5. Januar 1963: Artikel von Walter Henkels: „Bitte immer nach Ihnen, Herr McCloy!"

Dr. Adenauer - ein Klassiker der Politik, versteht es, alt zu sein.

Malte einer schwarz auf weiß, dann müsste er sagen, was einmal ein norwegischer Korrespondent schrieb: „Über Konrad Adenauer liegt etwas Herrschaftliches, und in Rot gekleidet würden bei ihm alle Züge hervortreten, die wir von den Kardinalsporträts her kennen." Malte einer schwarz auf weiß, dann müsste er sagen, Adenauer sei die personifizierte Schroffheit, Schlauheit und Verschlagenheit und von der Tugend der Herzensgüte besitze er nichts.

Wer will beurteilen, dass er der größte lebende deutsche Klassiker der Politik ist. Vielleicht wird man das Lob für Schmeichelei, den Tadel für Unbotmäßigkeit ansehen, aber Adenauer ist einer der größten Kanzler, die Deutschland je hatte.

Wer ihn in den Jahren nach dem Kriege, während seiner Kanzlerschaft seit Bestehen der Bundesrepublik, aus nächster Nähe beobachten konnte, kann den Versuch unternehmen, ein einigermaßen verlässliches Bild zu entwerfen.

Ihm werde immer vorgeworfen, so sagte Adenauer einmal in einem Rundfunk-Interview, er wolle alle seine Gegner überfahren, und das stimme doch wohl nicht immer. Nicht immer - so sagte er ausdrücklich, und das Wort war wie ein kräftiges, schmackhaftes Getränk aus der Küche Adenauers, mit der ganzen Essenz eines Kölner Schalkswortes.

Nicht immer! Nein, aber manchmal, und er sagte es in jenem Doppelsinn, der den Politiker und den Ironiker macht. Dem Hörer blieb es überlassen, ja oder nein dazu zu sagen.

Der große Widersacher

Es ist wahr: In der deutschen Nachkriegspolitik gab es bessere Rhetoren, geistvollere Beherrscher des Wortes, auch volltönendere Köpfe, aber es ist kein Zweifel, dass niemand vermag, unter den lebenden Zeitgenossen der deutschen Nachkriegsgeschichte auch nur eine einzige Gestalt zu nennen, die ihm als Klassiker der Politik in voller Gestaltungskraft gleichkäme. Nur der 1952 verstorbene Kurt Schumacher, sein großer Widersacher, konnte ihm, wie es der Volksmund etwas flott ausdrückt, das Wasser reichen.

Konrad Adenauer hat gewiss manchmal seinen kleinen Verdruss und seinen großen Ärger, auch seinen mittelmäßigen Zorn vermag er an den Mann zu bringen, aber es riecht nie, wie etwa bei Schumacher, nach Pulver um ihn. Er ist der Gelassene, der Abgeklärte, und in der Spinnstube seiner politischen Weberei bekennen auch seine Widersacher: an Talent, widrige Tatbestände aus der Welt zu schaffen, kommt ihm in der Bundesrepublik niemand gleich.

Wer ihn zu zeichnen unternimmt, möchte gleich von vornherein die Palette beiseite stellen, weil von manch einem erwartet wird, ein Bildnis ohne Schatten zu malen. Es gibt viele, die ihn in Bausch und Bogen bewundern. Aber gibt es nicht doch Schatten auf diesem Bildnis?

Im Bereich seiner Umgebung tränkt er alles mit der Macht seiner Persönlichkeit. Ein Machtwort kommt so natürlich aus seinem Munde, wie die leichte, scherzende, ironische Sprache eines echten Kölners, der er von Geburt, Geblüt und Gemüt ist. Wo das Widrige als Episode auftritt, selbst wo es schweres Gewicht hat, ist es immer wieder verblüffend, wie er es „hinbiegt". Das Wort, das er die Großmutter der Füchse sei, ist schon oft zitiert worden.

