13. März 1933: Funkspruch des Regierungspräsidenten in Köln, Hans Elfgen, an den Reichskommissar für den Geschäftsbereich des Preußischen Ministeriums des Innern, Hermann Göring, Berlin

Insbesondere gelegentlich der großen Veranstaltung der NSDAP am vergangenen Freitag in Köln ist eine scharfe Stimmung gegen den Oberbürgermeister Dr. Adenauer zum Ausdruck gekommen. Bei dem Vorbeimarsch vor den SA-Führer[n] ist unaufhörlich gerufen worden „Adenauer an die Mauer“. Heute Nacht hat Adenauer dem Pol[izei] Präs[identen] in großer Erregung mitgeteilt, ihm angekündigt, heute morgen werde eine große Menschenmenge vor dem Rathaus erscheinen mit der nachdrücklichen Forderung seines sofortigen Rücktritts. Der Pol. Präs. ist von Adenauer ersucht worden, das Rathaus und seinen nächsten Umkreis so abzusperren, daß diese Demonstration unmöglich sei. Pol. Präs. hat erwidert, es bestehe auf Grund konkreter Feststellungen kein Anlaß zur Annahme, daß über die politische Demonstration hinaus es zu Gewalttätigkeiten komme. Jedenfalls sei für ihn kein Zweifel, daß angesichts der Stimmung in Köln die Polizei nicht in der Lage sein werde, eine wirksame Absperrung aufrecht zu erhalten. Pol. Präs. hat vorgeschlagen, über die Regierung Köln den Versuch einer Einwirkung auf die Gauleitung hier zu machen. Adenauer hat dies abgelehnt und erklärt, er werde sich sofort bei dem Herrn Reichspräsidenten und dem Herrn Minister Göring über den mangelnden Polizeischutz beklagen. Der soeben erscheinende „Westdeutsche Beobachter“ wie das liberale „Kölner Tageblatt“ melden den Rücktritt Adenauers. Auf dem Rathaus und bei dem nächsten Vertreter des Oberbürgermeisters war vom Rücktritt nichts bekannt. Soweit festzustellen, ist Adenauer heute morgen nach Berlin gefahren, um mit den Zentralstellen unmittelbar Fühlung zu nehmen. Die Volksmenge erscheint also vor dem leeren Rathause. Dadurch ist eher mit einer weiteren Verschärfung der Lage zu rechnen. Adenauer ist persönlich gefährdet. Alle möglichen Maßnahmen zum Schutze seiner Familie und seiner Wohnung sind getroffen. Mit Sicherheit ist anzunehmen, daß die erregte Bevölkerung heute früh vom Reg. Präs. die Zwangsbeurlaubung Adenauers fordern wird. Die Gauleitung fordert aufs schärfste und mit größtem Nachdruck sofortigen Rücktritt. Also ohne Beurlaubung keinerlei Beruhigung zu erwarten. Stimmung war am vergangenen Freitag bereits so, daß erhebliche Gefahren bestanden. Mit einem freiwilligen Urlaubsgesuch Adenauers ist nicht zu rechnen. Angesichts der sonst nicht mehr zu bemeisternden Gesamtlage beabsichtige ich heute vormittag, den Oberbürgermeister hier zu beurlauben, falls nicht hier sofort gegenteilige Weisung des Innenministeriums zugeht, dem ich die Angelegenheit vortrage, weil Adenauer noch Präsident des Preuß[ischen] Staatsrates ist.

 

Quelle: GStA Merseburg, Ministerium des Innern, Rep. 77 Tit. 316 Nr. 94 Bd. 1, Bl. 26. Abgedruckt in: Adenauer im Dritten Reich (Rhöndorfer Ausgabe). Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Berlin 1991, S. 81-82.