21. Oktober 1929: Schreiben von Joseph Heß an Oberbürgermeister Dr. Adenauer, Köln

Sehr verehrter Herr Oberbürgermeister!

Es dürfte Ihnen bekannt sein, dass ich mit Herrn Justizrat Mönnig und Herrn Rechtsanwalt Loenartz sowie Herrn Ministerialdirektor Brand mich dahin ver­ständigt hatte, dass als Nachfolger des verstorbenen Regierungspräsidenten von Koblenz unsererseits Herr Vizepräsident von Sybel ins Auge gefasst werden sollte. Sie wissen auch, dass das deshalb geschehen sollte, um für die Sozial­demokratie den jetzigen Posten des Herrn von Sybel freizumachen, damit die Sozialdemokratie uns bei der Besetzung der Polizeipräsidentenstellen in Aachen und Koblenz keine unüberwindliche Schwierigkeiten machte. In diesem Sinne habe ich inzwischen auch mit dem Herrn Innenminister gesprochen. Dabei benannte er seinerseits als aussichtsreichen Kandidaten für Koblenz den jetzigen Regierungspräsidenten Cronau aus Köslin, und als Dritter kommt neuerdings noch hinzu Herr Vizepräsident von Hanke beim hiesigen Oberpräsidium. Von der zuletzt genannten Kandidatur bitte ich aber nur ganz vertraulich Kenntnis nehmen zu wollen. Man dachte sich, dass, wenn Herr von Hanke Präsident in Koblenz würde, dass dann sein Nachfolger beim hiesigen Oberpräsidium Herr von Sybel werden könnte, um auf diese Weise seine Stelle für einen Sozialde­mokraten freizumachen.

Ich bitte Sie nun dringend, sich auf keinen anderen als Herrn von Sybel einlassen zu wollen. Ich garantiere Ihnen nach allen Richtungen für ihn. Er ist ein politisch durch und durch zuverlässiger Mann und hat für uns Katholiken ein so weitgehendes Verständnis, wie ich es bei einem Manne seiner Herkunft und seiner Einstellung nur in den seltensten Fällen angetroffen habe. Dazu kommt, dass er die ganzen schwierigen Zeiten seit der Staatsumwälzung bei uns mit erlebt hat und die rheinischen Verhältnisse auf das allergenauste kennt. Und diese Kenntnis ist m. E. auch nach dem Abzug der Besatzung einstweilen kei­neswegs zu entbehren.

Ich hoffe, dass diese meine Ansicht sich mit der Ihrigen deckt. Andernfalls bitte ich, mich möglichst bald orientieren zu wollen, damit wir nicht aneinander vorbei manövrieren.

Von diesem Schreiben werde ich nur noch Herrn Justizrat Mönnig einen Durchschlag zur vertraulichen Kenntnisnahme zukommen lassen. Ich bitte noch­mals, den Namen von Hanke, bevor Sie ihn von anderer Seite hören, Ihrerseits nicht in die Debatte zu werfen. Ich will noch nebenbei bemerken, dass ein eif­riger Anwärter auf den Posten des Koblenzer Regierungspräsidenten Herr Abg. von Eynern von der Volkspartei ist. Falls es nötig sein sollte, möchte ich vor diesem aufgeblasenen Schwätzer wenigstens gewarnt haben. Er ist aus dem Staatsdienst ausgeschieden, war zuletzt Oberverwaltungsgerichtsrat und hat sich nachher als Verwaltungsrechtsanwalt niedergelassen. Ich halte es ja aller­dings für vollkommen unwahrscheinlich, dass die Staatsregierung den Herrn überhaupt noch einmal in den Staatsdienst wird nehmen wollen, wenn sie nicht durch irgendwelche Konstellation dazu direkt gezwungen sein sollte.

Mit besten Grüßen

Ihr sehr ergebener

Dr. Hess

Antwort Adenauers vom 24.10.1929

Quelle: HAStK 902/105/4, Bl. 611 ff. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 278f.