Konrad Adenauer ist kein Intellektueller. Seine Wirkungen, auch auf das Volk, auch auf seine politischen Gegner, die sich oft überfahren glauben, erzielt er aber ganz aus dem glücklichen Gleichgewicht geistiger und gemüthafter Kräfte, die sich der Zergliederung entziehen. Mit der Aufzählung positiver und negativer Eigenschaften ist seiner Persönlichkeit nicht beizukommen. Wenn auch sein Auftreten keinen Sonnenschein mit sich bringt, so gehört doch die Behauptung seiner Gegner, ein kaltherziger, abgebrühter Machtmensch zu sein, wohl ein wenig ins Reich der Fabel. Den Ruhm, bedeutend zu sein, können ihm auch seine Gegner nicht absprechen.

Es kann nicht verschwiegen werden, dass Konrad Adenauer ein sehr selbstbewusster Mann ist. Manche meinen, es sei die kalte Lust des Virtuosen, auf dem Instrument zu spielen, das Macht heißt. Er kenne keine Freundschaften und benutze Menschen nur so lange, wie sie seinen Zwecken dienlich seien. Auch sein Verhältnis zum Parlament - das habe schon seine frühe Oberbürgermeisterzeit in Köln bewiesen - wo er meist sehr selbstherrlich gegen seine eigene Zentrumsfraktion regiert habe - sei mehr oder weniger platonisch. In dieser Behauptung scheint ein Körnchen Wahrheit zu stecken. Adenauer hat eine fatale Neigung zur Taktik, die aber nicht einmal eine echte Begabung ist. Er kann vieles abwechselnd und zugleich sein: empfindlich und väterlich, hochmütig, gütig und rücksichtslos, gerade, wie es ihm ins Konzept passt. Seine Neigung, selbstherrlich zu sein, wurde ihm nicht erst vorgeworfen, seitdem er Bundeskanzler ist.

Die Aussöhnung

Es war in jenen Tagen im Jahre 1949, als der Petersberg im Siebengebirge zum Symbol des Besatzungsregimes wurde. Der monströse Gebäudeklotz, einst als Hotel ein Glanzstück der rheinischen Touristik, überschattete die Bundeshauptstadt Bonn, denn dort saßen die drei Hohen Kommissare, von dort wurde seit 1949 der Kompass unseres Nachkriegsdeutschlands gelenkt.

War es verwunderlich, dass die immer etwas zum Spott aufgelegten Rheinländer den Petersberg kurzerhand „Monte Veto" tauften? Wie oft Adenauer als Bundeskanzler den Gang dorthin tun musste, ist nicht festzustellen. Aber es war schon erstaunlich genug, als schon Ende 1949 auf dem Petersberg die alliierte Wache ins Gewehr trat und den deutschen Bundeskanzler grüßte. Und aus jenen Tagen ist auch die hübsche Anekdote überliefert, als der amerikanische Hohe Kommissar McCloy den Bundeskanzler vor der Tür des Petersberghotels empfing. Dem Kanzler den Vortritt lassend, sagte McCloy: „Bitte nach Ihnen, Herr Bundeskanzler, ich bin hier zu Hause." „Aber nein", lächelte Adenauer bissig und spitz, „bitte immer nach Ihnen, Herr McCloy!"

Auf dem Petersberg

Jene Zeit des Vetos war die Zeit der mühseligsten Verhandlungen Adenauers mit den drei hohen Herren. Ungezählte Kleinkriege mit ihnen waren notwendig, viel Mühsal, Zähigkeit und Geduld erforderte das Abhandeln Stück für Stück.

Unsere politische Elite ist immer reich an Durchschnittsfiguren, aber arm an großen Persönlichkeiten, wie Adenauer eine ist gewesen. Es gibt bereits ungezählte Deutungen und geschichtliche Ortsbestimmungen über Adenauer. Wird er, dem die Ordnung des deutschen Konkurses nach dem fürchterlichsten Zusammenbruch oblag, von den Geschichtsschreibern einmal als „der große alte Mann", dem die Wiederherstellung unserer staatlichen Souveränität gelang, bezeichnet werden? Seine souveräne Willensstärke wurde, zumal von der Opposition, zuweilen aufs geistreichste missverstanden. Nicht alles, was er tat in der Zeit seiner Bundeskanzlerschaft, tat er mit Enthusiasmus. Aber aus einem echten Anliegen heraus versuchte er vor allem eine Aussöhnung mit Frankreich.

