25. Dezember 1958: Weihnachtsansprache über alle deutschen Rundfunksender

Der Heilige Abend ist vorüber. Die Lichter am Christbaum sind verlöscht. Es ist stille um mich her. Weihnachten ist angebrochen. Ich sitze an der Krippe, allein und still. Gedanken und Bilder steigen in mir auf; zum Teil sind es Gedanken und Bilder längst vergangener Jahre, Gedanken an jene Zeiten vor 1914, in denen in Wirklichkeit Friede, Ruhe und Sicherheit auf Erden weilten, an jene Zeiten, in denen man die Angst nicht kannte.

Meine Gedanken wandern. Der erste Weltkrieg, der erste deutsche Zusammenbruch, die Inflation, die langsame Erholung. Alles das tritt vor mein Auge. Und wieder wandern die Gedanken weiter hinein in die Jahre der Unfreiheit und der Bedrückung, in die Jahre des schrankenlosen Nationalismus, der Herrschsucht und der Willkür, in die Jahre des zweiten Weltkrieges, in die Jahre des Todes und der Zerstörung, in die Jahre des zweiten Zusammenbruchs, in die Jahre der Angst, die die Menschheit immer mehr packt.

Dann steigt eine neuere Periode vor mir auf, die Zeit des Aufbaues, des Aufbaues des kulturellen und des politischen Lebens, des Aufbaues der Wirtschaft. Aber ach, die Angst ist geblieben, ja sie wächst. Sicherheit und Ruhe sind seit 1914 aus dem Leben der Menschen verschwunden. Und Friede? Wirklicher Friede ist seit 1914 nicht wieder zu uns Deutschen gekommen. Wie viele von den jetzt in Deutschland Lebenden haben den Frieden, die Sicherheit, ein Leben ohne Angst überhaupt gekannt? Vor 1914 war uns das alles so selbstverständlich, dass wir den wahren Wert dieser kostbaren Güter gar nicht richtig erkannt haben und nicht zu schätzen wussten. Ist es nicht traurig, ist es nicht furchtbar zu denken, dass die Mehrzahl der jetzt Lebenden Ruhe, Frieden und Sicherheit, ein Leben frei von Angst niemals gekannt haben? Ein langes und tiefes Dunkel hat dereinst Jahrtausende über der Menschheit gelegen, ein langes und tiefes Dunkel, das nur spärlich und zeitweise durch Strahlen göttlicher Gnade erhellt wurde. Und trotzdem hat die Menschheit niemals die Hoffnung aufgegeben, dass einst eine geistige, eine von der Gottheit kommende Kraft ihr geschenkt werde, die das Dunkel zerstreuen, die ihr helfen würde. Es kam Bethlehem. Es wurde das Kind, das die Menschheit erlösen sollte, im Stalle geboren und von Maria, seiner Mutter, in eine Krippe gelegt. Der Glanz der Engel führte die Hirten zum Stalle; sie unterwarfen sich dem Heiland und beteten ihn an. Der Stern leitete die Weisen aus dem Morgenlande zur Krippe und zum Kinde, dass sie ihm opferten. Welches Wunder! Wie tief war dieser Eingriff in die Menschheitsgeschichte, wie führte dies wunderbare Ereignis die Menschheit zu einer höheren Stufe der Entwicklung! Ein rätselhaftes Wesen ist der Mensch. Wie oft handelt er gegen seine eigene bessere Erkenntnis, missachtet er die Wahrheit und das Gute und frevelt gegen Gott. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen, die guten Willens sind. Nicht ohne Grund ist an die Spitze dieses Weihnachtswortes das Wort gestellt: Ehre sei Gott in der Höhe. Nicht ohne Grund ist der Verheißung des Friedens dies Wort vorangestellt. Der Friede ist uns nur verheißen, er wird uns nur gegeben, wenn wir zuerst Gott die Ehre geben, der innere Frieden für jeden Einzelnen von uns und der Friede für uns alle.

Ich glaube, wir alle denken zu wenig daran, dass zuerst Gott die Ehre gebührt. Wir alle, gleich wo wir stehen, gleich was wir tun, müssen ihm zuerst die Ehre geben, damit uns allen Friede werde. In der Geschichte der Menschheit gibt es Perioden des lastenden Dunkels, der Unrast, des Unfriedens, der Angst; aber immer wieder hat der menschliche Geist, die menschliche Seele sich hindurch gerungen zum Licht und zum Frieden. Es ist in Wahrheit etwas Wunderbares um die Stärke, um die Kraft des Geistes und der Seele. Der Geist des Menschen, seine Seele ist unüberwindlich, weil sie von Gott selbst stammt. Darum wollen wir nicht verzagen. Wir wollen nicht mutlos werden, wenn wir des Weges gedenken, den wir durchschritten haben, und wenn wir des Dunkels gedenken, in das er uns hineinführt. Denken wir an das Kind im Stalle, das den Menschen das Heil brachte. Denken wir an den Glanz der Engel, denken wir an den Stern, der die Weisen zu Ihm führte. Denken wir daran, dass die frohe Botschaft, die Christus uns brachte, der armen Menschheit das Heil und das Licht gebracht hat und ewig bringen wird.

Ehre sei Gott in der Höhe. Wir wollen Gott die Ehre geben. Dann wird die Verheißung der Engel in Erfüllung gehen: Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.

Quelle: Konrad Adenauer: Nachdenken über die Werte. Weihnachtsansprachen. Buxheim/Allgäu o. J. (1976).