25. Dezember 1962: Weihnachtsansprache über alle deutschen Rundfunksender

Die letzten Wochen, ja die letzten Monate vor diesem Weihnachtsfest waren erfüllt von großer Unruhe. Ich meine jetzt nicht die schöne Unruhe, die in jeder Familie die Vorbereitung des Weihnachtsfestes mit sich bringt. Ich meine die Unruhe innen- und außenpolitischer Art und wirtschaftlicher Art, die unser Volk bewegte.

Weihnachten darf nicht ein Fest der Selbstzufriedenheit sein. Ein wirkliches Weihnachtsfest soll der Besinnung und auch der Selbstprüfung dienen. Gerade in diesem Jahr bringt das Weihnachtsfest, da es mitten in eine Woche fällt, mehr Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen. Darum möchte ich Ihnen, meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, einige Gedanken über uns selbst und unsere Zeit sagen und Sie bitten, meine Gedanken zu prüfen. Wer Verantwortung für das allgemeine Wohl hat, muss alle Erscheinungen im Leben des Volkes sorgfältig beobachten und versuchen, ihre Ursachen, ihr Wesen zu erkennen.

Ich glaube, dass viele von uns dahinleben in einer Hast, in einem Betrieb - verzeihen Sie den Ausdruck, ich weiß keinen besseren -, der nicht gut für unser Volk ist. Es gibt verschiedene Ursachen für diesen, meines Erachtens ungesunden Zustand. Infolge des Krieges und der dadurch entstandenen Not und Zerstörung waren wir genötigt, in erster Linie unsere materielle Not zu beseitigen. Die Pflege der geistigen Güter, auch die des religiösen Bereichs, trat dahinter zurück.

Zum Teil kommt unsere Unrast durch die Fülle der Eindrücke, die infolge der Entwicklung der Technik auf uns einstürmen. Als ungesund empfinde ich auch, dass viele von uns noch nicht die richtige Einstellung zu unserem Staat gefunden haben. Die Einstellung unseres Volkes zu den öffentlichen Angelegenheiten ist nicht so, wie der Staat sie im Interesse aller braucht. Kritik ist notwendig und muss sein. Aber Kritik um der Kritik willen trägt nihilistische Züge. Ich glaube, jeder Bürger, jede Bürgerin dieses Landes hat die Verpflichtung, sich selbst und den Mitmenschen gegenüber sich klar darüber zu werden, dass jeder gute Bürger seinem Staat an innerer Gesinnung etwas schuldet. ohne eine wirkliche Staatsgesinnung ist ein Volk nichts anderes als eine mehr oder minder große Zahl von Menschen, die zufällig auf demselben Gebiet wohnen, dort ihr Brot verdienen und ihrem Vergnügen nachgehen wollen - und das ist falsch. Wir müssen diesem unserem Staat, der in schweren, notvollen Zeiten aufgebaut werden musste auf Trümmern, nicht nur auf den Trümmern von materiellem Gut, sondern auch - und das ist noch wichtiger und schwerer - auf Trümmern geistiger Vorstellungen; ein jeder, sage ich, muss diesem Staat Achtung zollen. Es ist sein Staat, er steht und fällt mit ihm. Ein jeder muss seine Pflichten als Staatsbürger erkennen und erfüllen. Er muss Liebe und Achtung empfinden gegenüber seinem Volk, gegenüber seiner Heimat und gegenüber diesem seinem Staat. Meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, ich habe Sorge um unsere Zukunft, und diese Sorge veranlasst mich, so ernst zu Ihnen zu sprechen und Sie zu bitten, meine Worte so aufzunehmen, wie sie gedacht und gemeint sind. Ich will Ihnen heute nicht eine der üblichen Festreden halten, dafür sind die Zeiten doch zu ernst und zu schwer. Dafür macht mir auch die Frage, ob und wie unser Volk einmal eine echte Staatskrise aufnehmen und bestehen wird, zu viel Sorge. Es ist in der letzten Zeit so viel bei uns geredet worden von Regierungs- und Staatskrise. Nein, meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, was wir gehabt haben, war keine Staatskrise. Eine Staatskrise ist etwas viel Ernsteres und Gefährlicheres. Wir wollen sie nicht, und gerade darum drängt es mich, zu Ihnen über das Verhältnis von Bürger und Staat zu sprechen, damit niemals - ich wiederhole: niemals - eine Staatskrise entsteht. Sie wird nicht entstehen, wenn jeder Bürger davon überzeugt ist, dass er als Teil des Staates auch in seinem eigenen Interesse verpflichtet ist, für den Staat sich einzusetzen und alles zu tun, damit sein Ansehen und seine Bedeutung weder im Inland noch im Ausland Schaden leidet. Kein Staat kann stark sein, wenn er nicht getragen wird von der Überzeugung der Bürger, dass der Staat im Interesse aller geachtet und gestärkt werden muss.

