1965: Erinnerung von Paul Adenauer an das Weihnachtsfest in Maria Laach 1933

Nachdem Konrad Adenauer im Frühjahr 1933 von den Nationalsozialisten aus dem Amt des Oberbürgermeisters von Köln entlassen worden war, musste er Köln verlassen. Er fand bei seinem Freund, Abt Ildefons Herwegen, in Maria Laach Unterschlupf. Der Sohn Paul Adenauer (1923-2007) erinnert sich an das gemeinsame Weihnachtsfest im Jahr 1933.

Im Frühjahr 1933, nachdem Hitler die Macht übernommen hatte, wurde mein Vater als Oberbürgermeister der Stadt Köln abgesetzt. (…) Eine SS-Wache besetzte unser Haus. Wir Kinder hatten Angst vor diesen unheimlichen Gesellen und fürchteten, sie möchten unserem Vater etwas antun. Daher waren wir froh, als wir gezwungen wurden, das Haus zu räumen, und wir mit Mutter vom Caritaskrankenhaus Hohenlind, das nahe unserem Hause lag, aufgenommen wurden. Vater musste uns allerdings verlassen; er fand bei seinem Freund, Abt Ildefons Herwegen, in Maria Laach ein Asyl, wo ihn die Gestapo vorerst nicht vermutete. So lernte auch ich die Abtei kennen und später habe ich mit Freunden oft Radtouren dorthin gemacht. Bevor wir abfuhren, hatte Vater jedes unserer Räder einer eingehenden Prüfung unterzogen und besonders die Bremsen untersucht. Darauf mussten die Fahrzeuge blitzblank geputzt und ihm nochmals vorgeführt werden und erst, als er nichts mehr auszusetzen fand, gab er den Wink zum Start - wir konnten fahren. Es wurde ein wunderschöner Ferientag, und im Raum der Abtei, vor allem aber am See, verlebten wir Stunden bester Erholung. In Maria Laach würde Vater sicher sein - so vermutete ich und ahnte nicht, welch ein Risiko der Abt auf sich genommen, als er seinen Freund zu sich einlud.

Mutter und wir Kinder waren vorerst im Krankenhaus Hohenlind gut untergebracht. Hier war der Dank, den man Vater schuldete, nicht vergessen; denn diese vorbildliche Krankenanstalt war vom Caritasverband mit Hilfe des nun abgesetzten Oberbürgermeisters errichtet worden.

Vater packte sein Köfferchen und ging. Das war auch für meine Mutter eine Beruhigung; sie wünschte, dass er sich nicht unnötig der Gefahr, festgenommen zu werden, aussetzte. So verbarg sie ihre Tränen beim Abschied und weinte nur in der Stille.

Wir Kinder vermissten zwar unsern Vater, aber der Aufenthalt im St. Elisabethkrankenhaus brachte, vor allem für meine kleineren Geschwister, so viel Abwechslung, dass sie sich schneller über den Abschied hinwegtrösteten als die Mutter. Wir Größeren allerdings empfanden mit ihr die Furcht um Vater, mit dessen Verhaftung unter den herrschenden Umständen gerechnet werden musste, sobald man seinen Aufenthaltsort erfahren würde. - Dann aber würde auch die Abtei gefährdet sein - das wusste Mutter.

Fast ein ganzes Jahr verbrachte mein Vater unter den Mönchen und hätte er nicht Frau und Kinder gehabt, würde ihm dieser Aufenthalt gewiss kein Opfer bedeutet haben. Die Abtei besaß eine reiche wissenschaftliche Bibliothek, die ihm voll zur Verfügung stand, und so konnte er sich dort ungehindert und ausgiebig seinen geliebten wissenschaftlichen Studien widmen. Gute Freunde unter den Mönchen nahmen sich seiner an und er war durchaus nicht einsam unter ihnen. Die stille, eigenartige und sehr schöne Natur um das Kloster lud ihn außerdem zu ausgedehnten Waldspaziergängen ein.

Abt Ildefons, der Freund vom Gymnasium her, hatte Vater an ein verstecktes Törchen gebracht, das zum Wald hinausführte. Es war verschlossen und der Abt händigte nun seinem Freund den Schlüssel dazu aus, damit er jederzeit ungesehen ins Freie gelangen könne.

Hier in der stillen Abtei lebte Vater mit den übrigen Mönchen in der Klausur; er war dem Getriebe der Welt entrückt, aber trotz dieser wunderbaren Ruhe ringsum füllte sich sein Herz immer mehr mit Sorge; nicht nur die Trennung von seiner Familie bedrückte ihn, sondern die Entwicklung in Deutschland verursachte ihm schwere innere Not.

Meine Mutter und meine Schwestern konnten Vater nur außerhalb der Abtei sehen und sprechen, da weibliche Wesen die Klausur eines Männerklosters nicht betreten dürfen, und im Gastzimmer eine Begegnung herbeizuführen, wäre sehr unklug gewesen. Nach vorheriger Vereinbarung trafen sich meine Eltern an einer bestimmten Stelle des Laacher Waldes.

Ich hatte das Glück, meinen Vater öfter, wenn auch unauffällig, besuchen zu dürfen, und vor allem konnte ich meine Ferien in der Abtei zubringen. Hier hatte ich nun Vater ganz für mich allein; die in der Abtei verbrachten Wochen werden mir immer unvergesslich bleiben. Durch das in der Mauer verborgene Törchen gingen wir zusammen in den Wald und unternahmen lange Wanderungen durch stille Seitenpfade, auf denen uns nur selten jemand begegnete. Auf Umwegen erreichten uns hin und wieder Mutter und Geschwister, und in solch glücklichen Augenblicken konnten wir sogar unser Leid vergessen.

