13. März 1931: Schreiben des Staatssekretärs in der Reichskanzlei, Pünder, an Oberbürgermeister Adenauer


Im persönlichen Auftrage des Herrn Reichskanzlers darf ich mit einigen Worten auf Ihr an ihn gerichtetes gefälliges Schreiben vom 19. Januar d. Js., betreffend die Kölner Realsteuerbeschlüsse, zurück­kommen. Ein sachliches Eingehen auf dieses Problem selbst ist im Augenblick wohl nicht mehr erforderlich. Dem Herrn Reichskanzler und mir liegt aber daran, Ihnen mitzuteilen, dass Ihr vorangegan­gener eingehender Brief vom 22. Dezember v. Js. pünktlich und ord­nungsgemäß in die Hände des Herrn Reichskanzlers gelangt war. Ich hatte mir ja erlaubt, vor einiger Zeit dies auch bereits mündlich mitzuteilen. Der Umzug der Reichskanzlei in das neue Dienstgebäude fand allerdings tatsächlich am Eingangstage Ihres ersten Briefes statt, war aber technisch so organisiert, dass der Dienstbetrieb unter ihm nicht gelitten hat.

Wenn der Herr Reichskanzler eine schriftliche Antwort auf das erwähnte Schreiben vom 22. Dezember nicht erteilt hat, so lag dies, worauf er Wert legen möchte, nicht etwa daran, dass er den Inhalt Ihrer eingehenden Darlegungen nicht beachtlich gefunden hätte. Im Gegenteil kann ich aus meiner persönlichen Erinnerung und auf Grund meiner tatkräftigen Mithilfe erwähnen, dass sich der Herr Reichskanzler selber an diesem und an den folgenden Tagen sehr eingehend mit der Frage der Kölner Realsteuerbeschlüsse befasst hat. Ich könnte fast sagen, dass fast der ganze Tag mehr oder weniger mit Besprechungen, Empfängen und Telephonaten in dieser Angelegen­heit ausgefüllt war. Insbesondere möchte ich namens des Herrn Reichskanzlers auf die Tatsache hinweisen, dass er an diesem Tage gerade auf Grund Ihres gefälligen Briefes und in ausdrücklicher Er­wähnung desselben zweimal mit dem (in diesen Stunden wohl in der Kölner Stadtverordnetenversammlung anwesenden) Herrn Justizrat Mönnig telephoniert hatte.

Schließlich hat das Eingreifen der Reichskanzlei bei den für diese Dinge zuständigen preußischen Ministerien des Innern und der Finan­zen ja auch einen gewissen Erfolg gehabt, wenn er auch begreiflicher­weise für Sie und die Stadtverordnetenversammlung immerhin noch eine gewisse Enttäuschung bedeutete. Alles in allem glaubt jedenfalls der Herr Reichskanzler der Auffassung sein zu können, dass er sich den Wünschen Ihres gefälligen Schreibens entsprechend tat­kräftig in den Ablauf der Dinge eingeschaltet hätte, so dass nach­träglich bei der schnellen Entwicklung des tatsächlichen Ablaufes eine schriftliche Antwort nicht mehr erforderlich gewesen wäre. Wenn ich mir erlaubt habe, nochmals so eingehend auf den Sach­verhalt zurückzukommen, so geschieht es nur deshalb, um bei Ihnen, hochverehrter Herr Oberbürgermeister, auch nicht den geringsten Verdacht aufkommen zu lassen, als wenn Ihrem Schreiben und Ihren Wünschen hier nicht die Beachtung geschenkt worden sei, die sie ver­dienten.

Zum Schluss darf ich hinzufügen, dass dem Herrn Reichskanzler die in den letzten Absätzen Ihres ersten Schreibens zum Ausdruck ge­brachten Wünsche für eine weitere erfolgreiche, aber entsagungs­volle, Arbeit im neuen Jahr sehr wohl getan hatten, für die er Ihnen herzlich dankbar war.

Mit dem Ausdruck meiner besonderen Verehrung bin ich, hoch­verehrter Herr Oberbürgermeister,

 

Ihr ergebenster H. Pünder

 

Adenauers Schreiben vom 19. Januar 1931 hatte folgenden Wortlaut:

„Unter dem 22. Dezember 1930 erlaubte ich mir, ein ausführliches Schrei­ben an Sie zu richten über die Kölner Realsteuerbeschlüsse. Da, wie ich höre, dieses Schreiben während des Umzuges der Reichskanzlei in Ihr neues Haus eingegangen ist und ich nicht weiß, ob das Schreiben zu Ihrer Kenntnis gekommen ist, wäre ich für eine Empfangsbestätigung beson­ders dankbar." Auf dem Durchschlag dieses Schreibens (HAK, Abt. 902, Nr. 2/1) befindet sich folgender, von Adenauer abgezeichneter Vermerk vom 27. Januar 1931: „Ich habe mit Herrn Reichskanzler Dr. Brüning während seiner Anwesenheit in Köln über die Angelegenheit gesprochen."

Quelle: Historisches Archiv der Stadt Köln, Abt. 902, Nr. 2/1. Maschinen­schrift. Abgedruckt in: Morsey, Rudolf: Vom Kommunalpolitiker zum Kanzler. In: Konrad Adenauer. Ziele und Wege. Mainz 1972, S. 68-70.