13. März 1933: Bericht des Kölner Polizeipräsidenten Walter Lingens an den Regierungspräsidenten in Köln, Hans Elfgen

In der vergangenen Nacht zwischen 1 und 2 Uhr rief mich der Herr Oberbürgermeister Adenauer an und teilte mir mit, er habe genaue Nachricht darüber, daß heute vormittag zwischen 9 und 10 Uhr stärkere Abteilungen von SS und SA vor dem Rathaus aufmarschieren sollten. Unter dem Druck der Anwesenheit dieser Abteilungen beabsichtige man, ihn, den Herrn Oberbürgermeister, zu zwingen, seinen Rücktritt bekannt zu geben. Der Herr Oberbürgermeister betonte, daß er auf Grund der Ausführungen des Herrn Reichspräsidenten und des Herrn Reichskanzlers vom 12.3. zu der Überzeugung komme, daß eine derartige Kundgebung nicht stattfinden dürfe. Außerdem müsse er, der Herr Oberbürgermeister, sich auf § 114 des Reichsstrafgesetzbuches berufen. Er erblicke in einer derartigen Handlungsweise gegen ihn eine Beamtennötigung. Im übrigen könne er mir als dem staatlichen Polizeiverwalter auch nicht den Vorwurf vorenthalten, daß die staatliche Polizei bei den Kundgebungen am Freitag, den 10.3. abends, nichts veranlaßt habe gegen die dauernden Sprechchöre, die in der Stadt stundenlang den Ruf ertönen ließen: An die Mauer – Adenauer.

Ich habe dem Herrn Oberbürgermeister auf diese Mitteilungen hin etwa folgendes geantwortet: Zunächst müsse ich daran erinnern, der Herr Minister des Innern habe in unmißverständlicher Weise ausgesprochen, daß Zusammenstöße zwischen der Schutzpolizei und SS bezw. SA-Abteilungen mit allen Mitteln vermieden werden sollten. Außerdem müsse ich mich berufen auf die Gedankengänge, welche der Herr Minister in seiner Rede am 12.3. abends über alle Rundfunksender Deutschlands der Allgemeinheit übermittelt habe. Ich sähe die Sachlage so an, daß die staatliche Polizei „eine politische Demonstration“ vor dem Rathaus nicht verhindern solle. Als daraufhin der Herr Oberbürgermeister in starker Ablehnung meiner Auffassung die Absicht aussprach, sich unmittelbar an den Herrn Reichspräsidenten und an den Herrn Minister des Innern Göring zu wenden, stellte ich meinerseits dem Herrn Oberbürgermeister die Frage, ob er von mir erwarte, daß ich die staatliche Schutzpolizei rund um das Rathaus herum antreten ließe, mit dem Auftrag, den Anmarsch der politischen Demonstranten mit Gewalt zu verhindern. Diese Frage bejahte der Herr Oberbürgermeister ausdrücklich. Daraufhin allerdings habe ich klar ausgesprochen, daß ich mich zu einer derartigen Anordnung unter keinen Umständen entschließen könne, und zwar einmal auf Grund der für die Polizei gegebenen Lage, dann aber auch aus dem weiteren Grund, weil ich in einer politischen Demonstration keine Gefahr für Leib und Leben des Herrn Oberbürgermeisters erblicke.

