24./25. Dezember 1933: Bericht von Frau Gussie Adenauer über das Weihnachtsfest in Maria Laach

Am Nachmittag des 24. Dezember standen wir auf dem Kölner Hauptbahnhof und warteten auf den Zug nach Andernach. Wir waren acht: Konrad, Max und Ria und ich mit den vier Kleinen: Paul, Lotte, Libet und Schorsch. Um uns her türmte sich das Gepäck: Koffer, große Pakete und Päckchen. Wir hatten alles mitgenommen: Krippenfiguren, Christbaumschmuck, Kerzen und die Geschenke für die Bescherung. Der holz­geschnittene Kopf des Christkindes schaute aus dem brau­nen Packpapier heraus.

Ich hatte Schorsch auf dem Arm, und war freudig und müde zugleich, müde von all den Besorgungen und Lau­fereien in den letzten Tagen und Stunden und voll froher Erregung beim Gedanken an das Wiedersehen mit Konrad und an die gemeinsame Weihnachtsfeier.

Der Bahnsteig war schwarz von Menschen. Ich sah viele Bekannte, aber die meisten blickten weg, ohne zu grüßen. Wir sind Verfemte, dachte ich, und voller Angst blickte ich auf die Kinder. Sie sollten nichts davon spüren, wie wir gemieden wurden, ihre kindliche Vorfreude auf das Fest sollte nicht zerstört werden. Da fragte Lotte mich auch schon: „Du, Mutter, warum darf Erna nicht zu uns kom­men?" Ich hatte die Szene bemerkt: Erna, eine Klassenkame­radin Lottes, wollte auf uns zugehen und uns begrüßen, aber ihre Mutter hielt sie zurück.

Der Zug fuhr ein und ersparte mir die peinliche Antwort. Obwohl Konrad, Max und Paul das Gepäck trugen und Ria mir Libet abnahm, war es unmöglich, in dem wilden Ge­dränge einen Platz zu erkämpfen. Ein Schaffner bemerkte meine Verlegenheit und schloß uns ein leeres Dienstabteil auf. Dort konnten wir alle acht unterkommen, und was noch schöner war, wir blieben die ganze Fahrt über allein.

Die Aufregung der Kinder war kaum zu bändigen, nur Schorsch schlief still auf meinem Schoß. Ria ließ, um die Klei­nen zu beschäftigen, Lotte und Libet noch einmal die Weih­nachtsgedichte aufsagen. Dann sangen wir gemeinsam alle Weihnachtslieder, die die Kinder kannten. Wir sangen noch, als der Zug in Andernach einfuhr.

Schnell mußten wir die Kinder anziehen, Mäntel, Mützen und Handschuhe, die drei Großen luden das Gepäck aus, und dann standen wir, während der Zug schon wieder ab­fuhr, auf dem dunklen windigen Bahnsteig. Es hatte ange­fangen zu schneien, und es war bitterkalt. Schorsch fror und weinte.

Ein Mann nahm sich unser an. Er geleitete uns über die schneeglatte Straße zu der Haltestelle, wo der Autobus nach Maria Laach abfahren sollte. Es warteten schon viele, die in die Abteikirche zur Mitternachtsmesse wollten. Aber hier „schnitt" uns niemand mehr, wir fühlten uns aufgenom­men in eine Gemeinschaft.

Als der Autobus kam, sagte der Mann, der uns zur Halte­stelle gebracht hatte: „Wir wollen erst mal die Mutter mit den vielen Kindern einsteigen lassen." Alle machten Platz und viele griffen zu und halfen uns, das Gepäck zu ver­stauen.

Die Fahrt in dem überfüllten Wagen durch die Dunkel­heit war ermüdend lang. Endlich hielt der Autobus vor dem hellerleuchteten Hotel am Laacher See. Konrad war nicht an der Haltestelle, er erwartete uns in einem der beiden Zimmer, die er für uns im Hotel gemietet hatte. Abt Ildefons hatte ihn gebeten, sich in der Öffentlichkeit nicht mit uns zu zeigen.

Die Kinder hatten den Vater seit Monaten nicht gesehen, sie stürzten auf ihn zu, hingen lachend und weinend an sei­nem Halse, und die Kleinen fingen gleich an, ihre Gedichte aufzusagen. Ich glaube, am liebsten hätten sie sofort mit der Feier begonnen. Doch der Vater hielt auch bei aller Festfreude auf Ordnung. Wir nahmen gemeinsam das einfache Abendbrot, dann wurden die Kleinen schlafen gelegt, mein Mann ging noch mit Konrad, Max und Paul in seine Zelle hinüber, um dort einen Christbaum zu schmücken. Danach legten wir uns alle zur Ruhe.

