25. Dezember 1961: Weihnachtsansprache über alle deutschen Rundfunksender

Weihnachten, das Fest der Geburt des Herrn, das Fest, das wie kein anderes Eltern und Kinder vereint, ist gekommen, das Fest des Friedens und der Liebe. Meine Gedanken gehen zurück zum Heiligen Abend. Die Kerzen am Christbaum brannten mit so warmem und strahlendem Schein, die Augen der Kinder strahlten - die Gaben, die sie erhielten, der Christbaum, die Krippe - war das eine Freude! Auch wir Erwachsenen haben einander Gaben gegeben und Gaben bekommen. Wir haben gedankt und haben Dank entgegengenommen. Die warme und innige Atmosphäre des Heiligen Abends erfasste auch den sonst von der Arbeit des Alltags so sehr gepackten Mann, die Frau, die die Sorge und Mühe des Alltags drückt. Sie dachten zurück an die schöne Zeit, da sie noch Kinder waren und mit ihren Eltern den Heiligen Abend, Weihnachten feierten. Das Weihnachtsfest soll aber mehr bringen als Lichter und Geschenke, es soll vor allem auch Stunden der inneren Einkehr bringen. Unsere Zeit fördert nicht das Besinnen auf sich selbst, und doch braucht der Mensch gerade in einer Zeit wie die, die wir durchleben, Nachdenken und innere Einkehr. Es ist eine drückende, eine atemberaubende Zeit, in der wir leben. Sie ist erfüllt von Hast, Unsicherheit und Unfrieden. An vielen Orten auf der Erde ist der Friede gebrochen, herrscht die Gewalt: Goa, die portugiesische Kolonie, die aber wertvolle Eisenerzminen besitzt, hat Indien, das 400 Millionen Einwohner zählt, mit Gewalt erobert. In Afrika ist bis in die letzten Tage hinein die UNO, eine Organisation geschaffen zur Stärkung des Friedens unter den Völkern, mit Waffen gegen Bewohner des Kongo vorgegangen; es ist viel Blut dort geflossen. In Berlin, der durch die Mauer geteilten Stadt, schießen Volkspolizisten auf Männer und Frauen, die nach West-Berlin zu fliehen versuchen, Deutsche töten Deutsche. Volkspolizisten versuchen, mit Steinwürfen die von West-Berlinern errichtete Lichterkette, die Kette von Christbäumen, zu zerstören. Wie weit ist doch die Welt vom Frieden, den das Weihnachtsevangelium verheißt, entfernt! Wie leicht können die Flammen, die fast überall auf der Erde brennen, sich zu einem einzigen Brand vereinen, zu einem Brande, der die Menschheit um viele nicht abzuschätzende Jahrhunderte zurückwerfen würde. Ist jemals der Fortschritt der Wissenschaft so missbraucht worden, wie in unseren Tagen? Wahrhaftig, alle, die irgendwie Macht haben auf der Erde, alle, die Einfluss haben, alle, deren Wort gehört wird, sollten in diesen Tagen des großen christlichen Festes sich besinnen auf ihre wichtigste Aufgabe: sie sollten entschlossen und mutig für den Sieg des Friedens und des Rechtes eintreten. Wenn sie es nicht tun, wenn sie nicht die Kraft und den Mut haben, den die heutige Weltlage von ihnen verlangt, wenn sie nicht das Gefühl der gemeinsamen Verpflichtung, für Frieden und Ordnung einzutreten, haben, dann wehe der Menschheit, der Entwicklung, die ihr droht. In unserer Zeit ist der Gegensatz zwischen Frieden und Unfrieden, zwischen Achtung vor dem Recht - auch vor dem Recht der kleinen Völker - und Bruch der Rechte des anderen, der Kampf zwischen Gut und Böse so stark entbrannt, wie er seit Jahrhunderten nicht gewesen ist.

Meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, Sie fragen sich vielleicht, warum ich gerade am heutigen Tage, am Weihnachtstage, über so ernste Dinge zu Ihnen spreche. Ich sage es Ihnen gerade heute, weil der Alltag für uns alle so erfüllt ist von Arbeit, so von den Tagessorgen, von der Jagd nach Gütern und Besitz, dass - wie es scheint - die Völker überhaupt nicht mehr zum Nachdenken kommen darüber, welche Gefahren der Menschheit drohen. Das gilt auch in großem Umfange vom deutschen Volk. Darum wollte ich zu Ihnen, meine Zuhörerinnen und Zuhörer, am heiligen Weihnachtsfest, am Fest der Geburt unseres Herrn, des Friedensfürsten, einige Worte über den Zustand unserer Welt sagen, um Sie zu bitten, auch über diese Frage einmal in Ruhe nachzudenken. Denken Sie auch bitte daran, dass fast überall, wo es auf der Welt brennt, der atheistische Kommunismus den Brand schürt. In meiner Weihnachtsansprache im vergangenen Jahr habe ich so dringend gebeten, dass sich die nichtkommunistischen Völker zu einer gemeinsamen geistigen Abwehr gegen den Kommunismus zusammenschließen. Der Gedanke ist aufgegriffen worden, hoffentlich wird er im kommenden Jahr verwirklicht werden. Viel ist geschenkt worden in diesen Tagen. Wer wollte es verurteilen, wenn Menschen einander beschenken, wenn sie es tun - und das ist wohl fast immer der Fall - um dem anderen Freude zu bereiten. Wenn auch sehr reiche Gaben geschenkt wurden, so glaube ich doch auch, dass diejenigen, die einsam sind, die arm sind, die unmündig sind, nicht vergessen wurden. Wenn sie vergessen würden, dann wäre Schenken an die Nächststehenden kein Verdienst. Aber wenn auch derer gedacht wurde, die nicht selbst für sich sorgen können, dann - glaube ich - sollte man reichliches Schenken nicht verdammen. Schenken, um Freude zu machen, ist immer etwas Gutes, ist etwas, was den Menschen ehrt. Es ist ein Zeichen der Liebe. Die Liebe aber ist im Grund doch die Kraft und die Macht, die allein das Leben lebenswert machen kann.

Für uns in Deutschland ist das Weihnachtsfest ein wahres Fest der Familie. Sie alle wissen, wie die Familie sich um den Christbaum, um die Krippe sammelt, wie die Herzen sich öffnen und sich einander erschließen. Die Kinder sind erfüllt von Freude, und die Erwachsenen lassen ihre Gedanken zurückschweifen in ihre Jugend, sie denken an ihre Eltern, wie diese sie zu erfreuen suchten. Sie geben an ihre Kinder weiter, was sie von ihren Eltern empfangen haben. So festigt das Weihnachtsfest die Bande, die die Familie zusammenhält. Die Festigung der Familie, ihr Zusammenhalt besonders gerade in unserer zerrissenen Zeit, ist ein durch nichts zu ersetzendes Gut.

Viele können das Weihnachtsfest nicht bei ihrer Familie verbringen. Ich denke an unsere jungen Soldaten, alle, die zum öffentlichen Schutz bei der Polizei, die bei Bahn und Post, in Verkehrsbetrieben tätig sind. Ihrer wollen wir dankbar gedenken und ihnen allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest wünschen. - Wir alle aber wollen Gott danken, dass wir das Jahr 1961 in Frieden haben verbringen können. Epochen der Menschheitsgeschichte, die so erfüllt sind von Gegensätzen, von schweren Problemen politischen, wirtschaftlichen und technischen Charakters, sind Perioden tiefgehender Unruhe. Diese Epochen werden nicht auf einmal und plötzlich durch Beruhigung und Frieden beendigt. In planvoller, konsequenter, unermüdlicher Arbeit müssen diese Aufgaben gelöst werden. Wenn ein Sturm noch so stark das Meer aufgewühlt hat, auch die höchsten Wellen legen sich wieder. Wenn wir manchmal fast verzagen wegen der Größe und Schwere der Last, die auf unserer Zeit liegt, dann wollen wir, wollen vor allem wir Christen daran denken, dass die Geburt Christi eine neue, eine bessere Welt brachte. Wir wollen daran denken, und nicht allein am Weihnachtsfest, dass die Botschaft der Engel, die die Heilige Schrift uns überliefert hat, auch für die jetzt Lebenden gilt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind."

Quelle: Konrad Adenauer: Nachdenken über die Werte. Weihnachtsansprachen. Buxheim/Allgäu o. J. (1976).