25. Dezember 1953: Die Probe ist bestanden!

Neujahrswunsch des Bundeskanzlers für die "Politisch-Soziale Korrespondenz"

Bundeskanzler Dr. Adenauer hatte die Freundlichkeit, der "Gemeinschaft für christlich-soziale Schulung und öffentliche Meinungsbildung" und der ihr angeschlossenen "Politisch-Soziale Korrespondenz" folgendes Geleitwort zum Jahreswechsel zur Verfügung zu stellen:

1953 war für die "Gemeinschaft für christlich-soziale Schulung und öffentliche Meinungsbildung" und ihre "Politisch-Soziale Korrespondenz" das Jahr der Bewährung. Ich freue mich, feststellen zu können, daß die Probe bestanden ist, daß diese neue Bemühung um die Bildung eines lebendigen sozialen Gewissens im christlichen Volk ein so gutes Echo gefunden hat.

Das große Ereignis des Jahres 1953 waren die Bundestagswahlen. Mir scheint, sie haben allen, denen christlich-soziale Bildungsarbeit am Herzen liegt, zweierlei zu sagen:

1. Die starke Wahlbeteiligung und das gewissen Massenparolen widersprechende Ergebnis beweisen ein starkes Interesse und eine selbständige Meinungsbildung bei vielen Wählern, besonders auch bei den Jungwählern. Die soziale Bildungsfähigkeit und Bildungswilligkeit breiter Schichten steht damit außer Zweifel. Hier liegen sehr wertvolle, ungehobene Schätze, die es im Interesse unseres jungen Staatswesens zu fördern gilt.

2. Das Wahlergebnis bedeutet für alle Christen in Deutschland - nicht nur für die CDU/CSU - eine historisch einmalige, neue und schwere Verantwortung. Gott und viele Menschen erwarten, daß jetzt, wo so viele Hoffnungen zerronnen sind, das Christentum zeigt, was es für eine gesunde soziale Ordnung zu leisten vermag. Riesengroß und in schneller Folge stehen neue Aufgaben vor uns. Die letzte Kraft wird nötig sein, uns unseres Christentums würdig zu zeigen, das letzte Verantwortungsgefühl nicht nur der Politiker, sondern aller Christen, der Männer, Frauen und Jugendlichen aller Stände. Alle wirken ja am gemeinsamen Aufbau unseres Vaterlandes mit, auch durch tapfer getragenes Leid und durch das Gebet.

Eine wirklichkeitsnahe soziale Bildung möglichst vieler verantwortlicher Christen, besonders in den Großstädten und Betrieben, ist selten so dringend gewesen wie jetzt. Wir dürfen dabei mit Stolz anknüpfen an die große Tradition christlich-sozialer Bildungsarbeit, wie sie in der ersten Zeit moderner sozialer Probleme vom „Volksverein für das katholische Deutschland" geleistet und als vorbildlich in aller Welt anerkannt worden ist.

Möge die „ "emeinschaft für christlich-soziale Schulung und öffentliche Meinungsbildung" dieses Erbe unserer Zeit in neuer Weise vermitteln und 1954 ihrer großen Sache viele Freunde gewinnen!

Bonn, Weihnachten 1953

[Adenauer]
Bundeskanzler

Quelle: Politisch-Soziale Korrespondenz vom 01.01.1954, 3. Jg., Nr. 1, S. 2.