Vater studierte und las viel. Um zwanzig Uhr gingen wir zusammen auf die große Orgelempore im Hintergrund der ehrwürdigen Basilika, um dort, wo auch die Brüder die Komplet, das Abendgebet der Kirche, mitbeteten, gleicherweise darin einzustimmen. Mich beeindruckten sehr die alten, frommen Brüder mit ihren zum Teil ganz ergrauten, ja weißen Bärten, aber noch mehr die gesammelte Haltung meines Vaters, der hier in stummem Gebet knien blieb, bis die letzten Lichter erloschen.

Ich stand damals in meinem elften Lebensjahr und hatte als kleiner Knirps schon den Wunsch geäußert, Priester zu werden. In meinem Zimmer packte ich die zur Messelesung benötigten Geräte aus, die ich im Laufe der Zeit zusammengebracht hatte; den Tabernakel hatte ich selbst gebastelt. Von meinem Vater habe ich manche praktische Fähigkeiten geerbt und ich verstand mich schon damals auf die Anfertigung jener Dinge, von denen ich glaubte, sie zu benötigen.

Während Vater studierte, beschäftigte ich mich mit meinen Altargeräten und las allein für mich die Messe. Hier, in der Abtei, festigte sich in mir der Entschluss, Geistlicher zu werden.

„In dieser Richtung liegt Köln“, sagte mein Vater, als wir einmal sehr weit durch den Wald gegangen waren. Wie er das sagte, mit welcher Sehnsucht in der Stimme, das werde ich nie vergessen.

Weihnachten war immer eines unserer schönsten Familienfeste gewesen, und wir wollten den Heiligen Abend auch in jenem Trennungsjahr zusammen feiern. Mutter und wir sieben Kinder traten die Reise vom Hauptbahnhof aus an und wir hatten eine Menge Koffer und Pakete bei uns; denn nicht nur die Geschenke, sondern auch Krippe und Christbaumschmuck wurden mitgenommen.

Die meisten der Menschen, die uns sahen und erkannten, blickten sofort weg und grüßten uns nicht. Eine Schulfreundin meiner Schwester Lotte, die mit ihrer Mutter ebenfalls auf dem Bahnsteig stand, wollte auf uns zukommen, wurde jedoch von ihrer Mutter daran gehindert. Doch der Schaffner des einfahrenden Zuges war freundlich und erschloss uns ein leeres Dienstabteil. Hier, allein für uns, sagten wir unterwegs noch einmal die erlernten Gedichte auf und sangen Weihnachtslieder.

In Andernach warteten viele mit uns auf den Autobus nach Maria Laach, und hier kamen wir unter Menschen, die meinen Vater achteten und die gleiche Gesinnung hatten wie wir. Meine Mutter erzählte später noch oft von diesem Erleben und auch, dass wir, die wir Vater seit Monaten nicht gesehen hatten, wie toll vor Freude auf ihn losgestürmt seien und ihn lachend und weinend umklammert hielten.

Doch bei aller Festfreude wurde auch jetzt eine gewisse Ordnung eingehalten. Zusammen aßen wir zu Abend; dann legten Mutter und Ria die Kleinen schlafen, während ich mit Koko und Max Vater helfen durften, auf seinem Zimmer ein kleines Bäumchen zu schmücken.

Um elf Uhr gingen wir zusammen zur Mitternachtsmette, deren liturgische Vorfeier um diese Zeit begann. Ich vergesse nie den Anblick der gefüllten Kirche mit den vielen Menschen, die von weit her gekommen waren, um hier die Geburt des Herrn zu feiern. Es war ein überaus feierlicher Gottesdienst, die Mönche hatten ihre besten liturgischen Gewänder angelegt. Ihr Einzug in die Kirche, Orgelklang und Gesang - alles trug dazu bei, uns festlich zu stimmen.

Während meine Eltern am Weihnachtsmorgen nach dem gemeinsamen Frühstück einen Spaziergang unternahmen, legten wir unsere kleinen Geschenke für sie zurecht, und nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf schmückten die Eltern mit Koko und Max einen größeren Tannenbaum im Hotelzimmer; darunter stand die Krippe und auf einem Seitentisch die noch verpackten Geschenke für uns. Ria, die große Schwester, hatte genug zu tun, uns in dieser Zeit zu beschäftigen und Lotte und Libet davon abzuhalten, durchs Schlüsselloch zu schauen. Darum machte sie mit uns eine Wanderung an den See, bis endlich die Zeit der Bescherung gekommen war und das Glöckchen erklang, so wie früher daheim zur Zeit der Weihnachtsfeier.

Mein Bruder Schorsch war damals erst zwei Jahre alt; er lief mit Jubelgeschrei auf Vater zu, der ihn auf den Arm nahm und sodann das Weihnachtsevangelium vorlas. Gedichte wurden aufgesagt und Lieder gesungen.

„Das schönste Geschenk war doch, dass wir mit Vater zusammen Weihnachten feiern konnten“, soll ich nach der Bescherung zu meiner kleinen Schwester gesagt haben, wie meine Mutter später erzählte; ich selbst kann mich daran nicht mehr erinnern. 

Quelle: Daniela Krein: Konrad Adenauer und seine Familie. Augsburg [1965], S. 33-38.