Um elf Uhr begann die Mitternachtsmesse. Wir trafen uns schon vorher in der Abteikirche. Die Kirche lag noch im Dunkel, aber sie war schon dichtgefüllt von einer andächtigen Menge. Viele waren stundenweit durch Schnee und Dunkelheit gestapft, um die feierliche Stunde der Menschwerdung Gottes mit den Mönchen gemeinsam zu begehen.

Die Glocken begannen zu läuten, in der Kirche wurden die Kerzen angezündet, Hunderte von Kerzen, die das hohe Gewölbe mit einem warmen honigfarbenen Licht erfüllten.

Dann begann die Feierstunde. Der Abt und seine Mönche in der schwarzen Kukulle des heiligen Benedikt zogen in den Chor ein. Ihnen folgten die Priester, die den Altardienst hatten, in prächtigen Gewändern aus weißer Seide. Die Orgel brauste auf, und unter dem Gesang der heiligen Texte nach der uralten Weise des gregorianischen Chorais vollzog sich am Altar das Geheimnis der Menschwerdung Gottes.

Noch nie war mir der Sinn der Heiligen Weihnacht so nahegebracht worden wie in diesen Stunden. Alle Bitter­keit über die erfahrenen Kränkungen, das traurige Gefühl, ausgestoßen und verfemt zu sein, waren von mir abgefal­len, ich fühlte mich eins mit allen, die hier versammelt waren, und zugleich schicksalhaft mit Gott verbunden. Auch Konrad muß ähnlich empfunden haben. Denn als er uns nach der Feierstunde durch die sternenklare Nacht zum Hotel hinüberbegleitete, faßte er meine Hand und sagte ein Wort, das mir immer im Gedächtnis bleiben wird: „Mit Gott ist der Verfolgte stärker als ohne Gott selbst der mächtigste Verfolger."

Am nächsten Morgen nach einem gemeinsamen Früh­stück machten Konrad und ich einen langen Spaziergang durch die verschneiten Wälder, während die Kinder ihre kleinen Geschenke vorbereiteten. Nach der Mittagsruhe schmückten wir dann mit den größeren Söhnen gemeinsam einen Christbaum in unserem Hotelzimmer. Die Krippe wurde unter dem Baum aufgebaut, und die Geschenke wur­den wohlverpackt auf einen großen Tisch in der Ecke gelegt. Unterdessen führte Ria die Kleinen in die Kirche und an den See, dann kleidete sie alle festlich für die Feier an. Die Kleinen waren kaum mehr im Zaum zu halten, immer wie­der versuchten Lotte und Libet, das Christkind durch das Schlüsselloch zu sehen.

Endlich ertönte hell das Glöckchen, die Tür des Weihnachtszimmers öffnete sich. Wie die Orgelpfeifen standen die Kinder: Paul, Lotte, Libet, Schorsch, hinter ihnen die drei Großen und wir Eltern. Schorsch machte als erster vorsichtig einen Schritt auf den glänzenden Lichterbaum zu, Libet an der Hand haltend. Plötzlich stieß er einen lauten Jubelruf aus und lief mit tappigen Schritten auf den Vater zu, der neben dem Baum stand. Konrad nahm ihn auf den Arm und freute sich mit an seiner Freude.

Nun wagten sich langsam auch die anderen Kinder Hand in Hand vor. Schweigend und mit leuchtenden Augen sahen sie auf den Baum, auf die von Lichtern beschienene Krippe. Verstohlene Blicke gingen wohl auch zu dem Tisch in der Ecke, wo unter weißen Tüchern geheimnisvoll die Geschenke verborgen lagen.

Doch zuerst las der Vater das Weihnachtsevangelium vor. Mit gefalteten Händen lauschten Erwachsene und Kin­der. Dann knieten Lotte und Libet an der Krippe und boten dem Christkind einen Willkommensgruß. Alle sangen: „Ihr Kinderlein kommet", Paul blies auf der Blockflöte eine alte Hirtenweise. Eine gute Weile wechselten Lieder und Gedichtvorträge mit Geigenspiel. Danach knieten wir alle zum gemeinsamen Gebet vor der Krippe nieder.

Erst dann begann die Bescherung. Es waren nur wenige, meist praktische Sachen, die wir in diesem Jahr den Kin­dern schenken konnten, aber die Freude war um nichts geringer. Sie spürten, daß alles mit Liebe gegeben war. Als wir nachher am festlich gedeckten Tisch zusammensaßen, hörte ich, wie Paul seinen Schwestern Lotte und Libet er­klärte, die nicht müde wurden, ihre Geschenke aufzuzäh­len: „Das schönste Geschenk war doch, daß wir mit Vater zusammen Weihnachten gefeiert haben."

Quelle: Paul Weymar: Konrad Adenauer. Die autorisierte Biographie. München 1955, S. 164-168.