Wir sprechen von parlamentarischer Demokratie. Ich weiß nicht, ob alle, die davon sprechen oder die diese Worte lesen oder hören, sich darüber klar sind, dass die parlamentarische Demokratie jedem einzelnen eine viel größere Verantwortung auferlegt als jede andere Staatsform. Denn eine parlamentarische Demokratie erschöpft sich nicht im Parlament, geschweige denn in einer Regierung. Eine parlamentarische Demokratie kann nur - namentlich in einer Zeit wie der unseren, in der so viele alles unterwühlen möchten - bestehen, wenn jeder einzelne zu seinem Teil in der Gemeinde, in den Parlamenten, in den Parteien mithilft, mithilft an der Arbeit für das Allgemeinwohl. Manchmal höre ich das abwertende Wort „die in Bonn". Das erinnert mich daran, dass früher einmal gesagt wurde „die in Berlin". Meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, »die in Bonn« sind nur die sichtbaren, die an erster Stelle sichtbaren Träger der parlamentarischen Demokratie. Aber das ganze Volk - ich wiederhole es nochmals -, jeder an seiner Stelle, muss Träger der parlamentarischen Demokratie sein. Das gilt für jung und alt, für Männer und Frauen. Ich habe öfter empfunden, dass Frauen für politische Fragen ein viel größeres Verständnis zeigen als Männer. Aus einem Grund, meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, der sehr einfach ist: weil sie unmittelbarer denken und empfinden als der Mann und weil manchmal doch beim Mann mehr als bei der Frau der persönliche Erfolg an erster Stelle steht und nicht das allgemeine Wohl.

Wenn man die Spannungen und Gegensätze auf der ganzen Erde sich vor Augen hält, dann sieht man, dass zwei große Machtzentren einander gegenüberstehen. Auf der einen Seite steht der atheistische Kommunismus; auf der anderen Seite stehen die Völker, die - manchmal sich selbst kaum bewusst - von Grundsätzen ausgehen, die in christlichem Boden wurzeln.

Ich glaube, dass auf uns alle, ob wir nun Katholiken oder Protestanten oder Mitglieder einer anderen christlichen Gemeinschaft sind - wir sind ja alle Christen -, der Verlauf des Konzils in Rom, an dem so zahlreiche Vertreter nichtkatholischer Kirchen teilgenommen haben, einen außerordentlich tiefen und großen Eindruck gemacht hat. Er zeigte die Kraft und die Größe und im Grunde auch die Einheit der christlichen Botschaft als eine so große geistige Macht, dass wir gewiss sein können, wir werden nicht den Gegnern des Christentums unterliegen.

Und nun, meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, lassen Sie mich einige Sätze sagen über den Heiligen Abend, die Heilige Nacht und die Feiertage selbst. Wir wollen versuchen, diese würdig zu begehen. Wir wollen zurückdenken an unsere Kinderzeit, an unsere Eltern und Geschwister, die vielleicht schon lange dahingegangen sind, und wir wollen ihrer in Dankbarkeit und in Liebe gedenken. Wir wollen unsere Kinder erfreuen, wir wollen sie einführen in den Geist des Weihnachtsfestes und ihnen damit weitergeben, was wir von unseren Eltern einmal empfangen haben. Wir wollen in diesen Tagen auch der Armen, der Notleidenden, der Einsamen gedenken. Wir wollen besonders auch denken an unsere Deutschen in der Zone und in Berlin. Das Weihnachtsfest soll ein Fest des Friedens sein für alle, die guten Willens sind. Lassen wir uns vornehmen, guten Willens zu sein im kommenden Jahr. Guten Willens gegen alle, die uns nahe stehen, guten Willens auch gegenüber uns selbst, indem wir uns nicht treiben lassen von der Hast und von den leeren Zerstreuungen unserer Zeit, sondern auf das hören, was in unserem Innern zu uns spricht. Guten Willens wollen wir sein gegenüber allen Menschen. Dann erfüllen wir das Gebot unseres Erlösers.

Quelle: Konrad Adenauer: Nachdenken über die Werte. Weihnachtsansprachen. Buxheim/Allgäu o. J. (1976).