25. Dezember 1955: Weihnachtsansprache über die „Deutsche Welle" an die Deutschen im Ausland

Liebe Landsleute in aller Welt!

Wenn der Heilige Abend sich niedersenkt und in allen deutschen Heimen die Lichter des Christbaumes angezündet werden, dann danken wir zunächst Gott dafür, dass Er uns wieder ein Jahr des Friedens geschenkt hat.

Als ich vor einem Jahre zu Ihnen, meine deutschen Landsleute im Auslande, sprach, gab es einige Hoffnungen, das Jahr 1955 werde uns einem echten Weltfrieden ein Stück näherbringen. Entscheidende Konferenzen standen uns damals bevor, die das Thema Frieden in der Welt als Leitgedanken haben sollten. Wir hörten auch aus dem Munde der Politiker im Osten Worte, die jenen guten Willen anzudeuten schienen, der Voraussetzung für einen echten Frieden ist.

Leider ist es nur bei diesen Worten geblieben. Die Konferenzen mussten deshalb ohne Erfolg bleiben; die internationale Lage ist am Weihnachtsfeste 1955 nicht weniger dunkel als vor einem Jahre. Ich will damit nicht sagen, dass ich ernsthafte Störungen des Friedens im größeren Umfange befürchte, die deutliche Verhärtung der Beziehungen zwischen den Völkern braucht nicht notwendig schlechte Folgen zu haben, sie kann auch zum Gegenteil, dem Guten führen; aber eins ist doch sicher: wir müssen viel Geduld haben und viel Standhaftigkeit.

Aber wir wollen am Heiligen Abend nicht nur dunkel sehen. In unsere deutsche Weihnacht strahlt eine echte menschliche Freude. Bei meinem Besuch in Moskau wurde mir die Freilassung der noch in russischer Gefangenschaft lebenden Deutschen versprochen. Teilweise ist dieses Versprechen inzwischen erfüllt worden. Mehr als zehntausend Deutsche können endlich - zehn Jahre nach dem Kriege - das Weihnachtsfest unter dem heimatlichen Lichterbaum feiern. Die Rückkehr dieser vielen deutschen Männer und Frauen - jawohl, auch Frauen waren unter den Gefangenen - zu ihren Familien ist eine Weihnachtsfreude nicht allein für die Betroffenen selbst, sondern für das ganze deutsche Volk. Und wir haben mit viel Freude vernommen, einen welch großen Anteil auch Sie, meine deutschen Landsleute im Auslande, an diesem für uns alle erhebenden Ereignis genommen haben und noch nehmen.

In diesen Weihnachtstagen kommen noch Transporte deutscher Kriegsgefangener aus der Sowjet-Union an. Ihr Schicksal ist vielleicht die stärkste Mahnung, die an uns ergeht, alles zu tun, um einen wahren Frieden herbeizuführen. Diese späten Rückkehrer erinnern uns mit aller Härte auch an die unselige Teilung unseres Vaterlandes. Noch immer aber sind jene 18 Millionen Deutsche hinter dem Eisernen Vorhang nicht von den unsichtbaren Ketten befreit, die sie seit zehn Jahren drücken. Sie sind nach wie vor Gefangene, sie haben keine Freiheit, sie leben in Unfreiheit und Furcht.

Ich kann daher, meine lieben Landsleute, auch an diesem Weihnachtstage erneut nichts anderes tun, als vor aller Welt die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes in Frieden und Freiheit zu fordern. Es kann keinen wahren und echten Frieden geben, wenn 18 Millionen Deutsche ohne Recht und ohne Freiheit leben müssen.

Wir, meine lieben Landsleute in aller Welt, finden uns heute zusammen zum Fest des Friedens, zum deutschen Weihnachtsfest, Sie draußen, wo immer es auch sei in fernen Landen, und wir hier in Deutschland, hier in der Heimat. Wir wollen das Fest feiern in einem Gefühl echter Verbundenheit miteinander. In dieser herzlichen Verbundenheit wünsche ich Ihnen im Namen der Bundesregierung und im Namen des ganzen deutschen Volkes ein recht frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

Quelle: StBKAH I/02.13. Maschinenschriftliches Redemanuskript.