2. Januar 1946: Brief von Dora Pferdmenges an Konrad Adenauer

Lieber Herr Adenauer,

die herzlichen Glückwünsche und Grüße, die wir Ihnen zum 5. Januar senden, erweitern sich in diesem Jahr zu Wünschen für den Beginn eines neuen Jahrzehnts, in dem ein von Gott geschenktes Glück, das auch in aller Not dieser Zeit standhält, sich bewähren möge für Sie und die Ihrigen.

Wenn Sie bei einem Rückblick auf die letzten 10 Jahre in Ihrem Leben Freuden und Schmerzen in allzu großem Ausmaße nebeneinander stehen sehen, so liegt vielleicht eine tröstliche Erklärung dafür in dem Goethewort: Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz.

Daß man Kämpfer werden muß, um Mensch zu sein, ist Ihnen ja nichts neues - es kommt nur darauf an, sich frei zu kämpfen, um das Gesetz des Handelns selbst ausüben zu können. Das Auge um Auge, Zahn um Zahn, was heute von allen Seiten auf uns eindringt, kann sich ja nur durch das zur leeren Form gewordene Christentum so aufblähen - während es letzten Endes eine ohnmächtige Fesselung unserer Freiheit bedeutet.

Hoffentlich haben Sie Weihnachten den Beginn des neuen Jahres in eben dem Familienglück erlebt, wie ich es von uns berichten darf, und hoffentlich gibt es in seinem Verlauf auch weiterhin immer wieder Grund zur Dankbarkeit.

Mit den besten Grüßen von Haus zu Haus

Ihre Dora Pferdmenges

 

[P.S.] Meine herzlichsten Glückwünsche! Ich sehe Sie ja bald. Bleiben Sie der alte!

Ihr getreuer Robert Pferdmenges 

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 148.