8. Mai 1950: Tagebucheintrag des Leiters der Verbindungsstelle zur Alliierten Hohen Kommission im Bundeskanzleramt, Blankenhorn

Der Herr Bundeskanzler genehmigt den Entwurf einer Denkschrift der Bundesregierung zur Frage des Beitritts zum Europarat unter gewissen Änderungen. Der Druck der Denkschrift wird sofort in Angriff genommen.

Vormittags 12 Uhr trifft der Mitarbeiter des französischen Außenministers Schuman, M. Mischlich, bei mir ein, um ein wichtiges Schreiben des Herrn Schuman an den Herrn Bundeskanzler zu überreichen. Das Schreiben enthält die sensationelle Eröffnung, daß die französische Regierung eine Zusammenfassung der deutschen und französischen Kohlen-, Eisen- und Stahlproduktion vorschlägt. Die Einzelheiten dieser Mitteilung ergeben sich aus der Anlage (Anl. 1). Herr Mischlich weist darauf hin, daß seine Mission streng vertraulich behandelt werden müsse, daß niemand vom Inhalt des Schreibens Kenntnis haben dürfe, ja daß sogar seine eigene französische Hohe Kommission in Godesberg von der Mission nicht unterrichtet sei und daß er auch angewiesen worden sei, zunächst mit ihr keine Fühlung zu nehmen.

Nachmittags Besprechung des französischen Schrittes mit dem Herrn Bundeskanzler. Der Kanzler ist überzeugt, daß diese französische Maßnahme eine völlig neue Entwicklung einleiten wird.

Abends 18 Uhr Empfang des Herrn Mischlich beim Bundeskanzler, um ihm ein privates und ein offizielles Antwortschreiben an Präsident Schuman zu überreichen. Man vereinbart die Veröffentlichung des französischen Schrittes für Dienstag [9. Mai 1950] abend, sobald Herr Schuman in einer von ihm geplanten Pressekonferenz die große Neuigkeit der Weltöffentlichkeit mitgeteilt haben würde. Die Geheimhaltung wird ausdrücklich betont, da das französische Kabinett erst Dienstag vormittag sich mit der Frage beschäftigen wird.

Quelle: BArch, NL Blankenhorn N 1351/3, Bl. 277.