtslieder von den Kirchtürmen. Ehre sei Gott in der Höhe, und Frieden den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!

Quelle: Konrad Adenauer: Nachdenken über die Werte. Weihnachtsansprachen. Buxheim/Allgäu o. J. (1976).