25. Dezember 1959: Weihnachtsansprache über alle deutschen Rundfunksender

Es ist Weihnachten. Am Christbaum brannten gestern die Kerzen. Sie erfüllen das Weihnachtszimmer mit goldenem Schein. Ihr Glanz spiegelt sich wider in den strahlenden Augen der Kinder, die alten Weihnachtslieder erklingen und wecken in den Erwachsenen die Erinnerung an die schönen Weihnachtsfeste vergangener Jahre, an manchen, der schon hinübergegangen ist in die Ewigkeit. Aber am Fenster standen auch am Heiligen Abend brennende Kerzen, sie schienen hinaus in die dunkle Nacht. Sie sollen mahnen an unsere Landsleute draußen im östlichen, von uns getrennten Teile Deutschlands, an sie, die nicht wie wir Heiligabend, nicht wie wir Weihnachten feiern dürfen, an sie, die in der Sklaverei leben. Sie sollen uns erinnern an jenen Teil unserer Heimat, in dem die christlichen Kirchen und Gottesdienste unterdrückt werden, in dem noch immer echte Not und Armut herrschen, in dem vor allem aber geistige Not und geistiger Druck das Leben vergiftet. Es ist eine ungeheure geistige Not, die dort auf deutschen Männern und Frauen lastet und auf deutschen Kindern. Die Kinder dort in der Schule lernen keine Weihnachtslieder, sie hören in der Schule nichts vom Christkind in der Krippe. Alles das, was unsere Jugend verschönte, was unser Herz erwärmte, ist nicht da für sie. Den Kindern dort werden in den Schulen aller Art nicht etwa heidnische Lehren gepredigt. Nicht-christliche Religionen sind fromm gegenüber dem nackten Atheismus, der dort in die Herzen der Kinder hineingesenkt wird, dem Atheismus mit allen seinen trostlosen Konsequenzen bis zur Vernichtung des eigenen Denkens, des eigenen Fühlens, der eigenen Persönlichkeit bis zur Vergötzung des Staates.

Vierzehn lange Jahre dauert nun schon dies Elend, vierzehn lange Jahre, und noch ist kein Ende abzusehen. Aber gerade heute Abend, am Weihnachtsfest, das eines unserer schönsten christlichen Feste, und das so ganz besonders ein deutsches, christliches Fest ist, wollen wir unserer Landsleute dort gedenken. Sie sollen fühlen und wissen, dass sie Fleisch von unserem Fleisch, dass sie Blut von unserem Blut sind, dass sie nicht vergessen sind, nicht vergessen bei uns, nicht vergessen bei den Völkern der freien Welt, dass sie niemals vergessen werden, und dass ihnen doch einmal die Glocken der Freiheit erklingen werden. Ihr, meine lieben Zuhörer und Zuhörerinnen, bitte, zürnt mir nicht, dass ich am Heiligen Abend so ernste Worte spreche! Zürnt mir nicht, weil ich am brennenden Christbaum an der Krippe des göttlichen Kindes etwa eine politische Rede halte! Es soll keine politische Rede sein, und es ist keine politische Rede. Ich bin weit davon entfernt, die Atmosphäre dieses Festes mit Politik zu erfüllen. Es sollen sein Worte der Liebe zum Menschen, Worte der Liebe zum Nächsten, der dort in geistiger Kälte, in geistiger Not und Verlassenheit lebt. Mir scheint kein Tag im Jahr geeigneter zu sein, unserer Brüder und Schwestern dort zu gedenken, die in der Finsternis sitzen, als dieser Tag, der bei uns die Familie in warmer, strahlender Festesfreude vereint: Sie sind und bleiben ja doch Glieder unserer großen freien, christlichen Familie.

Weihnachten, das deutsche christliche Familienfest. Sind wir uns der Gnade bewusst, dass wir noch ein solches Fest in Freiheit feiern dürfen? Und sind wir uns des tiefen inneren Gehaltes dieses Festes bewusst? Sind wir uns klar, dass es seelische Gefilde gibt weit ab von allem materiellen Überschwang? Seelische Kräfte, die, so scheint mir manchmal, fast überdeckt und überwuchert werden von zu starkem materiellen Denken. Wenn ich diese übertriebene Ausschmückung und Pracht der Straßen und der Schaufenster in den letzten Wochen sah, dann bekam ich manchmal Angst und Sorge um das deutsche Volk. Das deutsche Volk war heroisch und tapfer, hilfsbereit und mildtätig in der schweren Not der ersten Jahre nach dem Zusammenbruch. Damals war es voll Freude und Zufriedenheit auch über den kleinsten Fortschritt; es half seinem Nächsten, es war fleißig: seine besten Eigenschaften zeigten sich in beglückender Weise. Sollen wir, die wir diese Jahre der Not und des allmählichen Aufstiegs erlebt haben, nicht dann und wann daran zurückdenken? Ich meine, wir sollten es tun, um uns immer wieder darüber klar zu werden, dass ethische Eigenschaften, dass christliche Tugenden es sind, die ein Volk groß und die den einzelnen glücklich machen. Diese wenigen Worte enthalten eine tiefe Wahrheit, eine tiefe Weisheit, Das Glück des einzelnen, die Wohlfahrt und das Glück der Völker beruhen auf ihnen, Gott die Ehre geben, nicht sich selbst, nicht nach Anhäufung von seelenlosem Reichtum streben, bringt allen Glück und Zufriedenheit. Guten Willens sein, das ist: das wahrhaft Gute wollen für alle auf Erden. Das muss unser Streben und das Ziel unserer Arbeit sein. Noch eins lassen Sie mich aus ernster Sorge um unser Volk hinzufügen: Maß halten in allen Dingen, das ist, was uns Not tut, das ist, was uns glücklich macht.

Der Friede unter den Menschen ist noch nicht gekommen. Aber verzagen wir nicht, haben wir Geduld und seien wir fest und entschlossen, dann wird der Friede wieder einkehren auf unsere Welt.

Quelle: Konrad Adenauer: Nachdenken über die Werte. Weihnachtsansprachen. Buxheim/Allgäu o. J. (1976).