Wer den alten Mann in den letzten Jahren aus nächster Nähe erlebte, dem wurde immer wieder offenbar, dass er alles andere als ein Greis ist, dessen innere Glut erloschen wäre, wie es seinen Lebensjahren wohl gemäß sein müsste. Seine kerzengerade, stattliche Statur, die ungeheuer disziplinierte äußere Haltung hat bei dem „Alten", wie ihn der Bonner Bundes-Clan schicklich-unschicklich nennt, etwas Verblüffendes. Er könnte auf den ersten Blick als pensionierter preußischer Oberst von aristokratischem Geblüt sein.

Er ist für die meisten, dem Alter nach, schon längst außerhalb des Horizontes, den sie einer Politikergeneration zubilligen wollen. Politische Altersgenossen, die mit ihm auf der politischen Szene spielen, gibt es in der Bundesrepublik nicht mehr. Als Bismarck starb, machte er sein Referendar-Examen. Als der in Köln geborene August Bebel starb, war Adenauer schon ein Jahr lang Beigeordneter dieser Stadt. Es gibt auch keinen politischen Gegner, der nicht tief beeindruckt wäre von der eindrucksvollen Leistung und der physischen und psychischen Leistungskraft und Aktivität dieses alten Mannes.

Von einem Arzt wissen wir, dass die zweite Lebensblüte mit siebzig Jahren beginnen soll. Selbst Menschen biblischen Alters, so sagte jener Arzt, strafen die Behauptung Lügen, Greisenalter bedeute Verfall. Adenauer ist ein Beispiel dafür.

Das Phänomen seiner Altersleistung ist großartig und verblüffend zugleich. Obwohl er mehr und mehr in das Alter hineingeglitten ist, wo man anfängt, mit den Tagen zu geizen, und obwohl er hochbetagt ist, ist er ein Bild unvergleichlicher Schaffenskraft. Ein Philosoph hat einmal gesagt, nur wenige Menschen verstünden es, alt zu sein. Konrad Adenauer versteht es.

Der Köllsche Witz

Kaum jemand wird seine Popularität bestreiten. Die Schmucklosigkeit des Kanzlers in Auftreten und Rede übt eine spürbare, seltsame Wirkung auf seine Umwelt aus. Selbst politische Gegner können sich dem nicht entziehen. Um Adenauer gibt es bereits eine Unzahl von Anekdoten und anekdotenhaften Schnurren. Sie sind nicht einmal immer schmeichelhaft, die Fama mag das Ihre dazugetan haben, aber sie zeigen doch, dass man sich mit der Person des „Alten" beschäftigt.

Adenauer hat ein großes Plus: er verfügt über jenen Mutterwitz und jenen ironischen, ursprünglichen Humor, den man in seiner Vaterstadt Köln mit dem Wort „Grieläächer" umschreibt. Es sind nicht immer Kernschüsse von Witz, und es ist auch kein französischer Esprit, den er von sich gibt, eher sind es kleine ironische Witzteufelchen, die er zuweilen loslässt, Witzbläschen, mit denen er sich und die Leute, mit denen er umgeht, abspiegelt. Mit seiner ironischen Witzlauge präpariert er zuweilen den Leuten die moralischen Korsettstangen.

Man weiß, wie unzulänglich jede Aussage bleiben muss und jede Deutung, die aus dem Augenblick kommt. Auf immer neue Weise, jedes Mal von einem anderen Standort, könnte man das Bild Adenauers zeichnen. In staunendem Anschauen eines großen, alten Mannes mag es erlaubt sein, zu sagen: er ist ein verteufelt lebendiger, wacher und eigenwilliger Geist. Und hierin geht von ihm in seine Umgebung ein Antrieb aus, der nicht aufhört, wirksam zu sein. Kein Staatsmann im zerrissenen und geschlagenen Nachkriegsdeutschland hat auf Grund seiner Persönlichkeitswirkung und seines politischen Wirkens seinem Vaterlande im Ausland so viel moralischen, ideellen und politischen Kredit zurückerobert wie Adenauer.

Von seinen eigenen politischen Freunden stammt über ihn die scherzhafte Apostrophierung: die „große Wolke" aus Rhöndorf. Vieles liegt in diesem Wort beschlossen. Und nicht das Schlechteste.

Quelle: Ruhr-Nachrichten vom 5. Januar 1963.