25. Dezember 1957: Weihnachtsansprache über alle deutschen Rundfunksender

Nun ist der Heilige Abend über unser Land dahingegangen. Er hat viel Lichterpracht und viele frohe Augen gebracht. Er hat uns - so hoffe ich wenigstens - auch etwas Ruhe und Selbstbesinnung beschert, Selbstbesinnung! Besinnung auf die inneren Güter des Menschen ist so selten möglich in dieser stürmischen Zeit. Doch der Mensch braucht sie so notwendig, um zur Ruhe und zur Zufriedenheit zu gelangen. Mit Entschlossenheit müssen wir uns die Stunden, die wir zur inneren Besinnung nötig haben, abringen, sonst wird unser Leben, trotz aller äußeren Erfolge, unbefriedigend und unglücklich - ein sinnloses Leben. Ohne diese Ruhe und Selbstbesinnung wird auch unser Familienleben zerstört. Wir können dann unseren Kindern nicht das mitgeben, was sie für ihr Leben brauchen. Bedenken wir, dass sie ihr Leben in Zeiten verbringen werden, die wir nicht kennen, dass wir ihnen daher unvergängliche und echte wahre Lebenswerte mitgeben müssen.

Von unserer Kindheit her ist für uns Weihnachten ein Fest der Bescherung, ein Fest der Freude. Das soll es auch bleiben: ein Fest, an dem wir anderen eine Freude bereiten wollen. Aber kann man wirklich nur in der leeren Weise Freude bereiten, wie es in diesen ernsten Zeiten so vielfach geschieht? Ist nicht, trotz allem äußeren Glanze, noch viel Elend und Not in unserem Lande? Wie viel Hunderttausend Vertriebene und Geflohene sind noch immer in Lagern notdürftig untergebracht. Wie viel stille Trauer zehrt an Millionen, die ihre Angehörigen im Kriege verloren haben. Wie viele sind noch ohne ein Heim. Wie viel bittere Einsamkeit ist noch unter uns. Ist es nicht unsere ganze Zeit, die uns drückt, so verwirrt, so schwer, weil schließlich doch alles so dunkel vor uns liegt? Freilich, wenn man durch die Straßen geht, den Lichterglanz und die Pracht, die Fülle der Käufer sieht, dann scheint es, als lebten wir in Sicherheit und im Glanze. Aber lassen wir uns nicht täuschen, Es ist nicht so, wie es manchem scheint. Es ist so, wie ich eben gesagt habe. Es ist noch viel Elend und viel Not unter uns, und viel Unsicherheit. Das Weihnachtsfest, das Fest des Gebens, des Bescherens, wollen wir daher auch zu einem Feste machen für die Einsamen und die Notleidenden. Über allem schönen Schein und festlichen Glanz wollen wir nicht vergessen, welch schwere und entscheidende, sittliche Probleme unsere Zeit in sich birgt. Wir alle wollen doch sicher, dass unsere Kinder und Kindeskinder auch schöne und glückliche Weihnachtsfeste dereinst feiern sollen, wie wir sie früher gefeiert haben. Denken wir daran, dass unser Handeln mit entscheidend dafür ist, ob die kommenden Generationen wahrhaft frohe und gesegnete Weihnachtsfeste werden feiern können.

Alles ist in Frage gestellt, aber alles liegt doch mit Gottes Hilfe in unserer Hand. Ja, die Zukunft liegt in unserer Hand, aber nur mit Gottes Hilfe. Seine Hilfe steht für uns bereit, aber nur dann, wenn wir bereit sind, sie zu gebrauchen. Wir müssen bereit sein, von ihr Gebrauch zu machen in allem, was wir tun: im privaten Leben, in der Arbeit, in Angelegenheiten des öffentlichen Lebens und auch in der Politik.

Weihnachten muss ein Fest der Familie bleiben. Das Familienleben zu pflegen, mehr als bisher zu pflegen, soll unser Weihnachtsgelöbnis sein. Ohne den Schutz, ohne die Wärme und die Liebe der Familie gibt es kein Glück für die Eltern, kein glückliches Leben für die Kinder. Keine Einrichtung, keine Sorge des Staates kann die Familie ersetzen. Lasst uns daran denken in diesen Tagen. Wir wollen ein gutes Weihnachtsfest feiern. Gott wollen wir in allem die Ehre geben, und wir wollen streben nach dem Frieden.

Guten Willens wollen wir sein in allem, was wir tun. Denken wir immer wieder daran, was die Engel den Hirten sagten: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen, die guten Willens sind!

Quelle: Konrad Adenauer: Nachdenken über die Werte. Weihnachtsansprachen. Buxheim/Allgäu o. J. (1976).