25. Dezember 1956: Weihnachtsansprache über alle deutschen Rundfunksender

Weihnachten, die stillen Tage bis zum Anbruch des Neuen Jahres. Ob dieses Fest, ob diese Tage vielen von uns die Besinnlichkeit bringen, die uns so bitter Not tut? Für uns alle, auch diejenigen, die ganz in dem Getriebe unseres heutigen Lebens stehen, in seinen Geschäften, seinen Vergnügungen, seinem Jagen und Treiben sollte diese Zeit um Weihnachten im Innern eine Stimme wecken, auf die wir hören sollen.

Diese Stimme kommt vielleicht von weit her, aus einer Vergangenheit, die nicht so sehr nach der Zahl der Jahre, wohl aber wegen des Geschehens in diesen Jahren so weit zurückliegt. Sie mahnt uns an vieles, das wir fast vergessen haben. Wir sollten aber nicht alles vergessen, was einstmals in uns lebendig war.

Das Morgen baut sich auf dem Heute auf, das ist wahr; aber das Heute und das Morgen ruhen auf dem Gestern. Diese Wahrheit kann nichts in der Welt beseitigen. Wir alle sollten uns einmal auf uns selbst besinnen, auch auf das, was in der Vergangenheit liegt. Und wir sollten uns so selbst Rechenschaft ablegen über unsere innere Entwicklung. Nur der führt ein bewusstes Leben, ein des Menschen würdiges Leben, der sich so seiner selbst bewusst wird. Wenn man das nicht tut, gibt man sein Selbst, seine Persönlichkeit auf. Dann ist man ein bald hierhin, bald dorthin getriebenes, vielleicht ein vom Winde verwehtes Blatt. Unsere Zeit enthält sicher Gutes und Schönes, ehrliches Mühen und ehrliche Arbeit. Aber eines ist bei uns, wie mir scheint, selten geworden, eines, ohne das der Mensch nicht lebt, wenn Leben mehr sein soll als schlecht und recht die Tage dahinbringen. Geschwunden ist uns etwas, was in der Vergangenheit die meisten Menschen besaßen, die innere Ordnung. Daran dachte ich, als ich von der Bedeutung und den Werten der Vergangenheit sprach. Hören Sie, bitte, gut zu, meine lieben Freunde, und verstehen Sie, was ich meine: Wenn die innere Ordnung fehlt, fehlt die innere Kraft, fehlt die Gelassenheit, fehlt die Ruhe, die Zufriedenheit.

Ich bin der Letzte, der nur der Vergangenheit lebt, der in ihr alles Gute sieht. Der Mensch muss weiter streben, ständig und unermüdlich. Von früher Jugend an hat mir mein Vater das eingeprägt. Auch heute sollen die Eltern das ihren Kindern sagen. Aber der Mensch muss auch die Gefahren seiner Zeit sehen, der Zeit, in die er nun einmal hineingestellt ist, und er muss aus der Vergangenheit mitnehmen das, was gut war. Und zu dem Guten der Vergangenheit gehörte auch, dass viele, vielleicht die meisten Menschen eine innere Ordnung sich erworben hatten, die ihnen die Festigkeit, die Beharrlichkeit, das innere Gewicht gab, das sie befähigte, auch in einer verwirrenden, unsicheren Zeit ihr inneres Selbst zu wahren.

Sie fragen sich, was ich wohl unter dieser inneren Ordnung verstehe? Ich will versuchen, das mit einem Satze zu beantworten. Innere Ordnung hat der, der zwischen Gut und Böse unterscheidet und der fest entschlossen ist, immer dem Guten treu zu bleiben. Diese innere Ordnung muss man sich selbst erwerben. Es bedarf dazu vieler Arbeit an sich selbst und vielen Widerstands gegen nicht gute Einflüsse, die aus dem eigenen Innern und von außen kommen. Wenn wir diese innere Ordnung nicht haben, hilft uns weder Erwerb noch Genuss, noch äußerer Erfolg, um zu einem inneren Gleichgewicht zu kommen und damit zu dem höchsten Glück, das uns dieses Leben gewähren kann. Warum es mich drängt, gerade heute Ihnen das zu sagen, am Weihnachtsfest, am Feste der Hoffnung, der Freude, jetzt, da wir einem neuen Jahre entgegensehen? Ich spreche gerade in diesen Tagen so zu Ihnen, meine Freunde, weil diese Tage die einzigen geworden sind, an denen wir vielleicht noch zu uns selbst, zur Besinnung auf uns selbst kommen. Es ist auch eine Zeit jetzt, in der das Herz geöffnet ist. Es sind Tage, in denen wir aufgeschlossener sind für geistige und seelische Regungen als sonst. Lassen Sie mich, meine Zuhörer und Zuhörerinnen, noch einige andere Worte hinzufügen. Viele werden diese Tage begehen in Krankheit, in Sorgen, in Not und Dürftigkeit. Jeder von uns, der es kann, sollte wenigstens einem einzigen Mitbruder eine Freude machen. Ich glaube, das kann fast jeder, wenn er sich der Mühe unterzieht, einmal darüber nachzudenken. Den Millionen Rentenbeziehern hätte ich so gerne heute die Freude gemacht zu sagen: Die Gesetze, die ihnen ein besseres Leben, als sie es bisher hatten, geben sollten, sind nun in Kraft getreten. Wir sind noch nicht ganz so weit, weil der zu ordnende Stoff sich als noch komplizierter erwiesen hat, als man annahm. Aber zu meiner großen Freude und Genugtuung kann ich sagen, dass am 21. Dezember die Beratungen der Gesetze im Ausschuss des Bundestages abgeschlossen worden sind, so dass sie im Januar 1957 im Plenum des Bundestages verabschiedet werden.

Die Zerreißung unseres Vaterlandes kommt uns am Weihnachtsfest besonders schmerzlich zum Bewusstsein. Zwar brennen am Eisernen Vorhang in diesen Tagen Hunderte von Christbäumen zur gemeinsamen Weihnacht. Sie grüßen in die Zone hinüber, wo die Menschen nur einen trüben Glanz des weihnachtlichen Lichtes kennen. Ein Strom von Päckchen und Paketen ist in den letzten Wochen in den unfreien Teil Deutschlands geflossen. Aber die Wunde der Zerrissenheit brennt weiter; und die Zeit bis zur Wiedervereinigung will uns zu lang und zu hart erscheinen. Trotzdem dürfen wir hoffen, dass das Jahr 1957 unseren Deutschen in der sowjetisch besetzten Zone, wenn nicht die Erfüllung unseres gemeinsamen Herzenswunsches selbst, so doch die Erfüllung in greifbare Nähe bringen wird; denn endlich scheint die so lange von uns erhoffte Bewegung in die erstarrten Fronten gekommen zu sein. Das Jahr 1957 wird uns auch unsere Deutschen an der Saar zurückbringen. Eine große, große Freude für uns alle und ein großer Erfolg einer unausgesetzten zähen politischen Arbeit.

Ich will nicht politisch werden heute. Lassen Sie mich zurückkehren zum heiligen Weihnachtsfest. - Das Kindlein in der Krippe, der Sohn Gottes in Menschengestalt, er, der unser aller Fehl und Schuld auf sich nimmt, das Licht der Welt, das den Menschen, den armen gequälten Menschen, Glück und Ruhe und Frieden vermitteln will, das sollten die Gedanken dieser Tage sein. Sie sollen uns erfüllen; sie sollen uns auch begleiten in das kommende Jahr.

Quelle: Konrad Adenauer: Nachdenken über die Werte. Weihnachtsansprachen. Buxheim/Allgäu o. J. (1976).