Meine Absicht, den Herrn Vizepräsidenten der Regierung, Dr. zur Bonsen, von dem Gespräch mit Herrn Oberbürgermeister Adenauer fernmündlich in Kenntnis zu setzen und ihn zu bitten, auf politischem Wege eine Änderung der Absicht – zu demonstrieren – gegebenenfalls zu fördern, konnte ich nicht ausführen, da die fernmündliche Verbindung nicht hergestellt werden konnte. Deshalb beschloß ich, mit dem Kraftwagen sofort mich in die Wohnung des Herrn Vizepräsidenten zu begeben. Da ich auf diese Weise aber das Haus verlassen mußte, rief ich den Herrn Oberbürgermeister vorerst erneut an, um ihm hiervon und von meiner Absicht Kenntnis zu geben. Zunächst kam der Herr Oberbürgermeister auf die erste Aussprache zurück. Er sei der Meinung, daß er von der Polizei keinen Schutz erhalte und somit auch in seiner Wohnung jedem Überfall preisgegeben wäre. Diese Ansicht wies ich scharf zurück, indem ich ihm sagte, eine politische Demonstration vor dem Rathaus sei in meinen Augen etwas wesentlich anderes als eine Gefahr für Leib und Leben in der Privatwohnung. Für diese Gefahr der Person des Herrn Oberbürgermeisters sei von mir aus alles veranlaßt worden. Ich müsse darauf verzichten, ihm diesbezüglich Bekanntes noch einmal zu wiederholen. Im übrigen habe ich sogar die Postierungen vor seinem Haus im Laufe des Nachmittags persönlich besucht. Darüber hinaus könne ich aber nur, wenn er trotzdem seine Person in Gefahr sähe, daran erinnern, daß der Staatspräsident des badischen Staates Schmitt in Schutzhaft genommen worden wäre. Ich hätte meinerseits die Inschutzhaftnahme des Herrn Oberbürgermeisters Adenauer zurückgestellt, weil ich es als die besondere Pflicht des staatlichen Polizeiverwalters ansähe, den „ersten Bürger“ der Stadt zu schützen. Ob dieser Bürger Adenauer oder anders heiße, spiele dabei keine Rolle. Diesen Schutz auch weiterhin auszuüben, wäre meine bestimmte Absicht.

Der Herr Oberbürgermeister bat mich auf Grund dieser Mitteilungen, davon Abstand zu nehmen, Herrn Vizepräsidenten Dr. zur Bonsen aufzusuchen. Der Herr Oberbürgermeister wünschte nicht, daß die politischen Schritte in der von mir gedachten Weise in die Wege geleitet würden. Zum Schluß teilte ich dem Herrn Oberbürgermeister noch mit, daß ich selbstverständlich jederzeit zu erreichen wäre.

Heute vormittag habe ich von 6.30 Uhr vormittags am Schreibtisch gesessen, um den Anruf des Herrn Oberbürgermeisters zu erwarten. Er hat nicht angerufen. Als ich um 8.15 Uhr im „Kölner Tageblatt“ das Stichwort las: „Adenauer geht“, habe ich es für zweckmäßig erachtet, fernmündlich Verbindung mit dem Herrn Oberbürgermeister aufzunehmen. Frau Adenauer teilte mir mit, ihr Mann sei heute vormittag nach Berlin gefahren, um seine Lage dort zur Sprache zu bringen. Ich habe an Frau Adenauer die Bitte gerichtet, mir zu sagen, ob ich zu einer offiziellen Bekanntgabe des Entschlusses des Herrn Oberbürgermeisters gebeten oder ermächtigt sei. Frau Adenauer hat mir eine Zusage hierzu nicht gegeben. Infolgedessen habe ich hiervon lediglich Ihnen, Herr Regierungspräsident, Meldung erstattet.

Um 9.15 Uhr heute vormittag rief Beigeordneter Billstein an und bat, »das Erforderliche zu veranlassen«, weil vor 10 Uhr heute vormittag ein größerer Demonstrationszug vor das Rathaus ziehe. Ich habe dem Oberst der Schutzpolizei daraufhin folgendes befohlen: Ein Schutzpolizeikommando unter einem Offizier ist sofort ins Revier 3 (zur Höhle) zu entsenden. Der Polizeioffizier begibt sich zu Bürgermeister Billstein und teilt ihm die Anwesenheit dieses Kommandos auf Revier 3 mit. Sollte der Bürgermeister das Einschreiten der Schutzpolizei beantragen, so müsse er, Billstein, sich fernmündlich mit dem Polizeioffizier in Verbindung setzen und dabei den Grund für das Einschreiten genau angeben. Eine Verhinderung der Demonstration als solcher käme nicht in Frage.

 

Quelle: GStA Merseburg, Ministerium des Innern, Rep. 77 Tit. 316 Nr. 94 Bd. 1, Bl. 25 f. Abgedruckt in: Adenauer im Dritten Reich (Rhöndorfer Ausgabe). Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Berlin 1991, S. 82-84.