25. Dezember 1957: Weihnachtsansprache über die „Deutsche Welle" an die Deutschen im Ausland

Liebe deutsche Landsleute in aller Welt!

Vor wenigen Tagen saß ich in Paris, in der Hauptstadt der Französischen Republik, zusammen mit den Ministerpräsidenten von 15 Staaten am Verhandlungstisch. Es war die Tagung der NATO, der Nordatlantikpakt-Organisation. Wir haben in Paris über die Verteidigung des freien Westens gesprochen. Aber im Mittelpunkt aller unserer Überlegungen stand die Frage: wie können wir am besten dem Frieden dienen. Es fällt mir deshalb nicht schwer, unmittelbar nach dieser Tagung zu Ihnen über Weihnachten, das Fest des Friedens, zu sprechen.

Als ich vor einem Jahr zu Ihnen sprach, waren in einigen Ländern im Osten Dinge geschehen, die nichts mit Frieden zu tun hatten. Zwar ist im vergangenen Jahre das Gedenken an diese Vorfälle aus dem Bewusstsein vieler Menschen geschwunden. Das sagt aber nichts darüber, dass sie vergessen seien.

Denn so sehr auch im Osten vom Frieden gesprochen wird, so sehr mahnen uns die Taten immer wieder zur Vorsicht. Es zeugt nicht vom guten Willen zum Frieden, wenn man im sowjetisch besetzten Gebiet unseres Vaterlandes gerade in der Vorweihnachtszeit Geistliche zu hohen Freiheitsstrafen verurteilte, nur weil sie Gottes Wort verkünden.

Aber trotzdem hat in Paris die deutsche Delegation alles unterstützt, was den Frieden fördern kann. Ich selbst habe von der Verpflichtung gesprochen, die Friedensworte des Ostens auf ihren wahren Gehalt zu überprüfen. Und niemand mehr als das deutsche Volk würde sich freuen, wenn in der Vorweihnachtszeit dieses Jahres 1957 ein Vorzeichen für einen dauerhaften Frieden sich gezeigt hätte.

Denn wenn es ein Volk auf der Welt gibt, das aus tiefster Überzeugung den Frieden wünscht und alle seine Kraft an die Erhaltung des Friedens setzt, dann ist es das deutsche Volk.

Wir Deutschen hier im Spannungsfeld zwischen Ost und West können nichts sehnlicher wünschen als den Frieden. Es soll und darf aber nur ein Frieden in Freiheit sein, den wir erstreben, ein Frieden in Freiheit für alle Völker, vor allem aber für unser eigenes Volk.

Die Freiheit ersehnen wir insbesondere für die 18 Millionen Deutsche, die auch heute noch ohne Recht und Freiheit leben müssen. Es kann keinen wahren und echten Frieden geben, solange das deutsche Volk geteilt ist, solange es nicht wieder vereinigt ist.

Heute, am heiligen Weihnachtsfest, am Fest des Friedens, wollen wir alle gemeinsam, wir Deutsche in der Heimat und Sie, unsere Landsleute in Übersee, das Christkind bitten, es möge die Gedanken der Staatsmänner leiten, damit am Ende ihrer Bemühungen jener Friede stehe für alle, die guten Willens sind.

In diesem gemeinsamen Wunsch nach Frieden und Freiheit grüße ich im Namen der Bundesregierung und des ganzen deutschen Volkes alle unsere Landsleute in aller Welt und wünsche ihnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

Quelle: StBKAH I/02.16. Maschinenschriftliches, handkorrigiertes Redemanuskript.